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	<title>Studie Archive - Gabriele Uhlmann</title>
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		<title>Großmutter-Hypothese? Großmutter-These!</title>
		<link>https://blog.gabriele-uhlmann.de/grossmutter-hypothese-grossmutter-these</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Oct 2025 12:58:58 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Bild: &#8222;Großmutter und Enkelin&#8220; Ausschnitt aus einem Holzstich von Ludwig Richter (1803-1864) Die Entdeckung der evolutionären Rolle der Großmutter Der Sinn der Menopause sei, dass Mütter schneller wieder schwanger werden...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/grossmutter-hypothese-grossmutter-these">Großmutter-Hypothese? Großmutter-These!</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Bild: &#8222;Großmutter und Enkelin&#8220; Ausschnitt aus einem Holzstich von Ludwig Richter (1803-1864)<img decoding="async" style="display: none !important;" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/ac227f65dc774c44a0a2c636ffe53a47" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h2 id="die-entdeckung-der-evolutionaeren-rolle-der-großmutter">Die Entdeckung der evolutionären Rolle der Großmutter</h2>
<p>Der Sinn der Menopause sei, dass Mütter schneller wieder schwanger werden können, wenn ihnen post-menopausale Frauen bei der Kinderpflege helfen. Dies war im Jahre 1998 die zentrale Aussage der Anthropologin Kristen Hawkes, die als Begründerin der Großmutter-Hypothese bekannt wurde. Auf diesen Gedanken kam sie bei Untersuchungen an dem Wildbeuter-Volk der Hazda in Tansania. Hawkes folgte damit der Auffassung, dass der evolutionäre Erfolg einer Art von der Zahl ihrer Nachkommen abhängt. Mit ihrer Hypothese<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">1</sup> erregte Hawkes im Jahre 2004 zwar Aufmerksamkeit, es kamen aber schnell Zweifel auf, denn es gibt artübergreifend neben einer hohen Populationsgröße auch andere Überlebensstrategien. Es hat sich insbesondere für uns Menschen gezeigt, dass eine hohe Kinderzahl sogar belastend ist und zu einer weltweiten Überbevölkerung geführt hat. Der Verdienst für die Wissenschaft besteht nun rückblickend vor allem darin, dass Hawkes das Thema als Erste aufs Tapet brachte und andere ForscherInnen inspirierte, daran weiterzuforschen.</p>
<h2 id="warum-gibt-es-die-grossmutter">Warum gibt es die Großmutter?</h2>
<p>Im Jahre 2003 fragten Jan Beise und Eckard Voland erneut „Warum gibt es Großmütter?“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">2</sup> und überprüften die Hypothese anhand von Kirchenbüchern aus dem 19. Jh. von der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Krummh%C3%B6rn" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Halbinsel Krummhörn</a>. Sie fanden überraschenderweise eine erhöhte Kindersterblichkeit, wenn die väterliche Großmutter mit im Hause lebte, salopp gesagt, wenn die Mutter ihre Schwiegermutter am Halse hatte. Die Sterblichkeit war sogar noch höher, als wenn keine der beiden Großmütter mit im Hause wohnte. Die geringste Sterblichkeit war also gegeben, wenn nur die mütterliche Großmutter bei der Kinderpflege mithalf. Damit wurde deutlich, dass es nicht egal ist, welche Großmutter mit im Hause lebt. Die Anwesenheit der mütterlichen Großmutter hat einen positiven Effekt auf das Überleben ihrer Enkelkinder. Das ist der wahre evolutionäre Grund für die Menopause. Kristen Hawkes These musste in dieser Weise modifziert werden und bekam nun politische Relevanz.</p>
<p>Die korrigierte Großmutter-Hypothese führte weiter ein Schattendasein, weil die Evolutionsbiologie &#8211; wie wir noch sehen werden &#8211; sich nicht von der Vorstellung trennen wollte, dass die Schwiegermutter den Fortpflanzungserfolg erhöhe, dies eingedenk der zunehmenden Überbevölkerung. Die großmütterliche Leistung war und ist den „Herren der Schöpfung“ suspekt, zumal der Großvater nun außen vor bleibt. So sehr die Herrschende Lehre die Großmutter-Hypothese zu ignorieren sucht, so groß sind aber auch die Zweifel an der Richtigkeit der positiven Bewertung der Schwiegermutter. Daher werden immer wieder Studien aufgelegt, die den Zusammenhang von Mutter, Großmüttern und Enkelkindern untersuchen.</p>
<h2 id="warum-gibt-es-die-Schwiegermutter">Warum gibt es die Schwiegermutter?</h2>
<p>Die Frage muss nun zu vorderst lauten, warum es die Schwiegermutter gibt, wenn sie doch so schädlichen Einfluss auf ihre Enkelkinder ausübt. Denn die Evolution selektiert nichts im großen Stil, was dem Nachwuchs auch nur ansatzweise schaden könnte. Das wäre ja das Ende aller Arten. Die Anwesenheit der Schwiegermutter deutet daraufhin, dass jemand in die Evolution eingegriffen hat, ohne die weitreichenden Folgen erahnen zu können. Und sie ist ein Anzeichen, dass es mit unserer Art zu Ende geht, trotz und wegen der Überbevölkerung.</p>
<p>Eine Antwort auf die Frage kann nur die unabhängige, interdisziplinäre Patriarchatsforschung liefern, denn sie allein stellt bisher die Natürlichkeit der Schwiegermutter infrage, gerade WEIL diese so einen negativen Einfluss ausübt: Die Existenz der Schwiegermutter ist an die Ehe gebunden und sie war seit dieser Erfindung sogar DIE Garantin für das Funktionieren der stets patriarchalen Familie, denn sie ersetzte die seitdem ausgeschlossene Großmutter mütterlicherseits sowie alle anderen Angehörigen der Mutter. Sie war nie ein Tausendsassa, sondern hat seit jeher nur ein Ziel: Die Sicherstellung der Vaterschaft ihrer Söhne. Ohne die Kenntnis seiner genetischen Kinder kann kein Vater Macht über sie ausüben und auch nicht über andere. Die Herrschaft der Väter, das Patriarchat, muss daher die Mutter regelrecht gefangen nehmen. Zu Recht wird vom Gefängnis der Ehe gesprochen.<br />
Aufseherin war von Beginn an die Schwiegermutter, die sich im Alltag an der sexuellen Kontrolle der jungen Ehefrau, die sie eigentlich als Eindringling wahrnahm, beteiligte, und die sie misstrauisch beäugte. In dieser <strong>Patrilokalität</strong> genannten Zwangslage lebten alle Frauen noch bis vor 100 Jahren, besonders wenn ihre Ehemänner noch Bauern geblieben waren. Das war aber nicht immer so. Diese Lebensweise kam zuerst bei den viehnomadischen Völkern auf, sie haben sie gewaltsam über die Welt verbreitet und bis heute erhalten.</p>
<p>In der Situation der Patrilokalität waren bzw. sind die jungen Mütter den sexuellen Ansprüchen des Ehemannes schutzlos ausgeliefert. Die Ehefrau und Mutter hat ihren Körper zur Verfügung zu stellen, im Gegenzug wird sie mitversorgt. Ein gutes Leben hat sie nicht. Einerseits hat sie häufig Konkurrenz von Nebenfrauen, andererseits ist sie nur geduldet, weil es ohne sie nun mal nicht geht. Die Schwiegermutter versucht, ihre Schwiegertochter, die oft schon mit der Menarche verheiratet wurde, zu erziehen bzw. ihr ihre Kultur aufzuzwingen. Die von vorne herein gestörte Beziehung der beiden führt zu enormem Stress der jungen Mutter und auch deren Kinder. Eine gestresste Mutter hat weniger Milch, wird häufiger krank und erleidet eher Fehlgeburten. Den Kindern geht es entsprechend schlecht. Dies bestätigt die Krummhörn-Studie. Die eheliche Verpflichtung führt zu beinahe jährlichen Geburten, vielen sterbenden Kindern und auch nicht selten zum Tod der Mutter unter der Geburt. Seit der Durchsetzung der Ehe seit grob 8000 Jahren bekommen Frauen wesentlich mehr Kinder als sie unter natürlichen Bedingungen jemals bekommen haben. Das Patriarchat ist unmittelbar für die Überbevölkerung verantwortlich. In Ländern mit hohem medizinischem Standard ist diese Nebenwirkung seit 50 Jahren durch die Pille weitgehend abgestellt. In den meisten Ländern aber ist Empfängnisverhütung unerwünscht, beleidigt sie ja die männliche Potenz.</p>
<h2 id="leben-in-matrifokalitae-unser-angeborenes-sozialverhalten">Leben in Matrifokalität &#8211; Unser angeborenes Sozialverhalten</h2>
<p>Im Gegensatz zu den patriarchalen Verhältnissen bekommt eine Mutter, die unter matrifokalen, also natürlichen Bedingungen lebt, deutlich weniger Kinder und auch nur etwa alle fünf Jahre. Die Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy fand heraus, dass Stillen nach Bedarf, also rund um die Uhr, die Ovulation hemmt.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">3</sup> Unter natürlichen Bedingungen sind kleine Kinder also eine wirksame Empfängnisverhütung, ein logischer evolutionärer Schutz der enormen Investitionen in ein Menschenkind. Die Lebensweise, unter der die <em><a href="http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">female choice</a></em> frei gelebt wird<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">4</sup>, hat auch weniger sexuellen Verkehr zur Folge<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">5</sup>. Automatisch ist damit eine konstante Bevölkerungszahl sichergestellt. Das kleine Kind hat, weil es nicht schon als Säugling von einem Geschwisterchen Konkurrenz bekommt, eine deutlich höhere Überlebenschance; im Übrigen auch die Mutter selbst. Zum Überleben trägt besonders auch die Hilfe der mütterlichen Großmutter und der Alloeltern, das sind die weiblichen und männlichen Mitglieder der matrilinearen Sippe, bei.<br />
Wie wir es aus rezenten matrifokalen Gemeinschaften wissen, verhindert die Großmutter nicht die freie Sexualität ihrer Tochter, sondern schützt und unterstützt sie bei Bedarf. So richtet z.B. die Mosuo-Mutter in ihrem Haus ein „Blumenzimmer“ ein, wo die Tochter tun und lassen kann, was sie will, und theoretisch vor unerwünschten Übergriffen geschützt ist. Übergriffe finden aufgrund der matrifokalen Sozialisation der Männer auch gar nicht statt, womit Frauen doppelt geschützt sind. Die mütterliche Großmutter verhindert damit nicht eine höhere Kinderzahl, sondern sie dient <em>female choice</em>, die, wenn sie konsequent gelebt wird, erst bewirkt, dass die mütterliche Großmutter im Hause lebt. Die Hilfe der Großmutter ist also nur ein Teilaspekt des komplexen Schutzsystems Matrifokalität, das die Herrschende Lehre bis heute nicht verstehen will. Ihre Menopause ist jedoch ein schlagendes Indiz der Matrifokalität.<br />
In matrifokalen Gemeinschaften spielen im Übrigen die äußeren Bedingungen eine größere Rolle. Während es in der Altsteinzeit der Sammler/Fischer/Jäger nur eine sehr geringe Population auf gleichbleibendem Niveau gab, ermöglichte die Erfindung der Landwirtschaft in Subsistenz einen Anstieg der Population, die dann auf einem höheren Niveau wiederum gleich blieb.</p>
<p>Sarah Blaffer Hrdy konnte die korrigierte Großmutterhypothese problemlos in ihre eigene These, veröffentlicht in ihrem Buch „Mothers and Others. Evolutionary Origins of Mutual Understanding“ (2009), deutsch „Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat“ (2010), integrieren, ja sie war eine wichtige Basis. Dieses Werk ist eine umfassende, stichhaltige Begründung und Darstellung unserer natürlichen matrifokalen Lebensweise.</p>
<h2 id="die-grossmuetterliche-geburtenkontrolle-schutz-vor-ueberbevoelkerung">Die großmütterliche Geburtenkontrolle &#8211; Schutz vor Überbevölkerung</h2>
<p>Am 27.09.2017 akzeptierte die <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Royal_Society" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Royal Society</a> eine Metastudie<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">6</sup> der anthropologischen Arbeitsgruppe Susanne Huber, Patricia Zahourek und Martin Fieder von der Universität Wien mit dem Titel <a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsos.170544" target="_blank" rel="noopener noreferrer">‚Mit der eigenen oder der Mutter des Ehemanns im Haushalt zu leben, ist mit einer geringeren Kinderzahl assoziiert: eine kulturübergreifene Analyse‘</a>. In ihrer Pressemitteilung teilte die Arbeitsgruppe der Studie (im Folgenden „Wiener Studie“) mit:</p>
<blockquote><p>„Frauen, die mit ihrer eigenen Mutter oder ihrer Schwiegermutter in einem gemeinsamen Haushalt leben, haben durchschnittlich weniger Kinder als jene, die nur mit ihrem Partner zusammenleben. Das haben evolutionäre AnthropologInnen um Martin Fieder von der Universität Wien in einer interkulturellen Analyse auf Basis von Daten von über 2,5 Millionen Frauen herausgefunden. EvolutionsbiologInnen gingen bislang vom Gegenteil aus.“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">7</sup></blockquote>
<p>Dieser Befund will auf den ersten Blick so gar nicht zur Krummhörn-Studie von Breise/Voland passen, wonach das Leben mit der Schwiegermutter die denkbar schlechteste Konstellation ist und das Leben mit der mütterlichen Großmutter die beste. Doch Vorsicht, in der Wiener Studie geht es nicht um die Überlebenchancen von geborenen Kindern, sondern lediglich um die Zahl der Geburten einer Frau. Dabei relativiert die Wiener Studie die Leistung der mütterlichen Großmutter, ja sie scheint sogar die Schwiegermutter zu rehabilitieren, indem sie sie jetzt mit der mütterlichen Großmutter auf eine Stufe stellt. Am Ende zählt nun vor allem die Quantität, und nicht welcher emotionaler und gesundheitlicher Aufwand betrieben wurde, um diese Quantität zu erreichen. Dennoch sind jetzt beide Großmütter auf der Anklagebank. Es scheint mir, als solle hier die Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kindern propagiert werden. Und es scheint, dass die Royal Society genau dies honoriert.</p>
<p>In der Publikation der Wiener Studie wird Sarah Blaffer Hrdy &#8211; <a href="https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2016/10/14/zum-artikel-stark-als-paar-im-spektrum-der-wissenschaft-heft-april-2015/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">wie in der Vergangenheit bereits schon einmal</a> &#8211; falsch interpretiert:</p>
<blockquote><p>„Kaplan […] berechnete, dass ein Kind von der Geburt bis zum Alter von 18 Jahren einen Überschuss von 10-13 Millionen Kalorien konsumiert. Es ist weitgehend anerkannt, dass die Unterstützung der Mutter ihren reproduktiven Output und das Überleben ihrer Kinder erhöht (…). Übereinstimmend damit formulierte Hrdy (…) die Hypothese der gemeinschaftlichen Aufzucht: Mütter sind in Gruppen eingebunden, in der <strong>nicht nur der biologische Vater</strong>, sondern auch eine Vielfalt an Individuen den Kindern Resourcen zur Verfügung stellen.“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">8</sup></blockquote>
<p>Erstens ist diese Darstellung verzerrend, denn Blaffer Hrdy hat die Ernährungsthese Kaplans nur am Rande erwähnt, während sie die Großmutterhypothese von Kristen Hawkes &#8211; welche im Literaturverzeichnis der Wiener Studie übrigens keinerlei Erwähung findet &#8211; als zentralen Bestandteil ihrer These rezipierte. Blaffer Hrdy verfolgt keinerlei Kulturmaterialismus, sondern kommt der Logik der Notwendigkeiten, die unsere Physiologische Frühgeburt nach sich zieht, auf die Spur.</p>
<p>Zweitens ist diese Darstellung dahingehend falsch, als dass Blaffer Hrdy seit Erscheinen ihres Buches „Mother and Others“ offiziell <strong>nicht</strong> mehr davon ausgeht, dass der altsteinzeitliche Kindsvater mit in der Sippe bzw. mit seinen genetischen Kindern lebt. Ja, sie zählt ihn nicht einmal zum Kreise der Alloeltern! Ihr Buch „Mother Nature“, das die Wiener Studie ebenfalls aufführt, ist damit veraltet, was die Wiener ForscherInnen aber nicht berücksichtigen.</p>
<p>Blaffer Hrdys Fehler war, ihre zentrale Aussage von „Mothers und Others“ in eine Fußnote zu verbannen. Sie schreibt dort:</p>
<blockquote><p>„<em>Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an ‚Mutter Natur’.</em>“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">9</sup></blockquote>
<p>Aufgrund dieses zwischenzeitlichen, notwendigen Sinneswandels geriet das Buch „Mother Nature“ leider reichlich verwirrend und widersprüchlich. Die Frage ist allerdings, ob die New York Times sonst ihre Bücher derart gelobt hätte, aber das nur am Rande.</p>
<p>Blaffer Hrdy geht auf der Basis der Großmutterthese und der Tatsache der <em>female choice</em> (Small 1995) sowie ihrer eigenen anthropologischen Forschung von der Matrilinearität der Menschheit als einzig natürlicher Lebensweise aus. Sie schreibt in „Mütter und Andere“:</p>
<blockquote><p>„Ungeachtet dogmatischer Verlautbarungen, wonach Menschen für gewöhnlich ‚eine patrilokale Familienstruktur besitzen’, weil ‚Söhne in traditionellen Gesellschaften in der Nähe ihrer Familien bleiben, während Töchter fortziehen’, wird diese grundlegende Aussage über die menschliche Natur nicht von Daten über Menschen gestützt, die tatsächlich als Jäger-Sammler leben.“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">10</sup></blockquote>
<p>Die Wiener Studie ist nun eine Momentaufnahme der Gegenwart, die nicht geeignet ist die Verhältnisse vor über 100 Jahren wie bei der Krummhörn-Studie wiederzuspiegeln. Die Wiener schreiben:</p>
<blockquote><p>“Über alle Länder hinweg lebt die Mehrheit der Frauen nur mit ihrem Ehepartner im Haushalt. Nur im Irak lebt die Mehrheit der Paare mit der Mutter des Ehemanns im Haushalt (53,15%), gefolgt von Pakistan (41,2%). In allen anderen untersuchten Ländern liegt die Häufigkeit des Lebens mit der Mutter des Ehemanns im Haushalt zwischen 1,5% (USA) und 20,5% (Rumänien). Das Leben mit der eigenen Mutter der Frau im Haushalt ist die am wenigsten verbreitete Lebensform, die von 0,8% (Malawi) bis zu 17,2% (Thailand) reicht.“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">11</sup></blockquote>
<p>Wie ist es dazu gekommen, was hat sich in den letzten 100 Jahren verändert? Die sexuelle Kontrolle durch die Schwiegermutter spielte nach Gewöhnung an das Patriarchat und durch die religiöse Indoktrination eine immer geringere Rolle. Scheidung und Ehebruch wurden allgemein behindert bzw. geächtet. Derart „befriedet“ blieb das Paar auch ohne die Kontrolle der väterlichen Familie resp. der Schwiegermutter beisammen, auch wenn in der Ehe Krieg herrschte. Mit der Industrialisierung und Landflucht sowie heute der modernen Mobilität zogen und ziehen Ehepaare immer öfter in andere Städte fernab aller Großeltern. Die Ehe wird nun aus Verliebtheit geschlossen, wirtschaftliche Aspekte bzw. die Eheanbahnung durch die Eltern spielt nur noch eine sehr geringe Rolle. Paare verlassen ihre Elternhäuser, um auswärts das materielle Glück zu suchen, sofern sie es nicht schon haben. So ist es kein Wunder, dass die Mehrzahl aller Paare nicht mehr in Patrilokalität lebt und die Soziologie um eine neue Lebensform „bereichert“ wurde, die <strong>Neolokalität</strong>, bei der der besser verdienende Ehepartner den Wohnort bestimmt. Im weiter bestehenden Patriarchat ist dies meistens der Ehemann, was der Begriff jedoch verschleiert.</p>
<p>Wir sehen an diesen Zahlen auch, wie sehr das Patriarchat über die Welt verbreitet wurde und sogar, wo es herkommt, nämlich aus viehzüchternomadischen Gebieten. Mit der Auflösung der Patrilokalität wurde das Patriarchat jedoch nicht beseitigt, sondern es zeigt sich daran im Gegenteil seine Verschärfung. Es ist ideologisch gefestigt und durch die Isolierung des Paares mit seinen Kindern wird dieses abhängiger vom Staatspatriarchat, mit dem die Sache immer fester gezurrt wird.</p>
<p>Die Wiener fanden, wie eingangs gesagt, heraus, dass die Anwesenheit einer Großmutter die Kinderzahl negativ beeinflusst. Die meisten Kinder bekamen diejenigen Mütter, die alleine mit Ehemann und Kindern in der Wohnung leben. Es wurde allerdings nicht diskutiert, dass Großeltern, zu denen ja im Übrigen auch oft noch der Großvater gehört, oft keinen Sex in „ihrer“ Wohnung dulden, aber auch Paare die Anwesenheit ihrer Eltern als beim Sex störend empfinden. Eine Tatsache ist auch, dass die Frau bei Abwesenheit der Großeltern dem Ehemann schutzlos ausgeliefert ist, was die hohen Zahlen häuslicher Gewalt veranschaulichen. Ohne Zeugen lässt sich besser gewaltsam zeugen.</p>
<h2 id="die-muetterliche-großmutter-das-unbekannte-wesen">Die mütterliche Großmutter, das unbekannte Wesen</h2>
<p>Die Wiener kamen nicht umhin, auch die Verhältnisse in matrifokalen Gemeinschaften zu beleuchten. Dass in Äthiopien gefunden wurde, dass Kinder in matrilokalen Gemeinschaften, wo die mütterliche Großmutter immer anwesend ist, eine höhere Überlebenschance haben, wurde erfreulicherweise erwähnt. Dies bestätigt den Befund von der Halbinsel Krummhörn des 19. Jhs., auch wenn dort neben Patrilokalität die Neolokalität herrschte. Aufgrund des ungenauen Lesens des letzten Buches von Sarah Blaffer Hrdy und der Ignoranz gegenüber der natürlichen Matrifokalität muss sich die Wiener Arbeitsgruppe aber bankrott erklären und sie tut es auch:</p>
<blockquote><p>“Im Vergleich zu ihrem Einfluss auf das Überleben von Kindern werden die Auswirkungen beider, der Anwesenheit der mütterlichen und väterlichen Großmutter, auf die Fruchtbarkeit weniger gut verstanden. Die meisten Untersuchungen zu mütterlichen Großmüttern zeigen einen positiven Einfluss auf die Fruchtbarkeit ihrer Tochter (…). In einer Metaanalyse fanden Sear &amp; Coall (…) dagegen, dass nur in über 30% der 39 untersuchten Studien die Anwesenheit der eigenen Mutter, aber in etwa 70% der Studien die Anwesenheit der Schwiegermutter einen pro-natalen Effekt hat.“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">12</sup></blockquote>
<p>Was ist hier nun wieder los? Wieder wurde gelesen, was sie lesen wollten. Das Paper, das einen positiven Einfluss der mütterlichen Großmutter auf die Fruchtbarkeit, also die Geburtenzahl ihrer Tochter, postulieren soll, beschäftigt sich ausschließlich mit dem Überlebenchancen der Kinder und titelt: „Who keeps children alive? A review of the effects of kin on child survival“. Autorinnen sind Rebecca Sear und Ruth Mace. Die Untersuchung bestätigt im Grunde auch das Ergebnis von der Halbinsel Krummhörn. Eine kleine Ausnahme unter vielen macht eine Untersuchung von Sear an Familien des Cheva-Volkes im bäuerlichen Malawi. Als Anmerkung finden wir dort: &#8222;Mgms borderline but significant at p&lt;.05 for girls only; mat aunts − in families where women own resources, + where men do; divorce −“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">13</sup> Das bedeutet übersetzt, dass sich die Mithilfe der mütterlichen Großmütter signifikant negativ auswirkt, aber nur grenzwertig, und nur bei einer Scheidung oder wenn die Mutter die Resourcen selbst verdienen muss.<br />
Wir haben es hier mit einer patriarchalen Gesellschaft zu tun. Die Überlebensrate ist für Mädchen schlechter, was auf deren Unterversorgung zurückgeht, wie wir sie in vielen Kulturen vorfinden. Die Mütter sind mitunter doppelt belastet, d.h. sie müssen auf dem Feld arbeiten, weshalb eine Großmutter mithelfen muss. Dass für die Überlebensrate hier allein die mütterliche Großmutter verantwortlich gemacht wird, ist schon sehr bizarr, denn offensichtlich gibt es in dieser Kultur einen mutwilligen Gynozid, den allein das von Männern installierte System, aber nicht die mütterliche Großmutter zu verantworten hat. Was gibt es da nicht zu verstehen, außer, dass wir uns darüber erschrecken müssen, in welchem Ausmaß Frauen zu Dienerinnen des Patriarchats gemacht wurden!</p>
<p>Das andere Paper wurde ebenfalls von Rebecca Sear, diesmal in Cooperation mit David Coall, verfasst (2011): „How much does family matter? Cooperative breeding and the demographic transition“. Wieder kommen sie zu ähnlichen Ergebnissen. Hier wird die Ausnahme erwähnt:</p>
<blockquote><p>“Väter und Großmütter sind nicht immer vorteilhaft für Kinder. Eine Studie fand, dass die Anwesenheit von Vätern die Sterblichkeit von Mädchen erhöhte (bäuerliches Äthiopien: Gibson 2008); <strong>eine fand einen schädlichen Effekt der mütterlichen Großmütter</strong> (bäuerliches Malawi: Sear 2008); und zwei fanden schädliche Effekte der väterlichen Großmutter [historische Studien in Deutschland und Japan: Beise 2002; Sorenson Jamison et al. 2002]. Familiäre Beziehungen können manchmal eher durch Konflikte als durch Kooperation gekennzeichnet sein.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">14</sup></blockquote>
<p>Widersprächen sich die beiden Papers grundlegend, so hätten die AutorInnen das erwähnen müssen und sicher auch getan. Davon ist aber keine Rede, statt dessen beruft sich das neuere Paper auf die Tabellen des älteren.<br />
Die Wiener AutorInnen sehen den Unterschied zwischen einer mütterlichen Großmutter, die in einer neolokalen Familie mithilft &#8211; also zur Tochter gezogen ist &#8211; und einer matrilinearen Gemeinschaft, wo diese Großmutter immer anwesend ist, nicht deutlich genug. Vor allem haben sie das Phänomen nicht verstanden, dass die mütterliche Großmutter in matrifokalen Gemeinschaften mit einer geringeren Geburtenzahl assoziiert ist, sie aber nicht deren Ursache ist. Bedeutsam ist letztlich, dass sich sogar noch in der patriarchalen Familie ihr Einfluss überwiegend positiv auf die Überlebensrate auswirkt. Der Grund dafür ist ihr starkes Engagement für ihre Gene.</p>
<p>Der bei FamilienpolitikerInnen beliebte Satz „Frauen, die mehr Hilfe bei der Erziehung haben, bekommen auch mehr Kinder“ ist natürlicherweise falsch bzw. trifft keine evolutionäre Aussage. Im Patriarchat ist eine hohe Kinderzahl aber gewünscht, denn Kinder mehren den Reichtum, aber Rücksicht auf die Gesundheit und die Gefühle der Beteiligten wird nicht genommen, auch nicht auf die Belastbarkeit von Mutter Natur. Sie hatte einst eine natürliche Geburtenkontrolle eingebaut, die dem Patriarchat jedoch zuwider läuft. Das ist die <em>female choice</em>. Patriarchen wollen die lebenslange freie Wahl der Frau nicht akzeptieren und lassen die von ihnen selbst geschaffenen Ungereimtheiten ein „Rätsel“ sein, mit dem sie sich sogar noch schmücken können. Hätten die Wiener AutorInnen sich mit den Entdeckungen von Sarah Blaffer Hrdy eingehend beschäftigt und die unabhängige interdisziplinäre Patriarchatsforschung berücksichtigt, hätten sie beschreiben können, dass eine Frau unter diesen natürlichen Bedingungen ihre <em>female choice</em> lebt und DESHALB weniger Kinder bekommt als im Patriarchat. Ein große Schwäche und keine Stärke der Wiener Studie ist also, dass sie dieses Problem mit dem einem Satz erledigt, dass es nicht verstanden sei.</p>
<h2 id="patriarchat-die geburtenrate-steigt">Patriarchat &#8211; Die Geburtenrate steigt</h2>
<p>Während also die Kinder mit einer mütterlichen Großmutter die höheren Überlebenschancen haben, ist bei einer anwesenden Schwiegermutter die Geburtenrate deutlich höher. Die Zahl der unter der Schwiegermutter verstorbenen Kinder wird durch die Vatermacht-bedingt erhöhte Geburtenrate überkompensiert, womit die Gesamtzahl der überlebenden Kinder steigt und damit auch die Zahl der Bevölkerung. Damit sieht es so aus, als sei das System Schwiegermutter erfolgreicher. Aber die Überbevölkerung gibt es nicht wegen der Schwiegermutter, sondern trotz der Schwiegermutter. Denn nach wie vor steigen die Weltbevölkerungszahlen an, auch ohne Schwiegermutter.</p>
<p>Die Studie lässt zumindest hoffen, dass der Wunsch, das „große Rätsel“ zu verstehen, auch irgendwann zu der Erkenntnis führt, dass es seine Richtigkeit damit hat, dass Mütter bei ihren Müttern leben und dort auch ihre Kinder bekommen. Die Diskrepanzen nimmt die Wiener Arbeitsgruppe aber nur zum Anlass zur Sammlung von noch mehr Daten, nämlich von 2 478 383 verheirateten Frauen zwischen 15 und 34 Jahren, anstatt sich mit dem Effekt der sexuellen Unterdrückung der Frau auf die Bevölkerungszahl zu beschäftigen.<br />
Sie stellt keine Überlegungen an zu der Frage, wie wünschenwert eine hohe Kinderzahl für Mensch und Natur eigentlich ist, ja es kommt mir so vor, als hielten sie eine hohe Kinderzahl für einen Segen.</p>
<p>Was machen die Wiener also mit ihren Zahlen? Wie gehen sie mit der von ihnen rezipierten Literatur um? Wie lautet ihre Quintessenz aus all ihren Tabellen und Kurven?</p>
<blockquote><p>&#8222;’Wir nehmen an, dass zwei Faktoren für dieses Ergebnis ausschlaggebend sind: Fortpflanzungskonkurrenz und Konkurrenz um Ressourcen zwischen Müttern bzw. Schwiegermüttern und den Töchtern bzw. Schwiegertöchtern’, so Fieder weiter. Eine Konkurrenz um Ressourcen sei auch deshalb sehr wahrscheinlich, da Datenmaterial aus einigen Entwicklungsländern in die Analysen eingeflossen ist. Und Fortpflanzungskonkurrenz als Grund für die geringere Zahl an Kindern im Haushalt wird bei besonders jungen Großmüttern schlagend: Da sie selbst noch Kinder bekommen können und daher möglicherweise eher ihr eigenes Kind als die Kinder ihrer Tochter oder Schwiegertochter großziehen wollen, scheinen sie in Konkurrenz mit ihnen zu treten“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">15</sup>.</p></blockquote>
<p>Mit dieser Aussage, mit dem Begriff &#8222;Fortpflanzungskonkurrenz&#8220; wird suggeriert, dass die Schwiegermutter schon immer eine evolutionäre Bedeutung besessen habe. Dass dem nicht der Fall ist, wissen wir jetzt. Es ist aber ein Faktum, dass es das Patriarchat ist, das mit der Unterdrückung der <em>female choice</em> in die Evolution eingreift und die Schwiegermutter etabliert hat. Aber nicht die Schwiegermutter allein, sondern das Patriarchat gefährdet den Fortbestand der Art, die nicht nur gezüchtet, sondern zunehmend an die Technik angepasst und damit von ihr abhängig gemacht wird. Es steht und fällt alles mit der Verfügbarkeit der natürlichen Ressourcen. Es ist allerdings völlig ungefährlich, die Ergebnisse der Studie ausgerechnet auf eine Ressourcen-Konkurrenz zwischen Mutter und Großmüttern zurückzuführen, also auf ein kulturmaterialistisches Problem. Konkurrenz belebt ja angeblich das Geschäft. Diese Denke folgt ganz dem patriarchalen Wachstumswahn. Und das muss die Royal Society natürlich ebenfalls honorieren.</p>
<p>Das heiße Eisen wird mit der Studie nicht angefasst, aber überzeugen können die Schlussfolgerung auch nicht mehr. Die richtigen Schlussfolgerungen muss jeder für sich alleine ziehen. Und da das kaum jemand macht, wird es vorerst dabei bleiben, dass frei von der Leber behauptet werden kann, dass Menschen Patrilokalität bevorzugen<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">16</sup>, eine Halbwahrheit, die dringend der Aufklärung bedarf.</p>
<p>Die Medien, die die Aussagen der Wiener Studie gar nicht verstanden haben und offensichtlich vollends verwirrt wurden, bringen sie mit Schlagzeilen unter die Leute, die allein die Schwiegermutter in ein schlechtes Licht stellen, damit aber nur auf den ersten Blick die Ergebnisse der Krummhörn-Studie neu auflegen: „Weniger Kinder durch ‚Schwiegermutter-Effekt’“ (<a href="http://science.orf.at/stories/2874226/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://science.orf.at/stories/2874226/</a>), „Weniger Kinder bei Schwiegermutter im Haus“ (<a href="http://www.krone.at/595291" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.krone.at/595291</a>), “Ist die Schwiegermutter im Haus gibt’s weniger Kinder“ (<a href="http://www.20min.ch/wissen/news/story/Ist-die-Schwiegermutter-im-Haus--gibts-weniger-Kinder-30328267" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.20min.ch/wissen/news/story/Ist-die-Schwiegermutter-im-Haus&#8211;gibts-weniger-Kinder-30328267</a>)<br />
Der Schwiegermutterkonflikt verkauft sich besser, und wir wissen heute aufgrund der hohen Zahlen häuslicher Gewalt an Frauen und Kindern, dass die Familie kein guter Ort, sondern der gefährlichste Ort auf Erden ist.</p>
<h2 id="die-menopause-bei-anderen-arten">Die Menopause bei anderen Arten</h2>
<p>Man glaubte lange, dass nur Menschenfrauen in die Menopause kommen, dann entdeckte man auch bei den Zahnwalarten, nämlich Kurzflossen-Grindwalen, Kleinen Schwertwalen, Orcas, Narwalen und seit 2018 auch Belugas, dass die Weibchen in die Menopause kommen.<br />
2023 wurde sie auch bei Schimpansen-Weibchen beobachtet, 2025 meldete die MPG diesen Befund auch für die Gorillas. Dass die Menopause der Säugetiere noch so wenig erforscht ist, erklärt die Max-Planck-Gesellschaft mit dem Aufwand:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die nach der Fortpflanzungsphase verbleibende Lebensdauer lässt sich in freier Wildbahn nur schwer dokumentieren, da hierfür detaillierte Informationen über das Alter der Tiere sowie die Erhebung jahrzehntelanger Daten bei langlebigen Arten erforderlich wären. Für die Dokumentation der &#8218;Menopause&#8216; (definiert als eine physiologische, dauerhafte Einstellung der Menstruation aufgrund des Verlusts der Eierstockfunktion) wäre zudem eine detaillierte Hormonanalyse notwendig.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">17</sup></blockquote>
<p>Mit der Entschlüsselung des Genoms 2012 ist klar, dass nicht die Bonobo, sondern doch die Schimpansen unsere nächsten Verwandten sind. Während Bonobo aus ihrer mütterlichen Gruppe abwandern, tun das Schimpansenweibchen nicht. Wie wir leben die Schimpansen ein ein matrifokales Sozialverhalten. Dabei gibt es jedoch die Besonderheit, dass postmenopausale Schimpansinnen sich wenig oder nicht um ihre Enkel kümmern, obwohl diese Phase ca. ein Fünftel ihres Lebens einnimmt. Dies ist jedoch kein Gegenbeweis für die Großmutter-Hypothese, wie manchmal postuliert, sondern zeigt, dass die Postmenopause der gemeinsamen Vorfahrinnen von <em>Homo Sapiens</em> und <em>Pan troglodytes</em> (Gemeiner Schimpanse) schon vor der Enkelfürsorge evolviert worden war. Nur weil sie schon da war, konnte sich auch die Enkelfürsorge mit der immer länger werdenden Kindheit herausbilden, was die &#8222;Huhn-oder-Ei-Frage&#8220; folgerichtig beantwortet. Die Bedeutung der postmenopausalen Hominidenweibchen für die Gruppe bestand mit großer Wahrscheinlichkeit in ihrer Lebenserfahrung.<br />
Wenig überraschend ist, dass auch die genannten Wal-Arten matrifokal um eine Urgroßmutter leben.</p>
<h2 id="literatur">Literatur</h2>
<ul id="liste2">
<li>Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin 2010.</li>
<li>Blaffer Hrdy, Sarah: Mother Nature. Maternal Instincts and How They Shape the Human Species. New York 2000</li>
<li>Beise, Jan; Voland, Eckart: <a href="http://www.spektrum.de/magazin/warum-gibt-es-grossmuetter/829410" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Warum gibt es Großmütter?</a> In: Spektrum der Wissenschaft 1|2003. S. 48-53.</li>
<li>Engelhardt, Sacha C.; Bergeron, Patrick; Gagnon, Alain; Dillon, Lisa; Pelletier, Fanie: Using Geographic Distance as a Potential Proxy for Help in the Assessment of the Grandmother Hypothesis. Vom 07.02.2019 DOI:<a href="https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.01.027">https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.01.027</a>, siehe dazu auch: <a href="https://derstandard.at/2000097723454/Forscher-finden-Beleg-fuer-die-Grossmutter-Hypothese" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://derstandard.at/2000097723454/Forscher-finden-Beleg-fuer-die-Grossmutter-Hypothese</a></li>
<li>Hawkes, Kristen: Human longevity: The grandmother effect. Editorial. Nature 2004 (428):128-9. doi:<a href="https://dx.doi.org/10.1038%2F428128a" target="_blank" rel="noopener noreferrer">10.1038/428128a</a><br />
<a href="http://www.nature.com/nature/journal/v428/n6979/full/428128a.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.nature.com/nature/journal/v428/n6979/full/428128a.html</a></li>
<li>Huber, Susanne; Zahourek, Patricia; Fieder, Martin: „Living with own or husband’s mother in the household is associated with lower number of children: a cross-cultural analysis. R.Soc.opensci. 4: 170544. 2017<br />
<a href="http://dx.doi.org/10.1098/rsos.170544" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://dx.doi.org/10.1098/rsos.170544</a><br />
<a href="http://rsos.royalsocietypublishing.org/content/royopensci/4/10/170544.full.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://rsos.royalsocietypublishing.org/content/royopensci/4/10/170544.full.pdf</a></li>
<li>MPG 2025: Berggorilla-Weibchen hören lange vor ihrem Lebensende mit der Fortpflanzung auf &#8211; Nach der Geburt des letzten Nachwuchses leben weibliche Tiere noch lange. Online-Ressource der Max-Planck-Gesellschaft vom 13.1.2025 auf <a href="https://www.mpg.de/25547012/1013-evan-berggorilla-weibchen-hoeren-lange-vor-ihrem-lebensende-mit-der-fortpflanzung-auf-150495-x" target="_blank" rel="noopener">https://www.mpg.de/25547012/1013-evan-berggorilla-weibchen-hoeren-lange-vor-ihrem-lebensende-mit-der-fortpflanzung-auf-150495-x</a></li>
<li>Sear, Rebecca; Mace, Ruth: Who keeps children alive? A review of the effects of kin on child survival. In: Evol. Hum. Behav. 29,1–18. 2008<br />
<a href="http://dx.doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2007.10.001" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://dx.doi.org/10.1016/j.evolhumbehav.2007.10.001</a></li>
<li>Sear, Rebecca; Coall, David. 2011 How much does family matter? Cooperative breeding and the demographic transition. Pop. Dev. Rev. 37, 81–112. 25.01.2011 doi:10.1111/j.1728-4457.2011.00379.x</li>
<li>Small, Meredith M.: Female Choices. Sexual Behavior of Female Primates. Cornell University Press (Oktober 1995)</li>
<li>Uhlmann, Gabriele: <a href="http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">female choice – unser unbekanntes Menschenrecht</a> online-Resource 2015</li>
<li>(UW) Universität Wien Medienportal: (Schwieger-)Mutter im Haus: Weniger Kinder. Veröffentlicht am 25.10.2017<br />
<a href="https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/schwieger-mutter-im-haus-weniger-kinder/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://medienportal.univie.ac.at/presse/aktuelle-pressemeldungen/detailansicht/artikel/schwieger-mutter-im-haus-weniger-kinder/</a></li>
</ul>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Hawkes 2004</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Beise/Voland 2003</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Blaffer Hrdy 2000</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;vgl. Small 1995</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;vgl. Uhlmann 2015</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Huber <em>et al.</em> 2017</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;UW 2017</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;UW 2017, S. 2; meine Übersetzung und Hervorhebung</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blaffer Hrdy 2010, Fußnote 20, S. 448</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Blaffer Hrdy 2010, S. 336</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Huber/Zahourek/Fieder, S. 6; meine Übersetzung</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Huber/Zahourek/Fieder, S. 2; meine Übersetzung</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sear/Mace 2008, S.6, Tab. 2A</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sear/Coall 2011, S. 88; meine Übersetzung und Hervorhebung</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;UW 2017</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;„that humans generally favour patrilocal female dispersal“; Huber/Zahourek/Fieder, S. 6</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;MPG 2025</div><p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/grossmutter-hypothese-grossmutter-these">Großmutter-Hypothese? Großmutter-These!</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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		<title>Frauen in der Politik? &#8211; Eine zielorientierte Nestbeschmutzung</title>
		<link>https://blog.gabriele-uhlmann.de/frauen-in-der-politik-eine-zielorientierte-nestbeschmutzung</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 09 Apr 2025 10:34:11 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Analysen und Studien]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Bild: Gertrude Guillaume-Schack (1845-1903) Gemeinfrei &#8222;&#8230; Frau Guillaume Schack hielt im Arbeiterinnen-Verein vor etwa 300 Frauen und mehreren Männern, darunter sozialdemokratische Abgeordnete, einen Vortrag, in dem sie die Notwendigkeit...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/frauen-in-der-politik-eine-zielorientierte-nestbeschmutzung">Frauen in der Politik? &#8211; Eine zielorientierte Nestbeschmutzung</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Bild: Gertrude Guillaume-Schack (1845-1903) <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gertrud-Guillaume-Schack-zugeschnitten.jpg" target="_blank" rel="noopener">Gemeinfrei</a></p>
<p><img decoding="async" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/0f7d0d3a925641459051917e2b203b2d" width="1" height="1" alt=""> &#8222;<em><strong>&#8230; Frau Guillaume Schack<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">1</sup> hielt im Arbeiterinnen-Verein vor etwa 300 Frauen und mehreren Männern, darunter sozialdemokratische Abgeordnete, einen Vortrag, in dem sie die Notwendigkeit betonte, daß die Frauen sich um die öffentlichen Arbeiten kümmern, daß sie das aktive und passive Wahlrecht erhielten, event. durch Strikes höhere Löhne erzielten ⁊c. In die Debatte griff ein zunächst die bekannte Frau Staegemann, welche namentlich den reichen Damen die Putzsucht vorwarf; andere Frauen traten für das Wahlrecht der Frauen ein; wenn erst Frauen im Reichstage säßen, würde es der weiblichen Arbeiterwelt besser gehen. Der sozialdemokratische Abg. Bock ist für die Bewegung der Arbeiterfrauen, rät aber davon ab, sich zuweitgesteckte Ziele zu setzen, während der ebenfalls sozialdemokratische Abg. Stolle die Frauen ermahnt, ihre Männer zur Beteiligung an der politischen Bewegung (d.i. sozialdemokratischen) anzufeuern. Unter ähnlichen Redereien schloß die Versammlung um 11 ½ Uhr nachts. So geschehen in der deutschen Residenz am Donnerstag den 12. März 1885</strong></em>&#8222;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">2</sup>  </p>
<h2 id="kap1">Kapitel 1 – Die Ausgangslage und die Quote</h2>
<p>Drei Jahre vor dieser Versammlung nannte sich die erste Frau &#8222;Feministin&#8220;, und zwar die Französin <strong>Hubertine Auclert</strong> (1848-1914), die sich als eine der ersten Frauen für das Frauenwahlrecht einsetzte.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">3</sup> Die Begründung für die Forderung war von Beginn an, dass es Frauen besser gehen solle und dass sie mehr Geld verdienen würden. Es sollten Frauen in die Politik kommen, damit konkrete Ziele im Parlament zur Sprache kommen und so die Chance besteht, dass etwas erreicht wird. Es ging also noch nicht um Parität und nicht um gleiche Teilhabe um ihrer selbst willen. Vielleicht, weil sich für Verbesserungen auch schon früh Männer einsetzen, war eine 50:50-Parität noch gar nicht im Gespräch, und die Abstimmung 1918 für das Frauenwahlrecht war ja auch eine reine Männerabstimmung. In der Theorie also braucht es nur Männer mit einer feministischen Einstellung, dann können Frauen alle Rechte haben. So provokant das ist, so wenig realistisch ist das natürlich, denn wir leben trotz gesetzlicher Gleichstellung im Patriarchat.<br />
Es war die KPD, die 1932 die Frauenquote erfand, und zwar &#8222;ein Viertel bis ein Drittel&#8220;. Erst die Grünen forderten die 50:50-Quote und setzten sie auch durch. In keiner anderen Partei haben auch die Frauen, die kein Ministeramt innehaben, so viel Macht. Die Frauenquote ist also keine urfeministische Forderung, aber sie ist eine linke. Obwohl auch längst auf der rechten Seite Frauen sitzen, ist diese Forderung noch lange nicht Konsens.<br />
Es scheint heute bei vielen Frauen der feste Glaube umzugehen, dass es in unserem Patriarchat nur deshalb keine Gleichstellung gäbe, weil es die paritätitsche Beteiligung der Frauen in der Politik noch nicht gibt. Aber stimmt das überhaupt? Frauen haben natürlich seit jeher an Politikerinnen die Erwartung, dass sie etwas für die Verbesserung von Frauenleben tun. Politikerinnen haben, da sie ohne Frauenbewegung gar nicht im Amt wären, die moralische Pflicht das auch zu tun! Alles andere wäre und ist Verrat. Dass sie diesen Grundsatz in den letzten Jahren mit Füßen treten, lässt mich an der Idee der Quote zweifeln, nicht nur das, ich halte sie für nicht zielführend, sogar kontraproduktiv und daher für rückständig. Doch meine Argumente sind nicht die üblichen vom Stammtisch, sondern die einer Patriarchatsforscherin. </p>
<h3 id="bevoelkerungsstatistik">Etwas Bevölkerungsstatistik</h3>
<p>Schon die Überprüfung der harten Zahlen lässt an der Zweckmäßigkeit der 50:50-Quote zweifeln. Die 50:50-Quote geht davon aus, dass gleich viel Frauen wie Männer existieren. Im Jahr 2022 gab es etwa 4.024.000.000 Männer und Jungen und 3.976.000.000 Frauen und Mädchen auf der Welt. Das heißt, von den ca. acht Milliarden Menschen sind 50,3 Prozent männlich und 49,7 Prozent weiblich (Stand: 2022). Der Anteil der Frauen könnte über 50% liegen, denn durch Femizide, Unterernährung der Mädchen mit Todesfolge und die Tötung von weiblichen Embryonen, steigt der Anteil der Männer weltweit.<br />
Veraltete Zahlen, die immer noch unhinterfragt herangezogen werden, veranschlagen das evolutionäre sekundäre Geschlechterverhältnis von 100 weiblichen Neugeborenen zu 107 männlichen Neugeborenen<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">4</sup>, also 48,3% weiblichen und 51,7% männlichen. Neuere Zahlen veranschlagen 105 männliche Neugeborene, also 51,2%, was kaum einen Unterschied ausmacht. Wesentlich für diese Zahlen ist ein schwerer methodischer Fehler: Der Einfluss der männlichen Kontrolle auf die weibliche Reproduktion bzw. die Unterdrückung der <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice">Female Choice</a><sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">5</sup> in der Ehe – die nichts anderes als Menschenzucht ist –, wurde und wird dabei aber bis heute nicht nur unterschätzt, sondern er bleibt unberücksichtigt. Einzig Zahlen aus ursprünglichen Matrifokalen<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">6</sup> sind daher vertrauenswürdig, können aber nicht erhoben werden, weil nur unkontaktierte Völker hierfür in Frage kommen. Auch Neo-Matridurate<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">7</sup>, wie die Mosuo in Südchina, haben eine patriarchale Vorgeschichte, sind also genetisch überformt und existieren noch nicht lange genug, als dass die patriarchalen Zuchteffekte aus den Genen ausgemendelt wären.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">8</sup>
In Deutschland lebten nach Statista.com im Jahr 2023 8.463.400 Menschen, davon ungefähr 42,9 Millionen Frauen und 41,8 Millionen Männer. Das entspricht einem Verhältnis von 50,7% zu 49,3%. Das sind also, anders als in der Weltbevölkerung, mehr Frauen als Männer. Aber auch hier schwand bereits in den letzten Jahrzehnten der Frauenanteil durch die Migration von überwiegend jungen Männern. Das bedeutet einerseits, dass das angeblich natürliche Geschlechterverhältnis von 50:50 falsch ist, eben das Patriarchat unberücksichtigt lässt, und andererseits, dass Deutschland scheinbar weniger patriarchal ist als der Weltdurchschnitt, sich dies aber schon bald ändern wird. </p>
<h3 id="etwas_genetik">Etwas Genetik</h3>
<p>Vereinfachend wird seit dem letzten Jahrhundert von einen 50:50-Verhältnis ausgegangen, es sei die natürliche Verteilung. Diese Annahme passt ideologisch zur patriarchalen Grundannahme der Natürlichkeit der monogamen Ehe, dem Paar. In allen kleinen Urmenschen-Populationen jedoch muss es wesentlich mehr Frauen gegeben haben, denn es waren immer die Mütter, Schwestern und Großmütter, die die im Vergleich zu anderen Arten sehr lange Kindheit begleiteten. In diesen Matrifokalen lebten auch die Brüder und Onkel der mütterlichen Linie, jedoch hatten sie biologisch gesehen eine Schutzfunktion nach außen und stellten Kontakte zu anderen Matrifokalen her, um die Exogamie in matrilokaler Ausübung zu fördern. Diese hohe Anzahl von Frauen muss &#8211; ebenso wie unser angeborenes matrifokales Sozialverhalten &#8211; in den ursprünglichen Matrifokalen genetisch verankert gewesen sein, bevor das Patriarchat im wahrsten Sinne des Wortes zuschlug. Dazu passt ein neuer jungsteinzeitlicher Befund aus der Nekropole von Panoría (Südspanien), wo doppelt so viele Frauen bestattet worden waren wie Männer.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">9</sup> Auch haben jüngst amerikanisch-chinesische Wissenschaftler ein Gen identifiziert, dass dafür verantwortlich sein soll, dass in manchen Familien nur Mädchen geboren werden. &#8222;<em>Verursacht wird die mädchenfördernde Mutation durch den Austausch nur einer einzigen Base im Code der DNA, wie das Team berichtet. Diese Punktmutation liegt in der Nähe des Gens ADAMTS14. Gene aus der ADAMTS-Familie sind dafür bekannt, an der Spermienbildung und Befruchtung beteiligt zu sein.</em>&#8222;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">10</sup> Die Entdeckung soll in der Tierzucht erprobt werden, so dass mehr Kühe als Stiere geboren werden und mehr Hühner als Hähne. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie auch beim Menschen Anwendung findet. Dann können wenige Potentaten noch zu ihren Lebzeiten zahllose Kinder mit den eigenen Genen mithilfe missbrauchter Frauenkörper produzieren, ohne dass es eine Fabrik mit sog. künstlichen Gebärmüttern braucht.<br />
Eine entsprechende Mutation, mit der Familien nur Jungen bekommen, wurde noch nicht gefunden. Gefunden wurden aber zwei weitere Mutationen, die eventuell auch an der Geschlechtsverteilung beteiligt sind. Es muss Phasen geben, in denen das heute seltene &#8222;Mädchen-Gen&#8220; gehäuft auftritt, sonst hätte es sich nicht so lange gehalten. &#8222;<em>Umgekehrt nehmen in Phasen, in denen weniger Jungs zur Welt kommen, Mutationen zu, die für mehr männliche Babys sorgen</em>“, so die Mutmaßung, die auf einer Beobachtung beruht.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">11</sup> Anderenfalls käme es nicht zu dem 50:50-Verhältnis. Diese Phasen-Theorie, entwickelt von dem britischen Evolutionstheoretiker Ronald Fisher (1890-1962)<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">12</sup>, korreliert mit dem Sinuskurvenmodell der Zukunfts- und Patriarchatsforscherin Riane Eisler, wonach im Patriarchat Zeiten starker Frauenfeindlichkeit Kriegen vorausgehen.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">13</sup> Dass plötzlich mehr &#8222;Mutationen&#8220; für Jungen sorgen, muss erst noch bewiesen werden, klar ist schon jetzt, dass das patriarchale Zuchtprogramm künstlich eingreift.</p>
<p>Nun, jedes Gen hat einmal als Mutation angefangen und setzte sich als Anpassung durch. Ich vermute, dass diese heute als Mutation gesehene Besonderheit, die auf dem Chromosom Nr. 9 liegt, ursprünglich in vorpatriarchaler Zeit nicht die Ausnahme, sondern die Regel war, und zwar als Anpassung an die lange Kindheit. Das Patriarchat mit seiner Viehzüchtermentalität hat sie demnach einfach weggezüchtet, z.B. indem Töchter als minderwertig galten, die keine Brüder hatten. Damit würde sich heute die vorpatriarchale Genetik gelegentlich noch als vermeintliche Mutation zeigen.<br />
Da viele Parameter, soziale und genetische, in das Geschlechterverhältnis einfließen, ist es statistisch zwingend, dass sich die Unterschiede zwischen einzelnen Populationen verwischen, je großer die Bevölkerungszahl wird. Während Matrifokale stabil bleiben, solange keine Naturkatastrophe eintritt, führen patriarchale Populationen immer zu <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/explosion-und-expansion-wie-vatermacht-die-welt-unterjocht" rel="noopener" target="_blank">Überbevölkerung</a> und kompensieren Katastrophen aller Art mitunter sehr schnell und effektiv, allerdings ist die Lebensqualität dann überwiegend deutlich schlechter und <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/gewalt-garant-und-symptom-des-patriarchats" target="_blank">Gewalt</a> gehört zur Tagesordnung. Die Regel 50:50 ist also ein Effekt der patriarchalen Überbevölkerung und der Wahrscheinlichkeitsrechnung, eine erstaunliche, mathematische Annäherung an die Ideologie der Monogamie des Menschen. </p>
<h3 id="konsequenzen">Konsequenzen für die Frauenpolitik</h3>
<p>Eine Zementierung des Geschlechterverhältnisses von 50:50 in der Politik wird uns, wie oben gezeigt, im wahrsten Sinne des Wortes nicht gerecht und fördert das Patriarchat. Der sich am Gerechtigkeitsgefühl orientierende Konsens hätte mittelfristig fatale Folgen, würde sich der wachsenden Männerzahl anpassen und die Politik würde immer männerlastiger und damit auch immer patriarchaler. Das blüht uns Frauen, wenn die sogenannte Gerechtigkeit die Oberhand behält, statt das Patriarchat an seiner Wurzel (lat. <em>radix</em>) zu packen, d.h. echten <strong>radikalen Feminismus</strong> zu betreiben.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">14</sup>
Gäbe es kein Patriarchat, d.h. könnten Frauen ihre evolutionäre Female Choice frei ausüben, gäbe es weltweit nicht nur keine Überbevölkerung, sondern einen weit höheren Frauenanteil als 50%. Das monogame Paar aus Mann und Frau ist das patriarchale Konstrukt, das den biologischen Vater als Herrscher installiert und den vereinzelten Mann mit Zuwendung, Geborgenheit und Angehörigkeit versorgt. Das Konstrukt ist nachweislich dysfunktional, wogegen eine Population mit höherem Frauenanteil bzw. matrifokaler Lebensweise nachweislich stabil und in jeglicher Hinsicht gesund ist. Aus Fürsorge für die Bevölkerung, um das Patriarchat zurückzudrängen, müsste daher ein deutlich über 50%-Anteil Frauen in der Politik gefordert werden. Die Frauenquote, gefordert von Politikerinnen, war zumindest ein Schritt in diese Richtung. Aber hat das auch eine bessere Politik hervorgebracht? Insbesondere die Parteien, die eine Frauenquote eingeführt haben, sind inzwischen die Beweisführung angetreten. Die Koalitionen aus SPD, Grünen müssten demnach eine für Frauen und damit auch für die gesamte Bevölkerung entlastende Politik betreiben, und zwar nicht nur in Hinblick auf Teilhabe, sondern auf Finanzen, Gesundheit und Gewaltschutz. </p>
<p>Das Private ist politisch; kein Satz des Feminismus ist so bedeutsam. Der Soziologe Ulrich Beck schrieb dazu: &#8222;<em>Dass auch die Verhältnisse hinter den Mauern der Privatsphäre nicht immer in den traditionellen Mustern von Ehe und Familie, Männer- und Frauenrolle ablaufen müssen, hatte der historisch Kundige geahnt, musste aber erst durch Enttraditionalisierungen in das Wissen, mehr noch: in die Entscheidung hineingeholt werden. Dem Gesetzgeber steht weder das Recht noch die Möglichkeit offen, hier hineinzuregieren. Die &#8218;Nebenregierung der Privatheit&#8216; kann die Verhältnisse des Zusammenlebens ohne Gesetzesvorlage und Beschlußfassung hier und jetzt verändern und tut dies auch, wie die emporschnellenden, querliegenden, wechselnden Lebensverhältnisse verdeutlichen.</em>&#8222;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">15</sup> Eine Politik, die das Private in Ruhe lässt, ist also einerseits gut, denn so können sich Frauen das Patriarchat im Rahmen des ihnen Möglichen vom Halse halten, z.B. indem sie einfach keinen Mann ins Boot holen. Andererseits passieren gerade hinter verschlossenen Türen immer noch die schlimmsten Verbrechen an Mädchen und Frauen durch ihre Partner oder männlichen Verwandten.</p>
<p>Wir können heute sogar feststellen, dass das Private von der Politik mehr als je zuvor gesteuert wird, auch wenn lange die Forderung im Raum stand, dass die Politik sich herauszuhalten hat. Letzteres nützt vor allem Männern, das haben Feministinnen schon der ersten Stunde angemahnt und seitdem forderten sie das Wahlrecht, das Recht zur Berufstätigkeit, den Unterhalt für geschiedene Frauen, das Recht, ein Konto zu eröffnen, die Abschaffung der Vergewaltigung in der Ehe und allgemeinen Gewaltschutz. Zwar üben die meisten Ministerien direkten Einfluss auf Frauenleben aus, aber im Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) sowie dem Justizministerium wurden und werden die wesentlichen Gesetze gemacht. In diesen Ministerien wirkten in den letzten Jahrzehnten immer wieder Frauen und die Zahl der Ministerinnen war insgesamt noch nie so hoch wie in der Legislaturzeit der Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP. Es gab zwischenzeitlich sogar 4 Ministerpräsidentinnen, <em>Manuela Schwesig</em> (MV) und <em>Anke Rehlinger</em> (Saarland, nach <em>Annegret Kramp-Karrenbauer</em>), <em>Franziska Giffey</em> (Berlin, reg. Oberbürgermeisterin), wobei die vierte, <em>Malu Dreyer</em> (RlP) nach 11 Jahren zugunsten eines Mannes aus gesundheitlichen Gründen zurücktrat. Die bislang einzige Bundeskanzlerin <em>Angela Merkel</em> trat nach 16 Jahren amtsmüde zurück und wurde ebenfalls per Bundestagswahl durch einen Mann ersetzt. Mit der Bundestagswahl 2025 sitzt wieder ein Mann im Kanzleramt.</p>
<p>Was macht weibliche Politik eigentlich aus? Die FDP-Politikerin und ehemalige Justizministerin <strong>Sabine Leutheusser-Schnarrenberger</strong> meint, &#8222;<em>Frauen hätten möglicherweise eine andere Führungsweise als Männer, pflegten einen gewissen Teamgedanken und das &#8218;Verständnis für die Partizipation Vieler&#8216;. Aber natürlich wollten sie auch Macht ausüben und sähen das eben nicht mehr als etwas Negatives, sondern als Gestaltungsmöglichkeit, die sie genau wie die Männer nutzen wollten.</em>&#8222;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">16</sup>
<p>Und genau hier liegt das Problem, Frauen wollen einen Teil vom Kuchen, völlig zurecht, aber es ist ein vergifteter Kuchen. Das führt letztlich zu einem Dilemma. Alle Frauen, die keine politische Macht haben, sind männergesteuert, aber Frauen in der Politik sind es erst recht. Denn das Patriarchat bleibt ja bestehen, aber nun dürfen sie andere Frauen mitbestimmen, jedoch immer im Rahmen der patriarchalen Vorgaben. Sonst kämen sie gar nicht an die Macht, würden in ihrer Parteilaufbahn von Parteifreunden und -genossen ausgebremst. Jede Frau, die mit viel feministischem Idealismus in eine Partei eingetreten ist, ist nach Jahren nicht wieder zu erkennen. Dass Frauen jetzt Politik gegen Frauen machen, gehört nun untrennbar dazu. Frauen haben also mit der Emanzipation das Recht bekommen, Frauen zu verraten, und ihr Spielraum, für Frauen etwas zu verbessern, ist beinahe ungebrochen gering. <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2025/04/Gabriele-Uhlmann_Frauen-in-der-Politik-Eine-zielorientierte-Nestbeschmutzung.pdf">26 brisante Seiten WEITERLESEN als PDF</a></p>
<h2 id="literatur">LITERATUR</h2>
<ul id="liste2">
<li>Beck, Ulrich: Risikogesellschaft – Auf dem Weg in eine andere Moderne.  Frankfurt a. M. 1986. 23. Auflage. 2016</li>
<li>Broens, Selena: Radfem. Norderstedt 2022</li>
<li>DER SPIEGEL 7/94: Lila Frevel. Niedersachsens grüne Frauenministerin Waltraud<br />
Schoppe wird von der eigenen Partei demontiert. Online-Ressource vom 13.02.1994 auf <a href="https://www.spiegel.de/politik/lila-frevel-a-369a7cc7-0002-0001-0000-000013684359" rel="noopener" target="_blank">https://www.spiegel.de/politik/lila-frevel-a-369a7cc7-0002-0001-0000-000013684359</a></li>
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<li>Krapp, Claudia: Warum manche Familien nur Töchter haben &#8211; Neu entdeckte genetische Mutation erhöht die Chance auf eine Tochter. Aus: Scinexx vom 22. Oktober 2024. Online-Ressource auf <a href="https://www.scinexx.de/news/biowissen/warum-manche-familien-nur-toechter-haben/" rel="noopener" target="_blank">https://www.scinexx.de/news/biowissen/warum-manche-familien-nur-toechter-haben/</a></li>
<li>Kröning, Anna: Innenministerium verliert vor Gericht gegen Reichelt-Portal. Aus: Welt online vom 21.10.2024. Online-Ressource auf <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article254116956/Bundesinnenministerium-verliert-vor-Gericht-gegen-Reichelt-Portal.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.welt.de/politik/deutschland/article254116956/Bundesinnenministerium-verliert-vor-Gericht-gegen-Reichelt-Portal.html</a></li>
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<li>Neuerer, Dietmar; Delhaes, Daniel: Seehofer gibt Merkel Schuld an &#8222;gefährlichem Aufblühen der AfD&#8220;. Aus: Handelsblatt online vom 25.09.2024. Online-Ressource auf <a href="https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/afd-aufstieg-seehofer-gibt-merkel-schuld-an-gefaehrlichem-aufbluehen-der-afd/100072938.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/afd-aufstieg-seehofer-gibt-merkel-schuld-an-gefaehrlichem-aufbluehen-der-afd/100072938.html</a></li>
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<li>Schneider, Reto U.: Die künstliche Gebärmutter soll Frühgeborene retten. Sie könnte verändern, wie wir auf die Welt kommen. Aus: NZZ online vom 28.04.2023. Online-Ressource auf <a href="https://www.nzz.ch/folio/die-kuenstliche-gebaermutter-soll-fruehgeborene-retten-sie-koennte-veraendern-wie-wir-auf-die-welt-kommen-ld.1734460" rel="noopener" target="_blank">https://www.nzz.ch/folio/die-kuenstliche-gebaermutter-soll-fruehgeborene-retten-sie-koennte-veraendern-wie-wir-auf-die-welt-kommen-ld.1734460</a></li>
<li>ScienceVega 2024: Twice as many women buried in Panoría necropolis. Online-Ressource vom 30.9.2024 auf <a href="https://sciencevega.com/social-sciences-and-humanities/twice-as-many-women-buried-in-panoria-necropolis/" rel="noopener" target="_blank">https://sciencevega.com/social-sciences-and-humanities/twice-as-many-women-buried-in-panoria-necropolis/</a></li>
<li>Song, Siliang; Zhang, Jianzhi: In search of the genetic variants of human sex ratio at birth: was Fisher wrong about sex ratio evolution? Proc. R. Soc. B.29120241876 Online-Ressource auf: <a href="http://doi.org/10.1098/rspb.2024.1876" rel="noopener" target="_blank">http://doi.org/10.1098/rspb.2024.1876</a></li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Zum 25-jährigen Jubiläum des grünen Müttermanifestes. Online-Ressource auf <a href="https://braunschweig-spiegel.de/zum-25-jaehrigen-jubilaeum-des-gruenen-muettermanifestes/" rel="noopener" target="_blank">https://braunschweig-spiegel.de/zum-25-jaehrigen-jubilaeum-des-gruenen-muettermanifestes/</a> vom 16.10.2011</li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Archäologie und Macht, Norderstedt 2012</li>
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<li>Uhlmann, Gabriele: Pechmarie – Warum wir die Faulheit der Mädchen zum Überleben brauchen. 14.12.12017. Online-Ressource auf <a href="https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2017/12/14/pechmarie-warum-wir-die-faulheit-der-maedchen-zum-ueberleben-brauchen/" rel="noopener" target="_blank">https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2017/12/14/pechmarie-warum-wir-die-faulheit-der-maedchen-zum-ueberleben-brauchen/</a></li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Frauen – woher nehmen, wenn nicht stehlen? Über Frauenraub und seine historischen Grundlagen. Vortrag, gehalten am 3.11.2018 an der Freien Universität Berlin im Rahmen der Tagung „Frauenraub – Interdisziplinäre Tagung zum Frauenraub im Altertum“ vom 2.-3-11.2018. Online-Ressource mit Aktualisierungen auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/frauen-woher-nehmen-wenn-nicht-stehlen" rel="noopener" target="_blank">https://blog.gabriele-uhlmann.de/frauen-woher-nehmen-wenn-nicht-stehlen</a></li>
<li>Uhlmann, Gabriele: 2030 – Die sog. Künstliche Gebärmutter. Online-Ressource auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/die-sog-kuenstliche-gebaermutter?tab=Bevoelkerungspolitik-und-Menschenproduktion" rel="noopener" target="_blank">https://blog.gabriele-uhlmann.de/die-sog-kuenstliche-gebaermutter?tab=Bevoelkerungspolitik-und-Menschenproduktion</a> vom 09.06.2021</li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Vom Matrifokal zum Matridurat – Der Unterschied zwischen freiem Leben und dem Überleben im Patriarchat. Online-Ressource vom 30.05.2024 auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/vom-matrifokal-zum-matridurat-der-unterschied-zwischen-freiem-leben-und-dem-ueberleben-im-patriarchat-auszuege-aus-dem-gleichnamigen-buchprojekt" target="_blank">https://blog.gabriele-uhlmann.de/vom-matrifokal-zum-matridurat-der-unterschied-zwischen-freiem-leben-und-dem-ueberleben-im-patriarchat-auszuege-aus-dem-gleichnamigen-buchprojekt</a></li>
<li>Welt 2021: &#8222;Islamismus ist keine Diskriminierung, das ist eine Terrororganisation, wenn Sie so wollen&#8220;. Online-Ressource: Welt Online vom 30.07.2021 <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article232824151/Saskia-Esken-Islamismus-ist-keine-Diskriminierung.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.welt.de/politik/deutschland/article232824151/Saskia-Esken-Islamismus-ist-keine-Diskriminierung.html</a></li>
<li>Welt 2024: &#8222;Eine der schlimmsten Folgen von Merkels Kurs ist das gefährliche Aufblühen der AfD&#8220;. Online-Ressource: Welt Online vom 25.09.2024. <a href="https://www.welt.de/politik/deutschland/article253688568/Seehofer-fordert-Merkel-zur-Selbstkritik-beim-Thema-Migration-auf.html" rel="noopener" target="_blank">https://www.welt.de/politik/deutschland/article253688568/Seehofer-fordert-Merkel-zur-Selbstkritik-beim-Thema-Migration-auf.html</a></li>
<li>Zeit 2016: Minister will Mütter zur Auskunft über leiblichen Vater verpflichten. Aus: Zeit online vom 29.08.2016 auf <a href="https://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-08/heiko-maas-kuckuckskinder-mutter-sexualpartner-auskunftspflicht" rel="noopener" target="_blank">https://www.zeit.de/politik/deutschland/2016-08/heiko-maas-kuckuckskinder-mutter-sexualpartner-auskunftspflicht</a></li>
</ul>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gertrude Guillaume-Schack (1845-1903), geb. Schack von Wittenau, war eine Aktivistin der zweiten Internationale, Frauenrechtlerin und Gründerin des Deutschen Kulturbundes.</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;NWVZ vom 15.3.1885, S. 2</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Privater Feminismus ist sicherlich so alt wie das Patriarchat. In der Französischen Revolution entwickelte sich erstmals eine Bewegung.</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Diese Zahlen erhob der amerikanische Ethnologe William Tulio Divale 1972 bei sog. Naturvölkern. Obwohl sie Populationen betreffen, die keine offene Manipulation der Reproduktion vornehmen, handelte es sich dennoch um Völker, in denen Ehen geschlossen werden, also patriarchalisierte Völker. Divale hatte die Prinzipien von Matrilinearität und Patrilinearität und deren Zustandekommen nicht durchstiegen, wie ich es bereits an anderer Stelle (Uhlmann 2012) ausgeführt habe. Die Zahlen können damit nicht den Anspruch erheben, das natürliche sekundäre Geschlechterverhältnis der Spezies Homo Sapiens widerzuspiegeln.</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sexuelle Selektion nach Darwin: vollständig freie Wahl des Sexualpartners durch die Weibchen. Siehe verlinkter Text.</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das Matrifokal bezeichnet &#8222;<em>ein real vorhandenes, naturgemäßes, dynamisches Habitat, das von Beginn des Menschseins als <strong>existenzsichernde Schutzsphäre</strong> für die Mütter und ihren Nachwuchs fungierte. In der Regel bestehend aus konsanguinen Angehörigen beiderlei Geschlechts innerhalb der frühen <strong>matrilinear und matrilokal</strong> sowie <strong>generationsübergreifend</strong> lebenden Menschengruppen. Was bedeutet: durch Geburt verwandte Menschen interagierten in ihrem Alltag in überschaubaren <strong>mutterbasierten</strong> und <strong>geschwisterbezogenen</strong> Fürsorge-Gruppen, in denen in der Regel <strong>jedes Individuum von der Geburt bis zum Tod, integriert und geborgen lebte</strong>.</em>&#8220; (Gogolin 2022)</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ich definiere das Matridurat als ein Matrifokal (vgl. Gogolin 2022), das vom Patriarchat umgeben und bedroht ist und sich erfolgreich, bewusst und resilient mit Regeln und/oder mittels Verteidigung gegen die patriarchale Einverleibung schützt.</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Uhlmann 2024</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. ScienceVega 2024</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Song/Zhang 2024</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Krapp 2024</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;In der Studie wird noch differenziert: &#8222;<em>In most dioecious species, especially mammals, the population-level sex ratio (fraction of males) at birth, or PSR, is approximately 0.5, meaning that roughly equal numbers of males and females are born in a population. This parity is commonly explained by Fisher’s principle, an idea that can be traced back to Charles Darwin, Carl Düsing and Ronald Fisher</em>&#8222;. (Song/Zhang 2024)</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eisler 2005, S. 233</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eine gute Begriffserklärung liefert Broens 2022.</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Beck 1986, S. 369 f</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. (Köhler 2018)</div><p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/frauen-in-der-politik-eine-zielorientierte-nestbeschmutzung">Frauen in der Politik? &#8211; Eine zielorientierte Nestbeschmutzung</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
		
		
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		<title>Apokalyptische Reiter reloaded – Warum Kulturen immer wieder untergehen und was das für die Gesellschaft bedeutet</title>
		<link>https://blog.gabriele-uhlmann.de/apokalyptische-reiter-warum-gehen-kulturen-immer-wieder-unter-und-was-bedeutet-das-fuer-die-gesellschaft</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 08 Jul 2024 15:41:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Analysen und Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Bandkeramik]]></category>
		<category><![CDATA[Bronzezeit]]></category>
		<category><![CDATA[Evolution]]></category>
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		<category><![CDATA[Matrifokalität]]></category>
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		<category><![CDATA[yamnaya]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Bild: Die vier Reiter der Apokalypse (Beatus-von-Osma-Codex, 11. Jahrhundert) von Martinus (Scribe-Petrus) &#8211; Archives de la Cathédrale, Gemeinfrei Gesellschaftlicher Zerfall als Phänomen Die Archäologie beobachtet schon seit Langem, dass...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/apokalyptische-reiter-warum-gehen-kulturen-immer-wieder-unter-und-was-bedeutet-das-fuer-die-gesellschaft">Apokalyptische Reiter reloaded – Warum Kulturen immer wieder untergehen und was das für die Gesellschaft bedeutet</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Bild: Die vier Reiter der Apokalypse (Beatus-von-Osma-Codex, 11. Jahrhundert) von Martinus (Scribe-Petrus) &#8211; Archives de la Cathédrale, <a href="https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=499335" target="_blank" rel="noopener">Gemeinfrei</a><br />
<img decoding="async" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/a00aea18be514d1ea55b8d7cae8b307b" alt="" width="1" height="1" /></p>
<h2 id="gesellschaftlicher-zerfall-als-phaenomen">Gesellschaftlicher Zerfall als Phänomen</h2>
<p>Die Archäologie beobachtet schon seit Langem, dass sich in Europa ab einem gewissen Zeitpunkt in der Jungsteinzeit immer neue Kulturen quasi die Klinke in die Hand gaben. Kaum war eine neue Kultur entstanden, verschwand sie auch schon wieder. Bandkeramik, Hinkelstein Kultur, Groß Gartacher Kultur, Rössener Kultur, Michelsberger Kultur etc., sie alle entstanden und verschwanden in Zeitrahmen von nur wenigen hundert Jahren. Wo die Menschen geblieben sind, war lange ein Rätsel und Gegenstand von Spekulationen, bis die Genetik zeigen konnte, dass manche Kulturen tatsächlich spurlos verschwanden, andere dagegen in neuen Kulturen aufgingen, also assimiliert wurden.</p>
<p>Der Kultur-Begriff muss dabei kurz erklärt werden. Mit z. B. der Rössener Kultur ist eine prähistorische Gemeinschaft gemeint, die eine für sie typische materielle Ausprägung zeigt. So angewendet dient der Kultur-Begriff lediglich zur Unterscheidung von Gemeinschaften über Raum und Zeit, sagt aber noch nichts über das Wesen ihrer Sozialordnungen aus. Im Folgenden gebrauche ich den schwer definierbaren Kultur-Begriff &#8211; um den Rahmen nicht zu sprengen &#8211; als die Gesamtheit des tradierten Schaffens, Erfindens, Denkens und Verhaltens, die sog. <a href="https://openevo.eva.mpg.de/teachingbase/kumulative-kultur/?lang=de" target="_blank" rel="noopener">kumulative Kultur</a>.<br />
Im medialen Sprachgebrauch wird eher nicht vom Zusammenbruch von Kulturen gesprochen, sondern von Gesellschaften, womit meist Vorstellungen von Gesellschaft verbunden sind, wie wir sie leben. Der „Untergang der Gesellschaft“ ist zudem ein Schreckgespenst, das gerne an die Wand gemalt wird. Daher müssen wir uns dieses Wort ebenfalls genauer ansehen. Eine Gesellschaft ist entgegen dem Sprachgebrauch keine natürliche Sozialordnung, sondern immer von Männern gewaltsam hergestellt und aufrechterhalten. Dabei haben sie eine spezifische Kultur hervorgebracht, die nur im Patriarchat denkbar ist. Deshalb ist die Gewalt untrennbarer Teil der patriarchalen Kultur, die eine Andro-Kultur<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">1</sup> ist. Einer Gesellschaft wird ihre Beschreibung allein über materielle Güter nicht mehr gerecht. In jeden Gegenstand kann nun potentiell auch eine höhere Bedeutung hineininterpretiert werden. Bis heute wird Gewalt und Gewaltverhalten kultiviert, was sich meist auch an den Gütern spiegelt. Kriegswaffenfunde bei einer archäologischen Grabung müssen in patriarchale Zeit datiert werden, wobei der regionale Ursprung der Waffe wie bei jedem anderen Einzelfund genauer untersucht werden muss. Bei z.B. dem Fund eines harmlosen Plastikeimers können wir darüber nachdenken, was alles geschehen musste, bis die Kultur in der Lage war, ihn herzustellen. Entsprechend muss hier auch mit einer immateriellen Gewalt-Kultur gerechnet werden. Findet sich aber ein solcher Eimer in einem bis dahin unkontaktierten Volk, muss das kein Beweis für eine Gewalt-Kultur sein.<br />
Das globale Patriarchat, auch „die Gesellschaft“ genannt, setzt sich aus vielen Einzel-Gesellschaften zusammen, die auf Stämme mit Stammvätern zurückgehen, und die jede für sich zerfallen kann, ohne dass das Patriarchat bedroht wäre. Solange irgendwo Patriarchat, sprich ein „böser Nachbar“ zu finden ist, werden Gesellschaften zerfallen und neu entstehen, weil das Patriarchat aufgrund seiner Überbevölkerung expansiv ist und jeden verwaisten Landstrich wiederbesetzt, allen Überlebenden eine neue Herrschaft überstülpt. Dabei verändert sich die materielle Kultur und die Regierung wechselt, aber aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit werden die Menschen schnell wieder zur Normalität zurückfinden. Dafür arbeitet wiederum ihr privates Patriarchat, denn es gilt: Das Private ist das Politische. Daher ist das Szenario eines Untergangs der Gesellschaft ein Phantom, solange nicht die Gemeinschaft der Unterdrückten dieser Welt erkennt, dass ihre private Lebensweise das Problem ist.<br />
Zerfällt eine bestimmte Gesellschaft, zerfällt auch ihre Kultur, und ohne die Kulturträger, die Menschen, ist alles nur noch ein archäologischer Fund. Es ist aber auch umgekehrt so, dass der Zusammenbruch einer Kultur sofort den Zusammenbruch einer Einzel-Gesellschaft nach sich zieht, die sie hervorgebracht hat, weil eine bestimmte Gesellschaft auch eine bestimmte Kultur mit einer entsprechenden Ideologie braucht, ohne die sich ihre Mitglieder in schwere Auseinandersetzungen verwickeln. Je mehr kulturelle Optionen vorhanden sind, desto größer auch die Meinungsvielfalt, die ohne sanktionierte Debattenkultur oder Unterdrückung anderer Meinungen zum Bürgerkrieg führt. Gemeint ist eigentlich immer die Frage, wie wir ein gutes Leben hinkriegen, und da unterscheiden sich im Patriarchat insbesondere Männer und Frauen fundamental. Auch Männer können sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen, dann aber geht es den Frauen noch schlechter. Die gewaltgeprägte Andro-Kultur ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält, so paradox das klingt. Daher wird es trotz aller gutgemeinter Appelle kein Patriarchat ohne Gewalt gegen Frauen geben.<br />
Der Zusammenbruch „der Gesellschaft“ ist daher genaugenommen eine Befreiung vom Patriarchat, jedoch nur wenn dabei auch das Patriarchat aus den Köpfen verschwindet. Eine vorherige Aufklärungsbewegung erweist sich dann überlebenswichtig für die gesamte Menschheit, die Idee muss schon irgendwo <em>in petto</em> sein. Wie bereits an anderer Stelle ausgeführt, ist die Gesellschaft immer ein patriarchales, also auch hierarchisches System. Eine Andro-Kultur bringt daher auch Güter hervor, die diese Hierarchie (übersetzt „heilige Herrschaft“) nicht nur ausdrücken, sondern ihr huldigen bzw. als heilsbringend verklären. In einer akut zu zerfallen drohenden Gesellschaft wird stets auch der Ruf nach einem Heilsbringer laut. Personenkult und die Radikalisierung der religiösen Weltanschauung oder gar die Entstehung von Ersatz-Religion gehören dazu. Beide, eine Gesellschaft und ihre Andro-Kultur bedingen sich gegenseitig. Die Frage ist, ob sie aufgrund interner Probleme quasi implodiert ist, oder ob sie durch Angreifer zerstört wird.</p>
<p>Dagegen braucht unser angeborenes Sozialverhalten, die Matrifokalität, keinen kulturellen Kitt, sondern ist egalitär und friedlich und bringt Kulturtechniken hervor, die das Leben erleichtern und den Nachwuchs in jeder Hinsicht fördern und erhalten, weshalb sie an die nächste Generation weitergegeben werden. Daher müssen z.B. über einen langen Zeitraum gleichartige Gefäße oder Werkzeuge nicht bedeuten, dass ihre Ausformung die gelebte Identität der Menschen ausdrückt, sondern können auch einfach bedeuten, dass der Gegenstand optimiert war. Selbst grafische Muster können sich ohne höheren Sinn so über einen langen Zeitraum wiederholen. Ähnlich wie die Sprache verändern sich die Dinge dennoch, weil kein Mensch immer alles genau so machen kann wie ein Vorfahr. Die sich wandelnden naturräumlichen Bedingungen beeinflussen ebenfalls quasi evolutionär die Ausgestaltung von Gegenständen. Im Matrifokal wird der Wandel nicht forciert oder nur herbeigesehnt, sondern er passiert und die Menschen passen sich unbewusst an. Entsprechend verändert sich auch Erinnerung und ihre erzählte Geschichte. Die Sozialordnung des Matrifokals ist äußerst stabil und sie war über 3 Millionen Jahre Menschheitsentwicklung die optimale Lebensweise. Sie ist von innen nicht bedroht, solange sich die Menschen nicht blindlings von einer Technologie abhängig machen, die konstante naturräumliche Bedingungen voraussetzt.</p>
<h2 id="gewalt-andro-kultur">Die Gewalt als Voraussetzung von Gesellschaft und Andro-Kultur</h2>
<p>Jede Gesellschaft wird von archäologisch oder gegenwärtig unsichtbarer Gewalt zusammengehalten: von Ideologie und entsprechender häuslicher Gewalt, deren Existenz nur durch empirischen Vergleich rückgeschlossen werden kann. Das Patriarchat baut auf Gewalt gegen seine eigenen Mitglieder, zuerst gegen die Frauen, auf, es ist der sprichwörtliche falsche Film.<br />
Innerhalb eines Patriarchats sind nicht alle gleich, insbesondere werden die Frauen, die durchaus Raum gewinnen können, wenn sie sich zusammentun oder Einfluss haben und Forderungen stellen, immer wieder mehr oder weniger subtil auf ihre Plätze verwiesen. Dann haben wir es mit einem sogenannten Backlash (engl. für „Rückschlag“). Die Zukunftsforscherin Riane Eisler hat erkannt, dass jedem Krieg eine Welle der Frauenfeindlichkeit vorausging.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">2</sup> In den Nachkriegsjahrzehnten kommen die Menschen zur Besinnung, und erkennen, dass ein Krieg niemals die Lösung aller Probleme ist, um &#8211; zu vorgerückter Stunde &#8211; wieder zur patriarchalen Tagesordnung zurückzukehren. Der nächste Krieg ist damit vorprogrammiert.<br />
Zur inneren Gewalt einer Gesellschaft tritt, wenn sie nicht bald zur Auslöschung führt, immer wieder auch äußere Gewalt durch benachbarte Gesellschaften hinzu, die zweierlei Wirkungen auf die bedrohte Gesellschaft haben kann. Einerseits kann ein gemeinsamer Feind, ein Angreifer, zusammenschweißen, andererseits können sich zwei Lager bilden, von denen sich das eine tendenziell unterwerfen will, während das andere versucht, sich zu wehren, wenn alle Diplomatie zu versagen droht, mit oder ohne Erfolg. Despoten setzen gerne auf die Propaganda des Zusammenhalts, während Demokratien dazu neigen, sich darüber zu zerstreiten, wovon dann die innere Gewalt angeheizt wird. So kann ein Feind allein durch seine Drohungen eine Gesellschaft von innen zermürben. Wir erleben das gerade. Die Spirale der Gewalt, die durch gleich starke, verfeindete Gesellschaften angekurbelt wird, schweißt auch Demokratien im Innern eher zusammen, es sei denn eine starke Gruppe mahnt zum Abrüsten und löst damit eine Debatte aus.</p>
<p><strong>Eine Gesellschaft ist zwar nicht angelegt, um zu zerfallen, ganz im Gegenteil, aber sie kann nur so angelegt werden, dass sie zerfallen muss, früher oder später, weil gleich drei Faktoren gegen sie arbeiten: unser matrifokales Erbe, die innere Gewalt und die feindlichen Gesellschaften.</strong> Aus der Arbeit gegen den Zerfall ziehen im Übrigen wenige Privilegierte innerhalb der Gesellschaft Profit, nicht nur Politiker und Konzerne, sondern auch Kirchenfürsten und Militärs. Honig wird schon allein aus der Warnung vor dem Untergang gesaugt, wobei völlig andere Ziele durchgesetzt werden sollen.<br />
Der endgültige Niedergang einer Gesellschaft ist immer mit vielen Toten verbunden, denn große patriarchalisierte Menschengruppen ringen gegeneinander ums Überleben, statt zu kooperieren. Das gefürchtete Chaos, das Faustrecht bricht aus. Aber es ist äußerst selten, dass niemand übrigbleibt. Die Überlebenden werden in der Regel ihre Andro-Kultur zu restaurieren versuchen. Es braucht aber schon ein starkes ideologisches Umdenken, um etwas Neues zu probieren, um nicht wieder an denselben Fehlern unterzugehen. Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg ist dafür ein Beispiel. Man bemühte sich, die alten sozialen Probleme zu bekämpfen, indem der billige Wohnungsbau vorangetrieben wurde, &#8211; wovon wenige Männer reich geworden sind -, viele dieser Bauten machen heute Probleme oder mussten schon wieder abgerissen werden -, und man machte den Fehler der autogerechten Stadt. Nicht das führt zum nächsten Untergang, aber er ist bereits vorprogrammiert, weil das Patriarchat mit dem 2. Weltkrieg nicht mituntergegangen ist und seine modernen Strömungen schon wieder zerstritten sind.</p>
<h2 id="zahlen-statt-meinung">Zahlen statt Meinung – die Auswirkungen von Gewalt und Klima</h2>
<p>Die Offenbarung des Johannes machte die vier apokalypischen Reiter als die Geißel der Menschheit aus. Der erste Reiter stand für Siegeslust und Gerechtigkeit, der zweite für Krieg, der dritte für Tod und Hunger, und der vierte für Angst und Krankheit.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">3</sup> Mit Katastrophen war immer auch der Gedanke der göttlichen Reinigung verbunden, sie wurden durchaus auch als etwas Positives gesehen. Dies steht in der babylonischen Tradition des Atra-Hasis-Mythos, Vorläufer der Sintflut-Geschichte, wo Heimsuchungen als Begrenzung der Überbevölkerung durch die Götter verstanden wurden.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">4</sup>
In der jüngeren Vergangenheit gab es so manche spekulative Meinung, woran der schnelle Wechsel der jungsteinzeitlichen Kulturen liegen könnte, bis die Archäologie begann, das Phänomen des Zerfalls mit naturwissenschaftlichen und mathematischen Methoden eingehend zu untersuchen. In Deutschland federführend bei der Erforschung der Entwicklung ist der Prähistoriker und Paläoklimatologe Detlef Gronenborn, der im Jahre 2011 einen signifikanten Zusammenhang zwischen Klimaeinbrüchen und Migration entdeckt hat.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">5</sup> Diese Studie habe ich vor einigen Jahren mit den Spuren der Entstehung des Patriarchats in Verbindung gebracht und konnte zeigen, dass der Beginn des Patriarchats nicht einfach mit dem Beginn der Landwirtschaft identisch ist, wie es vielfach behauptet wird, sondern ca. 3000 Jahre dazwischen liegen.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">6</sup> Die Archäologie und die Archäogenetik konnten beweisen, dass die sog. Misox-Schwankung vor 8200 Jahren eine bis dahin beispiellose Migration auslöste. Aus dem gleichen Zeitraum finden sich erste Spuren von Kriegen und patrilokaler Lebensweise. Es war aber das Patriarchat selbst, das die völlig neue Dynamik aus Entstehung und Verfall von Kulturen im Gang hielt und eine Kette weiterer Migrationen &#8211; wir können auch sagen &#8211; Feldzügen nach sich zog. Es gab seitdem auch immer wieder Klimakrisen, die jedoch nur noch geringen Einfluss auf die Vorgänge hatten, denn nun war die Ideologie des Patriarchats der Motor, also geistige Gewalt, die andere Gewaltformen impliziert. Nicht das Klima allein kann für Gewalt und Untergang verantwortlich gemacht werden, es war lediglich die Initialzündung eines Prozesses, der zum Selbstläufer wurde. Es hat nun allenfalls verstärkende Wirkung.<br />
Wesentlich dabei war, dass das Patriarchat an die Viehzucht geknüpft ist, die als Reaktion auf die Hungersnot zur Zeit der Misox-Schwankung in der südrussischen Steppe erfunden wurde, und die in sich nomadisch statt sesshaft angelegt war. Das enorme Wachstum der Herden erforderte die Migration der Hirten und ihres Besitzes, und solange die sesshafte Stallhaltung mit Zuchtaustausch bzw. die teilsesshafte Transhumanz noch nicht eingeführt war, führte das an den Stammesgrenzen zu den ersten Kriegen. Die Unterdrückung der Sexualität der Frau &#8211; also Menschenzucht &#8211; und die einseitige Ernährung mit gezüchtetem Fleisch führte zu einer nie dagewesenen Überbevölkerung, wobei männliche Kinder bevorzugt wurden. Aus den überzähligen Männern generierte sich eine gewaltbereite, patriarchatsideologisch gefestigte Kriegerkaste, die zum Selbstzweck immer wieder gen Westen oder weiter nach Osten strebte. Dieser archäologisch-kulturhistorische Ansatz, der insbesondere von der Archäologin Marija Gimbutas ausformuliert wurde &#8211; als sog. Kurgan-These – ist inzwischen auf breiter Basis anerkannt und erfährt seit Jahren durch immer neue Studien weitere Bestätigung.</p>
<p>Darüber, was Kulturen oder Gesellschaften zum Zusammenbruch bringt, wurde wie angedeutet lange mit empirisch-logischen Kausalketten diskutiert. Dabei waren vor allem zwei Argumente wesentlich, gesellschaftliche Konflikte und das Klima. Die Klima-These wurde dabei immer beliebter, ja Konsens, und sie bedient mittlerweile die aktuelle Politik, geht doch die Angst um, dass der Klimawandel nicht nur Katastrophen, sondern auch eine unbeherrschbare Migrationswelle auslöst. Das vorindustrielle Klima eignet sich hervorragend, die Verantwortung auf die böse Natur zu schieben.<br />
Jedoch seit Mitte 2023 liegen Computer-Modelle vor, mit denen die Stichhaltigkeit der Argumente überprüft wurden. Ein interdisziplinäres Team unter der Leitung des russisch-US-amerikanischen Biologen, Komplexitätsforschers und Sozialwissenschaftlers Peter Turchin, dem wieder Detlef Gronenborn angehört, untersuchte die dabei simulierten Bevölkerungsdynamiken über die letzten 9000 Jahre, die, einmal angeworfen, von Kreisläufen aus boomen Kulturen und deren Zusammenbrüchen gekennzeichnet ist.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">7</sup>
Zwar wurde das Ergebnis dieser Studie sofort in einem der wichtigsten Fachmagazine publiziert, eine breitere Öffentlichkeit erfuhr aber erst ein halbes Jahr später davon, vielleicht, weil es zu unwichtig oder unspektakulär erschien. Anfang 2024 meldete die „Archäologie in Deutschland“: „<em>Eine Metastudie soll zeigen, dass der Zusammenbruch vergangener Kulturen hauptsächlich mit dem Verfall von gesellschaftlichem Zusammenhalt einhergeht.</em>“<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">8</sup> Bei einer solchen Tautologie sollte es kein Wunder sein, dass die Resonanz mäßig bis gering ausfällt. Wer jetzt wenigstens erheitert weiterliest, verpasst nicht Detlef Gronenborns Auskunft, dass die Auswirkungen klimabedingter und gesellschaftlicher Faktoren in einer Simulation überprüft wurden.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">9</sup> Das hat meine Aufmerksamkeit endgültig erregt, denn ich kannte ja längst seine ältere Studie. Sollte er sich nun selbst widersprechen? Mitnichten! Die Studie bestätigt sogar seine älteren Ergebnisse, und sie ist es wert, näher angeschaut zu werden. Sie zeigt, dass der <em>Impact</em> von Klima und Gewalt (die er oben als „gesellschaftlicher Faktor“ verklausuliert hat) auf eine Gesellschaft unterschiedlich schnell abflaut. Das Klima kann eine ankurbelnde Wirkung auf die Gewalt haben, muss aber nicht. Während nach einer Klimakrise relativ bald alle Schäden an Gütern und Leben kompensiert sind und wieder Ruhe einkehren kann, wirft die Gewalt, sofern sie stattfindet, dann selbst einen Motor an. Ob Gewalt ins Spiel kommt, hängt davon ab, wie abhängig die Menschen zuvor von ihren Technologien geworden waren.<br />
Die Blaupause dafür sind die Vorgänge während und nach der Misox-Schwankung. Während die noch wildbeuterisch lebenden Männer Mitteleuropas auf die Misox-Schwankung adaptiv reagierten und nicht gewalttätig gegen die Frauen und sich selbst wurden, haben die überlebenden, ehemals matrifokalen, nun aber mutterlosen anatolischen Bauern die Kühe aus dem ehemaligen Gesamthandseigentum in die Steppe getrieben, wo sie sie erstmals der Zucht unterwarfen. Analog entführten diese verrohten Männer auch überlebende Frauen und die indigenen Frauen der Steppe und vergewaltigten sie. Als sich die so entstandene sog. Sredny-Stog-Kultur etabliert hatte und begann sich auszubreiten, stieß sie im heutigen Nord-Kasachstan auf die indigene, sesshafte Botai-Kultur und deren Pferdebesitz. Die Botai, die keine Pferdezucht, sondern Pferdehaltung betrieben, um leichter an das Fleisch und die Milch zu gelangen, lebten noch matrifokal. Nachdem die Sredny-Stog-Männer sich deren Wissen, wie ein Pferd zu zähmen und zu reiten sei, angeeignet hatten, endete der „Kontakt“ mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem Massaker an den Botai. Sie wurden demnach von diesen ersten Patriarchen ausgelöscht, jedoch ohne dass die Botai-Frauen das überlebt hätten. Ich vermute, dass die Botai-Frauen, die auf einem Pferd reiten konnten, leicht hätten aus ihrer Gefangenschaft fliehen können und das Wissen auch ihren Töchtern verraten hätten. Das musste künftig verhindert werden, wie später lange Zeit den Saudi-Arabischen Frauen das Autofahren nicht gelehrt werden durfte.</p>
<p>Zu Pferde wurde schließlich die gesamte Welt patriarchalisiert, heute können Drohnen den auch für Männer nicht ungefährlichen Job der Vorväter übernehmen. Der Motor der Gewalt kommt erst zum Stillstand, wenn der letzte Kraftstoff verbraucht ist, das letzte Pulver verschossen wurde. Der totale Ressourcen-Verbrauch, aber auch die Dynamik des „Auge um Auge“-Prinzips bilden sich daran trefflich ab. Die Ideologie, die systemische und häusliche Gewalt gegen Frauen bleiben dabei aber unsichtbar. Der letzte Mann wird kinderlos bleiben, ob er sich neuerdings als Frau identifiziert oder nicht. Ohne das Wissen um die Patriarchalisierung und das gewaltsame Wesen aller Gesellschaften ist das Ergebnis der Studie nicht zu verstehen. Wenn das Patriarchat erst einmal ins Rollen geraten ist, ist es praktisch fast nicht mehr zu stoppen, auch wenn sich das Klima wieder bessert, bzw. auch gerade dann, denn günstiges Wetter fördert auch den Wohlstand, es liefert Brot und animiert zu Spielen, verhindert also Revolutionen, und ändert nichts an der Ideologie und häuslichen Gewalt. Aber dieser Umstand taucht nirgendwo auf, wenn es um dieses Thema geht. Es darf alles sein, alles wird in Erwägung gezogen, nur nicht, dass die Herrschaft der Väter, das Patriarchat, Schuld ist an seinen Untergängen.</p>
<h2 id="ersatzmann-schwarzer-tod">Ersatzmann Schwarzer Tod</h2>
<p>In der Zeit ab 5550 Jahren vor heute wurden in ganz Europa Gebiete von Angehörigen der Jamnaja-Kultur aus der Steppe Südrusslands überfallen. Die Jamnaja waren die ersten Reiternomaden, hervorgegangen aus dem Sredny-Stog-Patriarchat. Der dänische Genetiker Eske Willerslev ist davon überzeugt, dass die Ausrottung von teils 90% der Bevölkerung nicht durch deren rohe Gewalt, sondern durch die Pest getötet und die Überlebenden so genetisch überformt worden seien. „<em>Die Pest machte uns zu dem, was wir Nordeuropäer sind</em>“, sagt er in einer Fernseh-Doku.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">10</sup> Die Jamnaja hätten nicht nur die Pest, sondern eine neue Sozialordnung eingeführt, die Kleinfamilie – hier fällt erwartungsgemäß nicht das nötige Wort Patriarchat.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">11</sup> Dazu sehen wir romantische Bilder einer lachenden Mutter, die ihren Kindern zu essen gibt. Zwar haben wir es hier mit nicht weniger als der Anerkennung der Patriarchalisierung zu tun, aber die Kleinfamilie wird auf diese Weise als positive Neuerung hingestellt. Denn die Familie, die auch unter den Jamnaja vielmehr eine Großfamilie im heutigen Sinne war, der Großväter ihren Namen geben, ist das Herrschaftsgebiet des <em>Pater familias</em> (lat. für Familienvater) und damit für das Vorpatriarchat ein unzulässiger Begriff. Vor dem Patriarchat gab es keine Familienstrukturen irgendwelcher Art, sondern ausschließlich <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/vom-matrifokal-zum-matridurat-der-unterschied-zwischen-freiem-leben-und-dem-ueberleben-im-patriarchat-auszuege-aus-dem-gleichnamigen-buchprojekt" target="_blank" rel="noopener">Matrifokale</a>. Auch der Paläogenetiker Johannes Krause meint in der Doku, dass allein durch Krieg nicht so viele Menschen sterben könnten wie durch die Pest.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">12</sup> Die neue Gewalt gegen die Frauen zeigt dagegen ganz klar: das war keine friedliche Migration, sondern ein klassischer Eroberungsfeldzug mit den ihn begleitenden Vergewaltigungen. Auf die beiden &#8222;Mitbringsel&#8220; der Jamnaja hätten die Frauen gerne verzichtet. Aber es soll so aussehen: „war ja nicht alles schlecht“ unter den Jamnaja!</p>
<p>Mit dem Beginn des Patriarchats lebten deutlich weniger Menschen, es gab keinerlei Gesetze oder Moraltheologie, die die Kriegsopfer vor der Gewalt der Invasoren geschützt hätten, und die Jamnaja-Leute waren, anders als die Opfer, zu Pferde unterwegs, eine militärische Überlegenheit, die bis zur Atombombe nie wieder erreicht wurde. Dass die Jamnaja mit einer gewissen Resistenz gegen die Pest die Indigenen dann einfach aufgrund ihrer Anzahl genetisch dominierten haben sollen, blendet die unliebsame sexuelle Konkurrenz durch die indigenen Männer völlig aus. Besonders eindeutig ist da der archäogenetische Befund aus Spanien, wo vor 4500 Jahren die Hälfte der Bevölkerung durch Abkömmlinge der Jamnaja, die Glockenbecher-Leute, getötet wurde. Wenn es die Pest war, die sie tötete, warum blieben dann dort die indigenen Frauen am Leben, während die Männer umkamen? Mit Leichtigkeit hätte noch die weibliche Hälfte der Bevölkerung ausgerottet werden können, aber das haben weder die Steppenkrieger noch die Pest getan.</p>
<p>Eine Studie eines norwegischen Teams aus 2015 ergab, dass sich das Pest-Bakterium <em>Yersinia pestis</em> niemals in Europa festsetzte, sondern vor jeder Pestwelle stets aus der Steppe importiert wurde.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">13</sup> Dafür verantwortlich war ein ungünstiges Klima in der Steppe Zentralasiens:</p>
<blockquote><p>&#8222;Es ist bereits bekannt, dass Klimaeffekte zu einem Ausbruch der Pest aus schlummernden Reservoirs führen können. Kommt es zu einem besonders warmen Frühling und feuchten Sommer, können sich Nagetierpopulationen besonders stark vermehren – und mit ihnen auch ihre Flöhe, in denen die Pesterreger leben. Werden die Bedingungen anschließend wieder schlechter für die Nager, geht ihr Bestand zurück – der ihrer Flöhe aber nicht analog: Die Parasiten suchen deshalb nach Alternativen. So nehmen die hungrigen Rattenflöhe auch Vorlieb mit dem Menschen – und das Unheil nimmt seinen Lauf.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">14</sup></blockquote>
<p>Die Bevölkerungen wurden von der Pest nie vollständig dahingerafft, sondern erholten und vermehrten sich wieder. Für eine Ausrottung von 90% der Menschen in einer Region ist nicht allein die klimaabhängige Pest verantwortlich, wie es Johannes Krause glaubt. Im Gegenteil, allein Gewalt kann solche Zahlen erklären. Das bestätigt auch die neue Studie unter Peter Turchin.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">15</sup> Selbst modellhaft sollte sich die Theorie von den Epidemien, die ganze Gesellschaften auslöschen, nicht beweisen lassen. Die Studie erwähnt das am Rande. Die Forscher gehen davon aus, dass Epidemien vergleichbar dem Klima nur einen kurzfristigen Effekt nach sich ziehen.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">16</sup> Die Pest muss als Ursache für die Ausrottung ganzer Kulturen ausgeschlossen werden. Auch die vollständige Ausrottung der Botai, über die wir in der o.g. Doku erfahren, die als Indigene längst immun gegen die Pest waren, kann nicht mit der Pest erklärt werden. Das Urbild der Apokalypischen Reiter waren niemand anderes als die Jamnaja-Reiter, aber nicht unabsichtlich, wie es in der o.g. Doku kolportiert wird.</p>
<h2 id="denkverbot-schuld-des-patriarchats">Das Denkverbot über die Schuld des Patriarchats, der Urväter und ihrer männlichen Erben</h2>
<p>Die Pest lenkt mit den gruseligen Vorstellungen, die mit ihr verbunden sind, von der Gewaltbereitschaft der frühen Patriarchen ab, wie generell darüber ein Denkverbot ausgesprochen wird, so auch im EU-Bericht über die bereits erwähnte Studie, nach der auf der iberischen Halbinsel vor 4500 Jahren alle indigenen Männer umkamen:<br />
&#8222;<em>Der beste Beweis dafür sind die Überreste eines Mannes und einer Frau, die in der Bronzezeit zusammen an einem Ort in Spanien begraben wurden. Die Daten zeigen, dass die Frau eine Einheimische war und die jüngsten Vorfahren des Mannes aus Mitteleuropa stammten. &#8218;Es wäre ein Fehler, zu der Schlussfolgerung zu gelangen, dass die iberischen Männer getötet oder gewaltsam vertrieben wurden&#8220;, so Dr. Olalde gegenüber der ‚BBC‘. ‚Die archäologischen Befunde liefern keine eindeutigen Hinweise auf einen Gewaltausbruch in dieser Zeit.‘</em>&#8222;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">17</sup>
Nein, es ist kein „Fehler“, es ist sogar notwendig. Aus der Forensik ist hinlänglich bekannt, dass einem Leichnam nicht unbedingt die Gewalt anzusehen ist, die zum Tod geführt hat. Wirft man einen Leichnam sogar den Tieren zum Fraß vor, bleibt oft noch weniger übrig als z.B. bei einer Kremation. Wären die Männer als Sklaven in die Steppe verschleppt worden, wäre ebenfalls nichts von ihnen zurückgeblieben. Es dürften sich dennoch in der Zukunft klare Beweise zeigen, dass ihnen tötliche Gewalt angetan wurde, wo und wie auch immer. Iñigo Olalde von der Harvard Medical School, Hauptautor der Studie, blendet das vollständig aus: &#8222;<em>Dies ist einer der stärksten Beweise für die sexuelle Selektion in der Vorgeschichte auf dem Gebiet der Erforschung alter DNA</em>.&#8220;<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">18</sup> Die Gewalt gegen die Frauen, die sich den Eroberern verweigerten, interessiert den Autor gar nicht. Er will glauben machen, dass die Jamnaja in friedlicher Absicht nach Spanien kamen. Warum waren sie dann bis an die Zähne bewaffnet und warum starben nur die Männer? Mit seinem evolutionistischen Argument bedient er sich der Instrumentalisierung der <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice" target="_blank" rel="noopener">Female Choice</a>, der wahren Sexuellen Selektion. Das hat nicht nur das Potential, noch die Mörder in ein gutes Licht tauchen und die Frauen in ein schlechtes, sondern ist vor dem Hintergrund des Patriarchats, das eine „Male Choice“ gewaltsam herstellt, vollständig abzulehnen. Denn mit seiner Ideologie der Patrilinearität, welche die Female Choice unterdrücken muss und dafür gewaltsam Patrilokalität herstellt, praktiziert das von Viehzüchter-Mentalität geprägte Patriarchat gleichsam Menschenzucht, die die natürliche Evolution auszuschalten sucht. Unabhängig davon ist mehr als unwahrscheinlich, dass indigene Männer, die sich nicht mehr fortpflanzen durften, schadlos davonkamen. Der „indigene INCEL“ ist im Übrigen ein moderner Mythos, der herangezogen wird, um die Gefahr für Frauen, die von heutigen, real existierenden INCELs ausgeht, mit Pornographie und Prostitution, also wieder auf Kosten der Frauen, einzudämmen.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">19</sup>
<h2 id="der-backlash-unserer-zeit">Der Backlash unserer Zeit</h2>
<p>Die Zukunfts- und Friedensforschung kann aus der Archäologie und der Archäogenetik jene Muster ableiten, die sich im Großen wie im Kleinen ständig wiederholen, schließlich ist wie erwähnt das Private das Politische. Demnach ist es nicht nur ein vages Gefühl &#8222;spätrömischer Dekadenz&#8220; oder eine Untergangsstimmung, was gerade viele beschleicht, sondern durchaus auch eine Art kollektiver Weisheit, die aus der Erfahrung der Jahrtausende schöpft, die älter ist als die Geschichte von der troianischen Seherin Kassandra oder der apokalypischen Reiter der Offenbarung des Johannes. Die &#8222;letzte Generation&#8220; dürfte aber noch lange nicht geboren sein.<br />
Jeder Backlash sollte als Zusammenbruch eines andro-kulturellen Fortschritts, ja einer Kultur im besten Sinne gesehen werden, er ist der Krieg gegen die Frauen, eine Unkultur. Ein Beispiel ist die Familienpolitik der letzten 50 Jahre in der Bundesrepublik, insbesondere die Behandlung geschiedener Frauen und Mütter.<sup class="modern-footnotes-footnote modern-footnotes-footnote--hover-on-desktop ">20</sup> Damit bedroht er auch unmittelbar die Gesellschaft, Männer selbst, Kinder wie Frauen. Frauen können sich auf ihren Errungenschaften nicht ausruhen, sondern müssen aufmerksam die Entwicklung beobachten, aufklären und weiterkämpfen, damit es nicht einen Schritt vorwärts und zwei zurück geht. Nichts bleibt selbstverständlich oder ist erledigt. Der aktuelle frauenfeindliche und antifeministische Backlash, der nach Riane Eisler einen baldigen Krieg als realistisch erscheinen lässt, wird gezielt von der Vaterrechtsbewegung, islamistischen und klerikalen Verbänden, NGOs und Medien, ja sogar aus dem Ausland lanciert, beworben und finanziert, während die demokratischen Parteien unter dem Druck dieser Lobbyisten Gesetze erlassen, die Frauen in prekäre Verhältnisse zwingen oder verhindern, dass sie sich befreien können. Verstärkt wird der Backlash noch, weil diese empörende Politik Teile der Bevölkerung dazu bringt, totalitäre Parteien zu unterstützen, die Abhilfe versprechen, ohne diese Versprechen halten zu wollen.<br />
Mittel und Zweck zugleich des Patriarchats ist die Ausbeutung der Frauenkörper zur Menschenproduktion, daher haben totalitäre Parteien eine rigide Familienpolitik, die Restauration der Ehe und Homophobie im Programm. In einem Backlash bilden sich in den demokratischen Parteien zunehmend totalitäre Tendenzen heraus, womit sich der Effekt selbst verstärkt, ein Beispiel ist die Trans-Propaganda für das Selbstbestimmungsgesetz und seine reale Umsetzung, die nicht nur offen gebärneidisch, stillneidisch und frauenfeindlich, sondern auch homophob ist. Nicht umsonst wird Homosexuellen im Iran „nahegelegt“, sich einer <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Transsexualit%C3%A4t_im_Iran" target="_blank" rel="noopener">Trans-OP</a> zu unterziehen.<br />
Zu einem Backlash gehört die Verrohung der Männer, denen Frauen- und Homorechte herzlich egal sind. Sie werden bei Gelegenheit nicht nur Belästigungen, Sexismus und Massenvergewaltigungen inszenieren, oder Femizide begehen, sondern auch die eigene Frau schlagen und vergewaltigen, damit sie nicht aufbegehrt. Die Heiratsindustrie und Romantikwelle des angehenden 3. Jahrtausends bildet die wieder zunehmende Ausbeutung der Frauenkörper in rosigen Bildern ab. Viele Stimmen fordern die Förderung der Prostitution, auch um INCELs zu befrieden, der Euphemismus der sog. Sexarbeiterin soll den Beruf normalisieren. Der Transhumanismus der libertären Bewegung fordert die Legalisierung der Leihmutterschaft und Eizellspende und <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/die-sog-kuenstliche-gebaermutter" target="_blank" rel="noopener">die sog. künstliche Gebärmutter</a>, womit Mütter überflüssig gemacht werden sollen.<br />
Eins ist gewiss, jedem Backlash folgt ein Zusammenbruch, dann eine Schockstarre, ein „das konnten wir doch nicht ahnen“, dann wieder ein Aufbegehren und ein Zurückgewinn an Lebensqualität, die überwiegend durch die Arbeit der Frauen und Mütter hergestellt wird. Es sind immer nur Frauen, die entsprechende Forderungen stellen, und es muss Männer geben, die das zulassen. Das Patriarchat bewegt sich in Sinuskurven. Gerade sind wir wieder ziemlich weit unten. Es ist die Frage, ob wir noch rechtzeitig die Kurve kriegen.</p>
<p>Gabriele Uhlmann im Juli 2024</p>
<p><strong>Update 10.09.2024:</strong><br />
Eine <a href="https://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/138-pest-hund" target="_blank" rel="noopener">neue Studie</a> bestätigt wieder, dass die Theorie, dass die Pest ganze Landstriche entvölkerte, nicht haltbar ist.</p>
<h2 id="literatur">LITERATUR</h2>
<ul id="liste2">
<li>AiD 1/2014: &#8222;Archäologie in Deutschland&#8220;, Heft 1/2024</li>
<li>Baudelaire, Claire: Die schrittweise Abschaffung der Freiheit. Online-Ressource des Mia e. V. vom 06.05.2018 auf <a href="https://die-mias.de/blog/2018/05/06/die-schrittweise-abschaffung-der-freiheit/" target="_blank" rel="noopener">https://die-mias.de/blog/2018/05/06/die-schrittweise-abschaffung-der-freiheit/</a> abgerufen am 06.07.2024</li>
<li>Eisler, Riane: Kelch und Schwert, Kelch &amp; Schwert &#8211; Unsere Geschichte, unsere Zukunft. Weibliches und männliches Prinzip in der Geschichte. Freiburg 1985, 2005</li>
<li>EK 2019: &#8222;Wissenschaft im Trend: Wie Massenmigration Spaniens DNA transformierte.&#8220; Online-Ressource der Europäischen Kommission vom 21.03.2019 abgerufen am 01.07.2024 auf <a href="https://cordis.europa.eu/article/id/124947-trending-science-how-mass-migration-transformed-spains-dna/de" target="_blank" rel="noopener">https://cordis.europa.eu/article/id/124947-trending-science-how-mass-migration-transformed-spains-dna/de</a></li>
<li>Gronenborn, Detlef: Klimainduzierte Umweltkrisen und ihre soziopolitischen Auswirkungen auf prähistorische Gesellschaften In: Daim, F.; Gronenborn, D.; Schreg, R. (hrsg.), Strategien zum Überleben. Umweltkrisen und ihre Bewältigung. RGZM Tagungen 11., 2011, S. 111-127. Online-Ressource auf <a href="https://www.researchgate.net/publication/230704707_Klimainduzierte_Umweltkrisen_und_ihre_soziopolitischen_Auswirkungen_auf_prahistorische_Gesellschaften" target="_blank" rel="noopener">https://www.researchgate.net/publication/230704707_Klimainduzierte_Umweltkrisen_und_ihre_soziopolitischen_Auswirkungen_auf_prahistorische_Gesellschaften</a></li>
<li>Kondor <em>et al.</em>: Explaining population booms and busts in Mid Holocene Europe. Online-Ressource auf https://www.nature.com/articles/s41598-023-35920-z vom 03.06.2023 abgerufen am 01.07.2024</li>
<li>Krause-Kyora, Ben: Jungsteinzeitliches Pestbakterium verursachte kein Massensterben. Online-Ressource auf <a href="https://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/138-pest-hund" target="_blank" rel="noopener">https://www.uni-kiel.de/de/detailansicht/news/138-pest-hund</a> vom 06.09.2024 abgerufen am 10.09.2024</li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Explosion und Expansion. Vortrag gehalten am 17.05.2019 an der Philipps-Universität Marburg im Rahmen der Studientage „Nachhaltigkeit und Gesellschaftsformen aus kritisch geographischer Sicht“ im Fachbereich 19 Geographie. Online-Ressource auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/explosion-und-expansion-wie-vatermacht-die-welt-unterjocht" target="_blank" rel="noopener">https://blog.gabriele-uhlmann.de/explosion-und-expansion-wie-vatermacht-die-welt-unterjocht</a></li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Antwort auf Meike Stoverocks &#8222;Female Choice&#8220;. Online-Ressource vom 08.04.2021 auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/antwort-auf-meike-stoverock-s-female-choice" target="_blank" rel="noopener">https://blog.gabriele-uhlmann.de/antwort-auf-meike-stoverock-s-female-choice</a></li>
<li>Vieweg, Martin: Die Pest war ein klimagetriebener Importschlager. Online-Ressource vom 13.02.2015 auf <a href="https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/die-pest-war-ein-klimagetriebener-importschlager/" target="_blank" rel="noopener">https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/die-pest-war-ein-klimagetriebener-importschlager/</a> abgerufen am 01.07.2023</li>
<li>ZDF 2019: Die Geschichte von Mensch und Pferd &#8211; Equus. Doku im Rahmen der ZDF-Sendereihe TerraX &#8211; taglicht media Film-&amp;Fernsehproduktion GmbH von 2019. Online-Ressource auf <a href="https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/equus-die-geschichte-von-mensch-und-pferd-100.html?at_specific=TerraX" target="_blank" rel="noopener">https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/equus-die-geschichte-von-mensch-und-pferd-100.html?at_specific=TerraX</a> abgerufen am 09.07.2024</li>
</ul>
<div>1&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Der Begriff „Andro-Kultur“ von Stephanie Gogolin beschreibt die männlich inszenierte und dominierte Kultur des Patriarchats. Sie beinhaltet Gewalt und Experimente, die massiv in die Natur eingreifen.</div><div>2&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Eisler 2005, S. 230 ff</div><div>3&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Bibel, NT, Offenbarung des Johannes, 6. Kapitel</div><div>4&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Uhlmann 2019</div><div>5&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Gronenborn 2011</div><div>6&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Uhlmann 2019</div><div>7&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Kondor <em>et al.</em>: 2023</div><div>8&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;AiD Heft 1/2024, S. 76</div><div>9&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. ebd., S. 77</div><div>10&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Eske Willerslev in ZDF 2019 ab Min. 40:45.</div><div>11&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. ebd. Min 37:15.</div><div>12&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Interview Johannes Krause ebd. ab Min. 38:08</div><div>13&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Vieweg 2015</div><div>14&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ebd.</div><div>15&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Kondor <em>et al.</em>, S. 6</div><div>16&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Kondor <em>et al.</em>, S. 7</div><div>17&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. EK 2019</div><div>18&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Ebd.</div><div>19&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Uhlmann 2021</div><div>20&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Vgl. Baudelaire 2018</div><p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/apokalyptische-reiter-warum-gehen-kulturen-immer-wieder-unter-und-was-bedeutet-das-fuer-die-gesellschaft">Apokalyptische Reiter reloaded – Warum Kulturen immer wieder untergehen und was das für die Gesellschaft bedeutet</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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		<title>Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 16 Oct 2022 11:48:05 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Bild: Weibliche Wachtel (Coturnix coturnix) Bildquelle: Wikimedia commons, user: Mnolf Prolog Hobby-Geflügelhalter Ingo[1] schrieb vor einiger Zeit in ein Soziales Medium, dass es ja Menschen gäbe, die nicht viel denken,...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/das-wachtelexperiment-oder-der-mythos-von-der-hackordnung">Das Wachtelexperiment oder der Mythos von der Hackordnung</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" style="display: none !important;" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/08555898c2c84cf7a7088d1031795cf9" alt="" width="1" height="1" /><br />
<img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone size-medium wp-image-5284" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2022/10/800px-weibliche_wachtel_coturnix_coturnix.jpg?resize=500%2C375&#038;ssl=1" alt="" width="500" height="375" /><br />
Bild: Weibliche Wachtel (Coturnix coturnix)<br />
<span style="font-size: 9px;">Bildquelle: Wikimedia commons, user: Mnolf</span></p>
<h2 id="prolog">Prolog</h2>
<p><strong>Hobby-Geflügelhalter Ingo<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a> schrieb vor einiger Zeit in ein Soziales Medium, dass es ja Menschen gäbe, die nicht viel denken, und er finde, es sei bei den Wachteln kaum besser. Dies sei seine Weisheit des Tages.</strong></p>
<p>Ich wurde darauf aufmerksam, weil mir immer wieder Mensch/Tier-Vergleiche auffallen, wenn z.B. in einer Tier-Doku vom Hirschen die Rede ist, der „auf dem Platz als Chef seinen Harem zusammen hält“, wenn „das Silberrückenmännchen als Patriarch die Gorilla-Gruppe beherrscht“ oder auch „die Störche sich ein Leben lang treu bleiben“. Die Herstellung solcher Analogien dient leider viel zu oft der Rechtfertigung unseres eigenen Verhaltens. Die Projektionen von Mensch auf Tier und umgekehrt sind immer falsch. Wie sollen sie auch richtig sein, kennen doch die weitaus meisten Dokumentatoren, Journalisten und auch Naturwissenschaftler nicht einmal mehr unser eigenes <a href="http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">natürliches Verhalten</a> (Vgl. Uhlmann 2015).</p>
<p>Es ging Ingo aber erstmal um die „Dummheit der Tiere“, insbesondere der Wachteln. In meiner Gewissheit, dass Tiere zwar nicht lesen und schreiben können, aber trotzdem weise sind, nämlich der Weisheit von Mutter Natur folgen, erhob ich stellvertretend für die Wachteln, die übrigens zu den Hühnervögeln gehören, spontan Einspruch und schrieb, dass ich der „Weisheit des Tages“ leider nicht zustimmen könne. Immerhin haben Wachteln nie irgendeine Gehirnwäsche durchlaufen und können sich noch auf ihren gesunden Wachtelverstand verlassen. Sie unterdrücken sich nicht, haben nie Kriege angezettelt und zerstören nicht die Umwelt. Denn Tiere leben nicht im Patriarchat, &#8211; und der Mensch nebenbei gesagt von Natur aus auch nicht, hätte er sich nicht vom technischen Fortschritt abhängig gemacht, um dann dessen Opfer bzw. Opfer der eigenen Intelligenz zu werden.</p>
<p>Ich finde, wir können uns an den Wachteln ein Beispiel nehmen und an allen anderen Tieren natürlich auch. Nein, der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung.</p>
<p>Ingo meinte darauf, dass das, was sein Wachtelhahn mit den Hennen mache, schon etwas von Unterdrückung hätte. Auf Nachfrage schrieb er: „Er hackt ihnen in den Nacken (Hackordnung!), was teilweise zu üblen Wunden führt.“</p>
<p>Dass ein Hahn so etwas macht, hatte ich noch nie gehört. Ingos Hinweis in Klammern auf die Hackordnung kam mir daher spanisch vor. In meiner Erinnerung gilt sie allgemein vor allem für die Hennen, während Hähne für Kämpfe bekannt sind. Ich halte keine Hühner, aber das knuffige Geflügel war mir schon immer sehr sympathisch. Dass sie notorisch gewalttätig sein sollen, habe ich nie so erkennen können, wann immer ich freilaufende Hühner sah. Das bestätigt auch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung online über Hühner in Gefangenschaft, der eine das Gruseln lehrt:</p>
<blockquote><p>“Zu Hühnerkannibalismus kommt es vor allem bei der Bodenhaltung. Wenn Hühner dort ihre Eier nicht im Schutz von abgedunkelten Nestern legen können, müssen sie sich direkt nach dem Legen wieder unter ihren Artgenossen tummeln. ‚Die Kloake der Tiere ist dann noch ausgestülpt und zieht mit ihrem roten Glanz die Aufmerksamkeit anderer Tiere auf sich’, beschreibt Aigner (ein professioneller Hühnerhalter) den Auftakt zu einem blutrünstigen Schauspiel. Andere Hühner picken dann auf die Henne ein. Sobald der erste Tropfen Blut erscheint, geraten die Tiere in einen wahren Blutrausch.“ (Fischer 2010, S.2)</p></blockquote>
<p>Die sog. Hackordnung kannte ich schon aus dem Biologieunterricht der 5. Klasse. Der Lehrer zeigte uns damals Bilder von fast federlosen Hennen und von kämpfenden Hähnen. Derart zugerichtete Exemplare habe ich bei wild lebenden Hühnern in Naturfilmen aber nie gesehen. Dass das Phänomen irgendwie menschengemacht sein muss, wurde mir erst nach der Klassenarbeit klar, in der eine Fangfrage lautete, wieviele Hähne sich auf einem Hühnerhof befänden, wozu wir eine Begründung unserer Antwort schreiben sollten. Ich schrieb, dass es zwei sein müssten, damit die Hähne miteinander kämpfen können. Da „artgerechte Haltung“ damals in den Siebzigern noch nicht in Mode war, bekam ich dafür null Punkte. Ich bin jetzt 53, erinnere mich aber, als wäre es gestern gewesen, weil Biologie zu meinen Lieblingsfächern gehörte und ich mich sehr über den Lehrer geärgert habe. Ich finde noch heute, dass das vor allem eine pädagogische Null-Leistung war. Mittlerweile glaube ich, dass er auch keine Ahnung hatte, was es wirklich mit der Hackordnung auf sich hat.</p>
<h3 id="hackordnung">Hackordnung? Können wir das wirklich sehen?</h3>
<p>Ingos Wachtel-Problem nahm ich nun nach all den Jahren zum Anlass intensiver Recherche. Dass die sog. Hackordnung erst in den Neunzehnhundertzwanziger Jahren von dem norwegischen Forscher Thorleif Schjelderup-Ebbe (1894-1976) beschrieben wurde, zeigt mir, dass dieses Verhalten tatsächlich gar nicht so offensichtlich ist, wie es scheint. Seit seine These in den Fünfziger Jahren allgemein verbreitet wurde, glaubten Menschen plötzlich überall, eine Hackordnung bei ihren Hühnern erkennen zu können. Das Wort Hackordnung wurde sogar zu einem Synonym für die Hierarchie in der menschlichen Gesellschaft. Die Menschen sehen, was sie sehen wollen. Ein schönes Beispiel dafür ist dieser Film:</p>
<p><iframe class="youtube-player" width="1080" height="608" src="https://www.youtube.com/embed/5VdXUK2W5-Y?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent" allowfullscreen="true" style="border:0;" sandbox="allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox"></iframe></p>
<p>Video veröffentlicht von bettelhuhn am 16.04.2010 auf youtube.de</p>
<p>Es gibt aber auch leise Kritik am „Modell der Hackordnung“ wie in diesem Forum: <a href="http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/73375-Kritik-am-Modell-der-Hackordnung" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.huehner-info.de/forum/showthread.php/73375-Kritik-am-Modell-der-Hackordnung</a></p>
<p>Tatsachlich hacken sich wilde Hühner praktisch nicht. Sie picken auf dem Boden nach Nahrung, brüten, glucken, reinigen ihr Gefieder im Staub oder ruhen sich aus. Werden allerdings fremde Hühner in eine Horde (auch Schar oder Herde) gesetzt, gibt es ordentlich Streit, aber das ist menschengemacht. In der Paarungszeit kämpfen die Hähne, um den Weibchen ihre Potenz zu demonstrieren, wie bei vielen anderen Arten auch. Wenn überhaupt, gibt es unter den Hennen Streit ums Futter oder einen Platz im Sandbad. Dabei bleibt es meist bei einem „auf das konkurrierende Tier losgehen“, um es zu verscheuchen. Manchmal wird nach ihm der Kopf gereckt, was wie Picken aussieht, oft ist es nur es Drängeln und Schubsen. Im Englischen heißt es auch nicht „Hackordnung“, wie sie von Schjelderup-Ebbe während seiner Zeit in Deutschland in den Dreißiger Jahren selbst genannt wurde, sondern Pick-Ordnung (pecking order statt hacking order). Eigentlich muss es „Scheuchen“ oder „Drängeln“ heißen. Ein Video zeigt das Verhalten, das beileibe nicht so dramatisch ist, wie der Name „Hackordnung“ suggeriert.</p>
<p><iframe class="youtube-player" width="1080" height="608" src="https://www.youtube.com/embed/tsaw9t1bE0k?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent" allowfullscreen="true" style="border:0;" sandbox="allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox"></iframe></p>
<p>Video veröffentlicht von HenDaisy am 10.05.2011 auf youtube.de</p>
<p>Was in der Allgemeinheit nicht angekommen ist, auch nicht in der gymnasialen Lehre, ist eine andere wichtige Beobachtung Schjelderup-Ebbes, nämlich, dass das Scheuchen und Drängeln von den Haushühnern nicht konsequent nach einer feststehenden Ordnung betrieben wird. Der Forscher will z.B. Dreiecksbildungen beobachtet haben. Danach „hackte“ Huhn A das Huhn B, welches Huhn C „hackte“, das wiederum Huhn A „hackte“. Bei den meisten belesenen Hühnerhaltern und -züchtern ist diese These bekannt, und sie behaupten, das beobachten zu können. Sie berichten aber auch, dass die Unruhe davon abhinge, <strong>welche</strong> <strong>Tiere</strong> gerade an einem Platz versammelt sind. Zudem änderten sich die Verhältnisse unter den Tieren immer wieder mal. Hühnerhalter beobachten auch, dass Hühner ein und desselben Geleges bestens miteinander auskommen. Und trotzdem ziehen die Hühnerexperten nicht die richtigen Schlüsse, denn das Dogma Hackordnung scheint beinahe unumstößlich.</p>
<p>Das Dogma führt zu vielen Fragezeichen, weshalb widersprüchliche Informationen verbreitet werden wie in diesem Beispiel:</p>
<blockquote><p>„Wie bereits erwähnt, bestehen oftmals zwischen Alt- und Junghennen erhebliche Unterschiede. Althennen treten viel selbstbewusster in der neuen Herde auf. Unter den Hähnen ist die Machtstellung noch betonter als bei den Hennen, da die Vorrechte des Hahnes noch größer sind. Sind mehrere Hähne in einer Herde, ist die Rangfolge in der Regel auch immer linear, d.h. A zu B zu C usw..</p>
<p>Das ist sehr bedeutend. Verliert ein dominanter Hahn aus irgendeinem Grund seine Stellung, kann das oft dazu führen, dass dieser Hahn nicht nur in der Rangordnung einen Platz weiter hinten einnehmen muss. sondern dass es sogar dazu kommt, dass dieser anschließend erkrankt.</p>
<p>Im Zuchtstamm nimmt der Hahn unter natürlichen Bedingungen den ersten Rang ein. Ihm fügen sich die Hennen. Während der Fortpflanzungzeit, d. h. <strong>fast das gesamte Jahr</strong> macht der Hahn aber von seinem Hackrecht nicht Gebrauch. In der Mauser ist es anders. Da hackt er auch die Hennen vom Futter weg. Vielleicht ist dies auch ein Regelmechanismus, da der Hahn sehr viel neues Gefieder zu bilden und Körpersubstanzen aufzubauen hat.“ (Golze 2007, S. 13; meine Hervorhebung)</p></blockquote>
<p>Kritik an der Projektion menschlichen Machtdenkens auf die Tierwelt äußerte schon in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren die sog. Kritische Psychologie<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a>:</p>
<blockquote><p>„(…) in den Ausführungen über Dominanz werden Beobachtungen an domestizierten Tieren und wildlebenden Tieren meist undifferenziert zusammengeworfen, ja, die Resultate von Untersuchungen an domestizierten Tieren haben sogar zu den grundsätzlichen Modellvorstellungen geführt, unter denen seitdem Dominanz-Subordinanz-Beziehungen überhaupt betrachtet werden. Richtungsbestimmend waren hier die Pionier-Untersuchungen von SCHJELDERUP-EBBE (von 1922 an) über das Rangordnungsverhalten am Haushuhn, die die Konzeption der ‚Hackordnung’ erbrachten und eine Vielzahl weiterer Untersuchungen an Hühnern nach sich zogen, wodurch die Vorstellungen über Eigenart und Bedeutung der Dominanz im allgemeinen maßgeblich geprägt wurden.</p>
<p>Verallgemeinerungen von domestizierten Tieren auf wildlebende Tiere im Hinblick auf das Verhältnis Dominanz-Führerschaft erscheinen uns indessen weitgehend unzulässig.“ (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 172)</p></blockquote>
<p>Als häufigste Argumente, warum dagegen die Hackordnung biologisch unbedingt sinnvoll sein müsse, fand ich:</p>
<p>1. Die Hackordnung sorge für soziale Ruhe in der Hühnerhorde.</p>
<p>2. Die Hackordnung lege eine Rangordnung fest und ranghohe Tiere übernähmen Aufgaben.</p>
<p>3. Die Hackordnung sichere den Fortbestand der Art.</p>
<p>Diese Argumente wirken erst einmal wie Totschlagargumente; aber was ist davon wirklich zu halten? Im Einzelnen:<span id="more-5275"></span></p>
<p>1. Dass die sog. Hackordnung für soziale Ruhe sorge, ist ein Zirkelschluss, denn es wird ja vorausgesetzt, dass die sog. Hackordnung permant ausgetragen wird, ja geradezu archetypisch für die Hühnerhorde sei. Damit verbreitet sie selbst „Unruhe“. Es handelt sich also nicht einmal um Ordnung, sondern um Unordnung. Es würde „die Ruhe“ weniger stören, wenn sich die Hühner immer gegenseitig den Vortritt ließen oder sich anstellen würden, bis sie an der Reihe sind. Wir kennen das ja von der englischen Bushaltstelle. Wer zuerst da ist, steigt zuerst ein, ohne deshalb ein besserer Mensch zu sein. In Deutschland herrscht immer Gedränge, auch ohne dass dabei eine Rangordnung ausgehandelt würde. Wer zuerst eingestiegen ist, steigt nicht automatisch zuerst aus. Die Hühner probieren es immer wieder, jedes Tier ist erst einmal egoistisch. Sie akzeptieren keine Rangodnung am Futternapf, sondern stellen die Dominanz ständig infrage. Als Ausnahme von der Regel weichen manche Hühner dennoch schon von selbst, wenn sie ein bestimmtes Huhn heran nahen sehen. Aber das muss nichts mit Rang zu tun haben, sondern ist vor allem ein Lernprozess. Die Tiere kennen sich ja und wissen das Aggressionspotential des anderen Tieres einzuschätzen.</p>
<p>Die Ruhe wird nicht von einer Rangordnung oder Dominanz durchgesetzt, sondern sie herrscht dann, wenn der Anlass für Unruhe fehlt, z.B. die Fütterung. Damit kommen wir automatisch zu Argument 2.</p>
<p>2. Die Hackordnung lege eine Rangordnung fest und ranghohe Tiere übernähmen Aufgaben.</p>
<p>Die Kritische Psychologie erklärt, warum das so unhaltbar ist:</p>
<blockquote><p>“Eine im Vergleich zur Dominanz weit weniger gründlich untersuchte Form gelernter Komplementärbeziehungen ist die sog. ‚Führerschaft’; von Führerschaft in reiner Form spricht man dann, wenn in einem Verband ein individuelles Tier eine Reihe von ‚Verpflichtungen’ (‚Obligationen’) übernimmt, ohne die entsprechenden Privilegien, wie sie als für die Dominanzordnung charakteristisch angesehen werden, zu haben. Faktisch ist die Führerschaft meist als &#8218;Anführerschaft&#8216; eines Verbandes bei der Raumorientierung, auch bei Angriff oder Flucht, untersucht worden; als &#8218;Führer&#8216; wurde dabei meist jenes Tier bezeichnet, das eine bestimmte räumliche Position einnimmt, sich nämlich an der Spitze eines sich bewegen den Verbandes befindet. Jedoch sind, wenn auch seltener, andere Momente der ‚Führerschaft’, wie der Schutz des Verbandes o.ä. hervor gehoben worden; die &#8218;Führer&#8216; haben häufig die Funktion von ‚Vorbildern’ oder ‚Modellen’ beim Aufsuchen oder Vermeiden bestimmter Gegebenheiten etc. (…) Über die Art und Weise, in der die Tiere zu ihrer &#8218;Führungsposition&#8216; gelangen, also über Positionsbestimmungen mit der gleichen Funktion wie die Rangkämpfe bei den Dominanzordnungen, ist in Untersuchungsberichten kaum etwas zu finden. Lediglich über <em>artspezifische Geschlechtsgebundenheit</em> der Führerschaft werden Aussagen gemacht: Bei vielen Arten können nur Tiere eines Geschlechts Führungspositionen übernehmen; so führen bei Haustauben, vielen Affen, Wildpferden usw. männliche Tiere, bei Rotwild, Gemsen, afrikanischen Elefanten usw. weibliche Tiere den Zug oder die Herde an (…). – Hinsichtlich der Gliederungsform der durch &#8218;Führerschaft&#8216; charakterisierten Verbände wird nicht viel mehr gesagt, als daß solche Verbände flexibler seien als Organisationen, die auf Grund von Dominanz-Subordinanz organisiert sind. – Mit Bezug auf den biologischen Sinn der Führerschaft wird z.B. auf den <em>integrierenden, die Effektivität bestimmter biologisch notwendiger Leistungen des sozialen Verbandes erhöhenden Einfluß der Führerschaft </em>hingewiesen (…) Sehr vieles spricht dafür, daß das Phänomen der &#8218;Führerschaft&#8216; in der Forschung zu Unrecht vernachlässigt, die Bedeutung der Dominanz dagegen weit überschätzt wird (…). Als Grund dafür wird etwa angegeben, daß Dominanzverhalten leicht bei im Käfig gehaltenen Tieren untersucht werden kann, Führerschaftsverhalten dagegen nur in der natürlichen Umwelt der Tiere (…). Führerschaft kann nur auftreten, wenn ein Tierverband unter natürlichen Lebensbedingungen bestimmte Aktivitäten im Funktionskreis der Lebenssicherung, etwa der Raumorientierung, des Schutzes, des Angriffs, der Flucht, der Verteidigung vollzieht, nicht aber, wenn der Verband im Käfig von all diesen Aktivitäten abgeschnitten ist. In der Gefangenschaft sind die Tiere quasi auf die Rivalität und die daraus sich ergebenden Verhaltensweisen &#8218;zurückgeworfen&#8216;; in den hier entstehenden &#8218;Zwangssozietäten&#8216; ist demnach Dominanz-Subordinanz die einzige ‚übrigbleibende’ Organisationsform.“ (Holzkamp-Osterkamp 1981, S. 171 f.)</p></blockquote>
<p>Kurz gesagt, Stärke hat nichts mit Weisheit zu tun und ist deshalb als Kriterium für die Rangordnung ungeeignet. Jedenfalls bei den Tieren. Es sind die erfahrenen Tiere und Tiere eines bestimmten Geschlechts, die die Leitung übernehmen, und die anderen nehmen das so hin. Nicht Egoismus allein, sondern Altruismus gepaart mit Egoismus halten die Gruppe am Leben. Ohne sie kann auch das Individuum nicht überleben.</p>
<p>Die Rangordnung der Hühnervögel ist weder rein linear noch pyramidenförmig. Hähne und Hennen bilden die beiden Untergruppen. Innerhalb der Hennen ist immer eine ältere Henne, die erfahren genug und noch „rüstig“ ist, das Leittier. Bei den Hähnen kommt es auf die Kraft im Hahnenkampf an und oft ist der Sieger auch der älteste. Den „stolzen Hahn“ gibt es aber nicht. Manchmal werden Hühner beobachtet, die gemeinsam einen „dreisten Junghahn“ traktieren. Dass die Hähne in der Hack- resp. Rangordnung noch über den Hennen stehen, ist so nicht haltbar. Dies ergibt sich auch aus der Betrachtung von Argument 3:</p>
<p>3. „Die Hackordnung sichert die Erhaltung der Art“ ist ein besonders hartnäckiger Allgemeinplatz angelehnt an Darwins Evolutionslehre. So soll die Beobachtung, dass „stärkere“ Hühner oft mehr Nachwuchs haben, Darwins „Survival of the Fittest“ auch veranschaulichen. Aber der Lehrsatz, den Darwin so gar nicht gemeint hat, hat sich überholt. Wir wissen heute, dass einfach die Angepassten überleben und diese müssen nicht einmal die Angepasstesten sein (Vgl. Maturana/Varela 1987, S. 125). Drei Fragen am Beispiel der Hühner zeigen, warum die These der Arterhaltung schließlich aufgegeben wurde: Warum verändern sich die Arten über die Jahrzehntausende, obwohl die Perfektesten für den Arterhalt verantwortlich sein sollen? Warum legen Hühner vermeintlich niederen Ranges trotzdem Eier und brüten erfolgreich? Warum ändert sich die vermeintliche Rangordnung, wo doch die Genetik jedes Individuums gleich bleibt?</p>
<p>Das Scheuchen und Drängeln unter den Hühnern hat ganz andere Gründe als die Arterhaltung. Es tritt nicht umsonst vermehrt an Futterplätzen auf. Hühner, die mehr Eier legen, brauchen mehr Energie, d.h. sie haben mehr Hunger. Wir alle wissen es und Ärzte können es bestätigen: Hunger macht aggressiv. Dieses Verhalten wurde evolutionär selektiert, denn wer Hunger hat und sich nicht um Nahrung bemüht, wird verhungern. Bei knapper Nahrung muss der Antrieb immer größer werden. Das führt unter Umständen dazu, dass ein Lebewesen seinen Artgenossen Nahrung stiehlt oder sie vom Futter verdrängt, was sehr gierig wirken kann. Hungrige Lebewesen drängeln sich vor, weil sie mehr brauchen, und können daher auch dominanter wirken, was manche dann für „Stärke“ halten. Wenn sich ein Huhn nicht sofort auf das Futter stürzt, könnte man meinen, es stünde in der Hackordnung ganz unten. Dass es weniger Hunger haben könnte, wird dabei gar nicht in Betracht gezogen.</p>
<p>Hühner, die sich gut vordrängeln können, legen deshalb nicht mehr Eier. Es ist umgekehrt, Ursache und Wirkung wurden vertauscht. Denn die Legepotenz ist angeboren. Es handelt sich um eine individuell unterschiedlich ausgeprägte Fähigkeit, die genetisch verankert ist und daher durch Zucht gesteigert werden kann (vgl. Vieweg 2017). In der Hühnerhorde brüten alle halbwegs gesunden Hühner, unabhängig davon, wie dominant sie wirken. Sonst würde die Haltung weniger dominanter Hühner auch nur sinnloses Geld kosten.</p>
<p>Auch das Sandbad werde gerne von der ranghöchsten Henne besetzt, so las ich es im Internet. Das feste Sandbad ist eine Erfindung der Hühnerhaltung und ein Sandbad, das nur eine Henne fasst, ist eindeutig zu klein bemessen. Zwar ist es richtig, dass Hühner auch in der freien Natur Sandbäder lieben, aber das Vergnügen ist nicht der evolutionäre Grund und sie suchen sich immer neue Sandbäder. Das Sandbad befreit von juckenden Parasiten. Wie der Hunger macht auch Juckreiz aggressiv und natürlich lässt sich ein Huhn mit quälendem Juckreiz ungern aus dem Sandbad vertreiben: Es hat einen guten Grund, seinen Platz zu verteidigen.</p>
<p><a title="By Sini Merikallio (Flickr: Hiekkakylpy) [CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AHiekkakylpy.jpg"><img decoding="async" title="Haushühner beim Sandbad" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/af/Hiekkakylpy.jpg/512px-Hiekkakylpy.jpg" alt="Haushühner beim Sandbad" width="600" /></a></p>
<p>Haushühner (<em>Gallus gallus</em>) beim Sandbad, Bildquelle: wikimedia commons, user: Sini Merikallio</p>
<p>Der Hahn bzw. die Hähne stünden in der Hackordnung ganz oben, habe ich ebenfalls sehr oft gelesen. Evolutionär wäre es allerdings wenig sinnvoll, würde der Hahn alle Hühner vom Futterplatz verdrängen, wie ein Patriarch in Arabien, der seine Frauen als Letzte essen lässt. Und tatsächlich, der Hahn ist fast immer als Letzter dran. Wenn die Hühner in der Eibildungsphase sind und das ist die meiste Zeit, haben sie mehr Hunger. Patriarchen machen daraus gönnerhaft: „er lässt ihnen den Vortritt“. Wenn er in der Mauser ist, braucht allerdings auch er deutlich mehr Energie, so dass er sich vordrängelt. Das ahnen wie oben gesehen mittlerweile die Geflügelzüchter.</p>
<p>Welches Huhn am Ende aller Tage die meisten Nachkommen haben wird, steht in den Sternen. Aber es wird aus der falsch verstandenen Evolutionslehre Legitimation für politische Hierarchie und Führerschaft gezogen. Legitimiert wird damit nichts anderes als das menschliche Patriarchat.</p>
<p><a title="By attributed to / in the style of Melchior d'Hondecoeter (1636–1695) (http://www.hampel-auctions.com) [Public domain], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARooster_(in_the_style_of_Hondecoeter).jpg"><img decoding="async" title="Der stolze Hahn, Öl auf Leinwand. 91,5 x 80 cm. Von Melchior d'Hondecoeter (1636–1695)" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/41/Rooster_%28in_the_style_of_Hondecoeter%29.jpg/512px-Rooster_%28in_the_style_of_Hondecoeter%29.jpg" alt="Der stolze Hahn, Öl auf Leinwand. 91,5 x 80 cm. Von Melchior d'Hondecoeter (1636–1695)" width="512" /></a></p>
<p>&#8222;Der stolze Hahn&#8220;, Öl auf Leinwand. 91,5 x 80 cm. Von Melchior d&#8217;Hondecoeter (1636–1695)</p>
<h2>Wachteln emanzipieren sich nicht, sie leben ihr eigenes Leben</h2>
<p>Ingo dachte an die sog. Hackordnung, als sein Hahn die Hühner traktierte. Dass es das nicht sein konnte, ahnte ich schon während der Unterhaltung, denn Drängeln und Scheuchen erfüllt seinen Zweck vollkommen, dies ohne Brutalität. „Naja, ich meine, wie soll sich ein Tier in Gefangenschaft psychisch gesund verhalten? In der freien Natur würden sich die Hühner das sowieso nicht bieten lassen“, schrieb ich zurück. Und ich dachte darüber nach, dass wir, die wir uns alle in einem Zwangssystem befinden, Gefangene sind. Ich hatte auch schon eine Idee, wo das Problem liegt, denn meiner Erfahrung nach ist es immer das Gleiche, was Menschen nicht berücksichtigen: die <em>female choice</em>.</p>
<p>Ich öffnete eben schnell <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wachtel_(Art)" target="_blank" rel="noopener noreferrer">wikipedia</a> mit dem Stichwort „Wachtel“ und fand sofort das Erwartete: „Wachteln sind polygam. Jedes Männchen verpaart sich mit jedem beliebigen Weibchen, das das Männchen aufsucht und lockt. Wirbt ein Weibchen gleichzeitig um mehrere Männchen, kann es unter den Männchen auch zu Kämpfen kommen.“ Das postete ich ins Soziale Medium, nicht ohne es mit den Fakten über die sexuelle Selektion, die mit der <em><a href="http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">female choice</a></em> identisch ist, zu verlinken und zu kommentieren: „Die Gefangenschaft unterdrückt die <em>female choice</em> der Wachtelhühner. Die <em>female choice</em> ist der Garant für und das Geheimnis des friedlichen Zusammenlebens aller Lebewesen. Wobei der Hahnenkampf kein Krieg ist, sondern Teil der Selektion.“ Ich schlug vor, noch weitere Wachtelhähne in das Gehege zu setzen.</p>
<p>Leider habe ich nie erfahren, ob das Problem gelöst werden konnte.</p>
<p>Die Angelegenheit begann, mich über die sog. Hackordnung hinaus zu interessieren. Ich fand in den Texten, dass sich Wachtel-Experten darin einig sind, dass Wachtelweibchen die Wählenden sind, nicht monogam leben und die Hähne sich nicht an der Brut beteiligen. Gemäß der evolutionären <em>female choice</em> hatte ich auch nicht erwartet, dass der Hahn das Vorrecht der Wahl hat.</p>
<p>Besonders interessant ist, dass die Wachtelhühner sich auch auf das Urteil von Kolleginnen verlassen und sich mit dem Hahn paaren, der sich eben mit einer anderen Henne gepaart hatte.</p>
<blockquote><p>“Seit kurzem ist bekannt, daß Weibchen manchmal auch eine ganz andere Strategie anwenden. Statt selbst einen Partner auszusuchen, kopieren sie die Wahl anderer Weibchen. Ein solches Weibchen beobachtet ein anderes Weibchen bei der Partnerwahl und kopuliert anschließend mit demselben Männchen. Es &#8218;verläßt sich&#8216; somit auf das &#8218;Urteilsvermögen&#8216; des anderen Weibchens. Das Kopieren ist inzwischen bei drei Fischarten nachgewiesen, beim Guppy (Poecilia reticulata), beim Japanischen Medaka (Oryzias latipes) und beim Breitflossenkärpfling (Poecilia latipinna, Abb. unten), zudem aber auch bei drei Vogelarten, beim Birkhuhn (Tetrao tetrix, Abb. links), beim Wermutshuhn (Centrocercus urophasianus) und bei der Japanischen Wachtel (Corturnix coturnix). Es handelt sich bei diesen Vögeln ausschließlich um Arten, bei denen sich das Männchen an der Brutpflege nicht beteiligt.“ (Witte 1999, S. 47. Vgl. auch Kniel <em>et al.</em> 2015 mit weiteren Arten)</p></blockquote>
<p>Danach ist die <em>female choice</em> also nicht nur die Sache eines Weibchens, sondern auch der Kooperation der Weibchen, etwas, was wir für die sich angeblich ständig hackenden Hühner gar nicht erwarten würden. In gewisser Hinsicht ähnelt das Sexualverhalten der Gemeinen Wachtel tatsächlich dem von uns Menschen. Dieses Kopierverhalten beobachte ich auch bei uns Frauen. Fast jede Frau kennt eine, die ihr den Partner auszuspannen versuchte.</p>
<p>Wie wir sind Wachteln von Natur aus nicht monogam und auch die Väter haben kein angeborenes Interesse an ihrem leiblichen Nachwuchs. Dennoch können wir nicht 1:1 projizieren. Die leiblichen Menschenväter leben natürlicher Weise nicht mit in der Sippe und die Mütter sind auf die Hilfe der Großmutter, Schwestern und Brüder angewiesen. (vgl. Blaffer Hrdy 2010) Aber wie könnte es anders sein, obwohl die leiblichen Wachtelväter mit in der Gruppe leben, ist es ihnen völlig egal, welche ihre Kinder sind, und sie beteiligen sich nicht an der Brutpflege. Dass ein Hahn mit mehreren Nestern gleichzeitig überfordert sein muss, ist ja auch sonnenklar. Aber die Wissenschaft scheint das zu wundern und bemerkt es als Phänomen.</p>
<p>Die Wacheln machen, was sie wollen, und die Weibchen sind auch hier die Regisseurinnen der Sexualität (vgl. Prum 2017). Sie verhalten sich genauso wenig nach Lehrbuch, wie die Haushühner. In einer von einem spanischen Team beobachteten wilden Population zeigten die Tiere individuelles Verhalten.</p>
<blockquote><p>„57% of the females studied (n = 14) showed mate-switching, whereas 22% of the males were serially polygynous, successively forming pairs with a series of females. The fitness of females with mate-switching, measured in terms of clutch size and hatching success, did not differ from that of females bonded with one male.“ (Rodríguez-Teijeiro et al. 2003, S. 291)</p></blockquote>
<p>Am Rande gesagt: Das „Mate-switching“ (engl. &#8222;Wechsel des Sexual-Partners&#8220;), die Polygamie der Weibchen (Polyandrie) ist das Komplement zur Polygamie der Männchen (Polygynie). Polygamie bedeutet bei Tieren aber nicht einseitigen Zwang des anderen Geschlechts zur Monogamie, wie es polygame Patriarchen mit der Hochzeit durchsetzen!</p>
<p>Indem Ingo die Wachtelhennen zur Monogamie gezwungen hat, hat er im Gehege das Patriarchat eingeführt, in diesem Fall ein polygynes Patriarchat. Den Hühnern fehlte nun die Auswahl und der Hahn hatte keine Konkurrenz mehr, was sicherlich auch zu seiner Überforderung geführt hat. Er zeigt nun übersteigertes Dominanzverhalten und wird so frauenfeindlich wie es Patriarchen nun einmal sind.</p>
<h2>Wehe, Frauen lernen von den Wachtelhühnern!</h2>
<p>Bei <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Wachtel_(Art)" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Wikipedia</a> überraschte mich die Mitteilung: „Das Fleisch der Wachtel (<em>Coturnix coturnix</em>) kann unter bestimmten Bedingungen giftig sein. Grund hierfür dürfte sein, dass sich Wachteln von Pflanzen ernähren, die für den Menschen, nicht jedoch für die Wachtel selber giftig sind. Um welche Pflanzen es sich genau handelt, ist ungeklärt. (…) Die Vergiftung durch Wachtelfleisch wird schon in der Bibel beschrieben (siehe Num 11,31-34)“</p>
<p>Der angeführte Bibeltext liest sich wie folgt:</p>
<blockquote><p>Num 11,29 Doch Mose sagte zu ihm (Josua): Willst du dich für mich ereifern? Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte!</p>
<p>Num 11,30 Dann ging Mose mit den Ältesten Israels in das Lager zurück.</p>
<p>Num 11,31 Darauf brach ein Wind los, den der Herr geschickt hatte, und trieb Wachteln vom Meer heran. Er warf sie auf das Lager, einen Tagesmarsch weit in der einen Richtung und einen Tagesmarsch weit in der anderen Richtung rings um das Lager; zwei Ellen hoch lagen sie auf dem Erdboden.</p>
<p>Num 11,32 Da stand das Volk auf und sammelte die Wachteln ein, den ganzen Tag und die ganze Nacht und den ganzen folgenden Tag. Jeder sammelte mindestens zehn Hómer. Sie legten sie rings um das Lager zum Dörren aus.</p>
<p>Num 11,33 Sie hatten aber das Fleisch noch zwischen den Zähnen, es war noch nicht gegessen, da entbrannte der Zorn des Herrn über das Volk und der Herr schlug das Volk mit einer bösen Plage.</p>
<p>Num 11,34 Daher nannte man den Ort Kibrot-Taawa (Giergräber), da man dort die Leute begrub, die von der Gier gepackt worden waren.</p>
<p>Quelle: <a href="https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/num11.html">https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/bibel/num11.html</a></p></blockquote>
<p>Belege für die Giftigkeit der Wachtel sind wenige Papers von griechischen und türkischen Autoren. Die Griechen (Tsironi et al. 2004) raten lediglich, in bestimmten Notfällen an die Wachtelgiftigkeit zu denken, die in mediterranen Gebieten beobachtet werde und nennen als Beispiel die Bibel! Der Grieche Theodore Ouzounellis stützt sich auf seine Beobachtungen, die wir aber online nicht nachlesen dürfen. <a href="http://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/352148">http://jamanetwork.com/journals/jama/article-abstract/352148</a><br />
Die Türkische Ärztegruppe (vgl. Korkmaz et al. 2011) erwähnt, dass Wachteln giftig werden, wenn sie Schierlingssamen fressen, dies auf dem Durchzug von Norden nach Süden. Die Wachtel-Vergiftung wird Coturnismus genannt, nach dem lateinischen Namen für die Gemeine Wachtel, Coturnix coturnix. Sie ist selten und verursacht eine Auflösung quergestreifter Muskelfasern (Rhabdomyolyse) und Nierenversagen. Das Schierlingsgift, das für die Wachtel unschädlich ist, gelangt in das Muskelfleisch. Erst so kann der Verzehr einer Wachtel lebensgefährlich werden. Ansonsten ist die Wachtel harmlos, und wird ja auch zum Verzehr in Gehegen gehalten, wo sie natürlich nicht mit Schierlingssamen gefüttert wird.</p>
<p>Der Mythos von der grundsätzlichen Giftigkeit der Wachteln wird künstlich am Leben gehalten und übertrieben. Es sollten damit vielerorts Wilderer abgehalten werden. Der Schriftsteller Jean Paul schrieb 1826 beispielsweise:</p>
<blockquote><p>“Ich habe dir neulich zu berichten vergessen, daß die Wachteln in Neapel acht Tage lang nach ihrer Ankunft aus Afrika giftig zu genießen sind, und ich las es selbst erst im FERBER; allein nachher kann sie jede Wöchnerin essen, wenn sie mit Korn gefüttert worden. Es schadet nicht viel, dass die streichenden Edelleute aus Paris auch einen gewissen Gift als Rückfracht heim bringen, den man unter dem Namen der französischen atheistischen Philosophie recht allgemein scheuet: sie bleiben auch nicht lange giftig, besonders wenn man sie auslacht und nicht bekriegt.“ (Jean Paul 1826, S. 237)</p></blockquote>
<p>Die Wachteln müssen den Priestern, die die Mythologien verfasst haben, sowieso suspekt gewesen sein. Die Priester stammten aus den patriarchalen Hirtennomadenstämmen und als solche waren sie in der Herdenhaltung von Schafen bewandert. Sie brachten den verheerendsten Mensch/Tiervergleich überhaupt hervor: Der Herr ist Dein Hirte. Die Schafe als Sinnbild für Friedfertigkeit, Dummheit und Herdentrieb brauchten in der Zuchtherde auch nur einen einzigen Widder. Der dreht nicht durch, wenn er keine Konkurrenz hat wie ein Wachtelhahn. Die <em>female choice</em> der Schafe konnte in der Zuchtherde bequem außer Kraft gesetzt werden, so dass es aussah, als beherrsche der Widder als polygyner Patriarch die weiblichen Tiere. Dass die Wachteln dagegen unbedingt mehrere Hähne brauchten, passte nicht in das polygyne Patriarchat des Nahen Ostens. Weibchen, die sich Männchen nehmen wie und wann sie wollen? Das passt nicht zu einem Viehzüchter-Patriarchat und sie konterkarieren zudem die Geschichte von der Arche Noah, wo alle Tiere paarweise vorkommen. Wehe, Frauen lernen von den Wachtelhühnern!</p>
<p>Im patriarchalen Verständnis der abrahamitischen Religionen leben Wachteln in Sünde. Aber immerhin bekamen sie im Mythos einen Herrscher, der sie in Schach hält. Der Wachtelkönig ist zwar nicht mit der Wachtel verwandt, sondern gehört zu den Rallenvögeln, sein Name geht aber auf alte Vorstellungen zurück, nach denen er Anführer der Wachteln sei. Er ähnelt der Wachtel, ist aber größer. Weil er oft zusammen mit Wachteln gefangen wurde &#8211; man verwendete dazu Netze aus sog. Wachtelgarn – hielt man ihn für den König der Wachteln. Diese Volksetymologie zeigt wie sehr patriarchalisierte Menschen dazu neigen, besonders Hierarchien auf Tiere zu übertragen, als solle die Natürlichkeit der patriarchalen Hierarchie im Umkehrschluss bewiesen werden.</p>
<p><a title="By Ron Knight from Seaford, East Sussex, United Kingdom (Corn Crake (Crex crex)) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ACrex_crex%2C_Beachy_Head_1.jpg"><img decoding="async" title="Wachtelkönig (Crex crex)" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1b/Crex_crex%2C_Beachy_Head_1.jpg/512px-Crex_crex%2C_Beachy_Head_1.jpg" alt="Wachtelkönig (Crex crex)" width="512" /></a></p>
<p>Wachtelkönig (Crex crex), Bildquelle: wikimedia commons, user: MPF</p>
<h3 id="redewendungen">Wenn Redewendungen gewendete Wahrheit verwenden</h3>
<p>Die Hackordnung als Synonym für die Hierarchie ist eine der Rückwärtsprojektionen von Tier auf Mensch. Die Vögel werden im Übrigen dafür besonders gerne genommen, denn sie leben meist in Paaren, wenn auch nur selten lebenslang. Der Hausbau junger Eltern wird als Nestbau bezeichnet und viele Eltern werfen ihre Kinder aus dem Nest oder kümmern sich um das Nesthäkchen besonders intensiv. Schlechte Eltern gelten als Rabeneltern und gute Mütter als Glucke, oft negativ konnotiert. Kinder, die das Elternhaus verlassen, gelten als flügge. Die, die das nicht tun, werden als Nesthocker bezeichnet. Wir fliegen auf Dinge, die uns besonders interessieren, und fühlen uns flügellahm, wenn wir erschöpft sind. Männer fühlen sich gerne als Hahn im Korb oder es schwillt ihnen der Kamm, wenn sie sich ärgern, und sie sind eitel wie ein Pfau. Ein betrogener Ehemann ist ein Hahnrei. Frauen werden als dumme Hühner oder blöde Gans beschimpft. Die <em>Spinatwachtel</em> bezeichnet verächtlich eine ältere Frau. Und nicht die Mutter gebiert die Kinder, sondern es ist der Storch, der sie bringt. Demnach müssten wir alle Störche sein.</p>
<p>Wie auch immer die Vergleiche ausfallen, wir sind eine andere Spezies und wir leben von Natur aus in matrilinearen Sippenverbänden und nicht in Paaren. Die Gehirnwäsche aber läuft von Kindesbeinen an. Menschliche Dummheit liegt vor allem darin begründet. Es ist das Patriarchat, das für das „Spatzenhirn“ vieler Menschen verantwortlich ist, und das Wachtelexperiment zeigt, dass auch Tiere „verblöden“, wenn sie zu Patriarchen gemacht werden.</p>
<p>Oft haben solche Redewendungen allerdings uralte Wurzeln und sind nicht nur Projektionen. Der Storch (Geburt), die Taube (friedliches und glückliches Leben in Wohlstand, Beistand) und die Eule (Tod) waren Begleittiere der germanischen Muttergöttin Holda, die auf die altsteinzeitliche Urmutter zurück geht, uns bekannt als Frau Holle. Und ich vermutete, dass das auch für die Wachtel gilt, wozu ich allerdings weder bei Jacob Grimm noch bei Erika Timm Hinweise fand. Es gibt dafür dennoch sehr viele starke Indizien.</p>
<p>Mit dem Ruf „Fürchte Gott, trau auf Gott“ sollte die Wachtel gegen Blitzschlag schützen. In der germanischen Religion wurde der Wettergott Donar, der Sohn der Holda, für Blitzeinschläge verantwortlich gemacht, und Holda konnte davor schützen. „Im Oldenburger Münsterland ist die Wachtel, Kütjeblick, Tütjeblick, saterl. Roggefugel noch ein heiliges Tier; sie zu töten ist Sünde. Ihr Ruf ist vorbedeutend für den Preis des Roggens.“ (paraphr. nach Strackerjahn 1909) Der Wachholder, der regional auch Wachtel heißt und wie der Holunder Pflanze der Holda ist, symbolisiert als Machandelboom in Grimms Märchen die Große Mutter. Auf eine mythologische Verbindung der Wachtel mit Frau Holle und ihrem Brunnen könnte auch der thüringische Familienname Wachtelborn hinweisen. Nicht zuletzt könnte die merkwürdige „Spinatwachtel“ ein Hinweis auf die Große Mutter sein, die an ihrem Spinnrad sitzt.</p>
<p>Im Aberglauben wird den Wachteln immer noch Zauberkräfte zugesprochen: Bei Vollmond wachsen ihre Köpfe. Der Schlag einer Wachtel in der Nacht prophezeit den Tod, der diesen hört. Bei den Sinti und Roma Siebenbürgens gilt die Wachtel als weiblicher Teufelsvogel. Milch auf ein Feld zu spritzen, gilt als Mittel gegen die Vergiftung der Kühe mit sog. Wachtelkraut, welches durch Wachteln giftig geworden sein soll. Als Nivashi-Töchter sollen sie das Getreide stehlen, wogegen es hilft, an jeder Ecke des Feldes eine Wachtel oder wenigstens die Feder eines schwarzen Huhnes zu vergraben. Dieser Brauch hat auch auf die rumänische Landbevölkerung Siebenbürgens abgefärbt. (Vgl. von Wlislocki 1890, S. 208 f)</p>
<p>Dies sind starke Hinweise auf einen vorchristlichen, weiblichen Glaubensinhalt, der in christlicher Zeit dämonisiert wurde.</p>
<p>Bei den Römern und Griechen war Wachtelgehirn ein spezifisches Mittel gegen die Epilepsie, ohne jemals Wirkung entfaltet zu haben. Die Wachteln standen ihres Mutes und ihrer Kampfeslust wegen in großem Ansehen. In einem Mythos zur Entstehung der „Wachtelinsel Ortygia“ wird die Tochter des Koios mit dem Namen Asteria von Zeus in eine Wachtel verwandelt und er stürzt sie wie einen Felsen ins Meer, als sie sich seinen Annäherungsversuchen verweigert. Dabei ensteht die Insel. Die Botschaft des Patriarchats an alle Frauen lautet: Wehe, ihr lebt eure <em>female choice</em>! Das Beispiel zeigt ganz deutlich, dass es im Mythos nur vordergründig um die Erklärung der Welt geht. Mythen bzw. Glaubensinhalte verarbeiten ernsthafte psychiatrische Erkrankungen.</p>
<h3 id="mythos">Der Mythos und sein Mythograph</h3>
<p>So wie die Wachtel zum Mythos wurde, ist auch die sog. Hackordnung der Hühnervögel ein Mythos und Thorleif Schjelderup-Ebbe ist ihr Hohepriester. Er studierte nicht nur Zoologie, sondern schrieb auch Novellen und Kinderbücher. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt! Dass Thorleif gerne fabulierte, entdeckte der Ethologe John Price (1995) nach einem psychologisch sehr aufschlussreichen Interview mit dessen Sohn Dag, nämlich dass seine Behauptung, er hätte der Royal Society of London angehört, dem renommiertesten wissenschaftlichen Bund in England, falsch war, und er stattdessen Mitglied der Royal Society of Arts of London war, des Kunstbundes also, schlicht erkauft mit Eintrittsgeld.</p>
<p>Schjelderup-Ebbe erlebte nicht mehr den wissenschaftlichen Aufstieg seiner als Dissertation ausgearbeiteten These, der lediglich Beobachtungen während seiner frühen Kindheit zugrunde lagen! Aber Schuld daran war seines Sohnes Dag (und dem Schreiberling bei wikipedia) zufolge natürlich eine Frau, die erste Professorin Norwegens (deren Namen wikipedia nicht nennt), die Zoologin Kristine Bonnevie, eine emanzipierte, sozialistische Frau, die gegen ihn stetig intrigiert haben soll. Er stand aufgrund einer Zuflüsterung bei ihr zunächst unter Verdacht, einen anonymen, denunzierenden Artikel gegen sie geschrieben zu haben. (Bald wurde mit dem Zoologiestudenten und späteren Novellisten Sigurd Hoel der wahre Täter entlarvt.) Dass sie und im Übrigen auch die (von wikipedia nicht erwähnten) männlichen Professoren in ganz Norwegen ihm die Anerkennung verweigerten, dürfte daran gelegen haben, dass man sich damals noch der gravierenden Schwächen der Arbeit bewusst war. Um seine weitere Existenz musste sich die Professorin offenbar auch keine Sorgen machen, und so lehnte sie die Arbeit ab: „No, your work is quite different. In any case you don’t need the job, you have money (…)“ (Bonnevie zitiert in Price 1995, S. 1). Sein Sohn Dag machte einst daraus, dass sein Vater Opfer der Hackordnung in der biologischen Hierarchie geworden sei (Price 1995, S. 1).</p>
<p><a title="By Rude &amp; Hilfling [No restrictions or CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AKristine_Bonnevie_portrait.jpg"><img decoding="async" title="Kristine Bonnevie, Biologin und erste Professorin Norwegens. Portrait" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/2b/Kristine_Bonnevie_portrait.jpg/256px-Kristine_Bonnevie_portrait.jpg" alt="Kristine Bonnevie, Biologin und erste Professorin Norwegens. Portrait" width="256" /></a></p>
<p>Kristine Bonnevie, Biologin und erste Professorin Norwegens</p>
<p>Schjelderup-Ebbes sog. Hackordnung wurde von der Herrschenden Lehre schließlich doch rezipiert, und zwar durch den „Papst der Verhaltensforschung“ und „Gänsemutter“ Konrad Lorenz, der nicht nur suggerierte, er hätte sie entdeckt (vgl. Baeumer 1964), sondern später auch wegen seines Festhaltens an der sozialdarwinistischen Lehre der NS-Diktatur kritisiert wurde. Nach Lorenz’ Denkmalssturz wird jetzt dem Thorleif Schjelderup-Ebbe gehuldigt.</p>
<p>Wider besseres Wissen wird die Hackordnung nicht laut und deutlich revidiert, meiner Überzeugung nach aus zwei Gründen. Zum Einen lassen sich Menschen gerne ein X für ein U vormachen. Das Gehirn versucht, nach dem gesunden Menschenverstand falsche Behauptungen irgendwie zu integrieren. Menschen wollen glauben und nicht in permanentem Misstrauen und Zweifel leben. Wenn viele etwas sagen, dann kann es ja nicht falsch sein. Die Psychiatrie nennt das Normopathie (vgl. z.B. Maaz 2017). Zum Anderen erfüllt die sog. Hackordnung in dieser Gesellschaft mehr als den Zweck rein biologischer Erklärungen, lässt sie sich doch aufs Herrlichste missbrauchen, um das System, in dem wir leben, zu rechtfertigen. Sie ist ein Biologismus, der dringend der Entlarvung bedarf.</p>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> Name geändert.</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Entwickelt in den Neunzehnhundertsiebziger Jahren in der Psychologischen Fakultät an der Freien Universität Berlin</p>
<h3>Literatur</h3>
<ul id="liste4">
<li>Baeumer, Erich: Das „dumme“ Huhn. Stuttgart 1964</li>
<li>Blaffer Hrdy, S.: Mütter und Andere. Wie uns die Evolution zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin 2010</li>
<li>Fischer, K.: Wenn Hühner zu Kannibalen werden. Aus: <a href="http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/landwirtschaft-und-ethik-wenn-huehner-zu-kannibalen-werden-1.296883" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/landwirtschaft-und-ethik-wenn-huehner-zu-kannibalen-werden-1.296883</a> vom 17.5.2010</li>
<li>Golze, Manfred: Rangordnung im Zuchtstamm. In: Geflügelzeitung 22/2007<br />
<a href="http://www.brahmazucht.eu/Lesesaal/Zucht/Rangordnung.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.brahmazucht.eu/Lesesaal/Zucht/Rangordnung.pdf</a></li>
<li>Grimm, Jacob: Deutsche Mythologie. Göttingen 1835</li>
<li>Holzkamp-Osterkamp, Ute: Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung Band 1, Campus, Frankfurt am Main/ New York 1975. 3. Aufl. 1981 <a href="http://www.kritische-psychologie.de/files/uo1975a.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.kritische-psychologie.de/files/uo1975a.pdf</a></li>
<li>Kniel, N.; Schmitz, J.; Witte, K.: Quality of public information matters in mate-choice copying in female zebra finches. Front Zool 12, 26 (2015) <a href="https://doi.org/10.1186/s12983-015-0119-8" target="_blank" rel="noopener">https://doi.org/10.1186/s12983-015-0119-8</a></li>
<li>Korkmaz, İlhan et al.: Quail Consumption can be Harmful. In: The Journal of Emergency Medicine. November 2011Volume 41, Issue 5, Pages 499–502.<br />
DOI: <a href="http://dx.doi.org/10.1016/j.jemermed.2008.03.045" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://dx.doi.org/10.1016/j.jemermed.2008.03.045</a></li>
<li>Maturana, Humberto R./ Varela, Francisco J.: Der Baum der Erkenntnis. Die biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bern 1987</li>
<li>Maaz, Hans-Joachim: Das falsche Leben: Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft. München 2017</li>
<li>Paul, Jean: Jean Paul&#8217;s sämmtliche Werke, Bände 16-20. Berlin 1826. Bd. 1</li>
<li>Price, John: A Remembrance of Thorleif Schjelderup-Ebbe. In: <em>Human Ethology Bulletin.</em> 1995, 10 (1), S. 1–6.<br />
<a href="http://www.johnprice.me.uk/assets/doc/papers/32.%20A%20remembrance%20of%20Schjelderup-Ebbe.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.johnprice.me.uk/assets/doc/papers/32.%20A%20remembrance%20of%20Schjelderup-Ebbe.pdf</a></li>
<li>Prum, Richard O.: The Evolution of Beauty. How Darwin’s Forgotten Theory of Mate Choice Shapes the Animal World – and Us. New York 2017</li>
<li>Rodríguez-Teijeiro, J. D. et al.: Pair Bonding and Multiple Paternity in the Polygamous Common Quail <em>Coturnix coturnix.</em><em> In: Ethology International Yournal of Behavioural Biology. </em>Volume 109, Issue 4, 1. April 2003. p. 291–302<br />
DOI: <a href="http://10.1046/j.1439-0310.2003.00873.x" target="_blank" rel="noopener noreferrer">10.1046/j.1439-0310.2003.00873.x</a></li>
<li>Strackerjahn, Ludwig: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. 2. Band, 2. Buch, 4. Abschnitt. Oldenburg 1909. Erstdruck: Oldenburg (Stalling) 1867.</li>
<li>Timm, Erika: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten: 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. Stuttgart 2003</li>
<li>Tsironi, Maria et al.: The patient with rhabdomyolysis: Have you considered quail poisoning? In: CMAJ August 17, 2004 vol. 171 no. 4<br />
<a href="http://www.cmaj.ca/content/171/4/325" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.cmaj.ca/content/171/4/325</a></li>
<li>Uhlmann, Gabriele: Female choice – unser unbekanntes Menschenrecht. Braunschweig 2015<br />
<a href="http://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice</a></li>
<li>Vieweg, Martin: Warum legen Hühner so viele Eier. In: Bild der Wissenschaft. Wissenschaft.de vom 12.04.2017<br />
<a href="http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/biologie/-/journal_content/56/12054/17167530/Warum-legen-H%C3%BChner-so-viele-Eier%3F/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/biologie/-/journal_content/56/12054/17167530/Warum-legen-H%C3%BChner-so-viele-Eier%3F/</a></li>
<li>von Wlislocki, Heinrich: Vom wandernden Zigeunervolke. Bilder aus dem Leben der Siebenbürger Zigeuner. Hamburg 1890</li>
<li>Witte, Klaudia: Weibchen kopieren Weibchen bei der Partnerwahl. In: Forschung an der Universität Bielefeld 19/1999<br />
<a href="http://www.uni-bielefeld.de/presse/fomag/s46_50_witte.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.uni-bielefeld.de/presse/fomag/s46_50_witte.pdf</a> abgerufen am 03.02.2018 (nicht mehr online, siehe ersatzweise Kniel <em>et al.</em> 2015)</li>
</ul>
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		<title>Patriarchat und Gewalt in Çatal Höyük?</title>
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		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Jul 2021 17:12:51 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ausgrabung von Çatal Höyük Bildquelle: Wikimedia Commons Die Meldungen in der Presse Nachdem über Jahrzehnte keinerlei Spuren von Gewalt in Çatal Höyük gefunden wurden bzw. nichts darüber berichtet wurde und...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><img decoding="async" src="https://vg01.met.vgwort.de/na/5ca4160dc67e4d6c96b0e14383e0043f" alt="" width="1" height="1" /><br />
<a title="Stipich Béla [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_7.JPG"><img decoding="async" class="alignnone" title="Ausgrabung in Catal Hüyük - Ausschnitt" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/04/Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_7.JPG/512px-Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_7.JPG" alt="Ausgrabung in Catal Hüyük - Ausschnitt" width="512" height="340" /></a><br />
Ausgrabung von Çatal Höyük<br />
<span style="font-size: 8px;">Bildquelle: Wikimedia Commons</span></p>
<h2 id="die-meldungen-in-der-presse">Die Meldungen in der Presse</h2>
<p>Nachdem über Jahrzehnte keinerlei Spuren von Gewalt in Çatal Höyük gefunden wurden bzw. nichts darüber berichtet wurde und Matrifokalität ohne jeden Gegenbeweis mit einer erdrückenden Fülle von Indizien evident geworden war, ging am 17. Juni 2019 ein Forscherteam unter der Leitung von Clark S. Larsen (Ohio State University) mit einer Studie an die breite Öffentlichkeit, mit der der jungsteinzeitliche Siedlungshügel nun als elender Ort geprägt von patriarchaler Überbevölkerung, Krankheit und Gewalt hingestellt wird.</p>
<p>Das online-Magazin <em>Wissenschaft.de</em> schrieb unter dem Titel „Städtische Probleme – schon vor 9000 Jahren“:</p>
<blockquote><p>„Auch was das gesundheitliche Niveau in der Proto-Stadt betrifft, fanden die Forscher Hinweise auf einen Niedergang: Offenbar litten die Bewohner unter einer hohen Infektionsrate – konkret weisen bis zu einem Drittel der Überreste die Spuren von Infektionen an den Knochen auf. Vermutlich war dies auf die hohe Bevölkerungsdichte und die mangelnde Hygiene in der engen Siedlung zurückzuführen. Die Untersuchungen der Baustrukturen zeigen in diesem Zusammenhang: In der Blütezeit wurden die Wohneinheiten ohne Zwischenräume gebaut und die Bewohner kamen und gingen über Leitern.</p>
<p>In den durch Lehm verputzen Innenräumen ging es wohl auch nicht immer gerade sauber zu: Die Forscher fanden Spuren von tierischen und menschlichen Fäkalien. ‚Die Bewohner lebten unter sehr beengten Verhältnissen, mit Müllgruben und Tierställen direkt neben einigen ihrer Häuser. Es gab also offenbar eine ganze Reihe von Hygieneproblemen, die zur Ausbreitung von Infektionskrankheiten beitragen haben könnten’, resümiert Larsen. (…)<br />
Die Untersuchung einer Stichprobe von 93 Schädeln aus Çatalhöyük ergab, dass mehr als ein Viertel die Spuren geheilter Frakturen aufwiesen. Zwölf waren sogar mehrmals Opfer geworden – mit zwei bis fünf Verletzungen im Laufe der Zeit. Mehr als die Hälfte der Opfer waren dabei Frauen (…)<br />
‚Wir fanden eine Zunahme dieser Schädelverletzungen während der mittleren Periode, als die Bevölkerung am größten und am dichtesten war’, sagt Larsen. ‚Somit könnte man interpretieren, dass die Überbevölkerung zu erhöhtem Stress und zu Konflikten innerhalb der Siedlung geführt hat’, so der Wissenschaftler.“ (<a href="https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/staedtische-probleme-schon-vor-9000-jahren/" target="_blank" rel="noopener">Vieweg 2019</a>)</p></blockquote>
<p><strong>Wie viele Frauen also wurden verletzt und wie viele mehrfach verletzt?</strong> Überlegen Sie kurz!<br />
<span id="more-2027"></span><br />
Wer den Text nur überfliegt, zieht schon schnell mal aus so einer Meldung, dass die Hälfte aller Schädel – also rund 47 – Verletzungen aufwiesen und zudem weiblich waren. Doch es sind der Formulierung zufolge ca. 24 (93/4) Verletzte und davon wurden 12, also die ca. Hälfte, mehrmals verletzt. „Mehr als die Hälfte der Opfer“ sind weiblich – das könnten wieder mindestens 12 sein, was zur Verwirrung beiträgt – , vielleicht sind es aber auch nur 6, wenn nur die mehrfach verletzten Opfer gemeint sind, wie es das Wörtchen „dabei“ suggeriert.<br />
Es geht aus der Formulierung nicht hervor, wie viele Frauen verletzt waren, wie viele mehrfach verletzt waren und auch nicht, wie hoch der Anteil der Frauen in der Stichprobe überhaupt war. Dazu später noch einmal.<br />
Es würde mich interessieren, wie Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, diesen Text im ersten Moment wahrgenommen haben, schreiben Sie mir bitte unten….</p>
<p>Wie dem auch sei, mit diesem Paukenschlag wird alles vom Tisch gewischt, was bisher über Çatal Höyük bekannt war. Denn mindestens bis 2010 wurde nichts über Spuren von Gewalt veröffentlicht, obwohl dies für das Gastgeberland Türkei eine große Freude gewesen wäre, ist doch schon die Ahnung von matrifokalem Leben in grauer Vorzeit ein Schreckgespenst für jeden Patriarchen.</p>
<p>Ein anderes Magazin, <em>Der Standard.at</em>, titelte &#8222;9.000 Jahre alte Steinzeit-Stadt litt an modernen urbanen Problemen“ und schrieb u.a.:</p>
<blockquote><p>’Pflanzenanbau und Tierhaltung gab es von Anfang an, doch mit wachsender Bevölkerung intensivierte sich auch die Landwirtschaft dramatisch’, sagt Larsen. Der hohe Getreideanteil bei der Ernährung führte schnell zu typischen Zivilisationskrankheiten, darunter vor allem Karies: Zehn bis 13 Prozent aller gefundenen Zähne von Erwachsenen wiesen entsprechende Schädigungen auf.<br />
Und ein weiterer anatomischer Wandel ging mit dem Wachstum einher. Knochenuntersuchungen zeigten, dass die Bewohner von Çatalhöyük mit zunehmender Ausdehnung der Siedlung immer mehr zu Fuß unterwegs waren. Die Forscher schließen daraus, dass die Weide- und Ackerflächen im Laufe der Zeit weiter von der ‚Stadt’ wegrückten. ‚Wir glauben, dass die landwirtschaftlich ausgelaugte Umgebung und Klimaveränderungen die Bevölkerung dazu zwang, immer weitere Strecken zurückzulegen, um die Siedlung versorgen zu können’, meint Larsen. ‚Das dürfte letztlich auch zum Niedergang von Çatalhöyük beigetragen haben.&#8220;<br />
(<a href="https://www.derstandard.at/story/2000105111331/9-000-jahre-alte-steinzeit-stadt-litt-an-modernen-urbanen" target="_blank" rel="noopener">Berg 2019</a>)</p></blockquote>
<p>In der Tat, wir wussten schon, dass Çatal Höyük untergegangen ist. Und zwar aufgrund des dramatischen Klimawandels, der mit der <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Misox-Schwankung" target="_blank" rel="noopener">Misox-Schwankung</a> vor 8200 Jahren einher ging, was vor einem Jahr bekannt wurde (Roffet-Salque <em>et al.</em> 2018). Das können wir aber nicht der Matrifokalität anlasten und mit Patrilokalität hat das auch nichts zu tun. Überbevölkerung ist ein relativer Begriff: Seit dem 12. Jtd. verloren nun sesshafte Menschen nach und nach das Wissen, sich durch Sammeln zu ernähren und entwickelten den Garten- und Ackerbau, der etwa ab 9.500 v.u.Z. (Präkeramisches Neolithikum) voll ausgeprägt war. Die völlige Abhängigkeit der Landwirtschaft von günstigem Wetter blieb über 3000 Jahre lang unbemerkt, auch der damit einhergehende Anstieg der Bevölkerung auf ein höheres Niveau war kein Problem. Aufgrund des plötzlich eintretenden Klimawandels konnten sich die Menschen nicht mehr ausreichend ernähren. Ohne eine globale Vernetzung, mit welcher Nahrung über Ländergrenzen hinweg geliefert werden kann, gab es keine Kompensationsmöglichkeit, außer der Verlagerung auf tierische Nahrung (Roffet-Salque <em>et al.</em> 2018), was offenbar auch nicht genug war. Die Probleme, mit denen Çatal Höyük zu kämpfen hätte, waren daher alles andere als modern.</p>
<p>Wir wissen auch, dass die damals in den Steppen Südrusslands beginnende Tierzucht das erste Patriachat nach sich zog. Es hat viele Klimaflüchtlinge gegeben, die die Tiere in die Steppe trieben (vgl. <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat" target="_blank" rel="noopener">Uhlmann 2019</a>) und die wir als Indoeuropäer kennen. Heute ist die Überbevölkerung ein Dauerproblem, dessen Lösung trotz immer neuer Erfindungen der Hochleistungslandwirtschaft suksessive in immer weitere Ferne rückt. Denn das Patriarchat erzeugt nicht nur eine Bevölkerungsexplosion, sondern es betreibt schweren Raubbau an den Ressourcen, so dass die Tragfähigkeit der Erde bereits überschritten ist.</p>
<p>Wir wussten auch schon lange, dass es erste Zivilisationskrankheiten gab, aber auch das ist nicht der Matrifokalität geschuldet und nimmt sich im Vergleich damit, was das Patriarchat zusätzlich anrichtet, harmlos aus. Allein die Tatsache, dass der Doppel-Hügel 2200 Jahre Bestand hatte, beweist ein weitgehend intaktes Gemeinschaftsleben, ganz so, wie es bisher entdeckt wurde.</p>
<h2 id="friedliches-catal-hoeyuek-alles-veraltet">Friedliches Çatal Höyük &#8211; Alles veraltet?</h2>
<p>Als Jahrzehnte lange, skeptische Beobachterin der Ausgrabung habe ich immer damit gerechnet, dass so etwas kommt, denn ich kenne ja meine Pappenheimer. Die Herrschende Lehre arbeitet schon lange daran, die These von der Matrifokalität Çatal Höyüks zum Einsturz zu bringen, die schon der erste Ausgräber James Mellaart (1961-1964) aufgestellt hatte. Ian Hodder, Grabungsleiter bis 2018, musste feststellen, dass sein mit Schimpf und Schande aus dem Amt geworfener Vorgänger Mellaart mit seinen wesentlichen Aussagen Recht hatte. Es war sicherlich kaum möglich, dies vor der türkischen Regierung zu vertreten und ein kurzzeitiger Grabungsstopp zwischen 2010 und 2012 lässt vermuten, dass dies auch Konsequenzen hatte. Hodder entließ große Teile des Teams, mit der Begründung, &#8222;<strong>es hätte sich auf seinen Interpretationen ausgeruht, hätte sich nicht gegenseitig herausgefordert oder hätte die Annahmen, die für selbstverständlich gehalten wurden, nicht als Herausforderung gesehen.</strong>&#8220; (<a href="https://www.sciencemag.org/news/2010/09/hodder-cleans-house-famed-atalh-y-k-dig" target="_blank" rel="noopener">Balter 2010</a>, meine Übersetzung, meine Hervorhebung. Vgl. auch Farid 2014)</p>
<p>Also Matrifokalität nicht als Herausforderung gesehen? Ein Aufruf zum Kampf gegen das, was nicht sein darf? Was hatte dieses Grabungsteam entdeckt? Hodder fasste es im letzten Grabungsbericht dieses Teams (Archive Report 2010) zusammen:</p>
<blockquote><p>„Eine weitere neue Perspektive betrifft die soziale Organisation in Çatalhöyük. Wir haben lange angenommen, dass sie ziemlich egalitär war, aber in den letzten Jahren haben wir ‚Geschichtshäuser‘ identifiziert, die mehr Bestattungen enthielten und in Bezug auf Architektur und Installationen aufwändiger waren. <strong>Man hätte erwarten können, dass von diesen speziellen Häusern mehr Kontrolle über die Produktion ausging, reichere Bestattungen in ihnen gefunden würden oder gesündere Menschen in ihnen gelebt hätten.</strong> Aber je mehr Daten hereinkamen, desto klarer wurde, dass die Geschichtshäuser in keiner Weise etwas Besonderes waren, weder was Bestattungen noch Sorgfalt anging.<strong> Dies deutet darauf hin, dass Tendenzen zur sozialen Differenzierung in Çatalhöyük stark gedämpft waren.</strong> Von den vielen anderen neuen Erkenntnissen, die aufgelistet werden könnten, möchte ich nur eine weitere erwähnen, nämlich, was das bioarchäologische Team, das an den Skeletten arbeitet, die unter den Stockwerken von Gebäuden ausgegraben wurden, herausgefunden hat. <strong>Man hätte erwarten können, dass die Einwohner von Çatalhöyük von schlechter Gesundheit waren.</strong> Es wird oft angenommen, dass sich das Wohnen in Großsiedlungen negativ auf die Gesundheit der Menschen auswirkt. Und in der Tat weist die dichte Ansammlung von Häusern in Çatalhöyük, die von ausgedehnten Abfallzonen umgeben sind, in denen menschliche und tierische Fäkalien gefunden wurden, auf schlechte hygienische Bedingungen hin. Wir wissen auch, dass Ungeziefer weit verbreitet war. <strong>Es war also eine Überraschung, dass die Gesundheit der Bewohner bei einer Vielzahl von Untersuchungen tatsächlich gut war.</strong> Es scheint so, als hätten sie eine Möglichkeit gefunden, den Unrat zu entsorgen (<strong>wir wissen, dass sie den Dreck einebneten und mit Kalkasche bedeckt haben</strong>), um die negativen Auswirkungen zu minimieren, und sie haben <strong>ihre Häuser peinlichst sauber gehalten</strong>. Wir können nicht davon ausgehen, dass sie etwas von Krankheitserregern ahnten, <strong>aber ihre Praktiken haben es ihnen ermöglicht, gesund zu bleiben</strong>.“<br />
(Hodder 2010, S. 1; meine Übersetzung, meine Hervorhebung)</p></blockquote>
<p>Diese Beschreibungen passten immer noch sehr gut zu einem Szenario mit hohem kulturellen Standard und Egalität, wie sie nur unter Matrifokalität anzutreffen ist, wo soziale Differenzierung aber nicht aktiv gedämpft werden muss, sondern entsprechend dem angeborenen Sozialverhalten in Sippenverbänden einfach nicht vorkommen kann.</p>
<p>Die am 17. Juni 2019 veröffentlichte Studie stammt nun von einem völlig anderen Team, das – oh Wunder – auch zu völlig anderen Ergebnissen gekommen ist, wie wir oben schon gesehen haben. Mit ihr werden die Ergebnisse, die im Archive Report 2010 veröffentlicht wurden, im Grunde dementiert. Die Arbeit von 17 Jahren für die Mülltonne?</p>
<h2 id="2011-den-wildbeutern-aehnlich-zusammengelebt-keine-familien-nachweisbar">2011: &#8222;den Wildbeutern ähnlich zusammengelebt &#8211; keine Familien nachweisbar&#8220;</h2>
<p>Wie ich bei meinen weiteren Recherchen entdeckte, ist die Studie aber nur die Krönung einer Kette von Studien, die seit 2011 nach und nach erschienen und zunächst von der Presse weitgehend unerwähnt blieben, bis auf eine: Sie trägt den Titel „’Offizielle’ und ‚praktische’ Verwandtschaft: Herleitung der sozialen und der Gemeinschaftstruktur aus dem Zahnphänotyp im neolithischen Çatalhöyük, Türkei (meine Übersetzung, im Original online:<a href="https://www.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ajpa.21520" target="_blank" rel="noopener"> “Official” and &#8222;practical&#8220; kin: Inferring social and community structure from dental phenotype at Neolithic Çatalhöyük, Turkey</a>).<br />
<a href="https://www.livescience.com/14824-communal-human-burials-ancient-settlement.html" target="_blank" rel="noopener">Das Ergebnis der Studie</a> wurde im Online-Magazin <em>Livescience</em> (Jarus 2011) unter dem Titel „Keine Familiengräber, nur Gemeinschaftsbegräbnisse in uralter Siedlung“ (meine Übersetzung, Originaltitel: „No family plots, Just Communal Burials In Ancient Settlement“) vorgestellt. An den Zähnen aus Gräbern in Çatal Höyük konnten keine Merkmale festgestellt werden, mit denen Verwandtschaften hätten nachgewiesen werden können.<br />
Dieses Ergebnis wirkt wie ein Salomonisches Urteil. Es wurden keine Kernfamilien – also Vater, Mutter und Kind – gefunden, aber das tut dem Team nicht weh, denn auf den ersten Blick lässt es auch Matrifokalität unwahrscheinlich erscheinen.</p>
<p>Ian Hodder zeigte sich darüber erstaunt und befand, dass die Bewohner den Wildbeutern ähnlich zusammengelebt haben müssten. Vielleicht tat er das in der Hoffnung, dass sich die Menschen die Steinzeit immer noch als patriarchales Jägerparadies vorstellen, wo Männer mit Keulen die Frauen an den Haaren hinter sich herzogen. Vielleicht war das auch bewusst diplomatisch ausgedrückt. Vielleicht denkt Hodder aber auch bis heute etwas anderes als das, was er verlauten lässt. Ich hoffe, wir werden es irgendwann erfahren.</p>
<p>Für mich kann es nichts anderes bedeuten, als dass die Menschen von Çatal Höyük wie noch die altsteinzeitlichen Wildbeuter <strong>matrifokal</strong> gelebt haben müssen, und zwar aus zwei Gründen:</p>
<ol class="liste1">
<li>ist es der Menschheit angeboren, dass Kinder bei ihren Müttern aufwachsen und es ist unwahrscheinlich, dass die Kinder in Çatal Höyük ihren Müttern weggenommen wurden. Zudem sind Mütter natürlicherweise auf die Hilfe ihrer Mütter, Schwestern und Cousinen angewiesen (<a href="https://www.spektrum.de/magazin/warum-gibt-es-grossmuetter/829410" target="_blank" rel="noopener">Großmutter-These, Beise/Voland 2003</a>). Dieses hochsoziale Kontinuum ist das Erfolgsgeheimnis der Menschheit mit ihrer extrem langen Kindheit.</li>
<li>legen patriarchale Familien stets besonderen Wert darauf, wenn möglich zusammen bestattet zu werden. Hintergrund ist, dass der familiäre Zusammenhalt in Patrilinearität in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht werden muss. Die Notwendigkeit dazu ergibt sich aus der Unnatürlichkeit von Patrilinearität, die künstlich und gewaltsam hergestellt werden muss, indem die Mütter in der Familie regelrecht in Geiselhaft genommen werden, wie ich es bereits <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat" target="_blank" rel="noopener">an anderer Stelle</a> dargestellt habe. Familien sind infolgedessen brüchig und das gilt es zu vertuschen und zu beschönigen. Patrilinearität dient der Legitimation des Vaters und seines Erbes.<br />
Etwas, das mit so viel Aufwand installiert wurde, wird nicht im Tod ignoriert, sondern zelebriert, um der Patrilinie einen Ort zu geben, wo sie ihre Geschichte hochhalten kann. Etwas Vergleichbares oder bildliche Kunst, die darauf hinweisen könnte, gibt es in Çatal Höyük aber nicht.</li>
</ol>
<p>Ich vermute, dass Pilloud und Larsen vor allem nachweisen wollten, dass die Kinder mit den älteren Männern engst verwandt waren, sie haben sicher die Väter gesucht, aber ohne Erfolg. Was haben wir da also vor uns? Unter Matrifokalität leben die Onkel mit den Kindern ihrer Schwestern zusammen, aber das lässt sich nicht unbedingt an den Befunden aus der Studie ablesen, es fehlt ein Mitochondrien-DNA-Abgleich (mtDNA). Die Ähnlichkeit der Sippenmitglieder ist unter der gelebten <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice" target="_blank" rel="noopener">Female choice</a>, wie sie in Matrifokalität selbstverständlich ist, geringer, weil die nur über die Mutter blutsverwandten Sippenmitglieder genetisch voneinander weiter entfernt sind. Die Geschwister haben unterschiedliche Väter. Der Onkel hat damit auch einen anderen Vater als seine Schwester, ist also relativ weit von seinen Nichten und Neffen entfernt, obwohl er ihre mtDNA teilt, die nur über die Mutter vererbt wird. Größere genetische Vielfalt und nicht Endogamie (Inzucht) ist typisch für Matrifokalität. Das ist der entscheidende Unterschied zum Patriarchat, wo immer eifersüchtig darauf geachtet wird, dass eine Frau innerhalb des eigenen patrilinearen Stammes heiratet und monogam lebt. Bei einer Geschwisterehe (wie z.B. bei den ägyptischen Pharaonen) sind dann immer nur zwei Genpools beteiligt, und zwar der des Elternpaares. Unter Matrifokalität wären immer drei Genpools beteiligt, der der Mutter und die der beiden Väter. Aufgrund der chemotaktischen Inzest-Schranke kommt das so gut wie nie vor.<br />
Ob Hodder und sein neues Team dies alles vollständig durchdacht und verstanden hatten?</p>
<p>Die Studie gab damals Anlass zur Freude, bestätigte sie doch neuerlich Mellaarts Grundannahme. AutorInnen der Studie waren übrigens die Odontologin Marin A. Pilloud und der Bioarchäologe Clark S. Larson. Larsen gilt als Kapazität und war von 2001-2007 Chefredakteur eben jenes Magazins, in welchem die Studie 2011 veröffentlicht wurde, nämlich dem <em>American Journal of Physical Anthropology</em> ! Beide arbeiten seit der Entlassung des alten Teams immer wieder mit Ian Hodder zusammen und gehören auch jetzt wieder, nachdem Hodder sein Amt zurück gegeben hat und Çiler Çilingiroğlu von der Universität Izmir neue Grabungsleiterin ist, zum Studienteam. Es wurde dann für 8 Jahre ruhig um dieses Thema bis zu jenem 17. Juni 2019.</p>
<h2 id="2019-schwierigkeiten-mit-ueberbevoelkerung-gewalt-und-umweltproblemen">2019: &#8222;Schwierigkeiten mit Überbevölkerung, Gewalt und Umweltproblemen&#8220;</h2>
<p>Ich erfuhr von der neuen Studie auf der Facebook-Seite der Zeitschrift <a href="https://www.aid-magazin.de/startseite.html" target="_blank" rel="noopener"><em>Archäologie in Deutschland</em></a>, wo der entsprechende Artikel der <em>Ohio State News</em> verlinkt war (wofür hiermit gedankt sei!) und mit „Vor 9.000 Jahren, eine Gemeinschaft hatte mit modernen, urbanen Problemen zu kämpfen. Çatalhöyük hatte Schwierigkeiten mit Überbevölkerung, Gewalt und Umweltproblemen“ titelte (meine Übersetzung, <a href="https://news.osu.edu/9000-years-ago-a-community-with-modern-urban-problems/?fbclid=IwAR0-tx1IurYIziXbZWGwZ9wpuLCGKYsuuDik4T8_7tVANaK40XH9Z8LIz_E" target="_blank" rel="noopener">Originaltitel</a>).<br />
Mir fiel dabei auch besonders der folgende Satz auf:</p>
<blockquote><p>„Die Form der Verletzungen lässt darauf schließen, dass harte, runde Objekte auf die Schädel eingewirkt hatten – und Lehmkugeln in der richtigen Größe wurden ebenfalls gefunden.“<br />
(Grabmeier 2019, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Da erinnerte ich mich wieder, dass ja diese Lehmkugeln schon in den Neunziger Jahren gefunden worden waren, <a href="https://www.smm.org/catal/mysteries/clay_balls/" target="_blank" rel="noopener">genauer gesagt Tausende davon</a>. Aufgrund fehlender Anzeichen für Gewalt waren sie ein Rätsel, aber das verschwieg die neue Studie. Sie wurden damals nur von manchen als Schleuergeschosse angesehen, auch als Sportgeräte konnte man sie sich vorstellen, besonders aber als Kochgeräte:</p>
<blockquote><p>„Wir sind nicht wirklich sicher, wofür sie benutzt wurden. Wir denken, sie könnten etwas mit dem Kochen zu tun haben. Denn sie wurden mit Ascheresten gefunden. Hier können Sie Asche und Kohle sehen, die wahrscheinlich von dem Feuer kamen.“<br />
(<em>Roddy Reagan in <a href="https://www.smm.org/catal/mysteries/clay_balls/roddy/" target="_blank" rel="noopener">SMM 2003</a>, meine Übersetzung</em>)</p></blockquote>
<p>Die Archäologin Sonya Atalay wurde damals mit der Untersuchung der Kugeln betraut, die sie in 3 Kategorien einteilen konnte: Balloide, Minibälle und sogar „komisch“ geformt, dies alles in den unterschiedlichsten Größen.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/www.smm.org/catal/media/images/mysteries/clay_balls/all_balls.jpg?w=349&#038;ssl=1" alt="Lehmkugel aus Catal Höyük - Bildquelle: https://www.smm.org"  border="0" /><br />
<span style="font-size: 9px;">Bildquelle: <a href="https://www.smm.org/catal/mysteries/clay_balls/sonya/ball_types/" target="_blank" rel="noopener">https://www.smm.org/</a></span></p>
<p>Nun also sollen sie Wurfgeschosse sein, mit denen sich die Bewohner gegenseitig bewarfen und verletzten. Eine sehr steile These, denn es wurden der Studie zufolge auch nur geheilte Schädelverletzungen gefunden. Niemand wurde offenbar mit einem Stoß an den Kopf umgebracht.</p>
<p>Ich könnte mir aufgrund ihrer Menge vorstellen, dass die Lehmkugeln als Bettwärmer dienten. Denn die Winter waren kalt, so dass die Dachöffnungen sicherlich nachts geschlossen werden mussten und es daher nicht möglich war, nachts ein Feuer brennen zu lassen. Auf den <a href="https://www.smm.org/catal/mysteries/clay_balls/" target="_blank" rel="noopener">Abbildungen</a> sieht man, dass sie in den Häusern nicht wild herum lagen, sondern in Clustern ordentlich abgelegt waren. Sie könnten zum Aufheizen in die Feuer gelegt worden sein, was die Brandspuren erklärt. Sowohl für diesen Zweck als auch als Wurfgeschoss hätten die BewohnerInnen genauso gut Steine nehmen können, haben sie aber nicht.</p>
<p>Die Schädelverletzungen insbesondere bei Frauen ließen sich auch ganz anders erklären, z.B. mit Stürzen von den zahllosen Leitern, über die die Häuser betreten werden mussten. Auch die begehbaren Dächer dürften öfter nachgegeben haben, denn sie waren nur von lehmverstärkten Flechtwerk abgedeckt. Sicherlich hatten die Frauen bereits damals eine größere Arbeitsbelastung und mussten über die Leitern schwere Lasten in die Häuser tragen. Dass dabei viel passieren konnte, sollte kein Wunder sein, ebenso wie das damit verbundene hohe Infektionsrisiko. Dass nach einer Dürre hungernde Menschen geringere Abwehrkräfte haben, ist auch nichts Neues, ebenso, dass sie aufgrund der allgemeinen Schwäche sich häufiger verletzten konnten. Dass die Frauen ihre Schädel-Verletzungen überlebten, zeugt aber dennoch von einer großen Fürsorge und auch einer gewissen Erfahrung, wie Wundinfektionen einzudämmen sind. Auch die allgemeine Karies-Rate von nur 10-13% zeugt von Wissen, dass und wie Zähne zu pflegen sind. Der Vergleich mit der Gegenwart zeigt, dass Larsen auch hier dramatisiert: <a href="https://www.derwesten.de/incoming/karies-ist-die-haeufigste-erkrankung-in-deutschland-id109385.html" target="_blank" rel="noopener">Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung der deutschen Zahnärzte</a> hatte vor vierzig Jahren jeder Jugendliche im Schnitt sieben Zähne, die an Karies erkrankt waren. Gehen wir mal von 28 sichtbaren bleibenden Zähnen aus, ist das eine Rate von 25%, im Laufe des Lebens kamen dann noch die meisten anderen Zähne dazu. Viele Menschen tragen heute Vollprothesen, und das, obwohl vor 40 Jahren bereits eine Erziehung zur Zahnpflege erfolgte und Fluorzahnpasten die Regel waren.<br />
Çatal Höyük war bei weitem nicht so ein gruseliger Ort, wie er jetzt hingestellt werden soll!</p>
<h2 id="die-studie-unter-der-lupe">Die Studie unter der Lupe</h2>
<p>Noch am gleichen Tag begann ich damit, der Sache nachzugehen. Ich besorge mir natürlich immer die Originalstudien. Am von der Presse verlinkten Ort des <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Peer-Review" target="_blank" rel="noopener">peer-reviewten</a> Magazins <a href="https://www.pnas.org/content/116/26/12615" target="_blank" rel="noopener">PNAS</a> befindet sich jedoch eine Bezahlschranke (<em>Paywall</em>), und wir können nur das <em>Abstract</em> lesen. Eine kostenlose Version müssen wir uns über die Suchmaschine unserer Wahl suchen und glücklicherweise werden wir auch <a href="https://www.researchgate.net/publication/333828774_Bioarchaeology_of_Neolithic_Çatalhoyuk_reveals_fundamental_transitions_in_health_mobility_and_lifestyle_in_early_farmers" target="_blank" rel="noopener">sofort fündig</a>.</p>
<p>Ich fand die wesentlichen Aussagen von der Presse gut wiedergegeben. Die Sache mit den Schädelverletzungen (vgl. oben) haben sie wie folgt ausgeführt:</p>
<blockquote><p>„Die Gemeinschaft von Çatalhöyük zeigt ein erhöhtes Maß an zwischenmenschlicher Gewalt, das durch geheilte Schädel-Depressionsfrakturen bei 25 Personen der Stichprobe von 93 Schädeln dargestellt wird (…) Insgesamt sind etwas mehr Frauen als Männer betroffen (13 gegenüber 10 bei Schädeln mit eindeutiger Geschlechtsidentifikation). Zwölf der 93 (13%) waren Mehrfachverletzte, die sich im Laufe der Zeit 2 bis 5 Verletzungen zugezogen hatten. Diejenigen mit den meisten Wiederverletzungen sind erwachsene Frauen.“ (Larsen <em>et al.</em> 2019, S. 7, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Sie haben es also fertig gebracht, 93 Schädel in die Studie aufzunehmen, von denen bei manchen das Geschlecht gar nicht festzustellen ist! So wird es simpel möglich zu behaupten, dass etwas mehr Frauen betroffen sind. Das Ergebnis bedeutet nicht, dass mindestens 7 Frauen Mehrfachverletzte waren, sondern unter den 12 Mehrfachverletzten waren mehr Frauen, die besonders viele Verletzungen erlitten, es können also auch weniger als 6 gewesen sein. Eine einfache Liste hätte geholfen, die Sache klar und deutlich zu machen, aber sie verstecken ihren Befund hinter unklaren Formulierungen. Leider fehlen auch jegliche Fotos von diesen Verletzungen.</p>
<p>Ein äußerst bedeutender Absatz der Original-Studie jedoch wird erstaunlicherweise in der Presse weggelassen:</p>
<blockquote><p>„Auf einer größeren regionalen Skala zeigt die Analyse der phänotypischen Variationen der Zähne aus Çatalhöyük und von zwei anderen zentralanatolischen neolithischen Gemeinschaften – Aşıklı Höyük und Musular – eine allgemeine Ähnlichkeit, was auf eine regional enger verwurzelte Variation hindeutet (60). Darüber hinaus gibt es in Çatalhöyük bei Männern ein Muster geringerer Unterschiede im dentalen Phänotyp als bei Frauen, das die Wahrscheinlichkeit eines <strong>patrilokalen, ehelichen Aufenthalts</strong> dokumentiert (61) und was Auswirkungen auf Personenbewegungen, Muster des Genflusses und die Strukturierung der Bevölkerung hat, basierend auf Frauen, die in die Gemeinschaft ziehen“. (Larsen <em>et al.</em> 2019; meine Übersetzung, meine Hervorhebung)</p></blockquote>
<p>Dies bedeutet, dass nun ein Patriarchat – und damit Familien – für wahrscheinlich gehalten wird. Das ist natürlich ein noch größerer Paukenschlag! Und dem musste weiter nachgegangen werden…</p>
<p>Die beiden Literaturangaben beziehen sich auf 60 = &#8222;Pilloud <em>et al.</em> 2018&#8243; und 61 = &#8222;Königsberg 1988&#8220;. Letztere beschreibt eine schon 30 Jahre alte Methode zur Interpretation von Messdaten, die anhand von Schädeln nordamerikanischer Indianer entwickelt wurde und bis in die Gegenwart Anwendung findet. Ersteres aber ist brisant. Marin A. Pilloud, Clark S. Larsen und Kollegen hatten im Jahre 2018 an der jährlichen Konferenz der <em>American Association of Physical Anthropologists</em> teilgenommen und die obige Literaturangabe bezieht sich auf ein Poster (von zweien), das anlässlich der Konferenz gestaltet wurde und bei <a href="https://scholar.google.com/scholar_lookup?author=M.+A.+Pilloud&amp;title=Mobility+in+Neolithic+central+Anatolia%3A+A+comparison+of+dental+morphometrics+and+aDNA&amp;publication_year=2017&amp;journal=Am.+J.+Phys.+Anthropol.&amp;volume=162" target="_blank" rel="noopener">Google Scholar</a> verlinkt ist, sowie auf ein Abstract, das in einem Beiheft des <em>American Journal of Physical Anthropology</em> abgedruckt ist.</p>
<h2 id="sekundaerquellenkritik-poster-1-von-2018">Sekundärquellenkritik &#8211; Poster 1 von 2018</h2>
<p>Zur Fragestellung findet sich auf dem Poster aber lediglich folgende Angabe:</p>
<blockquote><p>“Frühere Analysen der Zahnmorphology und Maße (Aşıklı Höyük, Musular, and Çatalhöyük) weisen darauf hin, dass eine patrilokale, eheliche Residenzpraxis betrieben wurde (Pilloud 2013), was sich auf die räumlichen Bewegungen von Menschen und die Entwicklung strukturierter Gesellschaften im Laufe der Zeit auswirkt.“<br />
(Pilloud <em>et al.</em> 2018, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Die Studie von 2019 beruft sich also auf ein Poster, welches nur plakative Angaben macht und sich damit wiederum auf eine andere Quelle, und zwar von 2013 beruft, die wir uns natürlich wieder beschaffen müssen! Die Quelle ist Marin A. Pilloud, diesmal ganz alleine, die uns schon aus dem Jahre 2011 bekannt ist als diejenige, die keine Familiengräber finden konnte. Nach der Quellenangabe „S. 221-222“ waren zwei DINA4 Seiten zu erwarten. Das erstaunte mich doch sehr und dem bin ich weiter nachgegangen, erwartete ich doch eigentlich, nun endlich eine groß angelegte Studie mit Aussagen über die Zahl, das Geschlecht, den Fundort, Erhaltungszustand etc. der Zähne und Angaben über die verwendeten Methoden zu finden. Leider (oder natürlich?) ist diese Quelle nicht im Internet abrufbar.</p>
<h2 id="primaerquellenkritik-supplement-von-2013-das-duennste-brettchen-der-welt">&#8222;Primärquellen&#8220;kritik &#8211; Supplement von 2013: Das dünnste Brettchen der Welt</h2>
<p>Also habe ich meinen Universitätsbibliotheks-Account geöffnet und in der GBV-Fernleihe-Datenbank danach gesucht. Die betreffende Zeitschrift ist bei mir vor Ort nur bis zum Jahrgang 1999 einsehbar, lässt sich jedoch über Fernleihe bestellen. Dies funktionierte aber nicht und lieferte die Meldung zurück, dass ich das Heft ja in meiner Bibliothek einsehen könne. Darum musste ich mich persönlich auf den Weg in die Bibliothek machen, um das Problem dort einer Fachkraft vorzutragen. Es handele sich um einen nicht seltenen Fehler und ich könne es in der Fernleihstelle per Email melden, wo man mir helfen würde. Tatsächlich wurde der gesuchte Artikel nach ein paar Tagen von der Staatsbibliothek Berlin nach Braunschweig gesendet, der Fehler konnte aber nicht behoben werden. Die Dame am Ausleiheschalter, die ja einiges gewohnt ist, meinte „oh, das ist aber dünn“ und händigte mir drei zusammengetackerte DINA4-Seiten aus. Seite 1 war das Deckblatt der Bibliothek. Seite 2 und 3 waren die Kopien mit dem Artikel. Jedoch – die Seiten waren 3-spaltig aufgebaut und der gesuchte Text begann auf Seite 2 erst in Spalte 3 ganz unten, letzte 8 Zeilen, und endete schon wieder auf Seite 3 in der Mitte der Spalte 1. Da hat Pilloud aber „Glück“ gehabt, dass der Text, eine Ergänzung (Supplement) von vielen zu der zugehörigen Zeitschrift, der locker auf einer Postkarte Platz gefunden hätte, nicht nur auf Seite 3 abgedruckt wurde!</p>
<p><img data-recalc-dims="1" height="300" width="300" decoding="async" class="size-medium wp-image-4790 aligncenter" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2021/07/text.jpg?fit=300%2C300&#038;ssl=1" alt="Kopien, 2 DIN A4-Seiten" /></p>
<p>Der Kürze und Brisanz wegen kann bzw. muss ich hier den gesamten Text zitieren:</p>
<blockquote><p>“<strong>Eheliche Residenz im neolithischen Anatolien.</strong><br />
MARIN A. Pilloud. Central Identification Laboratory, Joint POW / MIA Accounting Command.<br />
Die neolithische Anlage von Çatalhöyük, Türkei (7400-5600 cal BC) ist bekannt für eine Bilderwelt mit weiblicher Symbolik, die dort entdeckt wurde, darunter die sogenannten Göttin-Figurinen. Das Vorhandensein solcher Artefakte hat einige Forscher zu dem Schluss geführt, dass in Çatalhöyük eine Art Fruchtbarkeitskult mit dem Weiblichen als zentraler Figur betrieben wurde. Diese Art der Verehrung gepaart mit der Tatsache, dass Çatalhöyük ein frühes Zentrum der Landwirtschaft war, führte andere zu der Argumention, dass Çatalhöyük eine matriarchale Gesellschaft gewesen sei. Jedoch, archäologische Untersuchungen des Ortes haben gezeigt, dass zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Ernährung, Aktivitäten und Bestattung sehr wenig Unterschied besteht. Die vorliegende Studie prüft die Hypothese einer weiblich zentrierten Gesellschaft mittels einer Analyse des ehelichen Wohnsitzes basierend auf der Zahn-Metrik und -Morphologie. Die Daten wurden an erwachsenen Gebissen aus Çatalhöyük sowie zwei weiteren neolithischen Stätten in Anatolien, Aşıklı Höyük und Musular, gesammelt. Die Daten von Männern und Frauen wurden innerhalb von Çatalhöyük verglichen sowie zwischen den drei neolithischen Standorten, um die phänotypische Variation der Zähne zu bewerten.<br />
Innerhalb Çatalhöyük zeigen Varianz-Unterschiede in Bezug auf eine Variable, dass die Frauen mehr Variation in der Zahngröße aufweisen als die Männer. Zwischen den drei Standorten zeigten Tests in Bezug auf eine Variable, der Zahngröße, große Unterschiede bei den Männern, während die Frauen sehr ähnlich waren. Die Zahn-Morphologie identifizierte wenige Unterschiede sowohl innerhalb von Çatalhöyük als auch zwischen den drei Standorten für Mann oder Frau. Basierend auf diesen Ergebnissen scheint es, dass die Frauen das mobilere Geschlecht waren, was mit der Erwartung einer patrilokalen Gesellschaft in Einklang steht.<br />
Gefördert durch Zuschüsse von der Ohio State University, American Research Institute in der Türkei und National Geographic.“<br />
(Pilloud 2013, S. 221 f, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Was sagt uns das? <strong>Erst einmal gibt es wieder Grund zur Freude</strong>: Unbeabsichtigt hat Marin A. Pilloud ihrer Logik nach den Nachweis geführt, dass die Menschen von Aşıklı Höyük und Musular deutlich matrilokal gelebt haben müssen. Größere Ähnlichkeit der Zähne der Männer innerhalb eines Ortes und geringere Ähnlichkeit in einem weiteren Raum bedeutet, dass die Männer ortstreu seien, also patrilokal heiraten, aber nur, wenn für die Frauen etwas anderes festgestellt wird. Das war an diesen beiden Orten NICHT der Fall. Auch in Çatal Höyük war das nur für die <strong>Zahngröße</strong> festgestellt worden, nicht aber für die Form, die <strong>Morphologie</strong> der Zähne! In der Studie von 2019 wird aber behauptet – ich wiederhole: „<em>Darüber hinaus gibt es in Çatal Höyük bei Männern ein Muster geringerer Unterschiede im dentalen Phänotyp als bei Frauen, das die Wahrscheinlichkeit eines <strong>patrilokalen, ehelichen Aufenthalts</strong> dokumentiert</em>“ (Larsen <em>et al.</em> 2019, m. Ü., m. H.) Im Poster wird sogar behauptet – ich wiederhole: “<em>Vorherige Analysen der <strong>Morphology und Maße </strong>der Zähne (Aşıklı Höyük, Musular and Çatalhöyük) deuten an, dass eine patrilokale, eheliche Residenzpraxis betrieben wurde (Pilloud 2013), welche Auswirkungen auf die Bewegungen über den Raum und die Entwicklungen strukturierter Gesellschaften im Laufe der Zeit hatte.</em>“ (Pilloud <em>et al.</em> 2018, m. Ü., m. H.)</p>
<p>Es sind in Çatal Höyük nur Unterschiede in der <strong>GRÖSSE</strong> gefunden worden und an den anderen neolithischen Orten nicht einmal das. Für das viel bedeutendere Kriterium, nämlich die <strong>FORM,</strong> weist Çatal Höyük nur wenige, das heißt keine signifikaten Unterschiede auf. Damit handelt es sich hier um eine Falschaussage in dem Poster von 2018 und um eine Übertreibung („phänotypisch“) in der Studie vom 17. Juni 2019.</p>
<p>Da dem Text von Pilloud 2013 keine Tabellen beiliegen, dürfen wir uns fragen, nach welchen Kriterien die Zähne ausgesucht wurden. Wo wurden sie z.B. gefunden? Dazu keinerlei Angabe, auch nicht zur Anzahl der untersuchten Individuen.</p>
<p>Marin A. Pilloud schreibt von „sog. Göttinnen-Figurinen“, was bereits eine klare, ideologische Absage an Marija Gimbutas und James Mellaart ist, und schlimmer noch, sie wischt mit einem rhetorischen Schachzug Matrifokalität vom Tisch, in dem sie von einem Matriarchat im Sinne von Frauenherrschaft, also von Ungleichheit spricht, von der insbesondere aber Marija Gimbutas nie gesprochen hat. Dass Matrifokalität die einzige Lebensform ist, die echte Egalität ermöglicht, weiß Pilloud entweder nicht, oder sie WILL es nicht wissen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, und das habe ich leider erst jetzt bemerkt, dass sie zum Zeitpunkt dieser „Untersuchung“ und insgesamt vier Jahre für das US-Verteidigungsministerium (Central Identification Laboratory, Joint POW / MIA Accounting Command) gearbeitet hat, dessen erzpatriarchale Gesinnung wir nicht ausführen müssen.</p>
<p>Weil leider nicht immer nur Wissen erschaffen, sondern auch Wissen vorgetäuscht wird, hat die Wissenschaftsethik 12 zu erfüllende Kriterien aufgestellt. Dies sind<br />
1. Ehrlichkeit<br />
2. Objektivität<br />
3. Überprüfbarkeit<br />
4. Reliabilität<br />
5. Validität<br />
6. Verständlichkeit<br />
7. Relevanz<br />
8. Logische Argumentation<br />
9. Originalität<br />
10. Nachvollziehbarkeit<br />
11. Fairness<br />
12. Verantwortung<br />
(FH DO 2011, S. 15, <a href="https://www.springer-campus-it-onlinestudium.de/w3lmedia/W3L/Medium112698/9783868340341_Leseprobe.pdf" target="_blank" rel="noopener">online, im PDF S. 3</a>)</p>
<p>Menschen können sich auch irren, nicht nur JournalistInnen, auch ArchäologInnen stehen unter Druck. Einerseits müssen sie sensationelle Ergebnisse vorweisen, um Geld für den Fortgang einer Grabung einfordern zu können, andererseits sind die Geldgeber und Archäologen daran interessiert, dass die Grabungsergebnisse ihr Weltbild bestätigen, das ja immer ein patriarchales ist. Insbesondere die Grabungsgeschichte von Çatal Höyük, das in der Zentral-Türkei gelegen ist, ist ein Beispiel dafür, wie schnell eine Grabung für beendet erklärt wird und missliebige Archäologen entfernt werden. Nach Hodders unspektakulärem Abgang ist die Grabung wieder ganz in türkischen Händen. Ein anderes Beispiel ist die Ausgrabung in Ephesus, wo dem österreichischen Team im Jahre 2016 aus politischen Gründen die Grabungslizenz entzogen wurde (<a href="https://science.orf.at/stories/2891594/" target="_blank" rel="noopener">Sciene ORF 2018</a>). Aber das nur am Rande.</p>
<p>Das Poster 1 <em>Pilloud et al. 2018</em> wirft damit noch weitere Fragen auf.</p>
<ol class="liste1">
<li>Unter &#8222;Materialien und Methoden&#8220; wird die Tabelle 2, die nur Daten aus Aşıklı Höyük, Musular and Çatal Höyük enthält, falsch zugeordnet: „<em>Data were collected on nuDNA from a subset of Individuals from Boncuklu und Tepecik-Çiftlik (Table 2).</em>“ Die Daten zur nuDNA befinden sich jedoch in „Figure 3“. Ein einfacher Schreibfehler ist das nicht, sondern bereits Nachlässigkeit, und dies auf einem kleinen Poster, das eine Aussage von erheblicher Tragweite trifft. Der Satz lässt ein zweites Mal aufmerken. Denn die Überschrift des Posters lautet „Mobility in Neolithic Central Anatolia: A Comparison of Dental Morphometrics and aDNA“. Aber die Untersuchung der Zähne aus Çatal Höyük wurde <strong>NICHT</strong> durch eine DNA-Untersuchung abgesichert! Dies ist in gewisser Weise eine manipulative Gestaltung der Studie und ihrer Überschrift.</li>
<li>Das Poster enthält insgesamt 3 Tabellen und eine Abbildung, die möglicherweise schon 2013 von Marin A. Pilloud produziert worden sind. Hat es 4 Jahre gedauert, bis das Forscherteam, zu dem wieder Marin A. Pilloud gehörte, damit auf eine Konferenz gegangen ist? Das Poster erweckt aber den Eindruck, als seien es völlig neue Daten. Aber waren die Daten vielleicht noch so wenig aussagekräftig, dass sie weiter verwertet werden mussten oder gibt es einen anderen Grund? Denn das vorliegende Poster soll primär etwas anderes zum Ausdruck bringen. Wir lesen dort als Ergebnis (das ich abschreiben musste, weil das PDF des Posters kopiergeschützt ist):<br />
<blockquote><p>„Diese Ergebnisse legen die regionale Entwicklung von Gemeinschaften nahe, die im Laufe der Zeit begannen, miteinander zu interagieren, was schließlich zu größeren dörflichen Siedlungen führte.“<br />
(Pilloud <em>et al. </em>2018; meine Übersetzung, meine Hervorhebung)</p></blockquote>
</li>
</ol>
<p>Pillouds „Studie“ von 2013 hat, das zeigen nun diese Tabellen im Poster 1 von 2018 (wenn es tatsächlich diejenigen sind), große Schwächen, von der Tatsache abgesehen, dass allein das Kriterium der Zahngröße zu der brisanten Aussage herangezogen werden konnte. Da ist schon einmal die geringe Anzahl und das ungleiche Geschlechterverhältnis der untersuchten Individuen. Um Residenzregeln zu beweisen, müssen gleich viele Männer wie Frauen untersucht werden. (Dieser Fehler wurde schon bei den <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/das-massaker-von-talheim" target="_blank" rel="noopener">Untersuchungen am bandkeramischen Massaker von Talheim/Neckar</a> gemacht, wo die Archäologin Ursula Eisenhauer ebenfalls Patrilokalität nachzuweisen versuchte, was ich ebenfalls entkräften konnte; vgl. Uhlmann 2012 und Düring/Wahl 2014, S. 22 f).<br />
Aber es wurden hier 56 Männer und 67 Frauen (Verhältnis 0,84) untersucht. Dass bei mehr Frauen auch mehr Unterschiede festgestellt werden, sollte uns nicht wundern. In Aşıklı Höyük wurden 11 Männer und 14 Frauen (Verhältnis 0,79) und nur in Musular gleich viele, jedoch nur 3 Männer und 3 Frauen untersucht und hier wurden auch die geringsten Unterschiede gefunden.<br />
Wir erfahren wie gesagt auch nichts darüber, an welchen Stellen die Zähne gefunden wurden, denn Çatal Höyük ist viel größer als Aşıklı Höyük und Musular. Durch gezielte Auswahl von weiblichen Zähnen an unterschiedlichen Orten, wäre das Ergebnis leicht zu manipulieren gewesen. Wir erfahren auch nichts über das mutmaßliche Alter der „Frauen“ zum Todeszeitpunkt und den Erhaltungszustand im Vergleich der Zähne untereinander. Auch Fotos wären anschaulich gewesen.</p>
<p>Der verwendete Datensatz ist leider auch nicht identisch mit dem aus der Studie von Pilloud/Larsen 2011, bei der keine Familiengräber gefunden wurden. 2011 wurden 266 Individuen einbezogen, 2013 offenbar (wenn die Tabelle im Poster von 2017 tatsächlich aus dem Jahre 2013 stammt) nur 256. Als Untermauerung einer so schwerwiegenden Aussage ist diese Quelle <em>Pilloud 2013</em> völlig ungeeignet und hat, obwohl auch sie in dem sog. peer-reviewten Fachmagazin „American Journal of Physical Anthropology“ veröffentlicht wurde, lediglich den Wert einer Zeitungsmeldung.</p>
<h2 id="sekundaerquellenkritik-poster-2-von-2018">Sekundärquellenkritik &#8211; Poster 2 von 2018</h2>
<p>Werfen wir noch einen Blick auf das <a href="https://www.researchgate.net/publication/327537029_Dental_Diversity_and_Population_Movement_in_Neolithic_Central_Anatolia" target="_blank" rel="noopener">2. Poster</a> (Philbin/Pilloud 2018), das auf der Konferenz präsentiert wurde. Es geht darin wieder um Zahn-Untersuchungen aus den gleichen Orten, nur Tepecik-Çiftlik fehlt. Die AutorInnen sind diesmal Casey S. Philbin und Marin A. Pilloud. Sie betonen in der rechten Seitenspalte, dass Clark S. Larsen Einfluss auf die Studie genommen hat. Es wurden zwei Hypothesen überprüft. 1. die neolithischen Gemeinschaften entwickelten sich regional, und 2. während des jüngeren Neolithikums gab es verstärkten Kontakt zwischen den Siedlungen und einen Genfluss. Im Ergebnis hätte sich beides bestätigt, alle Orte hätten an Diversität zugenommen. Die Zunahme an Merkmalen deute auf eine Zunahme der Komplexität der Gemeinschaft hin. Die Studie diene dem Verständnis, wie sich die Sesshaftigkeit über Europa ausgebreitet hatte, mit Anatolien als führender Rolle.<br />
Diesmal wurde kein Augenmerk auf das Geschlecht der untersuchten Individuen gelegt. Aus Çatal Höyük wurden deutlich weniger Zähne ausgewertet, nämlich nur 137, während die Anzahl aus Aşıklı Höyük mit 39 etwas mehr war und Musular mit 7 gleich blieb. Diese DNA-Untersuchungen können also keine Patrilokalität beweisen, lediglich die Vermischung der Gene in der Region, was ja auch erwartet war.</p>
<p>Wir können daraus ablesen, dass Çatal Höyük eine starke Anziehungskraft ausübte. Die Sogwirkung beweist, dass Çatal Höyük über einen sehr langen Zeitraum nicht so unwirtlich und so gewalttätig gewesen sein kann, wie es Larsen am 17. Juni 2019 verlauten ließ.<br />
Die Sogwirkung allein dem massenhaften Zuzug von Ehefrauen zuzuschreiben, ist nicht haltbar, auch hätte es dann vor Ort einen permanenten Männerüberschuss, also einen Heiratsmarkt, hätte geben müssen, wenn die Männer nicht polygam gelebt haben. Das wiederum dürfte angesichts der Bildsprache der Rauminstallationen in den Häusern kaum der Fall gewesen sein. Im Gegenteil, die Menge verbauter Bukranien (Rindergehörne), die wenn sie denn tatsächlich männliche Tiere bzw. Männer repräsentieren, ist deutlich größer als die Zahl der Frauenfiguren, neben denen sie angeordnet sind. Ich würde sie eher als Symbole der vielen Liebhaber einer Mutter ansehen. Es ist nachvollziehbar, dass die zugezogenen Frauen ihre Liebhaber vor Ort ausgewählt und getauscht haben. Aber deswegen muss frau ja nicht gleich heiraten, wie es so schön heißt.</p>
<p><a title="Elelicht [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_EL.JPG"><img decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/0/08/Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_EL.JPG/512px-Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_EL.JPG" alt="Catal Hüyük EL" width="512" /></a><br />
Installation aus Çatal Höyük: Oben Urmutter in Gebärhaltung, unten Bukranien. Neben dem Ofen erkennen wir Lehmkugeln.<br />
Rekonstruktion im Museum of Anatolian Civilizations, Ankara<br />
<span style="font-size: 8px;">Bildquelle: Wikimedia Commons</span></p>
<p>Es dürfte sich daher um den Zuzug ganzer Sippen oder Teilen von Sippen gehandelt haben, wobei vor allem die Frauen es attraktiv fanden, fortan in der Metropole zu wohnen und die Zuwanderung auch der Männer maßgeblich vorantrieben. Es müssen sich daraus Vorteile für sie selbst ergeben haben, u.a., auf den ersten Blick, eine größere Auswahl an Männern. Natürlich kann so der Eindruck entstehen, es hätte sich um patrilokale Familienbeziehungen gehandelt. Mangelnde Vorstellungskraft und Rückwärtsprojektion patriarchaler Verhältnisse führen zu solchen Verlautbarungen. Auf der Basis der Beobachtung, dass in patriarchalen Gesellschaften darauf geachtet wird, dass Familienmitglieder gemeinsam bestattet werden, gehen Hodder, Larsen und Pilloud davon aus, dass von der Art der Bestattung auf die des sozialen Zusammenlebens geschlossen werden kann. Bei matrifokalen Gemeinschaften ist das aber nicht so einfach. So wissen wir aus dem matrilinearen Völkern in Amerika, Afrika und Asien, dass die Kinder oft gar nicht wissen, welche Frau ihre eigene Mutter ist (Tazi-Preve 2017, S. 155f und 2018). Es gibt dann kein Wort für Tante, sondern nur das Wort Mutter.</p>
<p>Çatal Höyük war keine Ansammlung von Parallelgesellschaften, sondern ein echter Schmelztiegel. Wir können davon ausgehen, dass die Kinder auch von Nachbarsippen mitbetreut wurden und, wenn ein Kind Waise, also mutterlos wurde, nahtlos von anderen Sippen adoptiert wurde, was aus psychologischer Sicht sicher hilfreich war. Vielleicht war ja genau das der größte Vorteil, den Kinder dort hatten, dies in der Zeit des Hungers nach der Misox-Schwankung. In großen sesshaften, matrifokalen Gemeinschaften ist demnach gar nicht zu erwarten, dass die mütterlichen Linien beieinander bestattet sind. Für altsteinzeitliche, nichtsesshafte Wildbeutergruppen dürfte dies anders gewesen sein, da die Gruppen wesentlich kleiner waren, nur aus einer Sippe bestehend, mit ca. 80-120 Personen und nicht wie in Çatal Höyük mit mehreren Tausend.</p>
<p><a title="Stipich Béla [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_Restauration.JPG"><img decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/7/7b/Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_Restauration.JPG/256px-Catal_H%C3%BCy%C3%BCk_Restauration.JPG" alt="Catal Hüyük Restauration" width="256" /></a><br />
Raum aus Çatal Höyük: Unter den Schlaf-Plattformen wurden die Angehörigen bestattet. Rekonstruktion im Museum of Anatolian Civilizations, Ankara<br />
<span style="font-size: 8px;">Bildquelle: Wikimedia Commons</span></p>
<h2 id="neue-verwandtschaftsstudie-von-2019-aehnlich-den-matrilinearen-Pueblo">Neue Verwandtschaftsstudie von 2019: Ähnlich den matrilinearen Pueblo?</h2>
<p>Bei meiner Recherche entdeckte ich eine weitere 2019 erschienene, wesentlich nüchternere (<a href="https://www.mdpi.com/2073-4425/10/3/207" target="_blank" rel="noopener">und auch frei im Internet abrufbare</a>) Studie eines völlig anderen Teams polnischer, tschechischer, schwedischer und türkischer BiologInnen und ArchäologInnen. Sie untersuchten 4 benachbarte Häuser in Çatal Höyük aus der sog. Mellaart-Phase VI A und konnten dort insgesamt 10 verschiedene Mitochondrien-DNAs (mtDNA) identifizieren, also im Schnitt 2,5 mtDNAs pro Haus. Insgesamt wurden 37 Individuen untersucht, und zwar zehn aus Gebäude 96, sechs aus Gebäude 97, fünf aus Gebäude 89, und 16 aus Gebäude 80, wo nebenbei erwähnt besonders viele Installationen gefunden wurden.<br />
Davon waren viele Proben kontaminiert, so dass am Ende nur 10 Individuen berücksichtigt werden konnten. Es waren 5 Kinder und 5 Erwachsene. Es konnten nur 3 weibliche Individuen eindeutig indentifiziert werden, davon zwei Kinder. Nach der DNA konnte kein Mann zweifelsfrei identifiziert werden, nach der Morphologie ist vermutlich nur ein Mann dabei.<br />
Keine der mtDNAs kam in ein und demselben Haus mehrfach vor, aber in den 4 benachbarten Häusern fanden sich VertreterInnen von insgesamt 6 „Lineagen“ (U, K, H, W, N und X), die aber zu 10 verschiedenen <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Haplotyp" target="_blank" rel="noopener">Haplotypen</a> gehörten. Alle Erwachsenen gehörten unterschiedlichen „Lineagen“ an.<br />
Im Gebäude 96 wurden eine Frau und 3 Kinder gefunden, die keine Verwandten ersten Grades waren. Dies wird wie folgt interpretiert:</p>
<blockquote><p>“Der Fall der im Gebäude 96 begrabenen Personen ist besonders interessant, da vier verschiedene mitochondriale Haplotypen darauf hindeuten, dass mindestens vier verschiedene mütterliche Abstammungslinien in der Gruppe der Personen vorlagen, die in diesem bestimmten Haus beigesetzt wurden. Eine derart hohe Variabilität mitochondrialer Haplogruppen in einer Verwandtschaftsgruppe, insbesondere bei Kindern und Frauen, <strong>könnte durch die Patrilokalität erklärt werden</strong>. Unter der Annahme, dass das Haus als für Çatal Höyük typische Struktur für 3-4 Generationen bewohnt war (…) und von einer matrilokalen oder bilateralen biologischen Verwandtschaftsgruppe bewohnt wurde, ist die Möglichkeit unplausibel, vier Individuen zu finden, die unterschiedliche mütterliche Abstammungslinien repräsentieren und die in Geschlecht und Alter zusammen passen. Zur Untermauerung dieser Interpretation sollten jedoch entweder die väterlichen Abstammungslinien analysiert werden, die in den Y-Chromosomen-Daten widergespiegelt sind, oder es ist eine genaue Schätzung der Größe der betreffenden Verwandtschaftsgruppe erforderlich. Da das Gebäude 96 nicht vollständig ausgegraben wurde (…), wurden bisher nur zehn Personen freigelegt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich noch mehr Verstorbene unter seinem Boden befinden.“<br />
(Chyleŉski et al. 2019, S. 8)</p></blockquote>
<p>Die Ergebnisse passen natürlich gut zu der ersten Studie Pilloud/Larsen 2011 und es fällt wohltuend auf, dass erwähnt wird, dass die Ergebnisse mit den Daten der Y-Chromosomen abgesichert werden müssen und zudem die Zahl der Untersuchten unvollständig ist.<br />
Nicht ausschließlich Patrilokalität, mit der sich ja Marin A. Pilloud viel zu weit aus dem Fenster lehnt, sondern auch andere Arten des Zusammenlebens werden erwogen, z.B. wird auch ein Vergleich mit den Pueblo Nordamerikas angestellt. Dass die Pueblo matrifokal waren, wird allerdings unterschlagen. Die Siedlungen der Pueblo dienten immer wieder als Vorbild bei der Rekonstruktion des Siedlungshügels.</p>
<p><a title="Popular Science Monthly Volume 41 [Public domain], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:PSM_V41_D825_Terrace_houses_of_the_pueblo_indians_in_new_mexico.jpg"><img decoding="async" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d2/PSM_V41_D825_Terrace_houses_of_the_pueblo_indians_in_new_mexico.jpg/256px-PSM_V41_D825_Terrace_houses_of_the_pueblo_indians_in_new_mexico.jpg" alt="PSM V41 D825 Terrace houses of the pueblo indians in new mexico" width="300" /></a><br />
Pueblo-Terrassenhäuser in New Mexiko<br />
<span style="font-size: 8px;">Bildquelle: Wikimedia Commons</span></p>
<p>Es wird auch überhaupt nicht in Betracht gezogen, dass Adoptionen häufig vorgekommen sein müssen. Wichtig ist aber der Hinweis, dass es in Tepecik-Çiftlik und Boncuklu Höyük starke Indizien für mitochondriale Verwandtschaft gibt. Auch das legt nahe, dass diese Orte noch keine Metropolen waren, sondern matrilinear gewachsene, geschlossene Gemeinschaften. Insbesondere Boncuklu Höyük wird als einer der genetischen Ursprungsorte Çatal Höyüks vermutet (Chyleŉski <em>et al.</em> 2019, S. 9).</p>
<p>Matrilokalität und Matrilinearität ist unser angeborenes Sozialverhalten. Patrilokalität und Patrilinearität, also Patriarchat, ist keine natürliche Option für den Menschen, sondern es gibt dafür immer einen unnatürlichen Grund, und zwar wirtschaftlicher Art, und es ist natürlich nicht egalitär. Die Entstehung eines Patriarchats ist an die Tierzucht in Herdenhaltung gebunden, und dafür gibt es in Çatal Höyük keine Anzeichen, lediglich Tierhaltung im kleinen Rahmen und Jagd sind belegt. Daher ist plausibel, dass die BewohnerInnen ihre gewohnte Freiheit weiterlebten, nachdem sie in Çatal Höyük angekommen waren. Çatal Höyük kann als Beleg dafür herangezogen werden, dass Matrifokalität zu größerer Toleranz unter Fremden und zu starker Gemeinschaft führen kann. Es spricht vor allem auch für meine These, dass matrifokal aufwachsende Kinder sich ihre wichtigsten Bezugspersonen selbst suchen und selber wissen, was und wen sie brauchen.</p>
<p>Eine archäologische Stätte, die derart bedeutend für die Menschheit ist, weil sie die Überreste unseres matrifokalen Erbes bewahrt, sollte, wie jeder andere Forschungsgegenstand auch verantwortungsvoll erforscht werden. Verantwortung ist in einer Zeit von wieder erstarkender patriarchaler Ideologie ein immer wichtigeres wissenschaftsethisches Kriterium.</p>
<h2 id="nachtrag">Nachtrag</h2>
<p>Am 14. April 2021 bestätigten türkische Forscher erneut die Matrifokalität jungsteinzeitlicher Siedlungen, u.a. Çatal Höyük <a href="https://www.miragenews.com/ancient-dna-hints-at-diverse-stone-age-543915/" target="_blank" rel="noopener">Zum Artikel im Magazin miragenews.com</a></p>
<h2 id="literatur">Literatur</h2>
<ul id="liste4">
<li>Balter 2010: Michael Balter: <strong>Hodder Cleans House at Famed Çatalhöyük Dig</strong>. Veröffentlicht am 2.9.2010<br />
<a href="https://www.sciencemag.org/news/2010/09/hodder-cleans-house-famed-atalh-y-k-dig">https://www.sciencemag.org/news/2010/09/hodder-cleans-house-famed-atalh-y-k-dig</a></li>
<li>Beise/Voland 2003: Jan Beise und Eckart Voland: <strong>Warum gibt es Großmütter?</strong> In: Spektrum online, veröffentlicht am 01.01.2003. <a href="https://www.spektrum.de/magazin/warum-gibt-es-grossmuetter/829410" target="_blank" rel="noopener">https://www.spektrum.de/magazin/warum-gibt-es-grossmuetter/829410</a></li>
<li>Berg 2019: T. Berg: <strong>9.000 Jahre alte Steinzeit-Stadt litt an modernen urbanen Problemen. In einer der ersten Großsiedlungen der Menschheit grassierten Krankheiten, Umweltzerstörung und Gewalt. Abgerufen am 15.7.2019<br />
</strong><a href="https://www.derstandard.at/story/2000105111331/9-000-jahre-alte-steinzeit-stadt-litt-an-modernen-urbanen">https://www.derstandard.at/story/2000105111331/9-000-jahre-alte-steinzeit-stadt-litt-an-modernen-urbanen</a></li>
<li>Chyleŉski <em>et al.</em> 2019: Maciej Chyleŉski , Edvard Ehler, Mehmet Somel, Reyhan Yaka, Maja Krzewiŉska, Mirosława Dabert, Anna Juras and Arkadiusz Marciniak: <strong>Ancient Mitochondrial Genomes Reveal the Absence of Maternal Kinship in the Burials of Çatalhöyük People and Their Genetic Affinities</strong>. In: Genes 2019, 10, 207; doi:10.3390/genes10030207, Published: 11 March 2019</li>
<li>Düring, Andreas; Wahl, Joachim: <strong>Agentenbasierte Computersimulationen als Schlüssel zur demographischen Struktur des bandkeramischen Massengrabs von Talheim.</strong> In: <a href="https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fbbw/article/download/44490/37955" target="_blank" rel="noopener">Fundberichte aus Badenwürttemberg, Band 34/2, Darmstadt 2014, S. 5-24</a></li>
<li>Farid 2014: Shahina Farid: <strong>‘Proportional representation’ multiple voices in archeological interpretation at Çatalhöyük</strong>. In: Robert Chapman, Alison Wylie Material Evidence: Learning from Archaeological Practice, Routledge, 05.12.2014, S. 75f</li>
<li>Grabmeier 2019: Jeff Grabmeier: <strong>9,000 years ago, a community with modern urban problems. Çatalhöyük had overcrowding, violence, environmental troubles. </strong>Ohio State News, 17.06.2019<br />
<a href="https://news.osu.edu/9000-years-ago-a-community-with-modern-urban-problems/">https://news.osu.edu/9000-years-ago-a-community-with-modern-urban-problems/</a></li>
<li>Hodder 2010: Ian Hodder: <strong>2010 SEASON REVIEW. A Decorated House Found at Çatalhöyük. In Çatalhöyük Archive Report 2010, S. 1-5</strong> <a href="http://www.catalhoyuk.com/sites/default/files/media/pdf/Archive_Report_2010.pdf">http://www.catalhoyuk.com/sites/default/files/media/pdf/Archive_Report_2010.pdf</a></li>
<li>Jarus 2011: Owen Jarus:<strong> No Family Plots, Just Communal Burials In Ancient Settlement</strong>. Live Science Contributor, veröffentlicht am 29.6.2011. Abgerufen am 15.7.2019<br />
<a href="https://www.livescience.com/14824-communal-human-burials-ancient-settlement.html">https://www.livescience.com/14824-communal-human-burials-ancient-settlement.html</a></li>
<li>Konigsberg 1988: L. W. Konigsberg: <strong>Migration models of prehistoric postmarital residence.</strong> Am. J. Phys. Anthropol. 77, 471–482 (1988).</li>
<li>Larsen <em>et al.</em> 2019: Clark Spencer Larsen, Christopher J. Knüsel, Scott D. Haddow, Marin A. Pilloud, Marco Milella, Joshua W. Sadvari, Jessica Pearson, Christopher B. Ruff, Evan M. Garofalo, Emmy Bocaege, Barbara J. Betz, Irene Dori, and Bonnie Glencross: <strong>Bioarchaeology of Neolithic Çatalhöyük reveals fundamental transitions in health, mobility, and lifestyle in early farmers</strong>. In: PNAS June 25, 2019 116 (26) 12615-12623; first published June 17, 2019 <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.1904345116">https://doi.org/10.1073/pnas.1904345116</a></li>
<li>Lauer 2019: Céline Lauer: <strong>Wie Städte Gewalt erzeugen.</strong> Veröffentlicht am 25.06.2019, abgerufen am 15.07.2019<br />
<a href="https://www.welt.de/wissenschaft/plus195816815/Untergang-von-Çatalhoeyuek-Wie-Staedte-Gewalt-erzeugen.html" rel="nofollow">https://www.welt.de/wissenschaft/plus195816815/Untergang-von-Çatalhoeyuek-Wie-Staedte-Gewalt-erzeugen.html</a></li>
<li>Philbin/Pilloud 2018: Casey S. Philbin and Marin A. Pilloud Department of Chemistry, University of Nevada, Reno; Department of Anthropology, University of Nevada, Reno: <strong>Dental Diversity and Population Movement in Neolithic Central Anatolia</strong>. Conference Paper, September 2018<br />
= POSTER 2: <a href="https://www.researchgate.net/publication/327537029_Dental_Diversity_and_Population_Movement_in_Neolithic_Central_Anatolia">https://www.researchgate.net/publication/327537029_Dental_Diversity_and_Population_Movement_in_Neolithic_Central_Anatolia</a></li>
<li>Pilloud 2013: Pilloud MA. 2013. <strong>Postmarital residence in Neolithic Anatolia.</strong> In: American journal of physical anthropology Supplement S. 150, S. 221-222.</li>
<li>Pilloud <em>et al.</em> 2018: Marin A. Pilloud, Mehmet Somel, Scott D. Haddow, Christopher J. Knüsel, Clark Spencer Larsen, Mihriban Ӧzbaşaran, Omur Dilek Erdal, Douglas Baird, Jessica Pearson, Anders Götherström, Jan Storå, Mattias Jakobsson, Gülşah Merve Kılınç Füsun Özer, Dilek Koptekin, Nihan Dilşad Dağtaş: <strong>Mobility in Neolithic Central Anatolia: A Comparison of Dental Morphometrics and aDNA</strong>. Conference Paper, September 2018<br />
= POSTER 1: <a href="https://www.researchgate.net/publication/327536930_Mobility_in_Neolithic_Central_Anatolia_A_Comparison_of_Dental_Morphometrics_and_aDNA">https://www.researchgate.net/publication/327536930_Mobility_in_Neolithic_Central_Anatolia_A_Comparison_of_Dental_Morphometrics_and_aDNA</a></li>
<li>Pilloud/Larsen 2011: Marin A. Pilloud, Clark Spencer Larsen: <strong>“Official” and “practical” kin: Inferring social and community structure from dental phenotype at Neolithic Çatalhöyük, Turkey.</strong> In: In: American journal of physical anthropology, S. 145, S. 519-530. First published: 17 May 2011. <a href="https://doi.org/10.1002/ajpa.21520d">https://doi.org/10.1002/ajpa.21520d</a><br />
<a href="https://www.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ajpa.21520">https://www.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/ajpa.21520</a></li>
<li>Roffet-Salque <em>et al.</em> 2018: Mélanie Roffet-Salque, Arkadiusz Marciniak, Paul J. Valdes, Kamilla Pawłowska, Joanna Pyzel, Lech Czerniak, Marta Krüger, C. Neil Roberts, Sharmini Pitter, and Richard P. Evershed: <strong>Evidence for the impact of the 8.2-kyBP climate event on Near Eastern early farmers.</strong> PNAS August 28, 2018 115 (35) 8705-8709; first published August 13, 2018 <a href="https://doi.org/10.1073/pnas.1803607115">https://doi.org/10.1073/pnas.1803607115</a></li>
<li>FH DO 2011: Springer Campus IT Online-Studium in Zusammenarbeit mit der FH Dortmund 2011: <strong>Wissenschaftsethik: Qualitätskriterien</strong>.<br />
<a href="https://www.springer-campus-it-onlinestudium.de/w3lmedia/W3L/Medium112698/9783868340341_Leseprobe.pdf">https://www.springer-campus-it-onlinestudium.de/w3lmedia/W3L/Medium112698/9783868340341_Leseprobe.pdf</a></li>
<li>Science ORF 2018: <strong>Archäologen dürfen zurück nach Ephesos</strong>. <a href="https://science.orf.at/stories/2891594/">https://science.orf.at/stories/2891594/</a> Publiziert am25.01.2018</li>
<li>SMM 2003: Mysteries of Çatalhöyük 2003. Science Museum of Minnesota<br />
<a href="https://www.smm.org/catal/mysteries/" target="_blank" rel="noopener">https://www.smm.org/catal/mysteries/</a></li>
<li>Tazi-Preve 2017: Mariam Irene Tazi-Preve: <strong>Das Versagen der Kleinfamilie. Kapitalismus, Liebe und der Staat</strong>. Opladen. Berlin, Toronto 2017</li>
<li>Tazi-Preve 2018: <strong>Vereinbarkeitsdebatte. Wir müssen Familie anders denken</strong>. Interview mit Mariam Irene Tazi-Preve von Anja Wasserbäch am 06.02.2018. Stuttgarter Nachrichten.<br />
<a href="https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.vereinbarkeitsdebatte-wir-muessen-familie-anders-denken.f0e056a4-6943-4975-8fab-6bdf47e97adf.html">https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.vereinbarkeitsdebatte-wir-muessen-familie-anders-denken.f0e056a4-6943-4975-8fab-6bdf47e97adf.html</a></li>
<li>Uhlmann 2012: Gabriele Uhlmann: <strong>Das Massaker von Talheim.</strong> In: Gabriele Uhlmann: Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte. Norderstedt 2012</li>
<li>Uhlmann 2019: Online-Ressource <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat" target="_blank" rel="noopener">Patriarchat- Definition, Geschichte und Symptome</a></li>
<li>Vieweg 2019: Martin Vieweg: <strong>Städtische Probleme – schon vor 9000 Jahren.</strong><br />
<a href="https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/staedtische-probleme-schon-vor-9000-jahren/">https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/staedtische-probleme-schon-vor-9000-jahren/</a> Veröffentlicht am 17. Juni 2019</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat-und-gewalt-in-catal-hoeyuek">Patriarchat und Gewalt in Çatal Höyük?</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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		<item>
		<title>Das Massaker von Talheim</title>
		<link>https://blog.gabriele-uhlmann.de/das-massaker-von-talheim</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 12 Jul 2021 13:59:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Analysen und Studien]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Archäologie]]></category>
		<category><![CDATA[Bandkeramik]]></category>
		<category><![CDATA[Buch "Archäologie und Macht"]]></category>
		<category><![CDATA[Familie]]></category>
		<category><![CDATA[Interdisziplinäre Patriarchatsforschung]]></category>
		<category><![CDATA[Matrifokalität]]></category>
		<category><![CDATA[Patrilinearität]]></category>
		<category><![CDATA[Skandal]]></category>
		<category><![CDATA[Studie]]></category>
		<category><![CDATA[Frauenraub]]></category>
		<category><![CDATA[Gewalt]]></category>
		<category><![CDATA[Jungsteinzeit]]></category>
		<category><![CDATA[LBK]]></category>
		<category><![CDATA[Massaker]]></category>
		<category><![CDATA[Matrilokalität]]></category>
		<category><![CDATA[Patrilokalität]]></category>
		<category><![CDATA[Talheim]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Das Massaker von Talheim ist das prominenteste Beispiel für die beginnende Gewalt in Mitteleuropa um ca. 5000 v.u.Z. und damit für die beginnende Patriarchalisierung. Das Massaker, welches am Ende der...</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Das Massaker von Talheim ist das prominenteste Beispiel für die beginnende Gewalt in Mitteleuropa um ca. 5000 v.u.Z. und damit für die beginnende Patriarchalisierung. Das Massaker, welches am Ende der Bandkeramischen Kultur stattgefunden hat, wird auch von der Herrschenden Lehre als einer der ersten Kriegsschauplätze bezeichnet.</strong></p>
<p><a href="https://i0.wp.com/www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/geschichte/urundfrueg/steinz/talheim/fundsituation.jpg" target="_blank" rel="noopener"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="bild" title="Massaker von Talheim" src="https://i0.wp.com/www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/geschichte/urundfrueg/steinz/talheim/fundsituation.jpg?w=300" alt="Massaker von Talheim"  border="0" /></a><br />
<span class="abb">Foto: © Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart</span></p>
<p>An diesem Fund hatten die Ur- und Frühgeschichte und die Naturwissenschaft Hand in Hand gearbeitet, um zu beweisen, dass die Jungsteinzeit Mitteleuropas mit ihrer sesshaften, bäuerlichen Lebensweise von Anfang an patriarchalisch geprägt gewesen sei, also schon 500 Jahre früher als das Datum des Massakers.</p>
<p>Der naturwissenschaftliche Befund, der Patrilokalität bezeugen soll, steht im krassen Gegensatz zu den kulturellen Hinterlassenschaften der Bandkeramischen Kultur. Daher hatte ich erhebliche Zweifel an der Richtigkeit der Schlussfolgerungen, die aus den Datensätzen der Untersuchungen gezogen wurden. Ich habe dann analysiert und in meinem Buch &#8222;Archäologie und Macht&#8220; (siehe rechte Spalte) dokumentiert, wie die vermeintliche Beweisführung strategisch aufgebaut wurde und wie im Einzelnen argumentiert wird. Erstaunlich war dabei, wie schlampig anthropologische Methoden angewendet wurden und wie leichtfertig mit den Befunden umgegangen wurde, um die Hypothese zu bestätigen. Ergebnis meiner Recherchen ist, dass am Ende gar nichts bewiesen wurde, die Untersuchungsergebnisse also nicht für eine solide These verwertbar sind, aber deutliche Hinweise auf Matrilokalität ignoriert wurden.</p>
<p>Dass sich lange niemand über diesen Skandal empört hatte, ist bezeichnend für unseren Wissenschaftsbetrieb, auch dafür, wie gründlich Forschungsberichte gelesen werden und wie blind den Aussagen von Experten vertraut wird. Zwei Jahre nach Veröffentlichung meiner Analyse erschien &#8211; von der Öffentlichkeit unbemerkt &#8211; im Band 34/2 der &#8222;Fundberichte aus Badenwürttemberg&#8220; (Esslingen 2014, S. 22 f), der Artikel <a class="textlink" href="https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/fbbw/article/view/44490/37955" target="_blank" rel="noopener">&#8222;Agentenbasierte Computersimulation als Schlüssel zur demographischen Struktur des bandkeramischen Massengrabes von Talheim.&#8220;</a> Darin stellten Joachim Wahl (Universität Tübingen), der federführend an der Talheimforschung beteiligt war, sowie der Archäologe Andreas Düring (Universität Oxford) fest:</p>
<blockquote><p>&#8222;In der Zwischenzeit wurden mehrere, z. T. auf archäometrischen Analysen basierende, auch fiktionale Versuche unternommen, um &#8222;Familien&#8220; oder andere, auf Ähnlichkeiten basierende Gruppierungen innerhalb der 34 ausgegrabenen Talheimer Lebendpopulation aufzudecken,<strong>41</strong> die sich jedoch aufgrund von Überschneidungen, unvollständigen Datensätzen oder sonstigen Unsicherheiten sämtlich als unbefriedigend erwiesen haben. Auch eine angenommene, generell höhere Ähnlichkeit aller vorgefundenen Individuen ließe sich nur mit Hilfe breiter angelegter, vergleichender, überregionaler Studien abklären.<strong>42</strong>&#8222;.</p>
[ebd. <strong>FN 41</strong> &#8222;Vgl. Wahl/König 1987 (Anm. 3). &#8211; Alt et al. 1995 (Anm. 9). &#8211; Eisenhauer 2003 (Anm. 3). &#8211; Wahl/Strien 2009 (Anm. 9) &#8211; T. D. Price/J. Wahl/R. A. Bentley, Isotopic Evidence for Mobility and Group Organization Among Neolithic Farmers at Talheim, Germany, 5000 BC. Europ. Journal Arch. 9, 2006, 259-284. Zusammengestellt in Wahl/Trautmann 2012 (Anm. 3).</p>
<p>ebd. <strong>FN 42 Vgl. G. Uhlmann, Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte (Norderstedt 2012)</strong>&#8222;]</blockquote>
<p>Der Artikel wurde auch <a class="textlink" href="https://www.academia.edu/19528481/A_massacred_village_community_Agent-based_modelling_sheds_new_light_on_the_demography_of_the_Neolithic_mass_grave_of_Talheim" target="_blank" rel="noopener">ins Englische</a> übersetzt.</p>
<p>Die von mir kritisierte Interpretation des Befundes entspringt m. E. der patriarchalischen Ideologie: Das Patriarchat soll von dem Verdacht freigesprochen werden, unnatürlich und gewalttätig zu sein, und wird stattdessen als der Motor für Kultur schlechthin aufgebaut. Die Tatsache, dass seit Abschluss der Talheimforschung besonders viele Ausstellungen zur Jungsteinzeit stattfanden, nährt den Verdacht, dass diese der schnellen Verbreitung genau dieser These dienten, denn in keinem Ausstellungskatalog fehlten mehr entsprechende Literaturhinweise und Hinweise auf die vermeintliche Patrilokalität der gesamten bandkeramischen ja sogar frühneolithischen Kultur, die uns durch ihre wunderschön dekorierten Gefäße bezaubert.</p>
<p>Weitere ABBILDUNGEN finden Sie hier:</p>
<p>Homepage der &#8218;Zentrale für Unterrichtsmedien&#8216;:<br />
<a class="textlink" href="http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/geschichte/urundfrueg/steinz/talheim/" target="_blank" rel="noopener">http://www.zum.de/Faecher/G/BW/Landeskunde/rhein/geschichte/urundfrueg/steinz/talheim/</a></p>
<p>Homepage des &#8218;Museums im Deutschhof&#8216; Heilbronn, wo die Funde heute ausgestellt sind:<br />
<a class="textlink" href="http://www.museen-heilbronn.de/museum/sonderausstellungen/rueckblick/archaeologie/tatort_talheim/" target="_blank" rel="noopener">http://www.museen-heilbronn.de/museum/sonderausstellungen/rueckblick/archaeologie/tatort_talheim/ </a></p>
<p>Homepage der Stadt Talheim mit Abbildungen zur musealen Aufbereitung des Massakers:<br />
<a class="textlink" href="http://www.talheim.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=46" target="_blank" rel="noopener">http://www.talheim.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=46</a></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/das-massaker-von-talheim">Das Massaker von Talheim</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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		<title>Antwort auf Meike Stoverock s &#8222;Female Choice&#8220;</title>
		<link>https://blog.gabriele-uhlmann.de/antwort-auf-meike-stoverock-s-female-choice</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 11 Jul 2021 16:15:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[1b]]></category>
		<category><![CDATA[Altsteinzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Anthropologie]]></category>
		<category><![CDATA[Archäologie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Veröffentlicht 08.04.2021 Warum diese Kritische Rezension? &#8222;In der Natur müssen Männchen singen, tanzen, kämpfen, bauen, während die Weibchen die Show genießen und anschließend mit dem Sieger abziehen. Die Konkurrenz liegt...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/antwort-auf-meike-stoverock-s-female-choice">Antwort auf Meike Stoverock s &#8222;Female Choice&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Veröffentlicht 08.04.2021</p>
<h2 id="kritische-rezension">Warum diese Kritische Rezension?</h2>
<p><img decoding="async" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/367fbce435c64285befffc6565c3bbc5" alt="" width="1" height="1" />&#8222;<em>In der Natur müssen Männchen singen, tanzen, kämpfen, bauen, während die Weibchen die Show genießen und anschließend mit dem Sieger abziehen. Die Konkurrenz liegt bei den Männchen. Das Prinzip nennt man Female Choice. Bei den Menschen wurde dieses Prinzip nach der Entdeckung des Ackerbaus ausgehebelt. Es entstand eine Welt, die von Männern für Männer gemacht ist. &#8230; Mit einer bestechenden Verbindung aus Biologie, Kulturgeschichte und einem ebenso klaren wie humorvollen Ton beschreibt Meike Stoverock nicht nur, wo die Menschheit vor über 10 000 Jahren falsch abgebogen ist, sondern auch, was sich ändern muss, damit Mann und Frau heute miteinander glücklich werden.</em>&#8222;<a href="#_ftn1" name="_ftnref1">[1]</a></p>
<p>Mit diesem Klappentext wurde das Buch „Female Choice &#8211; Vom Anfang und Ende der männlichen Zivilisation&#8220; der Biologin Dr. Meike Stoverock (erschienen Februar 2021) im November 2020 angekündigt. Schon jetzt zeichnete sich ab, dass ich diese kritische Rezension bzw. Antwort würde schreiben müssen, enthielt dieser erste kurze Text doch schon schwerwiegende Fehler, die durch eine interdisziplinäre Betrachtung, wie sie die Patriarchatsforschung vornimmt, nicht passiert wären: Denn nicht der Ackerbau war Auslöser der Entstehung des Patriarchats, sondern ein Klimawandel, <strong>in dessen Folge der Ackerbau und auch einfache Tierhaltung an Bedeutung verloren und durch die Viehzucht verdrängt wurden</strong>.<br />
Wie ich bereits vielfach ausgeführt habe, wurden Frauen im Viehzüchternomadentum der Steppen und Bergregionen Eurasiens erstmals ins Patriarchat gezwungen. Erst hier erklärten Männer die Monogamie (Stoverock nennt sie Monogynie, dies aus Sicht der Männer) mit Ehe und Familie zur &#8222;normalen&#8220; Lebensweise. Die so versklavten Frauen hatten nun den Männern zu folgen, denn da wo das Vieh war, war auch der Mann und Gebieter über Mensch und Tier. Auf dieser Basis entstand das von der <a href="https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2019/11/28/gibt-es-menschliche-rassen-von-zeugung-erziehung-zucht-und-zuechtigung/" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Viehzüchtermentalität</a> durchdrungene Vaterrecht, das die Patrilinearität mit Namens- und Erbrecht festschrieb. Das Patriarchat entstand damit nicht &#8222;vor über 10.000 Jahren&#8220;, sondern vor ca. 8200 Jahren (Klimaereignis Misox-Schwankung). Bis zu diesem Zeitpunkt war die Sesshaftigkeit schon über 3000 Jahre friedlich verlaufen (Präkeramisches Neolithikum, 9500v. u. Z.) und die ersten Versuche, Getreide anzubauen, lagen schon ca. 5800 Jahre zurück (12. Jtd.). Erste Großsiedlungen wie <a href="https://www.gabriele-uhlmann.de/catal_hoeyuek.htm" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Çatal Höyük</a> entstanden und erreichten schnell ein hohes Zivilisationsniveau. [siehe hierzu auch &#8222;Nachtrag Aktuelles&#8220; unten]
<p>Um zu retten, was noch zu retten war, bevor das Buch veröffentlicht werden sollte, schrieb ich der Autorin auf Twitter eine kurze Privatnachricht mit meinen Anmerkungen und den Links zu meinem Artikel &#8222;<a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/female-choice" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Female Choice &#8211; unser unbekanntes Menschenrecht</a>&#8222;, in dem ich auf diese Zusammenhänge schon 2015 eingegangen war, sowie zu meinem Vortrag &#8222;<a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/explosion-und-expansion-wie-vatermacht-die-welt-unterjocht" target="_blank" rel="noreferrer noopener">Explosion und Expansion</a>&#8222;, in dem ich die regionalen Vorgänge detailliert dargestellt habe.<br />
In ihrer Antwort berief sich Stoverock auf ihre Expertise als Biologin und auf nicht näher spezifizierte Literatur, in der sie schwankende Angaben zum Beginn der &#8222;Landwirtschaft&#8220;, die sie als &#8222;Ackerbau und Viehzucht&#8220; definierte, nachgelesen haben will. Die Jahreszahlen seien <strong>Details</strong>. Minuten später twitterte sie öffentlich: &#8222;<em>Jemand mansplaint mir mein Buch aufgrund des Umschlagtextes. Plottwist: es ist eine Frau.</em>&#8220;</p>
<p>Inzwischen wurde der Werbetext zum Buch auf der <a href="https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Female_Choice/136739">Homepage des Klett-Cotta-Verlages (Tropen)</a> geändert, und ist so auch als Klappentext im Buch wiederzufinden: &#8222;<em>… Mit der Landwirtschaft wurden die Menschen sesshaft und die Frauen aus der Öffentlichkeit ins private Heim gedrängt. &#8230; Klug, provokant und anschaulich beschreibt Meike Stoverock nicht nur, wo die Menschheit vor über 10 000 Jahren falsch abgebogen ist, sondern auch, was sich ändern muss, damit Männer und Frauen eine gemeinsame Zukunft haben.</em>&#8220;</p>
<p>Das Wort &#8222;Ackerbau&#8220; ist nun verschwunden und durch sinngemäß &#8222;sesshafte Landwirtschaft&#8220; ersetzt, was die Sache nicht besser macht. Immer noch ist die Zeitangabe &#8222;vor über 10.000 Jahren&#8220; zu lesen.<br />
Am 20. Februar erschien das Buch begleitet von der üblichen Pressekampagne des Verlages in allen einschlägigen Medien. An diesem Tag und den darauffolgenden hatte ich ungewöhnlich viel Besuch auf meiner Homepage, und zwar über den Google-Suchbegriff &#8222;female choice&#8220;, und es erreichten mich Zuschriften, von denen ich eine <a href="https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2021/03/03/female-choice-langsam-immer-bekannter-aber-weiter-unverstanden/" target="_blank" rel="noopener">hier</a> besprochen habe.</p>
<p>Inzwischen habe ich das Buch gründlich und mit dem Bleistift in der Hand gelesen, und ich könnte den nun folgenden Text abkürzen mit: das Buch ist eine einsame Katastrophe für den Feminismus, die Patriarchatsforschung, die Aufklärung und die Female Choice, und es ist einer Doktorin der Biologie nicht würdig. Aber ich wurde mehrfach um eine ausführliche Stellungnahme gebeten und in der Tat bedarf es einer umfassenden Korrektur bzw. Kritik.</p>
<h2 id="zum-vorliegenden-buch">Zum vorliegenden Buch</h2>
<p>Mein erster Blick galt den letzten Seiten des Buches, dem Literaturverzeichnis &#8211; denn es interessierte mich, ob Stoverock Autorinnen der Patriarchatsforschung, z.B. Rona Duwe und meine Person &#8211; wir hatten ihr über Twitter einiges Wissen zugetragen &#8211; auch genannt hat und noch viel wichtiger: ob sie die Entdeckung des Zusammenhangs der Unterdrückung der Female Choice mit dem Patriarchat wissenschaftsgeschichtlich richtig dem Patriarchatsforscher Gerhard Bott zugeordnet hat, der seine Theorie 2009 in dem immer noch erhältlichen Buch &#8222;Die Erfindung der Götter&#8220; veröffentlicht hatte. Kurz gesagt: Hat sie nicht, weder das eine noch das andere.<br />
Meinen Hinweis bei Twitter auf diese nicht gemachten Hausaufgaben, die von einer Doktorin aber unbedingt zu erwarten seien, und auch die erste Kritik vieler anderer Frauen, wie z. B. Rona Duwe, die aufgrund der Medienbeiträge hellhörig wurden, bürstete sie harsch ab, das sei, sinngemäß, nur Gnatz und mangelnde Frauensolidarität.</p>
<p>Eigentlich sollte ein Literaturverzeichnis die Behauptungen in einem Buch belegen, eine Lesehilfe sein und Interessierten weiterhelfen. Aber es fehlen jegliche Fußnoten und Literaturhinweise im Text, womit eine wesentliche Regel wissenschaftlichen Arbeitens gebrochen ist. Auch ein Stichwortverzeichnis fehlt schmerzlich. Das Literaturverzeichnis liefert neben 16 unkategorisierten, aber alphabetisch geordneten Büchern größtenteils Artikel aus Zeitschriften und Internetlinks, was grundsätzlich in Ordnung ist. Die Links bestehen aber teils nur aus aussagelosen Zeichen, die wir mühsam in den Browser abtippen müssen, ohne zuvor auch nur einen Anhaltspunkt zu bekommen, was sich dahinter verbirgt. Alles ist dennoch nach bestimmten Kategorien sortiert, jedoch nicht alphabetisch oder nach einer sinnvollen Vorsortierung. Es gibt z. B. auf Seite 344 die Kategorien &#8222;Pflegearbeit&#8220;, &#8222;Altsteinzeit und Altertum&#8220;, &#8222;Verhütung&#8220;, &#8222;Kernfamilie&#8220; sowie &#8222;Höhlenmalerei und erotische Kunst&#8220; und auf Seite 345 &#8222;Antike Gesetzestexte&#8220;, &#8222;Wechsel von Gleichheit zu Patriarchat&#8220; sowie &#8222;Genetischer Flaschenhals&#8220;, alles in dieser merkwürdigen Reihenfolge. Hier suchte ich nun weiter nach der Literatur zur Sesshaftwerdung und Erfindung der Landwirtschaft, die sie ja gelesen haben will, sowie nach anderen Texten zur Entstehung des Patriarchats.</p>
<p>Ein einzelner &#8222;sprechender Link&#8220;, nämlich <a href="https://www.spektrum.de/news/kernfamilie-schon-in-der-steinzeit/973990" target="_blank" rel="noopener">https://www.spektrum.de/news/kernfamilie-schon-in-der-steinzeit/973990</a>, ist unter &#8222;Kernfamilie&#8220; zu finden. Er verweist auf einen Artikel, der die kupfersteinzeitliche Grabungsstätte bei Eulau thematisiert, wo in einem Grab die älteste bekannte Kernfamilie der Welt entdeckt wurde. Das Grab ist ca. 4600 Jahre alt; die &#8222;Steinzeit&#8220; befindet sich hier an ihrer Schwelle zu den Metallzeiten!<br />
Die Überschrift des Artikels aus dem renommierten populärwissenschaftlichen Magazin &#8222;Spektrum der Wissenschaft&#8220; zeigt hier einmal mehr, wie gefährlich leicht die Steinzeit als Einheit ohne jede Entwicklung hingestellt werden kann, obwohl sie Millionen Jahre gedauert hat und in die Alt-, Mittel- und Jungsteinzeit gegliedert und noch einmal vielfach untergliedert ist. So aber lassen sich LeserInnen vortrefflich täuschen und derart vereinfacht erscheinen Jahreszahlen tatsächlich nur als &#8222;Details&#8220;, als unwichtiges Beiwerk.<br />
Die Kategorie &#8222;Wechsel von Gleichheit zu Patriarchat&#8220; ist bemerkenswert, weil hier eigentlich das geballte Wissen der Patriarchatsforschung seinen Platz haben müsste. Wir finden hier aber nur vier Links, von denen einer nicht einmal nutzbar ist. Zwei befassen sich mit Aristoteles‘ einschlägigen Werken und ein Artikel vergleicht die Lebensweise von <em>Homo Erectus</em> mit der des Pavians. Das muss nicht weiter kommentiert werden.<br />
Ein Link von 2012 (von zweien neben einem falsch zitierten Buchartikel) unter der Kategorie &#8222;Altsteinzeit und Altertum&#8220; liefert einen Kommentar zur Interpretation altsteinzeitlicher Urmutterfigurinen als Pornografie. Interessant ist, dass dieser sehr kritische Kommentar nicht in der zugehörigen Kategorie einsortiert ist, nämlich „Höhlenmalerei und erotische Kunst“, wobei der Name dieser Kategorie genaugenommen ebenfalls irreführend ist. Diese Kategorie ist ein chaotischer Ritt durch alle Zeiten, der aber mit der Altsteinzeit beginnt und mit ihr wieder endet, tatsächlich ein deutliches Vorzeichen auf den Text, in dem die Autorin beinahe die gesamte Kunst der Menschheit, die nackte Frauen abbildet, als Pornografie ansieht und es daher unerheblich ist, wann sie geschaffen wurde (alles nur Details!) und insbesondere in welchem Kontext.</p>
<h2 id="altsteinzeitliche-kunst-als-pornografie">Altsteinzeitliche Kunst als Pornografie</h2>
<p>Ich könnte noch mehr bald Ermüdendes über das Literaturverzeichnis sagen, nutze aber lieber die Interpretation altsteinzeitlicher Kunst als Pornografie zum Einstieg in die Kritik des Buches, ist sie doch zentral für das Weltbild der Dr. Meike Stoverock. Die Autorin braucht sie zwingend für ihre These, dass die Männer von Natur aus in Alpha- und Beta-Männer einzuteilen seien, wobei die Beta-Männer unter Triebstau litten, der dadurch entstanden sei, dass sie &#8211; als von den Frauen stets Verschmähte &#8211; niemals Sex hatten.<a href="#_ftn2" name="_ftnref2">[2]</a> Schon in der Altsteinzeit hätten diese Incels<a href="#_ftn3" name="_ftnref3">[3]</a> Wege gesucht, ihren Triebstau abzubauen. Sie hätten sich daher ein Sexpüppchen geformt, das sie liebhatten und überallhin mitnehmen konnten.</p>
<blockquote><p>&#8222;Obwohl die Figuren also Symbole für Fruchtbarkeit und Geburt darstellen sollen, verzichtet man auf alles, was Fortpflanzung, Mutterschaft oder Versorgung anzeigt? Die Theorie von der Übermutter oder auch Göttin erscheint mir wegen dieser Widersprüche einfach nicht plausibel.&#8220;<a href="#_ftn4" name="_ftnref1">[4]</a></p></blockquote>
<p>Aber frau muss sich schon mit dem breiten Thema beschäftigen und auch mal so kluge Frauen wie die Archäologin Marija Gimbutas<a href="#_ftn5" name="_ftnref5">[5]</a> zu Rate ziehen, um das zu verstehen, denn in der Schule erfahren wir darüber nichts und auch nicht im Biologiestudium. Es ist leider so, dass das Patriarchat als Habitat nicht die Voraussetzungen schafft, matrifokales Leben und seine Kunst auf Anhieb plausibel zu finden. Anderenfalls könnten wir uns alle feministische Literatur und die Patriarchatsforschung sparen. Die Incel-Hypothese erinnert dann auch an die Verlautbarungen der Personen um Prof. Conard, dessen Mitarbeiterin Maria Malina die mittlerweile zum Weltkulturerbe gehörende sog. Venus vom Hohle Fels (35.000 bis 40.000 Jahre alt) entdeckt hatte. <a href="https://www.gabriele-uhlmann.de/venus-vom-hohle-fels.htm" target="_blank" rel="noopener">Die Presse schlachtete das regelrecht aus</a> und zog die Fundsache weiter ins Lächerliche. Die Theorie ist also nicht neu und war schon damals nicht überzeugend: Da das &#8222;Sexpüppchen&#8220; die erste Kunst der Menschheit überhaupt ist, müsste sie also mit einem Incel begonnen haben, der die Figur formte, in einer versteckten Höhle ablegte und so vor den eifersüchtigen Blicken der anderen Incels, die zum Püppchenbasteln noch nicht fähig waren, verbarg. Demzufolge müssten Menschen ohne Triebstau auch noch viel länger nicht zur Abbildung einer Frau in der Lage gewesen sein, aber wann sie es dann doch waren, erfahren wir nicht. Die Theorie wirft weitere Fragen auf: Was haben die Incels nur all die Millionen Jahre zuvor getan, als das &#8222;Sexpüppchen&#8220; noch nicht erfunden war? Wie erklärt sich die Autorin den Kontext des Fundes? Und warum hat die Autorin nicht auch den angeblichen Steinphallus, den Conard ebenfalls in der Höhle entdeckt haben will, berücksichtigt? Die Abbildung von Penissen verlegt sie nämlich erstaunlicherweise in die Römerzeit:</p>
<blockquote><p>&#8222;Nachdem die Männer viele Jahrtausende lang Höhlen mit Abbildungen der Vulva bemalt haben, bricht nun das Zeitalter des Penis an, in dem sich Darstellungen prächtiger Erektionen auf zahlreichen Gegenständen des täglichen Lebens finden.&#8220;<a href="#_ftn6" name="_ftnref6">[6]</a></p></blockquote>
<p>War Conards &#8222;Steinpenis&#8220; dann nicht ein Dildo, den sich einsame Frauen bastelten? Aber nein, Frauen waren ja stets bemannt und kannten keinen Triebstau; es hätte die Beweisführung nur gestört. Tatsächlich ist auch diese Deutung dieses Objektes mehr als fragwürdig, wie <a href="http://gerhardbott.de/zu-den-palaeolithischen-homines-sapientes/wo-ist-der-phallus-des-urvaters-.html" target="_blank" rel="noopener">Gerhard Bott</a> es seinerzeit aufgeschrieben hat.<a href="#_ftn7" name="_ftnref7">[7]</a><br />
Wir werden noch sehen, dass Stoverocks Mitgefühl vor allem mit sexuell unterversorgten Männern, aber auch die Angst vor diesem Personenkreis das gesamte Buch durchzieht. Wir sollen der Autorin aber zu Gute halten, dass sie ihre Charakterisierungen stets nach der Gaußschen Glockenkurve vornehme, es also nicht nur schwarz und weiß gibt, sondern die große Masse aus den Zwischentönen besteht.<a href="#_ftn8" name="_ftnref8">[8]</a></p>
<h2 id="die-sesshaftigkeit-und-die-female-choice">Die Sesshaftigkeit und die Female Choice</h2>
<p>Die Female Choice sei &#8222;ein unglaublich zeitraubendes Prinzip&#8220;, so sagt sie, weil Männer fast alle Energie in das Finden und Überzeugen von Partnerinnen stecken müssten. Diese Zeit hätten sie später nicht mehr gehabt, weil ihre Kapazitäten in der Landwirtschaft gebunden gewesen seien.<a href="#_ftn9" name="_ftnref9">[9]</a></p>
<blockquote><p>&#8222;Vereinfacht gesagt, muss ein Mann besseren Zugang zu Sex (und damit Fortpflanzung) haben, damit er sich überhaupt dem Fortschritt zuwenden kann. Das Prinzip der Female Choice einzuschränken, war daher einer der für die Anfänge der Zivilisation wichtigste Schritt, den Männer am Übergang zur Sesshaftigkeit unternahmen. Die Landwirtschaft und mit ihr die Möglichkeit, Besitz anzuhäufen, gab ihnen ein Mittel, die Ressource Sex fast vollständig zu kontrollieren.“<a href="#_ftn10" name="_ftnref10">[10]</a></p></blockquote>
<p>Was war demzufolge also zuerst da? Der Fortschritt (= Landwirtschaft), der den Zugang zu Sex erleichterte, oder der leichte Zugang zu Sex, der den Fortschritt überhaupt erst ermöglichte? Damit lässt sie uns das gesamte Buch über allein. Aber auf diese Weise setzt Stoverock den Beginn des Patriarchats mit dem Übergang zur Sesshaftigkeit gleich! Ihre These klingt auf den ersten Blick vielleicht sogar plausibel &#8211; der Verlag hat es jedenfalls nicht bemerkt &#8211; aber sie lässt entscheidende Faktoren außer Acht: Es ist alter Konsens, dass es die Frauen waren, die als Expertinnen für Pflanzen die Landwirtschaft mit Hackbau, anfangs als Gartenbau, und damit die Sesshaftigkeit erfunden haben. Demnach begannen die Männer erst mit der viel späteren Erfindung des Pfluges, auf Feldern zu arbeiten. Dies deckt sich beispielsweise mit den Abbildungen aus Çatal Höyük, wo Männer stets jagend oder &#8211; viel seltener &#8211; mit Haustier abgebildet sind, während das Getreide durch in Vorratsbehältern abgelegte Frauenstatuetten in weiblichem Kontext steht. Die bekannteste dieser Schutzmutter-Figuren ist die <a href="https://www.gabriele-uhlmann.de/catal_hoeyuek_3.htm#gg" target="_blank" rel="noopener">Urmutter auf dem &#8222;Leopardenthron&#8220;</a> (Bild unten), eine zwischen zwei Großkatzen sitzende, den Körperformen nach deutlich ältere, nackte gebärende Frau. Aber das sind ja nach Stoverock alles nur &#8222;Sexpüppchen&#8220;.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="aligncenter wp-image-4727 size-full" title="Urmutter auf dem 'Leopardenthron' bzw. Gebärstuhl" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2021/07/stea1.gif?resize=241%2C298&#038;ssl=1" alt="Urmutter auf dem 'Leopardenthron' bzw. Gebärstuhl" width="241" height="298" /></p>
<p>Insbesondere bleibt Stoverock eine Erklärung schuldig, wie es den ersten Patriarchen gelungen sei, alleine &#8211; denn Männer (demnach auch Brüder) standen ihrer These nach immer in aggressiver, sexueller Konkurrenz<a href="#_ftn11" name="_ftnref11">[11]</a> &#8211; große Häuser und bald ganze Siedlungen bauten, um ihrer Meinung nach dort die ersten Frauen in die Ehe zu zwingen. Sesshaftigkeit und Ackerbau als Fallenstellerei von Einzeltätern? In einer Siedlung treffen zudem viele fremde Männer aufeinander, was ihrer Logik zufolge unweigerlich auch Krieg bedeutet hätte. Hier sichert sie sich ab, indem sie behauptet, dass die Männer &#8222;<em>durch Maßnahmen der sesshaften Zivilisation zu umgänglichen, verlässlichen Familiengefährten</em>&#8222;<a href="#_ftn12" name="_ftnref12">[12]</a> geworden seien, und dass die Landwirtschaft den Männern <em>„das Leben erleichtert und mit Möglichkeiten gefüllt“</em><a href="#_ftn13" name="_ftnref13">[13]</a> habe. Und sie kommt zu dem Ergebnis:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Ehe verbessert, mildert ab, lindert die fortschrittsfeindlichen Begleiterscheinungen der männlichen Sexualität.&#8220;<a href="#_ftn14" name="_ftnref14">[14]</a></p></blockquote>
<p>Ein erstaunliches Welt- und Männerbild offenbart sich da: Kulturlose, aggressive Wilde, die nur Sex im Kopf haben, aber keine Frau finden, die daher wie aus dem Nichts den Fortschritt, also die Landwirtschaft erfinden und Häuser bauen, um Frauen einzufangen, und dabei ihre Möglichkeiten entdecken und zivilisierte Gefährten der Frauen würden, aber ohne all das gar nicht fähig zur Erfindung der Landwirtschaft wären. Nun, schon jedes Opfer häuslicher Gewalt kann hier Einwände haben. Und es ist allgemein bekannt, was für eine Plackerei die Landwirtschaft ist, so sehr, dass sie sogar in der Genesis als Strafe genannt wird. Die Autorin erliegt vor allem einem Zirkelschluss.<br />
Das Loblied auf die Ehe und den Fortschritt zeugt nicht von Feminismus, sondern von einem fortschrittsgläubigen, konservativen Denken, das der Zeit der Industrialisierung entstammt. Wie sagte doch sogar Albert Einstein: <em>&#8222;Es gibt keine großen Entdeckungen und Fortschritte, solange es noch ein unglückliches Kind auf Erden gibt.&#8220;</em> Tatsächlich hat männlich kontrollierter Fortschritt Kinder erst unglücklich gemacht. Daher gibt es u. a. Feminismus.</p>
<p>Die Hypothese hat aber noch einen anderen Haken: zielführender wäre es doch gewesen, gar nicht erst mit dem Ackerbau anzufangen und die Frauen einfach zu <strong>rauben</strong>. Das hätte viel Arbeit gespart, und es hätte keinen Zeitmangel erzeugt, der die Fallenstellerei dieser Logik zufolge doch erst gerechtfertigt hat. Vor allem: diese aggressiven Männer wären „echte Männer“ geblieben, was doch sicher in ihrem Interesse gelegen hätte, so wie es auch heute ist. Wir werden aber noch sehen, dass diese einfachere Strategie tatsächlich Wirklichkeit geworden ist, jedoch einige tausend Jahre später &#8211; sind aber nur Details, gell?</p>
<p>Patrilokalität<a href="#_ftn15" name="_ftnref15">[15]</a> wird nicht dadurch hergestellt, dass wilde Frauen sesshaft werden wollen, um in der Landwirtschaft ihr Glück bei einem einzelnen Mann zu finden. Das ist vollkommen absurd. Eine freie Frau geht nicht durch ihre Female Choice freiwillig in die Knechtschaft. Auch war Landwirtschaft harte Arbeit, und sie beeindruckte nicht Frauen, sondern die Männer, die die Frauen bei der Arbeit sahen und von ihren Produkten profitierten. Patrilokalität muss durch Gewalt hergestellt werden, und sie ist selbst die Quelle weiterer Gewalt. Dass diese Gewalt von viehnomadischen Kriegern ausging, und nicht von Ackerbauern, konnten die Archäologie und die Genetik längst nachweisen. Zahllose Quellen sind dazu zu finden, die übrigens <strong>nur</strong> die Patriarchatsforschung zusammengetragen hat, um das in der Fachwelt fehlende Gesamtbild mit der Masse neuer Studien zusammenzusetzen. Diese Quellen zeigen vor allem eins: die Gewalt begann mit <a href="https://www.gabriele-uhlmann.de/frauenraub.htm" target="_blank" rel="noopener">Frauenraub</a>, und zwar nicht durch ackerbauende Incels, sondern durch Männer, die Land erobern wollten und verlässliche Helfer rekrutieren mussten, zu denen sie ihre Söhne machten. Erst in Monogamie haben Männer Triebstau erlebt und wurden aggressiv gegen die Frauen, die sich ihnen aufgrund ihrer Female Choice verweigerten. Die Aggression ist, wie wir noch sehen werden, vor allem Folge der patriarchalen kinder- und frauenfeindlichen Lebensführung. Ehemänner sind nicht weniger aggressiv als andere Männer, denn die Female Choice endet nicht an der Haustür. Das aber sagt Stoverock mit ihrer Hypothese aus, auch wenn sie es selbst besser weiß.</p>
<p>Auf geradezu kindliche Weise stellt Stoverock sich vor, wie die Viehzucht entstanden sei:</p>
<blockquote><p>&#8222;Im Laufe der Zeit wird aus dem Verfolgen der Viehherden ein Begleiten und noch etwas später aus dem Begleiten ein Zähmen. Die Menschen leben jetzt als Pastoralnomaden, was bedeutet, dass sie mit zahmen Viehherden auf der Suche nach natürlichen Weidegründen umherziehen. Doch erst als es gelingt, dass auch Nahrungspflanzen für die Rinder und Ziegen anzubauen, sind die Umstände geschaffen, dauerhaft an einem Ort zu bleiben und sesshaft zu werden. Erste Anzeichen für Ackerbau finden sich zwar ab 10.000 v. Chr., aber bis die Bewirtschaftung der Felder ganzjährig gelingt, um daraus den vollständigen Nahrungsbedarf der Menschen und ihrer Nutztiere zu decken, dauert es eine ganze Weile.&#8220;<a href="#_ftn16" name="_ftnref16">[16]</a></p></blockquote>
<p>Sie behauptet hier nun unvermittelt, dass die Viehzucht und nicht der Ackerbau zur Sesshaftwerdung führte, und zwar um die Herden zu ernähren, eine totale Umkehr jeder Logik. Sie vermischt dabei das von ihr fragmentierte Wissen der Patriarchatsforschung, nach der das Patriarchat mit der Viehzucht begann, mit der Theorie der sog. Neolithischen Revolution (NR). Sie ignoriert dabei die Chronologie der NR &#8211; sind ja alles &#8222;nur Details&#8220; -, nach der Wildbeuterinnen zunächst zum Anbau von Getreide übergingen &#8211; und zwar lange bevor Männer begannen, Tiere zu zähmen. Die Menschen wurden also über ihre Mütter sesshaft, und erst nachdem Jagdwild aufgrund eines Klimawandels zurückging, wurden auch erste Tiere gehalten. Der bislang älteste Getreidespeicher ist ca. 11.300 Jahre alt und wurde in Dhra‘ (Jordanien) gefunden<a href="#_ftn17" name="_ftnref17">[17]</a>, ein Ort, der im Gebiet des sog. Fruchtbaren Halbmondes liegt. Die Grabung brachte mehrere Gebäudestrukturen zutage, die auch als Wohngebäude anzusprechen sind. Es gibt dort keine Anzeichen von Viehhaltung oder Viehzucht, weshalb auch davon gesprochen wird, dass eine &#8222;Jäger-Sammlergesellschaft&#8220; dort sesshaft wurde und nicht Viehzüchter.<br />
Dies deckt sich wiederum mit den Funden aus Çatal Höyük, wo nur die Jagd und die Haltung einzelner Tiere aber keine Tierzucht nachgewiesen werden kann, und zwar mit den Methoden der Genetik, die allenfalls die Spuren erster Domestizierung (Einpferchung) findet. Natürlich wurden diese Tiere gefüttert, aber nicht mit dem kostbaren Getreide, sondern mit Stroh, Speiseresten und dem Gras, das im Flusstal rund um Çatal Höyük reichlich vorhanden war und die natürliche Ernährung dieser Tierarten ist.</p>
<p>Die Kultur ist maßgeblich das Ergebnis mütterlicher Arbeit und hat unter Matrifokalität ein vergleichsweise hohes Maß erreicht. Fast alle wichtigen Erfindungen wurden aus der Matrifokalität heraus von Frauen gemacht. Als Männer die Sache gewaltsam übernahmen, entwickelte sich der Segen zunehmend zum Fluch, und das mit einer sehr starken Dynamik. Das könnte ein Hinweis für die Richtigkeit obiger Behauptung sein, aber dass die männliche Technologie durch mehr Sex für Incels entstand, besser werde oder gar erst zum Guten wendet, daran müssen wir leider erhebliche Zweifel haben, denn die wesentliche Technologie, mit der das Patriarchat entstand, war die Tierzucht, also die Unterwerfung der Female Choice der Tiere.</p>
<h2 id="die-maslowsche-beduerfnispyramide">Die Maslowsche Bedürfnispyramide</h2>
<p>Stoverock glaubt fest an die natürliche Hierarchie unter Männern, die „<em>für fast alle männlichen Säugetiere die natürliche Lebensweise</em>“<a href="#_ftn18" name="_ftnref18">[18]</a> sei. Dabei trifft sie leider keine Aussage, ob die Männer einer Hierarchie miteinander verwandt sind oder Fremde. Es erschiene ihnen aber „<em>so selbstverständlich, Hierarchien zu bilden, dass ihnen andere Lebensweisen auch dann nicht in den Sinn kommen, wenn sie selbst die Schlusslichter der Hierarchie sind.</em>“<a href="#_ftn19" name="_ftnref19">[19]</a> Die These ist nicht ohne Reiz, wenn wir sie z. B. an Fußballclubs und ihren Ultras überprüfen; wir befinden uns da aber im Patriarchat, das von seinen Hierarchien lebt. An anderer Stelle zitiert sie John Steinbeck: &#8222;<em>Die ausgebeuteten Arbeiter sehen sich nicht als ausgebeutete Arbeiter, sondern als vorübergehend in die Klemme geratene Kapitalisten.</em>&#8222;<a href="#_ftn20" name="_ftnref20">[20]</a> Steinbeck beschrieb hier die amerikanische Gesellschaft und zeichnete dabei ein Bild, das heute die SPD abgibt, und das ist nicht unsere Natur, sondern das Patriarchat einer satten, demokratischen, neoliberalen Wohlfahrtsgesellschaft, die um der Teilhabe an der Macht willen alles mitspielt, aber keine neuen Impulse mehr setzen kann.<br />
Angst macht ihr insbesondere die Gruppe der aggressiven, organisierten Incels.<br />
Stoverock untermauert ihre Behauptung mit der sog. <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie" target="_blank" rel="noopener">Maslowschen Bedürfnispyramide</a><a href="#_ftn21" name="_ftnref21">[21]</a>, ein psychologisches Denkmodell, das in letzter Zeit in den Sozialen Medien regelrecht Karriere gemacht hat und das sie deshalb als allgemein bekannt voraussetzen kann.</p>
<p><a title="PNG by Philipp Guttmann, SVG by Jüppsche, Public domain, via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Einfache_Bed%C3%BCrfnishierarchie_nach_Maslow.svg"><img decoding="async" class="aligncenter" title="Einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/98/Einfache_Bed%C3%BCrfnishierarchie_nach_Maslow.svg/512px-Einfache_Bed%C3%BCrfnishierarchie_nach_Maslow.svg.png" alt="Einfache Bedürfnishierarchie nach Maslow" width="512" height="443" /></a></p>
<p>Das Denkmodell stammt jedoch aus den Neunzehnhundertvierziger Jahren und wurde vom Autor und seinen Nachfolgern auch weiterentwickelt. <strong>Es gilt in der Soziologie aber zurecht als veraltet.</strong> Das Wiederaufleben dieser Theorie gerade in diesen Zeiten ist daher bemerkenswert und Stoverock tut so, als handele es sich um einen soziologischen Standard.<br />
Ich beschreibe kurz, worum es geht: Die Pyramide geht von hierarchischen Bedürfnissen in 5 Stufen aus. Die unterste Stufe 1 enthält die physiologischen Bedürfnisse wie Hunger, Durst, Schlaf und Sexualität. Stufe 2 enthält die Sicherheitsbedürfnisse mit Geborgenheit und Schutz, Stufe 3 steht für die sozialen Bedürfnisse wie Zugehörigkeitsgefühl und Freundschaft, Stufe 4 meint die Wertschätzung mit dem Bedürfnis nach Anerkennung und Status und Stufe 5 ganz oben steht für die Selbstverwirklichung mit der Entfaltung der Persönlichkeit.<br />
Die Form der Pyramide wurde allerdings nicht von Maslow selbst gewählt, sondern geht auf eine Falschinterpretation seiner Nachfolger zurück, und u. a. darin liegt die Schwäche des Modells. Stoverocks einzige Kritik ist:</p>
<blockquote><p>&#8222;Das Problem ist, dass das Bedürfnismodell von einer gewissen Gleichheit der Menschen ausgeht. Doch die Bedürfnisse der Menschen und besonders diejenigen von Männern und Frauen stehen nicht an gleicher Stelle in der Pyramide.&#8220;<a href="#_ftn22" name="_ftnref22">[22]</a></p></blockquote>
<p>Ja, die Menschen sind verschieden, aber da wäre noch mehr: Die Pyramide bildet die Bedürfnisse des von seinen Urbedürfnissen abgeschnittenen Menschen im Patriarchat ab und nicht die Lebenswirklichkeit der Urmenschen. Sie unterscheidet nicht zwischen natürlicher und kultureller Evolution, die genaugenommen auch keine Stufen kennt, sondern nur Zeit und Raum. Wenn wir das Wesen der Female Choice und ihre Wirkung erfassen wollen, müssen wir in der Zeit sehr weit hinter die Landwirtschaft zurückgehen und da ist immer weniger Kultur.</p>
<p>Anerkennung und Status (Stufe 4) gehören dann nicht zu den menschlichen Urbedürfnissen, sie sind eine später kulturell erworbene Größe, und zwar des Patriarchats, und haben unter der über 3 Millionen Jahre alten Matrifokalität keine bewusste Bedeutung. Denn im Sozialverband der mütterlichen Sippe erhalten alle Kinder die gleiche Anerkennung und wachsen derart gestärkt mit ihren spezifischen Talenten in die Sippe hinein. Nicht durch Rangkämpfe, sondern aufgrund von besonderen Fähigkeiten erlangen sie auch besondere Autorität auf ihren Spezialgebieten. Autorität ist aber kein explizites Lebensziel, kein Bedürfnis, sondern hat Gruppenfunktion, und sie entsteht im Gegensatz zur Hierarchie im Miteinander, nicht im Gegeneinander, und wird daher nicht mit Gewalt hergestellt und erhalten.<br />
Wer Verantwortung trägt, hat auch mehr Arbeit und bekanntlich sind Menschen &#8222;faul&#8220;. Wer talentiert ist, empfindet die entsprechende Arbeit jedoch nicht als belastend oder als Privileg, sondern als Befriedigung des Bedürfnisses nach Selbstentfaltung. Das ist aber auch nicht so egoistisch wie es aussieht, sondern es dient wiederum der Gruppe. Die Gruppe wird jemanden zurückpfeifen, der daraus irgendwelche besonderen Vorteile ableiten würde oder der Gruppe schaden würde. Das angeborene Gefühl des Neides, eng verwandt mit dem Gerechtigkeitsgefühl, dient dieser Kontrolle und dem Schutz der Egalität, deren Wesen die Abwesenheit von Hierarchie ist. Neid ist das Gefühl der Hilflosigkeit, Gerechtigkeit herzustellen und Hierarchien aufzulösen, und ist daher im Patriarchat geächtet und doch an der Tagesordnung. Neid ist aber auch ein Antrieb des Patriarchats, der Motor des Wettbewerbes und wird daher geschürt. Männer, die dagegen wie selbstverständlich Hierarchien anzuerkennen scheinen, sehen für sich keine Vorteile, da oben zu stehen, sondern Vorteile, am Erfolg teilhaben zu können. Sie wissen, dass man da unten weniger Verantwortung tragen muss und im Grunde mehr Spaß hat, weil da einfach mehr nette Leute sind. Männer können sich zudem damit begnügen, ihr vom Patriarchat geschaffenes Machtbedürfnis an den ihnen nahestehenden Frauen und Kindern auszuleben. Im Grunde sind sie Rosinenpicker, sie genießen die Vorteile von Patriarchat UND können ihre angeborenen Urbedürfnisse weitgehend ausleben.<br />
Die Stufe 4 der Bedürfnispyramide (Anerkennung und Status) ist Ergebnis der typisch patriarchalen Bedürfnisschaffung, mit der die Hierarchie sich selbst legitimiert. Sie verschmilzt daher meist mit Stufe 5, denn im hohen Status fühlen sich Patriarchen selbstverwirklicht.</p>
<p>Die Bedürfnispyramide als Ganzes ist an einem erwachsenen Einzelkämpfer orientiert, der sich aggressiv durchs Leben schlagen muss und dem nichts geschenkt wird:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Aggressivität, mit der Menschen um die Erfüllung eines Bedürfnisses kämpfen, hängt von seiner Position in der Pyramide ab und damit seiner Notwendigkeit ab.&#8220;<a href="#_ftn23" name="_ftnref23">[23]</a></p></blockquote>
<p>Das suggeriert also: Ein Mensch (oder gleich &#8222;Mann&#8220;?), der Hunger und keinen Sex hat, wird ums Essen heftig kämpfen &#8211; sonst stirbt er &#8211; und eine Frau vergewaltigen &#8211; sonst stirbt er aus (Stufe 1). Da er sich nicht sicher und geborgen fühlt (Stufe 2), muss er kämpfen. Weil er einsam ist, muss er um Freunde kämpfen (Stufe 3), aber bitte nicht zu heftig. Weil er keine Anerkennung hat (Stufe 4), kann er zwar irgendwie leben, aber er wird dennoch darum kämpfen, aber nicht mehr so heftig. Und es müsste schon viel passieren, dass er sich aufrafft, um um die Entfaltung seiner Persönlichkeit zu kämpfen (Stufe 5).<br />
Damit wäre es erstaunlich, dass ein solch aggressiver Loser überhaupt eine Frau und Freunde gefunden hat und dann auch noch zu Kultur fähig wurde. Und weil Stoverock das offenbar auch findet, meint sie, mit Sex müsste frau den Männern auch noch Beine machen. Das ist so hanebüchen wie falsch.</p>
<p>Stoverocks Theorie baut auf tönernen Füßen, auf Hypothesen, die nicht in den tatsächlichen Funden und Befunden gespiegelt sind. Sie baut vor allem auf einem grundsätzlichen Unverständnis der Matrifokalität, die bei <em>Homo Sapiens</em> durch die Female Choice in einem wechselseitigen Prozess hergestellt und bewahrt wird. Die Bedürfnispyramide fällt nämlich unter egalitären Bedingungen in sich zusammen.<br />
So ist der Autorin leider nicht aufgefallen, dass die Reihenfolge der Stufen falsch ist und den Menschen nicht zuerst als <strong>soziales Wesen</strong> darstellt. Wir erinnern uns, Stufe 2 enthält die Sicherheitsbedürfnisse mit Geborgenheit und Schutz, Stufe 3 erst steht für die sozialen Bedürfnisse wie Zugehörigkeitsgefühl und Freundschaft. Aber es ist anders. Der Mensch &#8211; und schon gar nicht der Mann &#8211; entsteht nicht durch Selbsterzeugung, auch wenn die Genesis das behauptet. Das Kind wird geboren und die Mutter und ihre Angehörigen sind schon da. Ohne diese Voraussetzung würde ein Kind von Tieren gefressen (Stufe 2), noch bevor es irgendetwas zu sich genommen hätte (Stufe1). Dass ein Kind anerkannt wird (Stufe 4), äußert sich darin, dass es Geborgenheit und Schutz erfährt (Stufe 2), und zwar durch seine Angehörigen (Stufe 3) und schließlich, dass es von ihnen etwas zu essen bekommt (Stufe 1)! Stufe 2, 3 und 4 sind untrennbar und gehören an die Basis. Es ist das Wesen des menschlichen Sozialverbandes, dass die Basis nicht das Essen, sondern die Geburt des Menschenkindes in die Gemeinschaft ist, wo es lebenslang aufgehoben ist. Wäre es nicht von den Angehörigen anerkannt und beschützt, dann stürbe es, daher ist das Zugehörigkeitsgefühl der stärkste Trieb und nicht die Sexualität. Das Zugehörigkeitsgefühl ist den Menschen in die Wiege gelegt und wirkt von Beginn an, während die Sexualität viel später erst Bedeutung bekommt, so wie sie auch erst spät in der Evolution aufgetaucht ist. Ohne die Gemeinschaft würde auch eine erwachsene Person nicht lange überleben. Alles, was die Zugehörigkeit infrage stellt, macht Menschen existentielle Angst, nicht aber ein Mangel an Sexualität. Erst in der Isolierung der Menschen im Patriarchat wird Anerkennung zu einem Wert, und dabei sogleich zu einem Fetisch, der sogar noch über dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit stehen kann. Die Sexualität ist erst im Patriarchat an die nackte Existenz, an das Aufgehoben sein in eine Familie und damit auch wirtschaftliches Auskommen gekoppelt, und das macht sie dann so wichtig.</p>
<p>Die Bedürfnispyramide braucht Stoverock für ihre Behauptung, dass Männer freien Zugang zu Sex brauchen, um den Fortschritt überhaupt vorantreiben zu können<a href="#_ftn24" name="_ftnref24">[24]</a> und sie liebt den Fortschritt und die Segnungen des Patriarchats. Die Female Choice, so glaubt sie, mache es Männern schwer, ihr Sex-Bedürfnis zu leben. Und deshalb hat sie Angst vor sich selbst als Frau, Feministin und Evolutionsbiologin:</p>
<blockquote><p>&#8222;Ich plädiere folglich nicht für eine Rückkehr zum <em>Female-Choice</em>-Prinzip in seiner Reinform. Denn Fortschritt, friedliches Zusammenleben und hohe Sexualkonkurrenz schließen sich ab einem gewissen Grad aus. Die Unterdrückung der weiblichen Sexualität hat unsere Zivilisation erst entstehen lassen. Es besteht deshalb die Gefahr, dass uns alle zivilisatorischen Errungenschaften um die Ohren fliegen, wenn wir die Unterdrückung ohne zusätzliche Sicherheitsnetze aufheben.&#8220;<a href="#_ftn25" name="_ftnref25">[25]</a></p></blockquote>
<p>Es ist erstaunlich: da wird es der Menschheit gerade erst bewusst, wohin uns &#8222;die Zivilisation&#8220; gebracht hat, nämlich an den Rand des Abgrundes, da feiert Frau Dr. Stoverock das Patriarchat und seine Errungenschaften, weil sie glaubt, dass es ohne Patriarchat mehr Krieg und Gewalt gäbe, wir dazu in großer Kulturlosigkeit unser Leben fristen müssten, ja die Abschaffung des Patriarchats uns in den Abgrund triebe. Das ist schon ein krasser Fall des Kollektiven Stockholm-Syndroms (nach Stephanie Gogolin), das Menschen dazu bringt, mit dem System zu kooperieren!</p>
<p>Würde die Behauptung stimmen, wäre die Kultur quasi ein Nebenprodukt der Fortpflanzung, das Baby des gebärenden Mannes. Das lässt eine Patriarchatsforscherin, die sich mit dem männlichen Gebärneid auskennt, aufmerken, z.B. mich. Männer werden einen solchen Zusammenhang sicher überraschend finden. Und auch ganz normale Frauen wissen: So mancher Heimwerker hat über seiner Tüftelei seine Frau völlig vergessen, die Anerkennung im Bastelclub war ihm wichtiger.<br />
Was treibt Stoverock an? Nur die Verkaufszahlen ihres Buches? Oder will sie den Männern Sex liefern, damit sie Erfindungen machen? Dann würde sie sich einreihen in die Phalanx der Antreiber, Sklavenhalter und Kapitalisten, den Befürwortern der Leistungsgesellschaft, den Neoliberalen.</p>
<p>Es ist natürlich richtig, dass Menschen im Patriarchat weniger um Anerkennung kämpfen würden als um Nahrung, wenn von Letzterer nicht genug vorhanden wäre. Die Methode &#8222;Brot und Spiele&#8220; &#8211; also &#8222;Nahrung&#8220; und &#8222;Gemeinschaftsgefühl&#8220; &#8211; zur Herstellung von Ruhe im Staat und der Sicherung der Macht würde aber nicht funktionieren, wären satte und lustige Menschen automatisch auch mehr an Wertschätzung, also Status und Anerkennung interessiert. Zwar identifizieren sich beispielsweise Fußballfans mit ihrer siegreichen Mannschaft, halten aber auch zu ihr, wenn sie verliert. Sie wünschen sich, dass sie gewinnt und fühlen sich als Gewinner, aber es steht nicht der persönliche Status im Vordergrund, sondern das Gruppenerlebnis.</p>
<p>Weil wir davon ausgehen können, dass Menschen in vorpatriarchaler Zeit mit sich selbst eins waren, nicht unterdrückt wurden und schon kleine Kinder eine maximale Bedürfnisbefriedigung erleben durften, illustriert diese Pyramide vor allem die Bedürftigkeit der Menschen im Patriarchat, und in der Tat, vor allem des patriarchalen Mannes. Es ist ja schon ein Grundbedürfnis des Patriarchen, alles in Hierarchien zu ordnen, im Grunde die Stufe 0 der Pyramide, der geistige Boden, auf dem sie wächst. Es ist das Körperlose oder sagen wir, die göttliche Ordnung, die die Basis der patriarchalen Ideologie ist. In der göttlichen Hierarchie der Könige steht Gott an oberster Stelle, weil sich dort der König befindet, der sich mit Gott gleichsetzt, sozusagen seine &#8222;Selbstverwirklichung&#8220;. Damit ist verschleiert, dass auch die Menschen ganz unten fest auf dem geistigen Boden des Patriarchats stehen und es nicht nur unfreiwillig stützen, sondern selbst Täter sind. „Mutter Erde“ als ursprüngliche Einheit von Körper und Geist ist gewaltsam besetzt.<br />
Die Patriarchen dieser Welt beweisen: da ganz oben wird die Gier und Aggressivität immer größer, ja sogar Atombomben kommen zum Einsatz. Die da unten reagieren ihren Frust mit der Faust oder ihrem Geschlechtsteil an anderen ab, ohne dass sie damit etwas Substantielles erreichen würden.</p>
<h2 id="gewalt-und-sex">Gewalt und Sex</h2>
<p>Die Hierarchie ist nicht egalitär wie es die urmenschlichen Bedürfnisse aber sind. Sie widerspricht dem angeborenen Gerechtigkeitsempfinden. Stoverocks Liebe zur Hierarchie gipfelt in der biologistischen Erklärung für Vergewaltigung, die beinahe einer Entschuldigung gleich kommt. Gewalt sei eine Lösung<a href="#_ftn26" name="_ftnref26">[26]</a>, wenn Männer die ihnen zustehende Anerkennung und damit Sex nicht bekommen. Da ist die Natur offenbar selbst Schuld, wenn Frauen Gewalt angetan wird!</p>
<blockquote><p>&#8222;Das Geschlecht, dessen Reproduktionsstrategie Rücksichtslosigkeit und Aggressivität beinhaltet, steht in der Natur einem Fortpflanzungssystem gegenüber, in dem sein Paarungstrieb kaum befriedigt wird. Man muss kein Genie sein, um vorauszusehen, dass das früher oder später zu Problemen führt.&#8220;<a href="#_ftn27" name="_ftnref27">[27]</a></p></blockquote>
<p>Ihre Aussage untermauert sie mit ethnologischen Untersuchungen an den &#8222;Buschleuten&#8220; der Kalahari, die diese Probleme gemeistert zu haben scheinen:</p>
<blockquote><p>&#8222;Bei den San ist die Gruppe ein wichtiges Regulativ. Gewalttätige Auseinandersetzungen oder Misshandlungen von Schwächeren werden in der Regel durch die Gruppe unterbunden. Daran ändert sich erst nach der Erfindung der Landwirtschaft etwas.&#8220;<a href="#_ftn28" name="_ftnref28">[28]</a></p></blockquote>
<p>Das alles ruft nicht nur meine Empörung hervor, es ist auch falsch. Gewalt ist im menschlichen Sozialverhalten nicht als angeborenes sexuelles Verhalten verankert, sie widerspricht der freien Female Choice, die einen so hohen Stellenwert in der Evolution hat, ja ihr Grundprinzip ist, dass es &#8222;verlorene Liebesmüh&#8220; wäre, dagegen anzukämpfen. Daher ist Gewalt auch allgemein unerwünscht, und <em>nicht eine</em> Frau wird durch Vergewaltigung von den &#8222;Fähigkeiten&#8220; eines Mannes überzeugt!<br />
<strong>Eine matrifokale Sippe unterbindet nicht ständig aktiv Gewalt, sondern liefert erst gar keinen Nährboden für Gewalt, weil sexuelle Frustration nicht regelhaft ist, wie Stoverock das postuliert.</strong> Im Gegenteil, erst die erzwungene Monogamie der Frau entzieht sie dem Pool potentieller Sex-Partnerinnen. Mehr freie Frauen bedeutet insbesondere für &#8222;Beta-Männer&#8220; mehr Gelegenheiten. Bei den San ist die Matrifokalität schon durch den Einfluss von Missionaren (mit den vielsagenden Titeln &#8222;Pastor&#8220;, &#8222;Hirte&#8220;) aufgeweicht, so dass die Vaterschaft und damit die Partnerschaft zwischen Mann und Frau Bedeutung bekommen hat. Es leben also auch fremde Männer mit in der Gruppe, die jetzt regelmäßig einschreiten muss, wenn sie aneinandergeraten. Das weiß und bemerkt Stoverock nicht, denn sie schreibt ja ausdrücklich, dass das Patriarchat erst mit der Erfindung der Landwirtschaft aufkäme. Aber sie liefert sich die Begründung dafür, dass Männern geholfen werden müsse, damit es keine Gewalt gibt.</p>
<p>Ihre ganze Sorge gilt nicht den Frauen, deren Sexualität im Patriarchat fast auf den Nullpunkt gedrückt wird, sondern den Männern, die keine Frau finden, und zwar nicht nur im Patriarchat des Hier und Jetzt, sondern angeblich auch schon in der Urzeit:</p>
<blockquote><p>&#8222;Man mag sich fragen, wer sich diesen dysfunktionalen Mist ausgedacht hat, und wie er sich so sehr ausbreiten konnte. Der Grund dafür liegt darin, dass kein anderer Mechanismus der Evolution so antriebt wie das strenge Aussiebungsverfahren der Weibchen. Der Kampf um ihre kostbaren Eizellen erzeugt einen so hohen Selektionsdruck auf die Männchen, dass er letztlich die Gene hervorbringt, die eine Population widerstandfähig und flexibel machen. Und das so effizient, dass es im Lauf der Jahrmillionen keinen Grund gab, etwas daran zu ändern, auch wenn ein Großteil der Männchen frustriert und kinderlos stirbt. <em>Female Choice</em> und speziell der Sexuelle Konflikt mögen klingen wie die Idee eines verrückten Erfinders, sind aber das stabilste und am weitesten verbreitete Fortpflanzungsmodell überhaupt.&#8220;<a href="#_ftn29" name="_ftnref29">[29]</a></p></blockquote>
<p>An dieser Stelle wäre ein kleiner Hinweis, dass die Evolution absichtslos ist, schon sinnvoll gewesen. Die Vermenschlichung der Evolution grenzte tatsächlich fast schon an eine Verschwörungstheorie, wäre die Autorin nicht einfach von einem naiven, aber fehlgeleiteten Gerechtigkeitsgefühl getrieben.<br />
Für die evolutionären Vorgänge spielt es keine Rolle, ob sich ein bestimmtes Männchen fortpflanzt, sie gehen trotzdem weiter. Woher will Stoverock auch wissen, dass alle Männchen traurig sind, wenn sie kinderlos sterben? Derartige Gefühle können nur entstehen, wenn im ersten Schritt Väter wissen können, dass sie Vater werden können und sich im zweiten Schritt sicher sein können, dass sie Vater geworden sind oder nicht. Sie müssen im dritten Schritt ein Gefühl für ihre Lebensspanne haben, um ermessen zu können, dass sie keine Kinder mehr haben werden. Im vierten Schritt müssen sie an ihre Vaterschaft einen Wert knüpfen.<br />
Sicher ist doch nur, dass Männchen hartnäckig sind und es so lange probieren, sich fortzupflanzen, bis sie sterben. Diese &#8222;Hoffnung&#8220; geben sie nie auf, ohne dass es sich wie Hoffnung anfühlen muss. Auch ob sexuelle Frustration sozusagen zum Alltag von Männchen gehört, darf bezweifelt werden, auch wenn es sicher häufig vorkommt, dass sie warten müssen, bis sie dran sind. Offenbar hat es sie Millionen von Jahren eben NICHT gestört! Eine starke Frustration könnte zu Aggression gegen die Weibchen führen, ja. Aber dennoch sind männliche Tiere nur selten aggressiv gegen Weibchen. Dass männliche Tiere weibliche hassen, ist sowieso völlig undenkbar. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass es der Mensch selbst ist, der solche Beobachtungen erst ermöglicht: durch die Zerstörung und Eingrenzung der natürlichen Habitate, durch Ermordung der erfahrenen Tiere einer Gruppe und letztlich durch Projektion.</p>
<p>Wie jedes Gefühl ist auch das Gefühl der Frustration evolutionär über Hormone gesteuert, so dass es denkbar ist, dass „Beta-Männchen“ sozusagen hormonell gedimmt werden. Bei vielen Arten tun sich Jungmännchen zusammen, ohne aggressiv gegen Weibchen vorzugehen. Das muss noch genauer erforscht werden. Und ist es nicht das Patriarchat selbst, das „Beta-Männer“ kleiner redet als sie sind? Wird das weibliche Interesse an ihnen nicht auch gebremst, weil Incels sich selbst unattraktiv machen, durch ihr Gehabe, ihre Uniformen und ihre Sprüche? Haben Eltern im Patriarchat der westlichen Gegenwart, wo nicht mehr Patrilokalität, sondern Neolokalität gelebt wird, nicht sogar ein Interesse daran, dass ihre Kinder Incels sind, weil sie sie dann nicht im Alter alleine lassen? Ist es nicht so, dass Eltern ihre Kinder zu Incels machen, indem sie ihnen eine verklemmte Sexualmoral anerziehen? Ist es nicht sogar auch so, dass es deshalb auch viele weibliche Incels gibt, um die sich keine selbsternannte Feministin sorgt?</p>
<h2 id="der-genetische-flaschenhals-der-jungsteinzeit">Der Genetische Flaschenhals der Jungsteinzeit</h2>
<p>Stoverock liefert konkrete Zahlen für das Ausmaß angeblicher männlicher Benachteiligung durch die Female Choice:</p>
<blockquote><p>&#8222;Eine grobe Faustregel besagt, dass 80% der geschlechtsreifen Weibchen nur 20% der Männchen ranlassen &#8211; dass also 80% der Männchen für Sex mit ihnen nicht in Frage kommen. Die müssen sich um die verbliebenen 20% der Weibchen prügeln. … Genetische Untersuchungen lassen darauf schließen, dass es bei unseren menschlichen Ahnen nicht anders war: Die heutige Weltbevölkerung hat ungefähr doppelt so viele weibliche wie männliche Vorfahren, in präkulturellen Zeiten haben sich also ungefähr 70% der Frauen mit 35% der Männer gepaart…. Das Verhältnis von 2:1 zugunsten der Frauen verschärfte sich nach der Erfindung der Landwirtschaft sogar noch auf unglaubliche 17:1.&#8220;<a href="#_ftn30" name="_ftnref30">[30]</a></p></blockquote>
<p>An anderer Stelle bläht sie den Wert noch einmal auf:</p>
<blockquote><p>&#8222;Denn das verschiebt sich nach der Entstehung der Landwirtschaft bis auf ein erbarmungsloses 95:5. Die Frauen wählen am Übergang zur Sesshaftigkeit nur noch eine verschwindend geringe Zahl der Männer als Partner aus. Ein internationales Forscherteam konnte 2015 anhand genetischer Studien nachweisen, dass … sich nur noch ein Bruchteil der Männer fortpflanzte.&#8220;<a href="#_ftn31" name="_ftnref31">[31]</a></p></blockquote>
<p>Sie suggeriert damit, dass es plötzlich eine ungeheure Menge an Incels gegeben haben muss, ein perfides Argument, das gar nicht so leicht zu durchschauen ist. Denn die Zahlen geben zunächst überhaupt nicht her, ob diese gigantische Abweichung tatsächlich auf wenige, alles absahnende Alpha-Männer zurückgeht, also auf viel mehr Incels hinweist, oder darauf, dass die Zahl der Männer stark zurückging. Angesichts des Wesens der Female Choice, nach der eine Frau viele Männer haben will und eben nicht nur ein einziges Alpha-Männchen, kann so oder so nicht davon die Rede sein, dass sich die Lage zugunsten der Frau entwickelte!</p>
<p>Wir müssen angesichts ihrer Behauptung noch einmal zur Entstehung der Landwirtschaft zurück. Wir erinnern uns, Stoverock behauptet, dass die Erfindung der Sesshaftigkeit und Landwirtschaft durch Männer die Ursache allen Übels, aber zugleich ein viel größerer Segen sei, und daher verlegt sie den Beginn des Patriarchats auf die Zeit &#8222;vor über 10.000 Jahren&#8220;. Es handelt sich bei den von ihr benutzten Zahlen um nicht weniger als die Entdeckung des sog. Genetischen Flaschenhalses durch die GenetikerInnen Karmin <em>et al.</em> im Jahre 2015<a href="#_ftn32" name="#_ftnref32"><strong>[32]</strong></a>. Es wird sich aber nicht nur zeigen, dass Frau Dr. Stoverock den Beginn des Patriarchats mal eben um mindestens 3000 Jahre verschoben hat, sondern auch, dass die Zahlen für ihre Incel-These unbrauchbar sind, und sie eine wesentliche, weiterführende Studie dazu ignoriert hat.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone wp-image-4730 size-medium" title="Genetischer Flaschenhals nach Karmin et al. 2015" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2021/07/41467_2018_4375_fig1.jpg?resize=300%2C137&#038;ssl=1" alt="Genetischer Flaschenhals nach Karmin et al. 2015" width="300" height="137" srcset="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2021/07/41467_2018_4375_fig1.jpg?resize=300%2C137&amp;ssl=1 300w, https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2021/07/41467_2018_4375_fig1.jpg?resize=770%2C351&amp;ssl=1 770w, https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2021/07/41467_2018_4375_fig1.jpg?w=900&amp;ssl=1 900w" sizes="(max-width: 300px) 100vw, 300px" /><br />
Bildquelle: Karmin <em>et al.</em> 2015</p>
<p>Die Abbildung des Genetischen Flaschenhalses zeigt einen starken Abfall und Wiederanstieg der Vielfalt des Y-Chromosoms über einen Zeitraum von ca. 5000 Jahren (im Bild links), während die Mitochondrien-DNA (mtDNA, im Bild rechts) keinen nennenswerten Einbruch erfährt.<a href="#_ftn33" name="_ftnref33">[33]</a> Tatsächlich scheinen die Zahlen mit der Erfindung der Sesshaftigkeit und Landwirtschaft zu korrelieren.<br />
Schauen wir uns diese Studie, deren Diskussion der Ergebnisse und später auch die wichtige Rezeption durch die Genetiker Zeng <em>et al.</em> genauer an: In den Anhängen finden wir ein <a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4381518/bin/supp_gr.186684.114_Supplemental_Figures.pdf" target="_blank" rel="noopener">PDF</a> (dort Seite 4), das die Gesamtansicht regional aufgespaltet zeigt, und daher deutlicher ist: Wir sehen, dass die Y-Kurve im Kernland der Neolithisierung, dem Fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten, ganz langsam 11.300 Jahre vor heute zu sinken beginnt, zu der Zeit, wo im jordanischen Dhra‘ schon so viel Getreide angebaut wurde, dass ein ganzer Speicher gefüllt werden konnte, was bedeutet, dass die Sesshaftigkeit und Landwirtschaft viel noch früher eingesetzt haben müsste. Seinen Tiefpunkt erreicht der Flaschenhals ca. 3-4000 Jahre später. Von da an geht es sprunghaft wieder aufwärts, was ganz deutlich zeigt, dass auch da etwas Gravierendes passiert sein muss, aber das ignoriert Stoverock. Auch in Europa gibt es diesen Flaschenhals mit seinem steilen Wiederanstieg, jedoch deutlich später. Die Vielfalt der mtDNA steigt dem gegenüber vielerorts schon vor über 20.000 Jahren weltweit an, wofür die höhere Mutationsrate der mtDNA verantwortlich gemacht werden kann. Die Zahlen zeigen insgesamt nicht nur die Veränderungen der Vielfalt der Geschlechtschromosomen, sondern auch die Bevölkerungsentwicklung mit ihrem starken Zuwachs nach Überwindung des Flaschenhalses, denn in jüngerer Zeit explodiert auch die Vielfalt der mtDNA.<br />
Die AutorInnen halten die Natürliche Selektion als Ursache für den Abfall für unwahrscheinlich, da das gefundene Muster nicht auf einen einzelnen oder einige wenige Haplotypen beschränkt zu sein scheint, stattdessen sei sie auf einen geringeren Fortpflanzungserfolg in Rahmen eines kulturellen Wandels zurückzuführen.<br />
In einem populärwissenschaftlichen Online-Magazin äußern sich zwei Mitglieder des Studien-Teams zu ihren Vermutungen, was die Zahlen ausdrücken. Demnach wären die Männer nicht alle gestorben, sondern einige wenige Männer hätten Reichtum angehäuft und auf ihre Söhne vererbt und dadurch den Reproduktionserfolg ihrer Patrilinie gesteigert.<a href="#_ftn34" name="_ftnref34">[34]</a> Dem folgt Stoverock in ihrer Argumentation blind. Aber die MacherInnen der Studie haben sich nicht mit den grundsätzlichen Problemen bei der Interpretation solcher Zahlen beschäftigt, sondern lediglich spekuliert!<br />
In einer zweiten Studie im Jahre 2018 haben sich Zeng <em>et al.</em> diese 2015 gewonnen Daten noch einmal vorgenommen und gezeigt, wie schwer es ist, von solchen Zahlen auf tatsächliche Vorgänge zu schließen. Es mussten komplexe mathematische Modelle aufgesetzt werden, um sie näherungsweise richtig zu deuten. Sie führten den modellgestützten Nachweis, dass Krieg zwischen neuen Patrilinien die Ursache für den Flaschenhals sein müsste:</p>
<blockquote><p>„Here, bringing together anthropological theory, recent population genomic studies and mathematical models, we propose a sociocultural hypothesis, involving the formation of patrilineal kin groups and intergroup competition among these groups.“<a href="#_ftn35" name="_ftnref35">[35]</a></p></blockquote>
<p>Zeng <em>et al.</em> widersprechen Karmin <em>et al.</em> entschieden und erklären mit ihrer Studie, dass die Zahlen tatsächlich nur mit einer deutlich gesunkenen Anzahl der Männer, also mit ihrem Tod, erklärbar sind. Ihr wichtigstes Argument: Wenn soziale Unterschiede einen Rückgang der Y-Varianz erklären, warum steigt die tatsächliche Y-Varianz in genau dem Moment wieder an, als soziale Unterschiede überhaupt erst archäologisch greifbar werden? Zudem gehen die Mitochondrien der überlebenden Frauen in Westeurasien überwiegend auf eingewanderte Neolithikerinnen zurück, das heißt, dass die Y-Varianz schon lange vor der Einwanderung nach Europa abgenommen haben müsste und nicht erst am Zielort. Selbst die Ethnologie kann, wie die Autoren es anführen, nicht feststellen, dass regelmäßig ein Mann 17 Frauen monopolisiert.</p>
<p>Die Interpretation durch Zeng <em>et al.</em> wird von der Patriarchatsforschung um weitere Faktoren ergänzt: Der Tiefpunkt fällt mit dem Klimaereignis der sog. Misox-Schwankung zusammen, dem Zeitpunkt, wo die Steppe erstmals von Viehzüchtern besiedelt wird. Die wenigen überlebenden Männer verließen die Heimat zusammen mit den Tieren und begannen in der Steppe das Patriarchat zu errichten. Sprachwissenschaftlich und genetisch nachgewiesen vermischten sich dabei die Gene der Indigenen der Steppe und Waldsteppe mit denen der ausgewanderten Anatolier. Zudem kämpften nicht nur Patrilinien gegeneinander, sondern Patrilinien rotteten die indigenen, matrifokalen Männer aus, und weitere Effekte können hinzutreten wie Mangelernährung und Hunger einseitig durch Getreide und Missernten, Nahrungsraub oder die Schwerarbeit der Frauen, die zu Fehlgeburten und einer hohen Säuglingssterblichkeit bei den männlichen Kindern geführt haben kann. Ein insgesamt multifaktorielles Geschehen führte zu diesen Zahlen.</p>
<p>Statt dass Männer immer weniger Sex hatten, ist das Gegenteil der Fall: die Frauen hatten kaum noch Auswahl. Stoverock möchte aber, dass es den besitzenden Alpha-Mann gibt, auf den sich alle Frauen stürzen, weshalb es dann gigantisch viele Incels geben müsste. Sie geht sogar davon aus, dass im landwirtschaftlichen Patriarchat, also in der beginnenden Zivilisation nach ihrer Definition, die Female Choice noch einmal an Dynamik zugelegt hätte und dabei übers Ziel hinausschoss! Das ist wirklich mehr als erstaunlich, das ist absurd! Denn sie behauptet ja auch, dass der Mann erst durch die Einschränkung der Female Choice &#8222;zivilisiert&#8220; worden sei und begann am Fortschritt zu arbeiten:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die prähistorische Kunst gibt einen Hinweis darauf, dass sich in den Männern ein ganz neues Bedürfnis zu regen beginnt. Ein Impuls, der die Strukturen der künftigen Zivilisation stark prägen wird: Der Wunsch, die Kontrolle über die weibliche Sexualität zu erlangen. Doch als Nomaden haben Männer weder Möglichkeiten noch Kapazitäten, sich der weiblichen Sexualität zu bemächtigen. &#8230; Im Laufe der Zeit wird aus dem Verfolgen der Viehherden ein Begleiten &#8230; ein Zähmen &#8230; als es gelingt auch Nahrungspflanzen für die Rinder und Ziegen &#8230;&#8220;<a href="#_ftn36" name="#_ftnref36">[36]</a></p></blockquote>
<p>&#8230; soll die Landwirtschaft begonnen haben (wir kennen das bereits) &#8230;</p>
<blockquote><p>&#8222;Nur die intelligentesten und geschicktesten Männer kommen mit den Anforderungen der sich im Höllentempo verändernden Welt zurecht und können sich fortpflanzen. Das hat zur Folge, dass die Female Chocie den Mann jetzt mit ganzer Härte trifft &#8230; [der Genetische Flaschenhals] zeigt auch, dass zu diesem Zeitpunkt ganz offenbar die <em>Female Choice</em> noch in vollem Gange war &#8230; Der Rest der Männer starb in der neuen Lebensweise kinderlos. … Die Sesshaftwerdung bewirkt ein unbarmherziges Aussieben &#8230; Die Fortpflanzungssituation ist für Männer eine Katastrophe. Der ohnehin hohe sexuelle Selektionsdruck steigert sich durch den genetischen Flaschenhals bis ins Unermessliche. &#8230; Obwohl die Landwirtschaft das Leben so sehr erleichtert, stehen die ersten Bauernkulturen statt vor einer blühenden Zukunft vor der Barberei.&#8220;<a href="#_ftn37" name="_ftnref37">[37]</a></p></blockquote>
<p>Böse, böse Female Choice! Böse Frau! Das klingt wie die Urschuld Evas. Es handelt sich hier um eine Täter-Opfer-Umkehr &#8230; nicht die Männer, die sich gegenseitig hochrüsten und damit auch im Stich lassen, sind Schuld, sondern die Female Choice.<br />
Sie hält Gewalt für eine Lösung des Problems, aber es ist ihr doch lieber, wenn die Frauen sich selbst einschränken, damit der Alpha-Mann weiter unbehelligt am Fortschritt bauen kann. Das zeugt von einem grundlegenden Unverständnis der Female Choice, die Abwechslung liebt; dabei bleibt kein Mann ewig Alpha-Mann.</p>
<p>Es ist aber auch eine Tatsache, dass die Y-Varianz in patriarchalen Residenzformen stark absinkt. Die am nachhaltigsten patriarchalisierte Bevölkerung mit der höchsten Unterdrückungsrate der Female Choice finden wir immer noch bei den viehnomadischen Völkern Zentralasiens:</p>
<blockquote><p>&#8222;Central Asian pastoralists, who are organized into patriclans, have high levels of intergroup competition and demonstrate ethnolinguistic and population-genetic turnover down into the historical period. They also have a markedly lower diversity in Y-chromosomal lineages than nearby agriculturalists. In fact, Central Asians are the only population whose male effective population size has not recovered from the post-Neolithic bottleneck; it remains disproportionately reduced, compared to female estimates using mtDNA.&#8220;<a href="#_ftn38" name="_ftnref38">[38]</a></p></blockquote>
<p>Hier herrscht ein großer Männerüberschuss, weil Söhne bevorzugt werden, nur die ältesten das Erbe antreten und in Polygamie leben dürfen, und den Nicht-Erben obendrein ein Heiratsverbot auferlegt ist. Entsprechend erklären sich die wiederholten Raubzüge, die diese Völker in Richtung Westen unternahmen.<br />
Das ebenfalls zu beobachtende, <strong>leichte</strong> Absinken der Y-Varianz in der frühen, noch matrifokalen Landwirtschaft lässt sich wie gesehen nicht mit Kriegen erklären, sie hätten sofort einen wesentlich stärken Einschlag erzeugt. Es gibt andere Erklärungsansätze der Patriarchatsforschung:</p>
<ol id="liste1">
<li>Die in der Landwirtschaft arbeitenden Frauen hatten zu wenig Zeit, nach Männern zu suchen, nahmen daher erstmals fremde Männer als Dauergäste in die Sippe auf, schränkten damit aber ihre Female Choice selbst ein. Dies kann einen Einfluss auf die Geburtenzahl UND die absolute Zahl der Y-Varianten haben.</li>
<li>Etliche Männer, quer durch alle Haplogruppen, verließen die Sippen Richtung Steppe.</li>
<li>Fehlgeburten und hohe Säuglingssterblichkeit bei den männlichen Kindern.</li>
</ol>
<p>Ansatz 1 zufolge hätte ein Mann nach einer Weile wieder gehen müssen oder hätte sich einer interessierten Schwester zugewandt oder wäre auch ohne sexuelles Interesse der Frauen geduldet worden, hätte er sich anständig verhalten. Diese Lebensweise birgt die Gefahr, dass Männer nun ihre Vaterschaft wahrnehmen und irgendwann daraus Rechte ableiten. Zudem steigt die Gefahr sexueller Übergriffe.<br />
Im Ansatz 2 könnten die vorliegenden Daten bedeuten, dass die Patriarchalisierung in der Steppe früher stattgefunden hat. Denn eine Auswanderung anatolischer Männer in die Steppe ist wie erwähnt nachgewiesen worden.<br />
Ansatz 3 ist generell eine Folge der Landwirtschaft und unter Matrifokalität und im Patriarchat ähnlich hoch. Er zeigt vor allem an, wie erfolgreich die Landwirtschaft betrieben wurde und ob Überschüsse verbunden mit einer extrem hohen Arbeitsbelastung erbracht wurden.</p>
<p>Erinnern wir uns, es war Stoverock wichtig, darauf hinzuweisen, dass sie &#8222;<em>nicht für eine Rückkehr zum Female-Choice-Prinzip in seiner Reinform</em>&#8222;<a href="#_ftn39" name="_ftnref39">[39]</a> sei. Das Problem der Sesshaftigkeit ist aber nicht eine überbordende Female Choice, sondern das Gegenteil: Erst die Selbsteinschränkung, die mit einem Minus an Lebensfreude, dem Risiko der Partnerschaft und einer, wenn auch kleinen, Verarmung des männlichen Genoms einhergeht. Dann, als die Landwirtschaft von den Männern übernommen wird, eine starke Verarmung des männlichen Genoms. Die Vielfalt geht mit ihrer Unterdrückung relativ zurück, wird aber durch die ansteigende Bevölkerungszahl kompensiert, steigt also absolut an. Der evolutionäre Nutzen der Female Choice entfaltet sich aber bei weitem nicht nur bei den Geschlechtschromosomen, sondern im gesamten Genom, ein Effekt, der beide Geschlechter betrifft. Auch das Genom der Pflanzen und Tiere verarmt durch Domestikation und mehr noch durch ihre Zucht im Patriarchat.</p>
<p>Wir können nicht wissen, warum die Frauen der Jungsteinzeit keine besseren Bedingungen schaffen konnten. Hinterher ist frau aber immer schlauer. Die Lösung wäre gewesen, keine Männer in die Sippen aufzunehmen, sondern die Feldarbeit schon früh auch auf die Brüder zu verteilen. Wir könnten auch anders herum sagen: Wären die Brüder nicht so faul gewesen und hätten &#8211; statt sich weiter altsteinzeitlich bei der Jagd ein schöneres Leben zu machen und zuhause Kuchen zu essen &#8211; besser ihren Schwestern auf dem Feld geholfen. UND hätten die Schwestern wieder mehr gesammelt, hätte es für beide Seiten gleich viele Gelegenheiten für Sex gegeben. Nebenbei wäre die hohe Sammelkompetenz, das große Wissen über Pflanzen und Tiere, das durch die Landwirtschaft verloren gegangen ist, erhalten geblieben. Offenbar war die uralte, sexuelle Arbeitsteilung aber ein Hindernis.</p>
<p>Stoverock braucht den Genetischen Flaschenhals, um ein Schreckgespenst der Female Choice zu zeichnen. Sich damit näher zu befassen, hätte ihre These gefährdet. Sie gibt ihm auf Seite 90 nicht einmal einen Namen, und lagert das Problem zunächst in die Tierwelt aus, in Zahlen zu den Seeelefanten und Beobachtungen an Adeliepinguinen, Schimpansen und Bonobo.<a href="#_ftn40" name="_ftnref40">[40]</a> Schnell wechselt sie also wieder das Thema, kaum dass es auf dem Tapet ist, und wir müssen ihr folgen: Die Bonobo-Weibchen sollen sich aufgrund der Knappheit der Ressource Sex &#8222;einkaufen&#8220; lassen. Kurz, sie erklärt die weiblichen Tiere dieser Arten zu Prostituierten, die nicht aufgrund einer schönen Morgengabe ein talentiertes Männchen erkennen und begehren, sondern lediglich die Morgengabe begehren, und sie gegen Sex tauschen, wobei ihnen das Männchen egal ist. Eine derart frauenfeindliche Sicht auf die Weibchen sollten wir von einer Autorin, die sich der Female Choice verschrieben hat, nicht erwarten! Die Female Choice ist kein Tauschgeschäft, sondern ein grundsätzlicher, unveränderlicher Lebenseffekt.<br />
Hier zeigt sich besonders deutlich, wie wenig die Autorin die Female Choice selbst verstanden hat:</p>
<blockquote><p>&#8222;Bei einigen Watvögeln verhalten sich die Weibchen so wie es normalerweise die Männchen tun. Nach der Eiablage macht sich das Weibchen auf und davon, um sich mit weiteren Männchen zu paaren, während der erste Partner im wahrsten Sinne des Wortes auf den befruchteten Eiern sitzenbleibt, um sie auszubrüten. Gäbe es nicht diese wenigen Ausnahmen, könnte man die Female Choice ein Naturgesetz nennen, so unumstößlich wie die Erdanziehungskraft. Danke also für nichts, Watvögel und Seepferdchen.&#8220;<a href="#_ftn41" name="_ftnref41">[41]</a></p></blockquote>
<p>Es ist zum Heulen. Geht es bei der Female Choice nicht etwa darum, besonders viele verschiedene fähige Männchen zu finden? Ist die Strategie der Watvogelhennen etwa nicht die effektivste Art der Female Choice? Wir Menschen sind keine Vögel, und es ist nicht so, dass die Menschenfrauen ihre Female Choice zu Beginn der Landwirtschaft auf eben diese Weise ausgelebt hätten; sie haben ihre Kinder natürlich bei sich behalten. In die Logik, die Stoverock fährt, hätten die Watvogelhennen aber perfekt gepasst. Danke also für nichts, Frau Dr. Stoverock. Auf Seite 136 setzt sie noch einmal an und benennt den Genetischen Flaschenhals um der Dramatik willen, die ihr Kapitel &#8222;Die Stunde Null&#8220; abschließen soll, um zu nächsten Kapitel &#8222;Haben und Sein&#8220; überzuleiten.</p>
<h2 id="Maenner-die-frauen-bewachen-das-sog-mate-guarding">Männer, die Frauen bewachen? Das sog. <em>Mate Guarding</em></h2>
<p>Da wären aber noch die Reiskärpflinge, eine kleine Süßwasserfischart, an der Stoverock das sog. <em>Mate guarding</em> erklären will:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Männchen der Reiskärpflinge versuchen, sich stets so positionieren, dass das Weibchen etwaige Rivalen gar nicht sehen kann. Der Umstand, dass Weibchen für Männchen in erster Linie eine begrenzte Ressource sind, führt dazu, dass sie sie eifersüchtig bewachen. Nachdem sie sich die Zugriffsrechte durch Wettkampf untereinander geklärt haben, werden sie zu besitzergreifenden Hausherren, die versuchen, den Verlust der Ressource um jeden Preis zu verhindern.&#8220;<a href="#_ftn42" name="_ftnref42">[42]</a></p></blockquote>
<p>Das ist patriarchale Berichterstattung <em>par excellence</em>. Denken wir doch bitte die Female Choice konsequent, immer und immer wieder! Dann zeigt sich ein völlig anderes Bild: Es gibt in der Natur keine Zugriffsrechte, die unter den Männchen ausgefechtet werden! Es gibt nur das Weibchen, das ein Männchen gewählt hat, in diesem Fall das, welches im Kampf gewonnen hat. Es ist aber immer wieder zu beobachten, dass sich Weibchen am Rande des Kampfplatzes auch mit anderen Männchen paaren. Hören wir doch endlich auf mit der ewig androzentrischen Sicht auf die Tierwelt! Nicht die Weibchen sollen andere Rivalen nicht sehen, sondern umgekehrt, ein anderes Männchen als das gewählte soll das Weibchen nicht sehen, sie versteckt sich. Die Female Choice der Reiskärpflinge hat Männchen selektiert, die die Female Choice beschützen. Das ist keine Eifersucht, die mit einem Besitzrecht korrelieren würde, sondern eine Form der &#8222;Pflichterfüllung&#8220;. Dieses sog. <em>Mate Guarding</em> beschützt nicht die „Rechte“ des Männchens, sondern die Wahl des Weibchens. Würden sich andere Männchen in der Nähe aufhalten, könnte es passieren, dass vom Weibchen unerwünschtes Sperma die Eier erreicht.</p>
<p>Stoverock möchte gerne zeigen, dass die Female Choice auch im Patriarchat weiter wirksam ist, hierin liegt die Stärke und &#8211; wie könnte es jetzt noch anders sein &#8211; zugleich die große Schwäche des Buches. Es fällt ihr schwer, patriarchale Muster von denen der Evolution zu trennen:</p>
<blockquote><p>&#8222;Immer betreibt der Mann ein Riesentamtam, und die Holde muss nur ja sagen. Das spiegelt sich auch in unseren modernen Zeiten: Einer Umfrage zufolge sind 69% der Frauen gar nicht oder nur im Ausnahmefall dazu bereit, beim Flirten den ersten Schritt zu machen.&#8220;<a href="#_ftn43" name="_ftnref43">[43]</a></p></blockquote>
<p>Sie hält dies offenbar für natürlich. Aber natürlich gilt es im Patriarchat als unschicklich, wenn Frauen den ersten Schritt machen. Das ist deshalb so stark sanktioniert, weil die patriarchale Male Choice oberstes Gebot sein soll. Eine Frau, die wählt, ist unter der Würde des Patriarchen. Hier wird ihr unterstellt, sie wolle sich einen angeln, ihn festnageln, sie wolle nur sein Geld, sie sei nymphoman etc.. Tatsache ist, dass dieses Tabu großen Schaden anrichtet: viele Frauen bleiben &#8222;Incel&#8220; (die Alte Jungfer, das Mauerblümchen, der Blaustrumpf), weil sie einerseits immer nur Angebote ablehnen dürfen und andererseits Milchbubis, Nerds und Lauchs sich für Superhelden halten und daher nur auf Models stehen, um es einmal zugespitzt auszudrücken. Das Märchen von König Drosselbart lehrt schon kleine Mädchen, ihrem Gefühl nicht zu trauen und ein Angebot besser anzunehmen. Das Patriarchat hat aber auch dafür eine Lösung, und es würde mich nicht wundern, wenn Stoverock die Zwangsheirat für natürliches männliches Verhalten hält, wie auch das angebliche <em>Mate Guarding</em>, das sie unkritisch aus der Herrschenden Lehre übernimmt:</p>
<blockquote><p>&#8222;Auch das <em>mate guarding</em> finden wir bei uns Menschen. Es zeigt sich im Extremfall an dem islamischen Verbot für Frauen, sich ohne männliche Begleitung an öffentlichen Plätzen aufzuhalten oder zu verreisen. Auch die Verschleierung dient seit rund dreitausend Jahren dazu, Frauen vor Blicken (und damit Versuchungen) anderer Männer zu verstecken.“<a href="#_ftn44" name="_ftnref44">[44]</a></p></blockquote>
<p>Sie liefert dazu auch Anekdotisches aus der Welt der Studien:</p>
<blockquote><p>&#8222;Auch hinsichtlich der Triebstärke gibt es Hinweise, die klare Unterschiede aufzeigen: Eine australische Studie aus dem Jahr 2011 ergab, dass 56% der Männer in Langzeitbeziehungen sich mehr Sex von ihren Partnerinnen wünschen, jedoch nur 28% der Frauen. 14% der Frauen hätten sogar gerne weniger Sex mit ihrem Partner.&#8220;<a href="#_ftn45" name="_ftnref45">[45]</a></p></blockquote>
<p>Die Studie zeigt aber auch, dass 14% der australischen Frauen in ihrer Beziehung vergewaltigt werden, was Stoverock aber nicht so zu sehen scheint.</p>
<blockquote><p>&#8222;Kanadische Wissenschaftler kamen bei einer Befragung von 170 Studenten zu ähnlichen Ergebnissen. Besonders in längeren Beziehungen spielt bei dem asymmetrischen Begehren nicht nur die Triebstärke, sondern auch die serielle Monoandrie der Frauen eine Rolle – die evolutionäre Reproduktionsstrategie findet einfach, dass es an der Zeit ist, sich nach Ablauf einer Reproduktionsphase mit einem anderen Mann zusammenzutun.&#8220;<a href="#_ftn46" name="_ftnref46">[46]</a></p></blockquote>
<p>Sie erklärt, dass sich an schwulen und lesbischen Paaren überprüfen ließe, ob die Triebstärke dennoch bei Männern stärker ausgeprägt ist, und siehe da, tatsächlich wollen Männer angeblich mehr Sex! Eine derart weitreichende Aussage mit einer einzigen Studie zu belegen, das ist leider zu dünn.<a href="#_ftn47" name="_ftnref47">[47]</a> Es wäre auch nur aussagekräftig, wenn bereits feststünde, dass sich homo- und heterosexuelle Menschen in dieser Frage nicht unterscheiden.</p>
<h2 id="nein-gewalt-ist-keine-loesung-nie-und-auch-nicht-die-unterdrueckung-der-female-choice">Nein, Gewalt ist keine Lösung. Nie. Und auch nicht die Unterdrückung der Female Choice.</h2>
<p>Tatsächlich, und nun wird es besonders problematisch und zugleich höchst inkonsequent, Stoverock leugnet die sexuelle Gewalt:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Frauenbewegung hat lange die Behauptung verbreitet, bei sexuellen Angriffen ginge es vor allem um Macht (einen Willensakt) und nicht um Sex (einen Triebakt). Der Gedanke dahinter ist verständlich, aber aufgrund der evolutionären Besonderheiten der sexuellen Fortpflanzung halte ich &#8217;sexuelle Gewalt‘ für den unzutreffenden Begriff. Das kulturelle Faktoren die Entscheidung zur Vergewaltigung zusätzlich befeuern können, bezweifle ich aber keineswegs. Bitte denken Sie daran, dass es mir bei der Erklärung – nicht der Entschuldigung – von sexueller Gewalt darum geht, ihre Ursache zu verstehen, um sinnvolle Lösungen zu ihrer Eindämmung zu entwickeln.&#8220;<a href="#_ftn48" name="_ftnref48">[48]</a></p></blockquote>
<p>Wir werden noch sehen, wie sinnvoll die Lösungen sind, die sie auf den falsch hergeleiteten Ursachen entwirft. Ihre Beschwichtigung ist nicht nur unglaubwürdig, sie kommt auch noch auf derselben Seite zur Sache:</p>
<blockquote><p>&#8222;Wir haben gesehen, dass Gewaltbereitschaft integraler Bestandteil der männlichen Reproduktionsstrategie ist.&#8220;<a href="#_ftn49" name="_ftnref49">[49]</a></p></blockquote>
<p>Nein! Wir haben es hier leider mit einem besonders schwerwiegenden Fall von Biologismus zu tun, der den Mann an seinen Platz im Patriarchat verweist und besonders die Frau. Ausgerechnet die Female Choice, mit deren Hilfe wir alle Biologismen beseitigen können, muss dafür herhalten; dies nachdem es so schwer war, sie überhaupt zu entdecken. Es ist zum wirklich zum Auf-dem-Hut-herumtrampeln!</p>
<p>Nachdem sie also ordentlich Angst vor Männern geschürt hat, erfahren wir, wem ihre ganze Sorge gilt: den Incels, deren Gewaltbereitschaft sie ausführlich darstellt, und bei der es angeblich nicht um Macht geht.</p>
<blockquote><p>&#8222;Zahlen belegen, dass die meisten weiblichen Opfer von Sexualgewalt im geschlechtsreifen Alter sind. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es bei den Taten deutlich stärker um Sex geht als bisher im Diskurs behandelt. Ginge es ausschließlich um Macht, wie der Feminismus seit Jahrzehnten behauptet, dann könnten ebenso oft Kinder oder Greisinnen betroffen sein.&#8220;<a href="#_ftn50" name="_ftnref50">[50]</a></p></blockquote>
<p>Es ist ja schon erstaunlich genug, dass der Feminismus über all die Jahre, wo das Wort „Patriarchat“ im Umlauf ist, nicht darauf gekommen ist, dass es um die Macht der Vaterschaft geht, was das Wort ja schon treffend aussagt. Aber immerhin hat der Feminismus erkannt, dass es um Macht geht. Nur ohne das Wörtchen &#8222;Vater&#8220; ist das Wort &#8222;Macht&#8220; natürlich nur ein Schlagwort, das einer auch um die Ohren gehauen werden kann, Stichwort &#8222;Matriarchat&#8220;. Es wird von Feministinnen davon abgelenkt, dass es sich um die Macht der Väter handelt, weil die Mutterschaft ein rotes Tuch ist und die Väter gefälligst im Kinder versorgenden Alltag mithelfen sollen. So gilt der männlichen Macht in der Arbeitswelt und der sexuellen Gewalt am Arbeitsplatz die Hauptsorge, während die Partnerschaftsgewalt erst langsam beginnt, in ihrem ganzen Ausmaß erkannt und erforscht zu werden, aber meist noch entschuldigt wird. Diese Bewegung kommt aber nicht aus dem Mainstreamfeminismus, sondern von den <a href="https://die-mias.de/" target="_blank" rel="noopener">alleinerziehenden Müttern</a>!<br />
<strong>Über Sex werden Männer im Patriarchat zu Familienvätern (= Familienvorstand) und daher gilt es, über die Sexualität der Frau Kontrolle zu erlangen.</strong> Alle Macht geht davon aus, dass Männer im Patriarchat nicht einfach Sex haben wollen, sondern Väter werden wollen, oder die Vaterschaft potentieller Väter sicherstellen sollen. Frauen werden über ihre Mutterschaft dahin erpressbar, selbst die Vaterschaft zu festigen.<br />
Über die Vaterschaft und die Vererbung über den Sohn gelingt die Anhäufung von Besitz. Die Gier nach mehr ist im Patriarchat in die Welt gekommen, weil alles unsicher geworden ist, weil die elementarsten Bedürfnisse nicht gestillt werden. Wir erinnern uns, Stoverock braucht die Bedürfnispyramide, wo Sex auf Stufe 1 angesiedelt ist, für ihre Argumentation. Aber Sex gehört nicht dazu, das ist ein Mythos! Sex kompensiert im Patriarchat einen großen Teil des Bereichs, der schon in der Kindheit nicht ausreichend von den Müttern gestillt werden darf: Körperliche Nähe, Zärtlichkeit, natürlich ohne Sex, und Geborgenheit, die gepaart sind mit dem Gefühl der Sicherheit und des Vertrauens. Die <strong>Trauung</strong> von Mann und Frau soll all das ersetzen, was das Patriarchat zuvor genommen hat; es ist ein Perpetuum Mobile. Die Sucht nach Besitz und Sex sind Symptome der Krankheit Patriarchat. Natürlich ist ein Incel nicht einfach nur notgeil. Ein Incel hat die nackte Angst, keine Familie gründen zu können, womit er von der Gesellschaft ausgeschlossen würde. Sexpüppchen, wie Stoverock es dann als sinnvolle Maßnahme vorschlägt, und denen sie im Literaturverzeichnis erstaunlich viel Raum gibt, werden dieses Problem niemals lösen können! Das Incel-Phänomen ist auch kaum vor dem Hintergrund der erwachenden Sexualität der Frauen zu verstehen, sondern viel mehr vor dem Hintergrund der <strong>Individualisierung in der sog. <a href="https://www.getabstract.com/de/zusammenfassung/risikogesellschaft/4019" target="_blank" rel="noopener">Risikogesellschaft</a> (nach Ulrich Beck)</strong>. Wenn Frauen mobil werden müssen, quasi zu Nomadinnen, um im Beruf Erfolg zu haben, dann funktioniert das Modell Kleinfamilie nicht mehr und dann werden es sich Frauen zweimal überlegen, ob sie das Wagnis des Mangelkonstruktes Kleinfamilie eingehen wollen. Viele Frauen bleiben daher auch kinderlos und partnerlos, aber ohne vergewaltigend und pöbelnd umherzuziehen, wie Stoverock es für die künftigen Männer an die Wand malt.</p>
<h2 id="female-choice-und-matrifokalitaet-nicht-verstanden">Female Choice und Matrifokalität nicht verstanden</h2>
<p>Nachdem Stoverock viele Buchseiten damit zugebracht hat, die Entstehung des Patriarchats in die Zeit der Erfindung der Landwirtschaft zu verlegen, konstatiert sie:</p>
<blockquote><p>&#8222;Der evolutionäre [!] Druck hat auch bei den Menschen vor allem polygyn-monoandrische Systeme hervorgebracht.&#8220;<a href="#_ftn51" name="_ftnref51">[51]</a></p></blockquote>
<p>Es scheint ihr dabei unbekannt, dass polygyn-monoandrische Systeme immer im Patriarchat angesiedelt und nicht evolviert sind. Das Patriarchat gehört nicht in die Altsteinzeit. Unbekannt ist ihr scheinbar auch, dass Menschen nicht viele &#8222;Systeme&#8220;, sondern ein einziges angeborenes Sozialverhalten eigen ist, die Matrifokalität, wie es u.a. Sarah Blaffer Hrdy nachweisen konnte. Schon für die Primaten stellt die berühmte Anthropologin fest:</p>
<blockquote><p>&#8222;Ich gehörte übrigens zu denjenigen, die schon frühzeitig davon überzeugt waren, dass Menschenaffen zur Patrilokalität neigten. Ich änderte meine Meinung im Verlauf der Arbeit an &#8218;Mutter Natur&#8216;.&#8220;<a href="#_ftn52" name="_ftnref52">[52]</a></p></blockquote>
<p>Die Matrifokalität ist Stoverock dennoch durch Twitter bekannt, sie akzeptiert sie auch ausdrücklich, erwähnt sie auch mehrmals im Text, aber ohne diese Inspiration im Text oder Literaturverzeichnis zu würdigen.<a href="#_ftn53" name="_ftnref53">[53]</a> Es ist auch besonders verwerflich, dass sie behauptet, dass es Studien gäbe, die beweisen sollen, dass es die monogyn-monoandrische Lebensweise, also die Ehe, seit gut 10.000 Jahren gäbe, ohne ihre Quellen zu benennen<a href="#_ftn54" name="_ftnref54">[54]</a>. Meiner Erfahrung nach haben die AutorInnen solcher Studien einen extrem engen Blickwinkel, bei dem schon zu Studienbeginn das gewünschte Ergebnis feststeht,<a href="#_ftn55" name="_ftnref55">[55]</a> und sie produzieren häufig ähnliche Sätze wie Stoverock:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Kinder einer Frau stammen oft von unterschiedlichen Vätern, Partnerschaft-auf-zeit ist primäre Beziehungsform. Die menschlichen Körper wurden von der Evolution so konstruiert, dass sie in erster Linie so lange zusammenbleiben, bis die aus der Beziehung resultierenden Kinder selbstständig essen und die nomadisch umherziehende Gruppe aus eigener Kraft begleiten können. Längere Beziehungen sind eher Ausnahme.“<a href="#_ftn56" name="_ftnref56">[56]</a></p></blockquote>
<p>Hier wird er konstruiert: der Vater als Ernährer. Aber Stoverock denkt nicht darüber nach, was z.B. passiert, wenn die Gruppe resp. Sippe weiterzieht. Glaubt sie wirklich, dass das aggressive Sexmonster 9 Monate lang eine Schwangere verfolgt, um dann für das Kind Nahrung zu beschaffen? Das passt weder in ihr Weltbild, noch passt das zu Matrifokalität. Ist es nicht vielmehr so, dass sich Männer für Kinder erst dann wirklich zu interessieren beginnen, wenn die Kinder laufen und sprechen können? Was würde denn passieren, wenn der Vater verunglückt? Sie weiß es nicht. Sie weiß nicht, dass der Vater unter Matrifokalität weder der Ernährer ist, noch überhaupt bekannt ist, dass er einfach nur hinderlich wäre, übrigens auch weil in der Sippe immer mehrere Mütter sind. Wird das Baby geboren, ist er schon lange weg, denn er zieht mit seiner eigenen Sippe weiter. Merkwürdig, dass ihr, der Evolutionsbiologin, das nicht klar ist, besonders wo sie doch den Männern ein überbordendes, aggressives Sexleben andichtet.</p>
<h2 id="geschichtsfeindlichkeit">Geschichtsfeindlichkeit</h2>
<p>In ihrem Kapitel &#8222;Haben und Sein&#8220;<a href="#_ftn57" name="_ftnref57">[57]</a> beschäftigt sich Stoverock nun damit, wie der Mann über seinen Besitz die Frau ans Haus gefesselt habe.</p>
<blockquote><p>&#8222;Der Besitz wird dem Mann zugeordnet. Territorien und die dort vorkommenden Ressourcen sind auch in der Natur eher Männersache.&#8220;<a href="#_ftn58" name="_ftnref58">[58]</a></p></blockquote>
<p>Mit diesem hanebüchenen Biologismus, der jede Arbeitsleistung der Frau der Steinzeit übergeht, braucht sie nicht erwähnen, dass die Matrifokalität keinen Besitz kennt und auch die frühen Sippenhäuser allen gehörten. Ihre Erklärung dafür, wie der Besitz in Männerhand geraten ist: der Wunsch nach Abgrenzung<a href="#_ftn59" name="_ftnref59">[59]</a>. Hier liefert die Patriarchatsforschung jede Menge wirklich Erhellendes, aber das sind ja alles Schmuddelkinder.<br />
Woher sie das Wissen nimmt, dass &#8222;<em>Anführer, die behaupten, von den Göttern direkt in ihr Amt berufen worden zu sein</em>&#8222;, schon &#8222;<em>von Anfang an zu den Begleiterscheinungen sesshafter Gemeinschaften</em>&#8220; gehört haben, erraten wir nicht, sie kann auch nur mit dem bronzezeitlichen, babylonischen König Hammurapi aufwarten. Und doch, Frau Dr. Stoverock! Wir dürfen getrost vergessen, &#8222;<em>dass die alttestamentarischen Erzählungen ihre Anfänge in der mündlichen Folklore haben</em>&#8222;.<a href="#_ftn60" name="_ftnref60">[60]</a><br />
Ihr Ritt durch die Zeiten, mit rasendem Wechsel von Alt- zu Jungsteinzeit, dann nahtlos in die Bronzezeit, Neuzeit und wieder zurück, alles nur &#8222;Details&#8220;. Hier zeigt sich unhistorisches Denken gepaart mit Halbwissen und ein durch und durch patriarchales Weltbild, das im Widerspruch zu allem steht, was wir doch längst besser wissen. Die Krönung ist dann diese Plattitüde:</p>
<blockquote><p>&#8222;Früher ging der Mann jagen, um die Frau zu ernähren, heute geht er halt ins Büro.&#8220;<a href="#_ftn61" name="_ftnref61">[61]</a></p></blockquote>
<p>Aber dann ist für sie die „<em>Spaltung der menschlichen Gemeinschaften in außen und innen nicht weniger als die Geburtsstunde des Androzentrismus, der männlichen Zivilisation.</em>&#8222;<a href="#_ftn62" name="_ftnref62">[62]</a> Oho und Aha! Mit diesem geistvollen Sinnspruch von biblischer Gewalt zeigt sie, dass sie nichts weiß über die Entstehung des Patriarchats im Viehzüchternomadismus und den daraus resultierenden <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/gibt-es-menschliche-rassen-von-zeugung-erziehung-zucht-und-zuechtigung" target="_blank" rel="noopener">Zuchtgedanken mit seinem Sexismus und Rassismus</a>. Und genau DAS ist es, was &#8222;<em>die Völker, die uns Pornografie in der beschriebenen Eindeutigkeit hinterlassen haben</em>&#8220; eint und nicht die &#8222;besitzbasierte Sesshaftigkeit&#8220;<a href="#_ftn63" name="_ftnref63">[63]</a>.</p>
<h2 id="porno-sells-und-der-angebliche-sexuelle-konflikt">Porno sells und der angebliche Sexuelle Konflikt</h2>
<p>Überhaupt Pornografie. Stoverock, die sich als &#8222;sexpositiv&#8220;<a href="#_ftn64" name="_ftnref64">[64]</a> bezeichnet, liebt die Pornografie, wir ahnten es schon. Was wurde in den letzten Jahrzehnten nicht alles geschrieben, um zu den Leuten verständlich zu machen, dass Pornografie Frauen, ja allen Menschen erheblichen Schaden zufügt! Es scheint, als würden all diese Feministinnen gegen Wände geredet haben, wenn Stoverock so etwas schreibt:</p>
<blockquote><p>&#8222;Doch schaut man genauer hin, zeigt die Mainstream-Pornografie jedoch mehr. Die Frau steht dem Mann in der Pornografie uneingeschränkt zur Verfügung, das ist wahr, doch willenlos ist sie keineswegs. Sowohl in antiken als auch modernen Darstellungen verhält sich die Frau lüstern, sie begegnet dem Mann mit offenen Armen und erwidert seine Annäherung. … Im Grunde simuliert er die freie Partnerwahl einer Frau, wie sie in der <em>Female Choice</em> gegeben ist. Erotische Darstellungen vor allem des Mainstreams zeigen einen Akt, an dem sich die Frau freiwillig und mit Genuss beteiligt (im Fetischbereich sind natürlich auch andere Spielarten möglich). … In dem Ideal offenbart sich tiefste und persönliche Sehnsucht, die der Sexuelle Konflikt seit Millionen von Jahren beiden Männern hinterlassen hat: Eine Frau, die ihn und seinen Penis von ganzem Herzen begehrt, und bei der er keine Angst vor Zurückweisung haben muss. …&#8220;<a href="#_ftn65" name="_ftnref65">[65]</a></p></blockquote>
<p>Welche jetzt noch nicht heult, dürfte spätestens jetzt dazu genötigt sein:</p>
<blockquote><p>&#8222;Hätte diese Sehnsucht nicht dazu geführt, dass die Männer frauenunterdrückende Strukturen schufen, um mehr Zugang zu Sex zu bekommen – man könnte ihr Mitgefühl entgegenbringen. Kein verächtliches, überhebliches Mitgefühl, sondern ein liebevolles, ebenbürtiges Verständnis, das den Mann als fühlendes, begehrendes Wesen ernstnimmt, dem der Sexuelle Konflikt ebenso übel mitgespielt hat wie der Frau. …&#8220;<a href="#_ftn66" name="_ftnref66">[66]</a>.</p></blockquote>
<p>NEIN, Frau Dr. Stoverock, das nehme ich Ihnen nicht ab, auch wenn Sie zum Ende noch schreiben, dass die Frau sich angesichts der gefährlichen Folgen der Partnerschaft kein Mitleid leisten könne<a href="#_ftn67" name="_ftnref67">[67]</a>.<br />
Der Sexuelle Konflikt ist unter Biologen <em>en vogue</em>, da sind noch Meriten zu verdienen, und dieses Buch ist Stoverocks Beitrag:</p>
<blockquote><p>&#8222;Unsere zentrale These lautet, dass wesentliche Strukturen der männlichen Zivilisation dazu dienten, die Folgen der unterschiedlichen Reproduktionsstrategien der Geschlechter abzufangen. Zu diesen Folgen gehört der Sexuelle Konflikt aus einander gegenläufigen sexuellen Bedürfnissen, aber auch das Paarungssystem der <em>Female Choice</em>, in dem die Frau den Zugang zu Sex für Männer regelt.&#8220;<a href="#_ftn68" name="_ftnref68">[68]</a></p></blockquote>
<p>In der Natur war der angebliche Sexuelle Konflikt nie ein Problem, die Female Choice wurde zum Problem für Männer, als sie mit Gewalt Frauen unterwarfen. Die Sesshaftigkeit trifft so wenig Schuld, wie eine Frau, die vergewaltigt wurde. Die Theorie des Sexuellen Konflikts, die alles, was die Female Choice betrifft, problematisiert, sogar bis in die Cryptic Female Choice hinein, ist ein Irrweg wie auch Freuds Ödipus-Komplex und Penisneid. Der &#8222;Konflikt&#8220; ist identisch mit dem Problem, das Patriarchen mit der Female Choice haben, und ein moralisierender Begriff, der bei der Betrachtung der Evolution nichts verloren hat und in den Biologismus führt. Er ist auch identisch mit dem Widerstreit des Patriarchats mit der <strong>Matrifokalität, die sexuelle Konflikte sozusagen aufs Genialste verhindert hat.</strong> In Bezug auf den Menschen (und Primaten) wird er aber immer wieder beschworen, um die menschliche Monogamie, die die Female Choice unterdrückt, als evolvierten Schutz der Frauen und Kinder vor Vergewaltigung und Infantizid hinzustellen.<a href="#_ftn69" name="_ftnref69">[69]</a> Kein Wunder, dass Stoverock mit der Female Choice das Ende der Zivilisation nahen sieht, wie es schon der Buchtitel andeutet, bei dem optimistische LeserInnen zunächst glauben könnten, es sei das Ende des Patriarchats gemeint.</p>
<h2>Incels, das Schreckgespenst der Evolution?</h2>
<p>Im letzten Drittel des Buches widmet sich Stoverock nun ganz ihren Schützlingen, den Incels. Sie beschreibt sehr detailliert die Amokläufe in den USA, und besonders den von Elliot Rodger. Dazu erzählt sie, wie sich Incels im Netz zusammenrotten und radikalisieren. Auch das möchte sie erklären:</p>
<blockquote><p>&#8222;Erinnern wir uns an die Maslowsche Bedürfnispyramide. Die bloße Existenz von gewaltbereiten Incels und das gleichzeitige Fehlen eines weiblichen Äquivalents zeigt, dass das Bedürfnis nach Sexualität für Männer deutlich weiter unten in der Pyramide steht, und seine Erfüllung damit eine wesentlich höhere Priorität hat als für Frauen. Je dringlicher ein Bedürfnis ist, desto verzweifelter und aggressiver kämpft der Mensch um seine Erfüllung. Es käme daher einer groben Fahrlässigkeit gleich, diese Gruppe nicht besonders im Auge zu behalten.&#8220;<a href="#_ftn70" name="#_ftnref70">[70]</a></p></blockquote>
<p>Erinnern wir uns auch daran, dass die Maslowsche Bedürfnispyramide die Bedürfnisse des patriarchalen Mannes abbildet und Stoverock das nicht bemerkt hat. Männer können keine Kinder kriegen, sie müssen im Patriarchat eine Frau festsetzen, um sich überhaupt um Kinder kümmern zu können. Es droht ihnen die Einsamkeit im Alter, aber auch geringerer sozialer Status, der sich durchaus in barer Münze bemerkbar macht. Während nämlich das Gehalt von Müttern ins Bodenlose sinkt, verdienen Familienväter mehr als kinderlose Männer. In den USA ist diese Diskrepanz übrigens besonders deutlich.<a href="#_ftn71" name="_ftnref71">[71]</a> Dass Kinder einen Mann arm machen, Sex mit einer Frau daher &#8222;zu einer wirtschaftlichen Gefahr&#8220; werde, wie Stoverock es ja auch behauptet hat<a href="#_ftn72" name="_ftnref72">[72]</a>, stimmt also nur teilweise. Tatsächlich haben schon die frühen Patriarchen erkannt, dass Kinder billige Arbeitskräfte sind, die, ordentlich erzogen die Zukunft so gestalten, wie es sich der Vater wünscht. Sie verleihen ihm Macht, er kann seine Frau über sie erpressen und er spart sich das Geld für eine Dienerin und Prostituierte. Eine Ehefrau, würde sie anständig bezahlt, wäre so teuer, dass ein normaler Mann sie sich nicht leisten könnte.<br />
Stoverock kennt sich gut aus in der &#8222;Manosphere&#8220; und bescheinigt ihr &#8222;<em>erstaunliches Wissen über die evolutionsbiologischen Grundlagen der Geschlechterbeziehung</em>&#8222;<a href="#_ftn73" name="_ftnref73">[73].</a> Wenn es dieses Wissen ist, das sie in diesem Buch zum Besten gibt, ist alles klar! Hier liegt das Problem des Buches nun offen zutage; ihre Inspiration holt sie sich bei den Misogynisten, und sie gibt es auch zu:</p>
<blockquote><p>&#8222;Stimmen, die sich um die Einbettung der physischen Prozesse in die Kultur bemühen, gibt es nur wenige. Eine von ihnen gehört dem kanadischen Psychologen Jordan Peterson. Er hat erkannt, dass unsere Zivilisation nur unter Abschaffung von evolutionsbiologischen Mustern möglich war.&#8220;<a href="#_ftn74" name="_ftnref74">[74]</a><br />
&#8222;Er weist darauf hin, dass die Menschheit am Anfang ihrer sesshaften Lebensweise die Incels nur über die sozial erzwungene Monogynie in den Griff bekommen hat, und dass also ein Aufweichen dieser Monogynie einem Angriff auf die Zivilisation gleichkommt.“<a href="#_ftn75" name="_ftnref75">[75]</a></p></blockquote>
<p>Ja, Frau Dr. Stoverock, ich &#8222;atme scharf ein&#8220; und zwar mehrfach, da hilft Ihnen auch nicht Ihre Immunisierungsstrategie<a href="#_ftn76" name="_ftnref76">[76]</a>. Und zwar aus zwei Gründen:</p>
<p>1. Der Satz suggeriert, dass Jordan Peterson der Begründer der Patriarchatsforschung sei. Das ist falsch. Es war Dr. Gerhard Bott, den ich oben bereits erwähnte, der erstmals den Zusammenhang zwischen der Patriarchalisierung und der Aushebelung der Female Choice erkannte. Er berief sich dabei auf die Arbeiten von Meredith M. Small und Gerda Lerner.<a href="#_ftn77" name="_ftnref77">[77]</a><br />
2. Jordan Peterson ist ein Antifeminist, der mit Aussagen wie &#8222;<em>You know you can say, ‘Well isn’t it unfortunate that chaos is represented by the feminine’ — well, it might be unfortunate, but it doesn’t matter because that is how it’s represented. It’s been represented like that forever. And there are reasons for it. You can’t change it. It’s not possible. This is underneath everything. If you change those basic categories, people wouldn’t be human anymore. They’d be something else. They’d be transhuman or something. We wouldn’t be able to talk to these new creatures</em>“ bei den organisierten Incels punktet. Eines seiner Bücher trägt den Untertitel “An Antidote to Chaos”.<a href="#_ftn78" name="_ftnref78">[78]</a></p>
<p>&#8222;Chaos&#8220;, das ist das Wort, das Erzkonservative immer in den Mund nehmen, wenn sie Gegner diskreditieren wollen. Auch Donald Trump verwendete es inflationär und produzierte doch selbst das allergrößte Chaos. Aber tatsächlich fallen WählerInnen (und auch LeserInnen) immer wieder auf das Geschäft mit der Angst herein. Und in diese Kerbe haut auch Stoverock:</p>
<blockquote><p>&#8222;Und da die Kontrolle der &#8218;Ressource Frau&#8216; durch die Männer nicht die Folge der Kultur war, sondern der erste, sie begründende Schritt, können die Maßnahmen nicht einfach rückgängig gemacht werden.&#8220;<a href="#_ftn79" name="_ftnref79">[79]</a></p></blockquote>
<p>Damit beweist sie auch einmal mehr ihre weitreichende Unbildung. Schon Tiere haben nämlich Kultur und die menschliche Zivilisation gab es schon lange ehe das Patriarchat über die Menschheit hereinbrach.</p>
<p>Ihr Manifest lautet konsequent:</p>
<blockquote><p>&#8222;Wir müssen das Gute aus dem Nomadenleben mit dem Guten aus der Sesshaftigkeit verbinden. Und weil allein die Größe dieser Aufgabe Kopfschmerzen bereitet, beginnen wir im Kleinen, dort, wo jeder Mensch in seinem Leben etwas verändern kann, und vergrößern die Idee so lange, bis wir am Ende vor einer neuen Weltordnung stehen.&#8220;<a href="#_ftn80" name="_ftnref80">[80]</a></p></blockquote>
<p>Wir können den Anfang wie folgt abändern, denn das ist es, was sie in Wahrheit sagen will, hat sie doch seitenweise den &#8222;Nachweis&#8220; geführt: Wir sollen das Gute aus dem Nomadenleben mit dem angeblich Guten aus dem Patriarchat verbinden. Wie naiv das ist, zeigt der aktuelle Backlash. Es gibt nicht &#8222;ein bisschen Patriarchat&#8220;. Das Patriarchat wird sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen, solange das Vaterrecht nicht durchschaut und abgeschafft ist. DAS ist das Problem vor dem wir stehen … aber auch die Mauer hat nicht ewig gestanden. Jedoch, das Patriarchat ist eine &#8222;etwas&#8220; härtere Nuss, so dass noch sehr viel Wasser den Rhein herunterfließen wird. Würden die Männer erkennen, wie sehr sie sich selbst schaden, dann wäre viel gewonnen. Aber dieses Buch klärt nicht darüber auf, sondern tut das genaue Gegenteil.</p>
<h2>Scheinfeminismus und Prostitutionsverherrlichung</h2>
<p>Dr. Meike Stoverock ist keine Feministin. Die sexuelle Freiheit der Frau, die Female Choice, und damit die Freiheit überhaupt, ist ihr so zuwider, dass sie sie weiter eingeschränkt sehen will. Das äußert sich auch in ihrem Loblied auf die Pille, auch wenn sie deren Risiken und die Folgen für die Female Choice kennt:</p>
<blockquote><p>&#8222;Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschen erfahren Frauen so etwas wie echte Freiheit. Die Freiheit über das Treiben in ihren Eierstöcken bestimmen zu können. … Die selbstgewählte Kinderlosigkeit versetzt Frauen in die Lage, Berufe zu ergreifen, sich zu bilden, zu reisen und ihre Sexualität zu entdecken.&#8220;<a href="#_ftn81" name="_ftnref81">[81]</a></p></blockquote>
<p>Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Ausgerechnet Letzteres ist durch die Pille stark eingeschränkt und immer weniger Frauen nehmen die Pille, weil sie die schädlichen Effekte nicht mehr tragen wollen und zudem erkannt haben, dass sie nur eine Scheinfreiheit gewährt, verfügbar macht und obendrein Einsamkeit beschert, genau das, wovor männliche Incels in Wahrheit Angst haben! In den Entwicklungsländern ist die Pille eine echte SOS-Maßnahme, aber als Lifestyle-Produkt taugt sie gar nichts. Im Übrigen bedeutet Female Choice auch, sich einem Partner zu verweigern.<br />
Ein Feminismus, der die Kraft der Female Choice diskreditiert, nicht den Weg MIT ihr aufzeigt, wie sie Frauen ein freies Leben mit ihrer kompletten positiv erlebten Körperlichkeit ermöglicht, ist nicht für Frauen, sondern gegen sie. Und Stoverock hat noch nicht erkannt, wie sehr der Feminismus vom Patriarchat instrumentalisiert wird, denn sie glaubt, dass er nur vorwärts ginge, &#8222;nie rückwärts&#8220;.<a href="#_ftn82" name="_ftnref82">[82]</a> Sie selbst liefert mit ihrem Buch das beste Beispiel für einen echten Rückschritt. Der Schlüssel zur Lösung ist mit der Female Choice längst gefunden, aber sie schmiert nun Klebstoff ins Schlüsselloch.</p>
<p>Sex für alle, das ist Stoverocks Forderung,<a href="#_ftn83" name="_ftnref83">[83]</a> und ihr Respekt vor der Pornografie ist bemerkenswert. Und damit alle zu ihrem angeblichen Recht kommen, präsentiert sie den ganzen Katalog patriarchaler Sexfürsorge.</p>
<blockquote><p>&#8222;Prostitution kann gerade jenen Teil der männlichen Sexualität abfangen, der sonst unkontrolliert und potentiell gefährlich in die Gesellschaft sickern würde: die nicht gesellschaftskonformen Neigungen, den Triebstau bei Unterversorgung.&#8220;<a href="#_ftn84" name="_ftnref84">[84]</a></p></blockquote>
<p>Ihr wesentliches Argument gegen ein Prostitutionsverbot ist:</p>
<blockquote><p>&#8222;Interessanterweise gehören Länder mit striktem Prostitutionsverbot zu denen mit den höchsten Vergewaltigungsfällen in Europa.&#8220;<a href="#_ftn85" name="_ftnref85">[85]</a></p></blockquote>
<p>Dieser perfide Mythos wurde von TERRE DE FEMME und der Aussteigerin Huschke Mau längst entlarvt.<a href="#_ftn86" name="_ftnref86">[86]</a> Tatsächlich sind es die Prostituierten, die dann stellvertretend vergewaltigt werden; Prostitution ist keine Female Choice! Und daher gibt es auch keine &#8222;anständigen&#8220; Freier, wie Stoverock behauptet.<a href="#_ftn87" name="_ftnref87">[87]</a> Stoverock glaubt auch fest daran, dass Prostitution eine &#8222;wirksame Incel-Prophylaxe&#8220;<a href="#_ftn88" name="_ftnref88">[88]</a> sei. Dann ich frage mich aber, warum es die organisierten, aggressiven Incels jetzt schon gibt, obwohl die Prostitution noch überall blüht.<br />
Zwar kennt sie die Kritik ganz genau, wischt sie aber vom Tisch:</p>
<blockquote><p>&#8222;Eine Korrelation gibt es, auch eine unmittelbare Wirkung, beides ist nicht zu leugnen. Ob jedoch auch eine persönlichkeitsformende Kausalität besteht und wenn ja, in welche Richtung diese verläuft, kann bisher nicht geklärt werden. Denn es ist sowohl möglich, dass Pornos zu Gewalttaten führen, als auch dass zu Gewalttaten neigende Männer eher zum Porno greifen. Der Beweis eines ursächlichen Zusammenhanges steht bislang noch aus.<a href="#_ftn89" name="_ftnref89">[89]</a>&#8222;</p></blockquote>
<p>Das ist falsch. Wenn wir davon ausgehen, dass die Täter nicht wissen, wie ein Porno entsteht, dann ist Pornogucken wie der Blick in die Zeitung. Konsumenten von Kinderpornos werden aber deshalb bestraft, weil bekannt ist, dass diese Filme Gewalttaten dokumentieren und sie sich deshalb mitschuldig machen. Einen Porno zu schauen ist eine Gewalttat, übrigens auch gegen sich selbst. Konsumenten wissen ganz genau, was sie da sehen! Ebenso sind erwachsene Pornodarstellerinnen nicht einfach nur Schauspielerinnen, sondern sie werden vor der Kamera vergewaltigt, sind allerdings oft auf Droge oder so abgestumpft, dass sie es selbst nicht mehr mitbekommen. Pornos sind keine Female Choice. Es ist auch bekannt, dass schon alltägliche Sexszenen normalen Schauspielerinnen, von denen viele es gar nicht erwarten würden, erhebliche Probleme bereiten.</p>
<p>Und dann die Sexpuppen und all die anderen Produkte, die die Industrie bereithält, es liest sich wie die Hochglanzbroschüre der Pornolobby:</p>
<blockquote><p>&#8222;Aber auch anderen Orts wächst der Markt – wenn auch nicht so schnell, wie er könnte, weil die lebensechten Puppen mit mehreren tausend Euro sehr teuer sind.&#8220;<a href="#_ftn90" name="_ftnref90">[90]</a><br />
&#8222;Heutige Puppen sind lebensgroß, aus weichem Silikon gefertigt, mit Brüsten, die sich wenigstens ein bisschen danach anfühlen, und anatomisch genauen Genitalien. Kunden mit dem nötigen Kleingeld können Größe, Proportionen, Haar- und Hautfarbe ihrer Puppe individuell zusammenstellen. Technologische Weiterentwicklungen geben Puppen sogar Mimik …&#8220;<a href="#_ftn91" name="_ftnref91">[91]</a></p></blockquote>
<p>Ehrlich gesagt, ich will das alles gar nicht so genau wissen. Aber das sollen alles ganz normale Produkte sein, die es schon in der Antike gab<a href="#_ftn92" name="_ftnref92">[92]</a>; Patriarchat mit Patriarchat legitimiert.<br />
Als vorläufigen Höhepunkt ihres geistigen Exzesses, bei dem wir doch uns langsam fragen müssen, ob Stoverock nicht doch eher eine Ghostwriterin ist, lehnt sie sich an den Vorschlag eines Autors an, der &#8222;<em>Ausgleichszahlungen für sexuell unterprivilegierte Männer, die ihnen womöglich helfen könnten, leichter Partnerinnen zu finden</em>&#8220; fordert.<a href="#_ftn93" name="_ftnref93">[93]</a> Das ist schon besonders bizarr angesichts des Kampfes alleinerziehender Mütter um jeden Cent. Dafür hat die Gesellschaft also Geld übrig? Dies alles sind keine innovativen Vorschläge, sondern schlicht eine Aufforderung zum Zurück ins vorletzte Jahrhundert, wo Frauen noch &#8222;eine gute Partie&#8220; machen mussten, und ihre Female Choice keinerlei Rolle spielte.<br />
Im scheinbaren Widerspruch zu ihren Ausführungen schreibt sie aber:</p>
<blockquote><p>&#8222;Wir müssen die Gesellschaft liebevoll auffangen. Müssen das Narrativ ändern von &#8218;Jeder kann Sex haben, wenn …&#8216; zu &#8218;Nicht jeder hat Sex, das ist ganz normal'&#8220;<a href="#_ftn94" name="_ftnref94">[94]</a>.</p></blockquote>
<p>Mit einem solchen Vorschlag kann Stoverock sich nicht freischwimmen, im Gegenteil: Für sie ist die Female Choice ein Narrativ. Und wir wissen wie sie, dass Narrative jederzeit austauschbar und revidierbar sind im Sinne von: Was schert mich mein Geschwätz von gestern? Die Erziehung nur mit Parolen wird nicht nachhaltig sein, denn das grundsätzliche Problem liegt nicht beim Sex, sondern in der im Patriarchat schon mit der Geburt beginnenden Trennung von der Mutter und anderen Bezugspersonen, so dass das Kind keine stabile Bindung aufbauen kann und sein tiefes Bedürfnis nach körperlicher Nähe nicht befriedigt wird. Wir erinnern uns: das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist das am stärksten ausgeprägte. Der folgende lebenslange Durst nach inniger körperlicher Nähe wird mit Sex kompensiert, und bleibt dies aus, mündet er in aggressivem Verhalten.<br />
Dies aber noch zu bedienen, wie Stoverock es fordert, käme einer Gesetzgebung gleich, die es Einbrechern erlaubte, in bestimmte staatlich zur Verfügung gestellte Häuser einzubrechen, damit sie ihren Trieb abreagieren können und andere Häuser verschonen.</p>
<h2 id="zu-guter-letzt">Zu guter Letzt</h2>
<p>Es gibt auch kluge Sätze in diesem Buch, wie ihre Ausführungen zur Abtreibungspolitik oder z.B.:</p>
<blockquote><p>„Tatsächlich aber ist der ganze Schönheitsdruck auf Frauen nur ein kultureller Trick zur Luststeigerung der Männer – im Zweifelsfall geben sie sich auch mit viel weniger zufrieden“<a href="#_ftn95" name="_ftnref95">[95]</a><br />
&#8222;Alles, was die Frau tut, misst sie an den möglichen Folgen für ihr Kind … noch vor ihren eigenen Bedürfnissen.&#8220;<a href="#_ftn96" name="#_ftnref96">[96]</a><br />
&#8222;Sich für die Ehe zu entscheiden, bedeutet, den Ursprung und Zweck der Ehe mitzutragen. Und daran ändert sich auch nichts, wenn Frau und Mann verliebt ineinander sind und sich ohne wirtschaftlichen Zwang zu einer Heirat entschließen.&#8220;<a href="#_ftn97" name="_ftnref97">[97]</a><br />
&#8222;Jemand, dessen Arbeit einen möglichst hohen Geldwert produzieren kann, gilt als wertvoller als jemand, dessen Arbeit nur einen geringen Geldwert erzielt, oder jemand, der gar nicht produziert.&#8220;<a href="#_ftn98" name="_ftnref98">[98]</a></p></blockquote>
<p>Da sehe ich das Potential der Autorin, finde aber im Gegensatz zu ihr, dass es völlig ok ist, wenn uns dieses System „eines Tages um die Ohren fliegt“.<a href="#_ftn99" name="_ftnref99">[99]</a> Aber immer wieder macht sich Stoverock Sorgen, dass der Mann aufhören könnte, an der Zivilisation zu arbeiten:</p>
<blockquote><p>&#8222;Auch wenn es uns nicht schmecken will: Monogynie, also eine Art sexuelle Grundversorgung, macht die vormals 80% potentiell gewaltbereiten Gewalt [sic] neigenden Männer überhaupt erst tauglich für eine dicht beieinander lebende Menschengemeinschaft.&#8220;<a href="#_ftn100" name="_ftnref100">[100]</a></p></blockquote>
<p>Das schmeckt nicht nur nicht, das ist auch blanker Unsinn, toxische Pseudowissenschaft. Und selbst wenn, was nützt uns ein äußerlich braver Mitbürger, wenn er zuhause seine Ehefrau verprügelt und vergewaltigt? Die Risikoabwägung zugunsten einer stereotyp gedachten männlichen Sexualität &#8211; mit in die Halbwelt outgesourcter Gewalt &#8211; führt uns überhaupt nicht weiter, es ist nämlich bereits der Status quo. Vor allem: das Patriarchat selbst ist für die Dichte der Überbevölkerung verantwortlich, die allein durch die Unterdrückung der Female Choice entstand; diese Selbstlegitimation muss endlich erkannt und durchbrochen werden.</p>
<h2 id="nachtrag01">NACHTRAG Aktuelles</h2>
<p>Mit einer neuen genetischen Studie (Pressemitteilung 14. April 2021) bestätigten türkische Forscher nochmals die Matrifokalität jungsteinzeitlicher Siedlungen. <a href="https://www.miragenews.com/ancient-dna-hints-at-diverse-stone-age-543915/" target="_blank" rel="noopener">Zum Artikel im Magazin miragenews.com</a><br />
In Çatal Höyük wurde Matrifokalität nun auch molekulargenetisch nachgewiesen. <a href="https://www.nzz.ch/wissenschaft/catalhoeyuek-und-matriarchat-neue-hinweise-auf-rolle-der-frauen-ld.1895649" target="_blank" rel="noopener">Zum Artikel auf NZZ.ch</a><br />
Die bandkeramische Migration aus dem Karpathenbecken, die eine der frühesten Fluchtbewegungen vor patriarchalen Horden war und die Landwirtschaft nach Mitteleuropa brachte, geschah aus Furcht vor der drohenden Ungleichheit, die Patriarchat genannt werden muss. <a href="https://www.mdr.de/wissen/archaeologie-fruehgeschichte/landwirtschaft-bedeutet-nicht-automatisch-ungleichheit-100.html" target="_blank" rel="noopener">Zum Artikel auf mdr.de</a></p>
<h2 id="literatur">LITERATUR</h2>
<p>&nbsp;</p>
<ul id="liste4">
<li>Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere, Berlin 2010</li>
<li>Beck, Ulrich: Risikogesellschaft &#8211; Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a. M. 1986</li>
<li>Bott, Gerhard: Die Erfindung der Götter. Norderstedt 2009</li>
<li>Bowles, Nellie: Jordan Peterson, Custodian of the Patriarchy. In: New York Times online vom 18.05.2018 <a href="https://www.nytimes.com/2018/05/18/style/jordan-peterson-12-rules-for-life.html" target="_blank" rel="noreferrer noopener">https://www.nytimes.com/2018/05/18/style/jordan-peterson-12-rules-for-life.html</a> abgerufen am 26.03.2021</li>
<li>Conley, T. D.: Women, Men, and the Bedroom, 2011, S. 296-300</li>
<li>Diep, Francie: 8,000 Years Ago, 17 Women Reproduced for Every One Man. An analysis of modern DNA uncovers a rough dating scene after the advent of agriculture. Aus: Pacific Standard Online. Original: 17.03.2015. Updated: 14.06.2017 <a href="https://psmag.com/environment/17-to-1-reproductive-success" target="_blank" rel="noopener">https://psmag.com/environment/17-to-1-reproductive-success</a> abgerufen am 26.03.2021</li>
<li>Duffy, Paul R. <em>et al.</em>: Five thousand years of inequality in the Carpathian Basin. In: Science Advances<br />
06.08.2025, Vol 11, Issue 32 <a href="https://doi.org/10.1126/sciadv.adu0323" target="_blank" rel="noopener">DOI: 10.1126/sciadv.adu0323</a></li>
<li>Duwe, Rona: Mutterwut Muttermut. Fundamente und Anstoß für die Revolte der Mütter, Norderstedt 2021</li>
<li>Gimbutas, Marija: Die Zivilisation der Göttin. Frankfurt a.M. 1996 (am. Originalausg. &#8222;The Civilization of the Goddess&#8220; 1991)</li>
<li>Gogolin, Stephanie: <a href="https://marthastochter.wordpress.com/" target="_blank" rel="noopener">https://marthastochter.wordpress.com/</a></li>
<li>Karmin, M. <em>et al.</em>: A recent bottleneck of Y chromosome diversity coincides with a global change in culture. In: Genome Research 2015; 25(4):459-466. doi:10.1101/gr.186684.114<br />
<a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4381518/" target="_blank" rel="noopener">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4381518/</a> abgerufen: 26.03.2021</li>
<li>Lerner, Gerda: Die Entstehung des Patriarchats. Frankfurt/New York 1991 (am. Originalausg. &#8222;The Creation of Patriarchy&#8220; 1986)</li>
<li>Mau, Huschke: <a href="https://huschkemau.de/" target="_blank" rel="noopener">https://huschkemau.de/</a></li>
<li>MDR 2025: Vor 8.000 Jahren &#8211; Landwirtschaft führte nicht automatisch zu Ungleichheit. Online-Ressource vom 07.08.2025 auf <a href="https://www.mdr.de/wissen/archaeologie-fruehgeschichte/landwirtschaft-bedeutet-nicht-automatisch-ungleichheit-100.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.mdr.de/wissen/archaeologie-fruehgeschichte/landwirtschaft-bedeutet-nicht-automatisch-ungleichheit-100.html</a> abgerufen am 13.08.2025</li>
<li>Die MIAs, Mütterinitiative für Alleinerziehende e.V. i.G. <a href="https://die-mias.de/" target="_blank" rel="noopener"> https://die-mias.de/</a></li>
<li>Schediwy, Dagmar: Was ist dran am Matriarchat in einer der ältesten Siedlungen der Menschheit? Archäologen finden Hinweise, dass Frauen in Çatalhöyük tatsächlich gewisse Vorteile hatten. Online-Ressource auf NZZ vom 31.07.2025: <a href="https://www.nzz.ch/wissenschaft/catalhoeyuek-und-matriarchat-neue-hinweise-auf-rolle-der-frauen-ld.1895649" target="_blank" rel="noopener">https://www.nzz.ch/wissenschaft/catalhoeyuek-und-matriarchat-neue-hinweise-auf-rolle-der-frauen-ld.1895649</a></li>
<li>Small, Meredith M.: Female Choices. Sexual Behavior of Female Primates. Cornell University Press (Oktober 1995)</li>
<li>Stoverock, Meike: Female Choice – Vom Anfang und Ende der menschlichen Zivilisation, Stuttgart 2021</li>
<li>Strauch, Stefanie: Als die Jäger sesshaft wurden. Aus: Wissenschaft.de vom 23.06.2009<a href="https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/als-die-jaeger-sesshaft-wurden/" target="_blank" rel="noopener">https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/als-die-jaeger-sesshaft-wurden/</a> abgerufen am 26.03.2021</li>
<li>Terre de Femme: <a href="https://www.frauenrechte.de/" target="_blank" rel="noopener">https://www.frauenrechte.de/</a></li>
<li>Weingrill,Tony; van Schaik, Carel P.: Sexueller Zwang bei Primaten: Evolutionäre Ursachen und Gegenstrategien der Weibchen. June 2011. Zeitschrift für Sexualforschung 24(02):111-133 <a href="10.1055/s-0031-1271474" target="_blank" rel="noreferrer noopener">DOI: 10.1055/s-0031-1271474</a></li>
<li>WIWO 2014: Wirtschaftswoche online vom 11.09.2014: Väter verdienen mehr, Mütter weniger &#8211; Bekommen US-Familien Kinder, verdienen die Väter sechs Prozent mehr &#8211; und Mütter vier Prozent weniger. Wie kommt diese Ungerechtigkeit zustande?<br />
<a href="https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/kinder-und-karriere-vaeter-verdienen-mehr-muetter-weniger/10685690.html" target="_blank" rel="noopener">https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/kinder-und-karriere-vaeter-verdienen-mehr-muetter-weniger/10685690.html</a> abgerufen am 26.03.2021</li>
<li>Zeng, Tian Chen <em>et al.</em>: Cultural hitchhiking and competition between patrilineal kin groups explain the post-Neolithic Y-chromosome bottleneck. In: Nature Communications Volume 9, Article number: 2077 (2018) <a href="https://www.nature.com/articles/s41467-018-04375-6" target="_blank" rel="noopener">https://www.nature.com/articles/s41467-018-04375-6</a> abgerufen am 26.03.2021</li>
</ul>
<p>&nbsp;</p>
<hr />
<p>&nbsp;</p>
<h2 id="anmerkungen">Anmerkungen</h2>
<p><a href="#_ftnref1" name="_ftn1">[1]</a> <a href="https://web.archive.org/web/20201120201128/https:/www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Female_Choice/136739">https://web.archive.org/web/20201120201128/https://www.klett-cotta.de/buch/Tropen-Sachbuch/Female_Choice/136739</a> abgerufen am 14.03.2021</p>
<p><a href="#_ftnref2" name="_ftn2">[2]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 130 f</p>
<p><a href="#_ftnref3" name="_ftn3">[3]</a> &#8222;Incel&#8220; nach Wikipedia: Kofferwort aus <strong><em>in</em></strong><em>voluntary</em>, dem englischen Wort für &#8222;unfreiwillig&#8220;, und <strong><em>cel</em></strong><em>ibate</em>, dem englischen Wort für &#8222;Zölibat&#8220;) bedeutet.</p>
<p><a href="#_ftnref4" name="_ftn4">[4]</a> Stoverock 2021, S. 132</p>
<p><a href="#_ftnref5" name="_ftn5">[5]</a> Vgl. Gimbutas 1998</p>
<p><a href="#_ftnref6" name="_ftn6">[6]</a> Stoverock 2021, S. 190</p>
<p><a href="#_ftnref7" name="_ftn7">[7]</a> Vgl. Bott, Gerhard: Wo ist der Phallus des Urvaters? <a href="http://gerhardbott.de/zu-den-palaeolithischen-homines-sapientes/wo-ist-der-phallus-des-urvaters-.html">http://gerhardbott.de/zu-den-palaeolithischen-homines-sapientes/wo-ist-der-phallus-des-urvaters-.html</a> abgerufen am 14.03.2021</p>
<p><a href="#_ftnref8" name="_ftn8">[8]</a> Vgl. Stoverock, 2021, S. 27</p>
<p><a href="#_ftnref9" name="_ftn9">[9]</a> Vgl. Ebd., S. 16</p>
<p><a href="#_ftnref10" name="_ftn10">[10]</a> Stoverock 2021, S. 16</p>
<p><a href="#_ftnref11" name="_ftn11">[11]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 136</p>
<p><a href="#_ftnref12" name="_ftn12">[12]</a> Vgl. ebd., S. 201</p>
<p><a href="#_ftnref13" name="_ftn13">[13]</a> Vgl. ebd., S. 216</p>
<p><a href="#_ftnref14" name="_ftn14">[14]</a> Stoverock 2021, S. 189</p>
<p><a href="#_ftnref15" name="_ftn15">[15]</a> Patrilokalität. Residenzform, bei der die Ehefrau zum Ehemann und dessen Eltern ziehen muss. In Industriestaaten überwiegt heute die sog. Neolokalität, ebenfalls eine patriarchale Residenzform, bei der die Frau dem Mann dorthin folgt, wo er Arbeit findet, und das ist immer seltener sein Geburtsort.</p>
<p><a href="#_ftnref16" name="_ftn16">[16]</a> Stoverock 2021, S. 134</p>
<p><a href="#_ftnref17" name="_ftn17">[17]</a> Vgl. Strauch 2009</p>
<p><a href="#_ftnref18" name="_ftn18">[18]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 57</p>
<p><a href="#_ftnref19" name="_ftn19">[19]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref20" name="_ftn20">[20]</a> Stoverock 2021, S. 59</p>
<p><a href="#_ftnref21" name="_ftn21">[21]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 234. Eigentlich &#8222;Maslowsche Bedürfnishierarchie&#8220;: <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie" target="_blank" rel="noopener">https://de.wikipedia.org/wiki/Maslowsche_Bed%C3%BCrfnishierarchie</a></p>
<p><a href="#_ftnref22" name="_ftn22">[22]</a> Ebd., S. 18</p>
<p><a href="#_ftnref23" name="_ftn23">[23]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref24" name="_ftn24">[24]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 18 ff</p>
<p><a href="#_ftnref25" name="_ftn25">[25]</a> Stoverock 2021, S. 23</p>
<p><a href="#_ftnref26" name="_ftn26">[26]</a> Ebd., S. 93 f</p>
<p><a href="#_ftnref27" name="_ftn27">[27]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref28" name="_ftn28">[28]</a> Ebd., S. 134</p>
<p><a href="#_ftnref29" name="_ftn29">[29]</a> Ebd., S. 92</p>
<p><a href="#_ftnref30" name="_ftn30">[30]</a> Ebd., S. 90</p>
<p><a href="#_ftnref31" name="_ftn31">[31]</a> Ebd., S. 136. Anmerkung: 95/5=19 und nicht 17!</p>
<p><a href="#_ftnref32" name="_ftn32">[32]</a> Vgl. Karmin et al., 2018</p>
<p><a href="#_ftnref33" name="_ftn33">[33]</a> Das Y-Chromosom wird nur über die männliche Linie vererbt, die MtDNA nur über die weibliche Linie, findet sich aber bei Frauen und Männern in den Mitochondrien.</p>
<p><a href="#_ftnref34" name="_ftn34">[34]</a> Vgl. Diep 2015/18</p>
<p><a href="#_ftnref35" name="_ftn35">[35]</a> Zeng et al. 2018</p>
<p><a href="#_ftnref36" name="_ftn36">[36]</a> Stoverock 2021, S. 133 f</p>
<p><a href="#_ftnref37" name="_ftn37">[37]</a> Stoverock 2021, S. 136 f</p>
<p><a href="#_ftnref38" name="_ftn38">[38]</a> Zeng <em>et al. </em>2018</p>
<p><a href="#_ftnref39" name="_ftn39">[39]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 23</p>
<p><a href="#_ftnref40" name="_ftn40">[40]</a> Vgl. ebd., S. 90 f</p>
<p><a href="#_ftnref41" name="_ftn41">[41]</a> Stoverock 2021, S. 91</p>
<p><a href="#_ftnref42" name="_ftn42">[42]</a> Ebd., S. 95</p>
<p><a href="#_ftnref43" name="_ftn43">[43]</a> Ebd., S. 108 f</p>
<p><a href="#_ftnref44" name="_ftn44">[44]</a> Ebd., S. 110</p>
<p><a href="#_ftnref45" name="_ftn45">[45]</a> Ebd., 2021, S. 106</p>
<p><a href="#_ftnref46" name="_ftn46">[46]</a> Ebd., S. 106 f</p>
<p><a href="#_ftnref47" name="_ftn47">[47]</a> Siehe hierzu auch Conley 2011</p>
<p><a href="#_ftnref48" name="_ftn48">[48]</a> Stoverock 2021, S. 111</p>
<p><a href="#_ftnref49" name="_ftn49">[49]</a> Ebd.</p>
<p><a href="#_ftnref50" name="_ftn50">[50]</a> Ebd., S. 113</p>
<p><a href="#_ftnref51" name="_ftn51">[51]</a> Ebd., S. 115</p>
<p><a href="#_ftnref52" name="_ftn52">[52]</a> Blaffer Hrdy 2010, S. 448, FN 20</p>
<p><a href="#_ftnref53" name="_ftn53">[53]</a> Stoverock 2021, S. 125, S. 145, S. 306</p>
<p><a href="#_ftnref54" name="_ftn54">[54]</a> Ebd., S. 118 f</p>
<p><a href="#_ftnref55" name="_ftn55">[55]</a> Als Beispiel sei ein Aufsatz genannt aus dem &#8222;Spektrum der Wissenschaft&#8220; mit dem Titel &#8222;Stark als Paar“ von Blake Edgar (Heft April 2015), den ich bereits an anderer Stelle als Leserinbrief rezensiert habe, der im Spektrum auch abgedruckt wurde. <a href="https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2016/10/14/zum-artikel-stark-als-paar-im-spektrum-der-wissenschaft-heft-april-2015/" target="_blank" rel="noopener">https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2016/10/14/zum-artikel-stark-als-paar-im-spektrum-der-wissenschaft-heft-april-2015/</a></p>
<p><a href="#_ftnref56" name="_ftn56">[56]</a> Stoverock 2021, Ebd. S. 128</p>
<p><a href="#_ftnref57" name="_ftn57">[57]</a> Ebd., S. 140</p>
<p><a href="#_ftnref58" name="_ftn58">[58]</a> Ebd., S. 140</p>
<p><a href="#_ftnref59" name="_ftn59">[59]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 139</p>
<p><a href="#_ftnref60" name="_ftn60">[60]</a> Vgl. ebd., S. 173 ff</p>
<p><a href="#_ftnref61" name="_ftn61">[61]</a> Stoverock 2021, S. 143. Vgl. auch S. 328, wo sie behauptet: <em>&#8222;Ein Stück Fleisch ist schwerer zu beschaffen und damit wertvoller als etwa Brennholz. Jäger sind daher wichtiger.&#8220;</em> Hier folgt sie blind der patriarchalen Anthropologie, die die Jagd als Motor der Menschwerdung ansieht.</p>
<p><a href="#_ftnref62" name="_ftn62">[62]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 141</p>
<p><a href="#_ftnref63" name="_ftn63">[63]</a> Vgl. ebd., S. 199</p>
<p><a href="#_ftnref64" name="_ftn64">[64]</a> Vgl. ebd., S. 293</p>
<p><a href="#_ftnref65" name="_ftn65">[65]</a> Stoverock 2021, S. 200</p>
<p><a href="#_ftnref66" name="_ftn66">[66]</a> Ebd., S. 200 f</p>
<p><a href="#_ftnref67" name="_ftn67">[67]</a> Ebd., S. 201 f</p>
<p><a href="#_ftnref68" name="_ftn68">[68]</a> Ebd. S. 218. Der &#8222;<em>Pluralis Majestatis</em>&#8220; an dieser Stelle imitiert wohl den Sprech von wissenschaftlichen Studien, an denen meist mindestens zwei beteiligt sind. Aber sind vielleicht doch mehr als eine AutorIn beteiligt?</p>
<p><a href="#_ftnref69" name="_ftn69">[69]</a> Zum Beispiel bei Weingrill/van Schaik 2011</p>
<p><a href="#_ftnref70" name="_ftn70">[70]</a> Stoverock 2021, S. 234</p>
<p><a href="#_ftnref71" name="_ftn71">[71]</a> WIWO 2014: Väter verdienen mehr, Mütter weniger &#8211; Bekommen US-Familien Kinder, verdienen die Väter sechs Prozent mehr &#8211; und Mütter vier Prozent weniger. Wie kommt diese Ungerechtigkeit zustande?<br />
<a href="https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/kinder-und-karriere-vaeter-verdienen-mehr-muetter-weniger/10685690.html">https://www.wiwo.de/erfolg/beruf/kinder-und-karriere-vaeter-verdienen-mehr-muetter-weniger/10685690.html</a> abgerufen am 26.03.2021</p>
<p><a href="#_ftnref72" name="_ftn72">[72]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 162</p>
<p><a href="#_ftnref73" name="_ftn73">[73]</a> Stoverock 2021, S. 235</p>
<p><a href="#_ftnref74" name="_ftn74">[74]</a> Ebd., S. 22</p>
<p><a href="#_ftnref75" name="_ftn75">[75]</a> Ebd., S. 243</p>
<p><a href="#_ftnref76" name="_ftn76">[76]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 22 und S. 243</p>
<p><a href="#_ftnref77" name="_ftn77">[77]</a> Vgl. Bott 2009, Vgl. Small 1995, Vgl. Lerner 1986</p>
<p><a href="#_ftnref78" name="_ftn78">[78]</a> Bowles 2018</p>
<p><a href="#_ftnref79" name="_ftn79">[79]</a> Stoverock 2021, S. 243</p>
<p><a href="#_ftnref80" name="_ftn80">[80]</a> Ebd., S. 262</p>
<p><a href="#_ftnref81" name="_ftn81">[81]</a> Ebd., S. 212</p>
<p><a href="#_ftnref82" name="_ftn82">[82]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 217</p>
<p><a href="#_ftnref83" name="_ftn83">[83]</a> Vgl. ebd., S. 280</p>
<p><a href="#_ftnref84" name="_ftn84">[84]</a> Stoverock 2021, S. 282</p>
<p><a href="#_ftnref85" name="_ftn85">[85]</a> Ebd., S. 283</p>
<p><a href="#_ftnref86" name="_ftn86">[86]</a> Terre de Femme: 7 Mythen der Prostitution: <a href="https://www.frauenrechte.de/rss/380-prostitution/sieben-mythen-der-prostitution/2557-mythos-4-prostitution-verhindert-vergewaltigungen-maenner-brauchen-ein-ventil-fuer-ihre-uellen-beduerfnisse%20abgerufen%20am%2026.03.20121">https://www.frauenrechte.de/rss/380-prostitution/sieben-mythen-der-prostitution/2557-mythos-4-prostitution-verhindert-vergewaltigungen-maenner-brauchen-ein-ventil-fuer-ihre-uellen-beduerfnisse abgerufen am 26.03.20121</a><br />
https://huschkemau.de</p>
<p><a href="#_ftnref87" name="_ftn87">[87]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 283</p>
<p><a href="#_ftnref88" name="_ftn88">[88]</a> Vgl. ebd., S. 284</p>
<p><a href="#_ftnref89" name="_ftn89">[89]</a> Stoverock 2021, S. 288</p>
<p><a href="#_ftnref90" name="_ftn90">[90]</a> Ebd., S. 291</p>
<p><a href="#_ftnref91" name="_ftn91">[91]</a> Ebd., S. 290</p>
<p><a href="#_ftnref92" name="_ftn92">[92]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 289</p>
<p><a href="#_ftnref93" name="_ftn93">[93]</a> Vgl. ebd., S. 280</p>
<p><a href="#_ftnref94" name="_ftn94">[94]</a> Stoverock 2021, S. 274</p>
<p><a href="#_ftnref95" name="_ftn95">[95]</a> Ebd., S. 227</p>
<p><a href="#_ftnref96" name="_ftn96">[96]</a> Ebd., S. 246</p>
<p><a href="#_ftnref97" name="_ftn97">[97]</a> Ebd., S. 299. Analoges auch zur Mitgliedschaft in einer Glaubensgemeinschaft.</p>
<p><a href="#_ftnref98" name="_ftn98">[98]</a> Vgl. Stoverock 2021, S. 144</p>
<p><a href="#_ftnref99" name="_ftn99">[99]</a> Stoverock 2021, S. 23</p>
<p><a href="#_ftnref100" name="_ftn100">[100]</a> Ebd., S. 167</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/antwort-auf-meike-stoverock-s-female-choice">Antwort auf Meike Stoverock s &#8222;Female Choice&#8220;</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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		<title>Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit</title>
		<link>https://blog.gabriele-uhlmann.de/machen-maenner-frauen-krank-die-wahren-zusammenhaenge-von-gesundheit-familienstand-und-arbeit</link>
					<comments>https://blog.gabriele-uhlmann.de/machen-maenner-frauen-krank-die-wahren-zusammenhaenge-von-gesundheit-familienstand-und-arbeit#comments</comments>
		
		<dc:creator><![CDATA[GUhlmann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Nov 2017 17:08:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Altsteinzeit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Photo by Melanie Wasser on Unsplash Aus Spaß wird Ernst In den letzten Tagen ging durch die Sozialen Netzwerke eine Schlagzeile der Frauenzeitschrift ELLE-online: &#8222;Jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt: Männer...</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/machen-maenner-frauen-krank-die-wahren-zusammenhaenge-von-gesundheit-familienstand-und-arbeit">Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/j8a-TEakg78?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Melanie Wasser</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
<img decoding="async" src="https://vg07.met.vgwort.de/na/77c02e66fe7146deb3db734e09852a55" width="1" height="1" alt=""></p>
<h3 id="Aus-Spaß-wird-Ernst">Aus Spaß wird Ernst</h3>
<p>In den letzten Tagen ging durch die Sozialen Netzwerke eine Schlagzeile der Frauenzeitschrift ELLE-online: &#8222;<a href="http://www.elle.de/maenner-machen-frauen-krank" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt: Männer machen Frauen psychisch krank!</a>&#8220; Die Resonanz war groß; Frauen versahen den Artikel mit einem schallend lachenden Smily und schrieben, dass sie &#8222;es ja schon immer gewusst&#8220; hätten, oder, dass sie &#8222;ohne Partner schon lange pumperlgsund&#8220; seien. Indirekt schwang bei den Kommentaren mit, dass es ihnen nicht nur um Depression, sondern allgemein um Krankheit geht. Und auch ELLE-online scheint das so zu sehen, denn die Internetseite trägt den Titel „Männer machen Frauen krank“. Was die ELLE da so sicher macht, dazu kommen wir später. Wäre die Krankheit von Frauen aber nicht so ein schwerwiegendes Problem, dann hätte die Schlagzeile wahrscheinlich nicht eine so eine große Aufmerksamkeit erregt.</p>
<p>Ich beschäftige mich mit dem Thema Gesundheit schon sehr lange und sammle wissenschaftliche Artikel und Studien, die gesellschaftspolitische Relevanz besitzen. Daher weiß ich, dass solche Aussagen mit Vorsicht zu genießen sind. Das Thema hat in Wahrheit so viel Brisanz und ist so ernst, dass es geradezu fahrlässig ist, die Sache leichtfertig zu behandeln und einen &#8222;Scherz-Artikel&#8220; daraus zu machen.</p>
<p>Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen, es ist ganz allgemein eine Tatsache, dass wir Frauen in besonderem Maße leidgeprüfte Wesen sind. Frau und Leid sind fast schon synonym. Menstruationsschmerzen, PMS, Geburtsschmerzen, Wechseljahrsbeschwerden, Blasenentzündungen, Inkontinenz, Reizdarm, Endometriose, Fibromyalgie, Lymphödem, Thromboseneigung, Depressionen, PTBS, Panikattacken und so weiter. Manches ist Veranlagung, vieles ist Geburtsfolge, manches ist auf andere &#8211; manchmal sehr schlimme &#8211; Weise erworben. Fast immer hat es mit dem spezifischen Frauenleben zu tun. Es gibt aber auch Frauen, die nichts von alledem kennen, oder solche, die eine chronische Krankheit haben, welche keine Schmerzen verursacht und gut eingestellt ist. Unter den Berufstätigen gibt es einige von ihnen, die scheinbar schwerelos durchs Leben gleiten. Sie besitzen eine besonders gute Resilienz.</p>
<p>Um nur einmal im Leben ein Kind zu bekommen, hat manche Frau mitunter 40 Jahre lang, manchmal sogar noch länger, jeden Monat starke Schmerzen. Das durchschnittliche Alter bei der Menopause liegt bei 51 Jahren. Die Zahlen schwanken sehr. Jedenfalls verliert sie viel Blut und erleidet häufig einen folgenreichen Eisenmangel, der nur schwer auszugleichen ist und oft gar nicht diagnostiziert wird. Die Krankenkasse zahlt nur in seltenen Fällen. Von der leider immer noch peinlichen Kleckserei und Geruchsentwicklung, die es aufwändig zu verhindern gilt, ganz zu schweigen. Auch der Vater des Kindes zahlt kein Schmerzensgeld, und versucht manchmal sogar ihr das schwer erarbeitete Kind, an dem er so wenig Anteil hat, zu entreißen.</p>
<p>Was Natur ist, muss ausgehalten werden. Das ist die gerechte Strafe Gottes (welcher im Übrigen selbst ein gebärender Vater sein will)! Ja, wenn sie Schmerzen hat, ist sie selbst Schuld, es gibt doch Tabletten, und es soll ja wie gesagt Frauen geben, die das nicht haben. Was können denn Gesellschaft und Väter dafür?! Tatsächlich finden sich in einer Handtasche jede Menge Tampons, Binden, Schmerztabletten und andere Dinge, die der Frau das (Über-)Leben im Patriarchat ermöglichen. Die Gesellschaft hat sehr viel damit zu tun und der Frauenkörper ist ein kultureller Körper, dessen Integrität ständig infrage gestellt wird, ganz in Gegensatz zum männlichen.</p>
<h3 id="Die-Schmerzensfrau-eine-sehr-kleine-Kulturgeschichte">Die Schmerzensfrau &#8211; eine sehr kleine Kulturgeschichte</h3>
<p>Wenn Männer also tatsächlich Frauen krank machen, wie all die Leserinnen im Internet es spüren, dann sind Frauen schon sehr lange krank, nämlich ungefähr 8000 Jahre, und das muss sich in der Geschichte niedergeschlagen haben und nicht erst heute. Ein Blick in die Bibel und wir werden fündig. Eva wird nach dem Sündenfall mit Geburtsschmerzen bestraft, Adam dagegen mit Arbeit. Das ist interessant, denn heute bekommen Frauen nicht nur unter Schmerzen Kinder, sondern müssen zusätzlich auch zur Arbeit. So will es jedenfalls die Politik, die damit die Strafe Gottes sogar noch übertrifft. Das passiert ausgerechnet in einer Zeit, in der die Bevölkerung beginnt, umzudenken gegen den Zwang zur Arbeit und mit der Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Diese Forderung hat bemerkenswerterweise mehr AnhängerInnen als die Forderung nach einem Müttergehalt und Mütterrente!</p>
<p>Die Katholiken gedenken der Madonna mit den sieben Schmerzen, der Schmerzensmutter immer am 15. September. Diese sieben Schmerzen beziehen sich aber im Wesentlichen auf den Leidensweg ihres Sohnes Jesus, an dem sie als Mutter natürlich mitleiden muss. Das erste Leid ist die Prophezeiung des Simeon, dass ihre Seele von einem Schwert durchbohrt werde. Leid und Mitleiden scheinen in der Maria eins zu sein. Das Schwert symbolisiert aber auch einen vollendeten Muttermord, wenn man so will, das Ende des Leids der Mutter und &#8230;den Endsieg des Patriarchats. Wir sehen an diesem Beispiel, dass das Patriarchat eine bizarre Logik verfolgt, die den Namen nicht verdient.</p>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" title="Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna bei Bad Zurzach, eigenes Werk" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/schmerzensmutter-badzurzach1.jpg?resize=300%2C427&#038;ssl=1" alt="Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna bei Bad Zurzach, eigenes Werk" width="300" height="427" /><br />
Foto: Madonna mit den sieben Schmerzen, Loretokapelle mit Schwarzer Madonna (Hintergrund) bei Bad Zurzach/Schweiz (Gabriele Uhlmann)</p>
<p>Maria war höchstens 12 Jahre alt, als sie Jesus gebar. Denn im Judentum gilt ein Mädchen nur so lange als Jung(e)frau. Das Leid, das ihr selbst im erzpatriarchalischen Israel wegen ihrer unehelichen Schwangerschaft &#8211; aus einer Vergewaltigung und Kinderschändung &#8211; zuteil geworden ist, wurde durch die Lügengeschichte von Mariä Empfängnis vollverschleiert. Wo sie sonst geächtet und zu Tode bestraft worden wäre, muss sie nun „nur“ sieben Schmerzen erleiden, die mit denen ihres Sohnes identisch sind. Selbst Schuld ist sie, so die patriarchalische Denke! Ihr Leid hängt eindeutig mit Männern zusammen, nämlich mit ihrem Vergewaltiger und mit den Männern, die ihren Sohn hingerichtet haben. Mutterleid ist unbeschreiblich, und so manche zerbricht daran. Nicht so Maria, die später noch weitere Kinder bekommen wird, und als Schmerzensheldin gefeiert wird. Maria hält aus, Maria hält durch. Sie weint, aber nicht über sich selbst, sondern über ihren Sohn. Damit ist sie seit jeher ein Vorbild für alle Gläubigen, nicht aber für Frauen, die etwas verändern wollen. Im wahren Leben werden oder sind viele Frauen wegen einer Vergewaltigung oder Missbrauchs im Kindesalter erwerbsunfähig. In der Bibel wird stillschweigend davon ausgegangen, dass Joseph Maria ernährte.</p>
<p>In der weiblichen Literaturgeschichte heben sich besonders die Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë ab, die in der ersten Hälte des 19. Jh. lebten und alle drei sehr früh starben. Ihre Bücher sind Denkmäler des Frauenleids ihrer Zeit. Schon ihre Mutter starb 38-jährig ein Jahr nach der Geburt von Anne. Die Gesundheit der Kinder litt unter der anschließenden Unterbringung im Pensionat, weshalb sie auch oft Zeit zu Hause verbrachten. Ihr Vater, ein Dorfpfarrer, verlangte von ihnen später, als Gouvernanten zu arbeiten, um ihrem Bruder Branwell das Studium zu ermöglichen. Sie hatten keine Freude an diesem Beruf, und litten unter den Arbeitsbedingungen, die sie körperlich und psychisch krank machten. Viel lieber wollen sie daheim und zusammen Autorinnen sein, aber dahin war es im frauenfeindlichen, victorianischen Zeitalter ein weiter Weg. Sie pflegten auch die kranke Kinderfrau bis an deren Lebensende. An ihrem eigenen Ende hatten sie nicht viel von ihrem Ruhm, der sich schließlich doch noch einstellte. Charlotte starb mit 39 während und wegen ihrer Schwangerschaft, Emily starb mit 30 an einer Lungenentzündung und Anne mit 29 an Tuberkulose. Ihr Vater überlebte alle seine Kinder (auch Branwell, 31) und wurde für die Zeit sehr alt. (vgl. Maletzke 2008) Wie wäre ihr Leben verlaufen, hätte die Mutter noch lange gelebt?<br />
<a title="Branwell Brontë [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons" href="https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AThe_Bront%C3%AB_Sisters_by_Patrick_Branwell_Bront%C3%AB_restored.jpg"><img decoding="async" title="Anne, Emily, and Charlotte Brontë" src="https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/ab/The_Bront%C3%AB_Sisters_by_Patrick_Branwell_Bront%C3%AB_restored.jpg/256px-The_Bront%C3%AB_Sisters_by_Patrick_Branwell_Bront%C3%AB_restored.jpg" alt="Anne, Emily, and Charlotte Brontë" width="256" /></a><br />
Bild: Anne, Emily und Charlotte Brontë, Gemälde von Branwell Brontë, ca. 1834</p>
<p>In unserer modernen Welt der Hochleistungsmedizin stirbt nur noch ausnahmsweise jemand sehr früh und wer krank ist, hat trotzdem meist noch ein langes Leben vor sich. Damit rückt das Problem der Erwerbsminderung und -unfähigkeit in den Vordergrund. Wer krank ist, der ist von Arbeitslosigkeit und Armut bedroht. Unsere Leistungsgesellschaft folgt der Philosophie, dass nur der, der arbeitet, auch ein Recht auf ein gutes Leben hat. Vermögende werden in unserem Gesundheitssystem bevorzugt behandelt, und zahlen nicht einmal in die gesetzlichen Krankenkassen ein. Sie können sich in ihrer Freizeit besser regenerieren und für Körperpflege mehr Geld ausgeben. Wer mehr Geld hat, ist in der Regel schneller wieder gesund. Berufstätige Frauen besitzen eine höhere sog. Bewältigungskompetenz und bessere sog. Bewältigungsstrategien bei Belastungen aller Art. Ihre Resilienz, ihre gute Gesundheit macht sie zu dem, was sie sind. Gesundheit und finanzielle Sicherheit stehen in einer engen Wechselbeziehung zu einander.<br />
Aber jeder Kranke steht unter Generalverdacht, stinkfaul zu sein, und es sich auf Kosten anderer nett zu machen. Nun sind Kranke doppelt gestraft, denn sie leiden unter ihrer Krankheit und gut leben dürfen sie auch nicht. Vater Staat hat eine komplexe, sogenannte Sozialpolitik hervorgebracht, die alles tut, um sich davor zu drücken, sich um die kranken Mitglieder der Gesellschaft so zu kümmern, dass sie am allgemeinen Leben und Wohlstand teilhaben können. Zwar gibt es mittlerweile viele Initiativen für ein barrierefreies Leben, was Körperbehinderten zugute kommt, aber psychisch Kranke sind immer noch allein gelassen und obendrein stigmatisiert. Wenn es stimmt, dass Männer Frauen psychisch krank machen, dann wären Männer noch viel unmittelbarer an Frauenarmut beteiligt, als bisher gedacht.</p>
<p><a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/440091_web_r_by_maren-bec39fler_pixelio-de.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" title="Altersarmut ist weiblich" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/440091_web_r_by_maren-bec39fler_pixelio-de.jpg?resize=266%2C400&#038;ssl=1" alt="Altersarmut ist weiblich" width="266" height="400" /></a><br />
<span style="font-size: 8px;">Foto: Maren Beßler / pixelio.de</span></p>
<p>Die eingangs genannten Frauenleiden, die unmittelbar mit der Gebärfähigkeit zu tun haben, haben wie die Depression nicht selten Erwerbsminderung bis hin zur Berufsunfähigkeit zur Folge. Das fällt nur deshalb nicht auf, weil viele Frauen aufgrund ihrer Beschwerden gar nicht erst versuchen, einen Beruf auszuüben. Und so fallen sie aus der Arbeitslosenstatistik heraus.</p>
<h3 id="tabu-kranke-frau">Tabu Kranke Frau</h3>
<p>Ich weiß, das lesen Feministinnen gar nicht gern, aber es ist an der Zeit, nicht nur über die Mehrwertsteuer von Binden und Tampons zu reden („<a href="http://taz.de/Petition-der-Woche/!5459147/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Bluten für die Gesellschaft</a>“), sondern auch über die leidvolle Wahrheit eines Frauenlebens. <strong>Sprechen wir also endlich auch einmal über das letzte Tabu der Frauenbewegung: die kranke Frau.<br />
</strong><br />
Frauen sind, wie milliardenfach bewiesen, nicht wegen ihres Geschlechts weniger für eine Tätigkeit geeignet, und sind nicht „das kranke Geschlecht“. Ganz im Gegenteil, schon von Geburt an sind Mädchen lebensfähiger und stabiler als Jungen. Das männliche Immunsystem ist dagegen lebenslang anfälliger, weil ihm der Östrogenschutz fehlt (Kieselbach 2017).<br />
<strong>Frauen werden anders krank und sie haben andere Bedürfnisse als Männer.</strong> <strong>Sie werden auch krank, weil ihre Bedürfnisse übergangen werden.</strong> So haben Frauen im Laufe ihres Lebens vielfältige Beschwerden, die zwar nicht lebensgefährlich sind, aber in den Bereich des Normalen versetzt werden und gleichzeitig auf fatale Weise tabuisiert sind. Ob und inwieweit diese Tabus und ihre Verdrängung die Beschwerden erst herbeiführen, sollte dringend einmal untersucht werden.</p>
<p>Wie auch immer, in der einseitig auf Männer ausgerichteten Arbeitswelt fühlen sich viele Frauen den ganzen Tag nicht gut, und würden am liebsten nach Hause gehen und sich hinlegen. Frauenbeschwerden betreffen eher den Bauch und die Tabuzone ihres Intimbereiches. Sie schränken die Leistungsfähigkeit, die ein stressig gestalteter Beruf erfordert, erheblich ein. Viele Frauen gehen damit nie zur Ärztin und arrangieren sich notgedrungen irgendwie, weil</p>
<ul id="liste2">
<li>das &#8222;normal&#8220; ist,</li>
<li>es die Kasse sowieso nicht zahlt,</li>
<li>schon die Mutter &#8222;das&#8220; hatte und &#8222;nicht dran gestorben&#8220; ist,</li>
<li>sie wissen, dass die Medizin dafür noch kein Heilmittel kennt,</li>
<li>sie es aus Scham immer wieder verschieben,</li>
<li>sie Angst vor Zurückweisung, Papierkram und Gerichtsverfahren haben.</li>
</ul>
<p>Viele Frauen würden es auch niemals zugeben, dass sie sich täglich zur Arbeit quälen, weil es heutzutage <em>en vogue</em> ist, die multitaskingfähige Powerfrau raushängen zu lassen und keinerlei Schwäche zu zeigen. Denn sie laufen Gefahr, <a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-11/sexismus-buero-arbeit-maenner-frauen-beziehung" target="_blank" rel="noopener noreferrer">sich den Männern gegenüber lächerlich zu machen.</a> <strong>Weibliche Krankheit oder &#8222;Unpässlichkeit&#8220; wurde seit jeher dazu ausgeschlachtet, Frauen aus der Berufswelt herauszuhalten. Aus diesem Grund verdrängt die Frauenbewegung die Tatsachen.</strong> Aber das ist ein großer Fehler; ein #metoo-Aufschrei ist auch in Bezug auf Frauenkrankheit überfällig.</p>
<p>Viele Frauen sind erwerbsgemindert. Erwerbsminderung bedeutet nicht, das eine Frau nicht arbeiten kann, sondern, dass sie nicht in die Anforderungen einer Firma passt, bzw. sie aufgrund ihrer Beschwerden nur kurzzeitig arbeiten kann oder nicht schnell genug oder nur zu bestimmten Tageszeiten. Entweder bleibt eine Kranke ganz zuhause oder schleppt sich in die Firma, es gibt nur schwarz oder weiß. Aber eine dauernd fehlende Mitarbeiterin? Welche ArbeitgeberInnen und welche KollegInnen machen das (lange) mit? Fakt ist deshalb oft, dass eine Erwerbsminderung identisch ist mit Erwerbsunfähigkeit, also auch Berufsunfähigkeit. Auch Berufsunfähigkeit muss erst einmal bewiesen werden, und das ist nicht leicht. Die Ignoranz gegenüber dieser Realität spart Kassen und Versicherungen wahrscheinlich Milliarden.</p>
<h3 id="auswegsackgasse">Ausweg Ehe – Sackgasse Ehe</h3>
<p>Beschwerden sind ein wichtiger Grund, warum viele Frauen am liebsten nur Teilzeit arbeiten, trotz der trüben Aussicht auf eine geringe Rente oder die sogenannte Grundversorgung. Was liegt da näher, als auch nach anderweitiger Versorgung Ausschau zu halten? “In guten und in schlechten Zeiten, bei Gesundheit und Krankheit, bis dass der Tod Euch scheidet“, so lautet das klassische Eheversprechen, auf das sich Frauen lange verlassen konnten, allerdings nur halbwegs. Die Ehe ist traditionell eine Versorgungseinrichtung, die aber nur ein schwacher Ersatz ist für die zerstörte matrilineare Sippe, die Frauen in Europa mancherorts noch bis vor 4500 Jahren bedingungslos und voll absicherte. Frauen, die das patriarchale System nicht mehr ändern konnten und können, waren und sind meist noch heute auf die Ehe angewiesen. Bis vor kurzem funktionierte das, viel mehr schlecht als recht, aber immerhin (noch) irgendwie. Nur beim Ausbruch aus dem patriarchalischen Zwang zur Monogamie, der die Vaterschaft sicherstellen soll, also bei Ehebruch (Stichwort <em><a href="http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">female choice</a></em>), kam eine Scheidung infrage. Welche sich den väterlichen Bedingungen nicht unterordnete, bekam gar nichts mehr, wurde ausgepeitscht oder gleich umgebracht, welche sich züchtig verhielt, wurde manchmal sogar mit Pelzen und Juwelen überhäuft.</p>
<p><a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/cristian-newman-141875.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-1255" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/cristian-newman-141875.jpg?resize=600%2C410&#038;ssl=1" alt="" width="600" height="410" srcset="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/cristian-newman-141875.jpg?w=600&amp;ssl=1 600w, https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/cristian-newman-141875.jpg?resize=300%2C205&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a><br />
<span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/tnxRFtXI9dI?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Cristian Newman</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
Seit einigen Jahren ist es mit der Versorgung nicht mehr weit her. Konnte eine Frau auch nach einer Scheidung noch bis vor kurzem Unterhaltsansprüche geltend machen, muss sie heute wieder arbeiten gehen. Es sei denn, sie ist erwerbsunfähig. Wenn sie Pech hat, entzieht sich der Exmann auch dann der Zahlungsverpflichtung. Möglich ist ihm das nämlich, und der Staat zahlt dann einen Unterhaltsvorschuss. Die Ehe soll &#8222;nach dem Willen des Gesetzgebers&#8220; keine Versorgerehe mehr sein, auch nicht für Mütter, daher wird nun auch das Ehegattensplitting infrage gestellt. Heiraten lohnt dann gar nicht mehr. Aber das ist nicht der Untergang des Abendlandes! Denn es wird Druck ausgeübt, dass die Mutter den Kindsvater benennt, um ihm das Sorgerecht zu sichern. <a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/elterliche-sorge-den-vaetern-die-rechte-den-muettern-die.1005.de.html?dram%3Aarticle_id=320034" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Das fesselt sie wieder an ihn, ganz so als sei sie mit ihm verheiratet.</a> Existenziell bleibt die Frau aber auf sich selbst zurückgeworfen und vom guten Willen des Kindsvaters abhängig, wenn sie ihr Kind nicht in fremde Hände geben will.</p>
<p>In der Geschichte der Menschheit ist das einzigartig und brandneu. Kein Mensch, besonders keine Frau ist daran angepasst, denn wir sind soziale Wesen durch und durch. <strong>&#8222;Sozial&#8220; bedeutet nicht, miteinander zu whatsappen oder einen Hartz4-Antrag zu stellen, sondern uns gegenseitig zu helfen, und zwar lebenslang wirksam, verlässlich und bedingungslos.</strong> Wir sind so, weil unsere Kinder so lange brauchen, um erwachsen zu werden. Aus diesem Grund würden wir von Natur aus nicht patriarchal, sondern matrilinear leben, und nicht in Familien, sondern in matrilinear/matrilokalen Sippen (vgl. Blaffer Hrdy 2010b). Die Vereinbarkeit von Arbeit und Kinderpflege wäre problemlos gewährleistet. Unter diesen Bedingungen wurde der Mensch ein intelligentes, erfinderisches Wesen. Dass uns heute der Boden unter den Füßen weggerissen ist, ist der wahre Grund, warum Menschen nicht selten an ihrer Lebenssituation erkranken.<br />
<strong><br />
</strong>Kranke Frauen sind gegenüber kranken Männern noch in gewissem Vorteil &#8211; sofern sie nicht von Behinderung betroffen sind &#8211; denn sie können heiraten und sich unter Berufung auf ihre Mutterschaft und Krankheit versorgen lassen. Kein Wunder, dass eine Studie aus den USA (Waldron <em>et al. </em>1982), an welcher Hausfrauen über einen Zeitraum von fast 20 Jahren teilnahmen, Folgendes herausfand:</p>
<blockquote><p>&#8222;<strong>Stabilere und gesündere Frauen beteiligen sich eher am Arbeitsmarkt und bleiben &#8211; wenn sie die Wahl haben &#8211; auch länger erwerbstätig als labilere und weniger gesunde Frauen.</strong>&#8220; (paraphr. nach Gavranidou 1993, S. 237)</p></blockquote>
<p>Die weltweit wichtigste Expertin auf dem Gebiet der „sozialen und verhaltensbedingten Ursachen von Geschlechtsunterschieden bei Gesundheit und Sterblichkeit“, die amerikanische Biologin Ingrid Waldron, die diese Studie federführend auflegte, betont, <strong>dass diese labilen und weniger gesunden Frauen sich ihr Befinden nicht „nur“ eingebildet hatten</strong>. Das wurde durch deren nachgewiesene höhere Sterblichkeit am Ende der Untersuchungszeit bewiesen. Sie sagt damit natürlich nicht, dass Hausfrauen grundsätzlich krank sind, sondern lediglich, dass kranke Frauen dazu neigen, sich in der Ehe abzusichern &#8211; ich muss das nur dazu sagen, weil es Hausfrauen gibt, die das falsch verstehen und sich diskriminiert fühlen, wie ich es vor einiger Zeit erleben durfte.<br />
Ingrid Waldron war 1989 auch an einer Meta-Studie beteiligt, die eine Zusammenschau der Untersuchungen vieler Kollegen lieferte. Dort schreibt sie:</p>
<blockquote><p>&#8222;Jennings <em>et al.</em> zeigten zuerst, dass (&#8230;) beschäftigte Frauen gesünder waren als Hausfrauen. Insbesondere war es weniger wahrscheinlich, dass erwerbstätige Frauen berichteten, dass ihre Gesundheit schlechter war als die der anderen Frauen im gleichen Alter, und dies galt sogar für Analysen, die die Anzahl der Tage chronischer Krankheit und eingeschränkter Aktivität mit einbezogen. Die Beziehung zwischen Gesundheits- und Beschäftigungsstatus wurde erneut getestet, diesmal ausgenommen der Frauen, die berichteten, dass ihre Gesundheit ihren Beschäftigungsstatus beeinflusste. Insbesondere schloß die zweite Analyse Hausfrauen aus, die berichteten, daß ihre schlechte Gesundheit ein sehr oder mäßig wichtiger Grund für ihre Nichtanstellung sei. In dieser Analyse drehte sich die Beziehung zwischen Beschäftigungsstatus und Gesundheit um, wobei Hausfrauen jetzt einen besseren Gesundheitszustand angaben als erwerbstätige Frauen.“ (Repetti et al. 1989, S. 1395, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Die Behauptung, dass (Ehe-)Männer Frauen psychisch krank machen würden, ist damit eine unzulässige Pauschale. Dennoch erkranken in Deutschland doppelt so viele Frauen an Depressionen wie Männer (vgl. Kontio 2012). Die Studie, auf die sich die ELLE-online bezog, stammt von der Universität Padua (Trevisan <em>et al.</em> 2016) und untersuchte Daten älterer Menschen, wobei deutliche Unterschiede zwischen verwitweten Frauen und Männern festgestellt wurden. Die Schlussfolgerungen der Psychiaterin Caterina Trevisan wurden in der ELLE-online wiedergegeben:</p>
<blockquote><p>„Es ist also der viel zu hohe Anspruch an uns selbst, schier Unmögliches leisten zu wollen, der uns irgendwann umhaut. Denn selbst, wenn wir merken, dass alles über uns zusammenbricht und wir schon gar nicht mehr wissen, wie wir es managen sollen, versuchen wir es doch. Unsere eigenen Bedürfnisse haben wir dabei schon längst aus den Augen verloren. Ernste Warnhinweise wie Schlafmangel, Migräne oder Rückenschmerzen werden selbstverständlich ignoriert. Während es Männern nach einer Trennung richtig schlecht geht, blühen die meisten Frauen regelrecht auf. Die Begründung der Forscher: Weil Frauen sich ab dem Moment nicht mehr um zwei Leben kümmern müssen, was Wäsche, Haushalt und Organisation betrifft, fällt ein großer Teil der Verantwortung ab. Dadurch werden sie entspannter und haben zudem wieder mehr Zeit, sich ihren Hobbies, Freunden und sich selbst zu widmen. Männern geht es hingegen nachweisbar schlechter als vorher, weil sie sich um eben diese Dinge nun selbst kümmern müssen. Natürlich sollst du dich nun nicht sofort von deinem Freund trennen, um gesünder zu leben. Aber Psychologen raten Frauen dringlich dazu, in Beziehungen häufiger klare Ansagen zu machen, damit die Arbeit gleichmäßig verteilt wird – und die Zeit einzufordern, sich nur mit sich beschäftigen zu dürfen.“ (Koopmann 2017)</p></blockquote>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-1239" title="depression" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/hanna-morris-277321.jpg?resize=600%2C400&#038;ssl=1" alt="Depression" width="600" height="400" /><br />
<span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/CIVe9Ff2l1w?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Hanna Morris</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
Damit scheint es, als sei die Therapie gegen Depressionen ganz simpel. Ist die weibliche Depression aber wirklich nur auf die mangelnde Mithilfe der Männer im Haushalt zurückzuführen? Die Psychologin Ursula Nuber meint dagegen:</p>
<blockquote><p>&#8222;Frauen haben eine viel höhere Beziehungsbedürftigkeit als Männer. Sie definieren sich und ihr Wohlbefinden über ihre Beziehungen zu anderen. Und genau dieses Gefühl der Abhängigkeit kann zur Depression führen&#8220;. (Nuber 2012)</p>
<p>&#8222;’Frauen haben sehr viel mehr Grund zum Grübeln als Männer, weil es in ihrem Leben mehr Anlässe zu Sorge gibt’ (&#8230;) Dazu kommt, dass sie längere Antennen als Männer haben und sensibel Leid und Nöte anderer wahrnehmen. ‚Die Sorgen der Mitmenschen werden schnell zu ihren Sorgen.’ Männer tun das nicht – so das klare Fazit.&#8220; (vgl. Kontio 2012)</p></blockquote>
<p>Die Beziehungsarbeit der Frauen ist der Kitt, der die patriarchale Gesellschaft, die Frauen krank macht, zusammenhält. Der Lohn ist die Depression, Mütterrente gibt es nicht. Die Krankheit ist ganz klar eine Reaktion auf das System, das nicht unserer artgerechten Lebensweise folgt, und keine bedingungslose Versorgung anbietet.</p>
<h3 id="machen-frauen-maenner-krank">Machen Frauen Männer krank?</h3>
<p>Auch Männer sind heute überfordert, wie es die amerikanische Soziologin Christin Munsch in den USA bei einer neuen Untersuchung herausfand. Die Studie verwendet Daten des ‚National Longitudinal Survey of Youth’ aus den Jahren 1997 bis 2011, um die Auswirkungen der Haushaltseinkommensdynamik auf das psychische Wohlbefinden und die Gesundheit in einer national repräsentativen Stichprobe von verheirateten Personen im Alter von 18 bis 32 Jahren zu untersuchen. Als wichtigstes Ergebnis stellt sie fest:</p>
<blockquote><p>„Unsere Studie trägt zu einer wachsenden Anzahl von Forschungsarbeiten bei, die zeigen, wie schädlich geschlechtsspezifische Erwartungen auch für Männer sind. Von Männern wird erwartet, dass sie der Ernährer sind, aber die Versorgung der eigenen Familie mit wenig oder gar keiner Unterstützung hat negative Auswirkungen.“ (ASA 2016, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Wir dürfen nicht vergessen, dass es einst Männer waren, die dieses System selbst installiert haben. Noch bis 1977 konnten Männer in Deutschland Frauen Berufstätigkeit verbieten, und die meisten taten das auch. Es war Jahrtausende lang für Männer die Quelle ihres Selbstbewusstseins, dass ihre Frau „nicht arbeiten musste“ und sie von ihnen abhängig war. Einerseits wird jetzt festgestellt, dass die Männer völlig überfordert sind mit ihrer Rolle, andererseits sind es die Männer selbst, die ihre Macht mit übelsten Mitteln wie dem Sexismus verteidigen. Die Journalistin Jana Hensel schreibt über die weit verbreiteten Herrenwitze im Büro:</p>
<blockquote><p>&#8222;Dieses Lachen ist in Wahrheit eine Geste der Demütigung und Unterwerfung, ein Versuch der Vertreibung, der in letzter Konsequenz sagen will: Eine Frau gehört hier nicht her, eine Frau gehört nicht dazu. Ich glaube keinem Mann, der behauptet, die Aggression so eines Lachens nicht zu bemerken. Sexismus im Büro ist eine alltägliche und ziemlich eingeübte männliche Kommunikationsform, die den Zweck hat, die eigene Macht zu sichern. Frauen, zumal wenn sie selbstbewusst auftreten, stören nämlich in den Augen vieler Männer den normalen Betriebslauf, sie verändern die Routinen, die Rituale, die Übereinkünfte. Sie mischen sich ein. Noch dazu mit einer oft anderen Art zu sprechen, zu denken, zu Entscheidungen zu gelangen. Und sie könnten besser sein als man selbst. Sie könnten eines Tages der Chef sein.<br />
Der Aufstieg der Frauen bereitet den meisten Männern Angst. Dass Frauen in großen Zahlen und mit viel Selbstbewusstsein seit einigen Jahren in die Arbeitswelt drängen, eine Sphäre, die bis vor wenigen Jahrzehnten ganz selbstverständlich ihnen gehörte, und dass der Zeitgeist dabei ganz auf der Seite der Frauen steht, versetzt viele Männer in Panik. Ich habe diese Panik in vielen Momenten gespürt, ich habe sie bei Kollegen genauso gesehen wie bei Freunden. Immer wieder droht sie dann aufzuflammen, wenn eigentlich harmlose Meinungsverschiedenheiten in grundsätzliche Auseinandersetzungen münden, wenn Kritik damit endet, dass einem gänzlich die Kompetenz abgesprochen wird.<br />
Man darf diese Angst nicht unterschätzen, man darf sie nicht bagatellisieren. Sie hat gute Gründe: Denn die Arbeitswelt ist für Männer, anders für Frauen, der fast einzige Bereich im Leben, aus denen sie Sinn schöpfen, der ihnen eine Identität und Halt gibt. Familien können, anders als für Frauen, Männern diese Stabilität nicht ersetzen. Wenn Männer ihren Einfluss in der Arbeitswelt einbüßen, dann bleibt ihnen nicht mehr viel. So einen Verlust als schmerzhaft zu beschreiben bedeutet gleichsam, ihn zu kleinzureden. Dieser Verlust ist ein existentieller.&#8220; (Hensel 2017)</p></blockquote>
<p>Männer besitzen wenig Bewusstsein für ihr selbst fabriziertes Leid, so lange sie es mit Macht kompensieren können. Es sind mächtige, egoistische Männer &#8211; neoliberale, globalisierungssüchtige CEOs – die uns die Probleme bereiten. Aber immer weniger Durchschnittsmänner haben Macht und immer weniger wollen sie eigentlich haben, denn Macht im Kleinen ist mit Verantwortung verbunden, während sich die Mächtigen ganz oben davon befreit haben. Viele Männer haben auch keine sicheren Arbeitsplätze mehr und verdienen weniger. Deshalb müssen viele Frauen heute berufstätig sein, ob sie wollen oder nicht, es wird aber auch moralischer Druck ausgeübt. Es waren die Frauen und Männer der Gender Studies, die aus falsch verstandenem Mitleid mit den „armen, rechtlosen Vätern“, angeführt von einer maskulistischen, gewaltbereiten Gurkentruppe, dafür gesorgt haben, dass die lästigen Mütter spätestens nach einer Scheidung wieder arbeiten müssen oder sich in Armut und die Kinder automatisch in der Kita oder im sog. Wechselmodell wiederfinden. Den Frauen wird allein die Schuld gegeben, für alles. Nach einer Scheidung wollen und sollen Männer wieder mit einer anderen Frau Kinder haben können, sollen wieder väterlich über sie bestimmen können, aber es fehlt den Männern an allem, was sie dazu befähigt, ein gutes Leben für ihre Familie herzustellen, nämlich das natürliche, mütterliche Netzwerk bedingungsloser Liebe und ein in diesem Sinne aufgeklärtes Problembewusstsein &#8230; und alles Elend beginnt von vorne.</p>
<p><a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/alex-iby-278048a.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-1252" title="Frau zwischen Wänden" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/alex-iby-278048a.jpg?resize=350%2C468&#038;ssl=1" alt="Frau zwischen Wänden" width="350" height="468" srcset="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/alex-iby-278048a.jpg?w=350&amp;ssl=1 350w, https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/alex-iby-278048a.jpg?resize=224%2C300&amp;ssl=1 224w" sizes="(max-width: 350px) 100vw, 350px" /></a><br />
<span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/mJOCYM6NV_A?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Alex Iby</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span></p>
<h3 id="Machen-sich-Hausfrauen-an-ihrer-Gesundheit-schuldig">Machen sich Hausfrauen an ihrer Gesundheit schuldig?</h3>
<p>Um allen gerecht zu werden, sollen Frauen, die offenbar allen in jeder Lebenslage nur zur Last fallen, vollzeit berufstätig sein, müssen sich dort aber Sexismus gefallen lassen. Um es den Frauen schmackhaft zu machen, ihre Einstellung zu manipulieren, und vor allem den Politikern Argumente zu liefern, wird behauptet, dass Berufstätigkeit Frauen gesünder mache, ein wahrer Hohn. Die eben genannte Psychiaterin Christin Munsch tutet in dieses Horn.</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Versorgerrolle hat den umgekehrten Effekt für Frauen, wenn es um das psychologische Wohlbefinden geht. Es hat sich gebessert, weil sie einen größeren wirtschaftlichen Beitrag leisten. Umgekehrt verschlechterte ihr psychologisches Wohlbefinden, wenn sie weniger zum Familieneinkommen beitrugen. (&#8230;) Munsch führt diesen unterschiedlichen psychologischen Nutzen auf kulturelle Erwartungen an Männer und Frauen zurück: &#8222;’Männer, die viel mehr Geld verdienen als ihre Partnerinnen, können sich mit einem Gefühl der Verpflichtung und der Sorge um den Erhalt des Status als Ernährer mit dem Broterwerb begnügen’, sagt Munsch. ‚Frauen hingegen können den Broterwerb als Chance oder Wahlmöglichkeit ansehen. Sie können Stolz empfinden, ohne sich zu sorgen, was andere sagen werden, wenn sie es nicht können oder nicht durchhalten (&#8230;) eine gute Nachricht, wenn man bedenkt, dass beide, Ehemann und Ehefrau, normalerweise arbeiten. ‚Unsere Studie zeigt, dass die Entkoppelung von Ernährerrolle von der Männlichkeit konkrete Vorteile für Männer und Frauen hat’, sagt Munsch. ‚Während das psychische Wohlbefinden und die Gesundheit von Männern tendenziell zunehmen, wenn ihre Frauen mehr wirtschaftliche Verantwortung übernehmen, verbessert sich auch das psychische Wohlbefinden von Frauen, wenn sie mehr wirtschaftliche Verantwortung übernehmen.’&#8220; (ASA 2016, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Ist das wirklich eine gute Nachricht? Hier wird das Wohl des Vaters ganz offen gegen den Rest der Familie aufgewogen. Im Patriarchat geht es letztlich immer nur um das Wohl des Vaters. Jetzt seien es also die (Haus-)frauen, die Männer krank machen! Während Männer als Ernährer nun regelrecht psychisch krank werden, werden Frauen als Ernährerinnen angeblich einfach nur zufrieden und stolz? Aber was ist mit den Frauen, die ihre Arbeit weder als Chance noch als Wahlmöglichkeit noch als gutes Leben wahrnehmen? So etwas kommt in Munschs Denken nicht vor. Stolz scheint für sie ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Stolz hebt von anderen ab, aber Stolz ist auch narzisstisch. Und Patriarchat macht ja immer irgendeinen stolz, bisher vor allem die Männer, deren Stolz die Welt längst in die Katastrophe getrieben hat. Und: Dummheit. Die wächst ja bekanntlich mit Stolz auf einem Holz. Was ist, wenn es eines Tages aufgrund des enormen gesellschaftlichen Drucks weibliche Vollbeschäftigung gibt und sie so selbstverständlich ist, dass es keine Chancen mehr braucht und Frauen keine Wahl mehr haben? Dann kann Stolz nicht mehr aufkommen – es sei denn alle Männer bleiben nun zuhause bei den Kindern &#8211; und dann sind die Frauen nur noch die „Dummen“, denn sie werden weiterhin Mütter, mit ihrem ganzen Körper und ihrer Seele, und werden noch kränker als die Männer. Mutterschaft ist nämlich keine Rolle, die frau ablegen kann, Vaterschaft dagegen sehr wohl. Heutzutage sind Mütter zum Wohle des Vaters längst am Rande der Erschöpfung. Aber zum Glück arbeitet das Patriarchat ja schon an der künstlichen Gebärmutter, die die lästige Mutter überflüssig macht.</p>
<p>Berufstätige Mütter müssen viel Arbeit an andere delegieren, übrigens schlechtbezahlte Frauen, meist, weil die eigene Mutter, die gar nichts bekäme, auch berufstätig ist oder weit weg wohnt. So fällt am Ende zwar weniger Haus- und Familienarbeit an, aber ein schlechtes Gewissen den Kindern gegenüber bleibt. Gegen das schlechte Gewissen, das wir ja nur haben, weil wir von Natur aus matrifokal sind, wird inzwischen intensiv mit dubiosen Studien Gehirnwäsche betrieben, nach denen Mütter ihren Kindern sogar schaden.</p>
<p>Schon seit längerem liefern auch zahlreiche deutsche Studien, die sich mit der Lebensqualität von Hausfrauen und berufstätigen Müttern befassen, PolitikerInnen Argumente. Hier wurden keine Vorher-Nachher Untersuchungen angestellt, sondern Frauen aus ihrer Situation heraus befragt und daraus Kausalketten konstruiert. Folgender Satz ist symptomatisch:</p>
<blockquote><p>&#8222;Nach unseren Ergebnissen ist daher festzuhalten, dass Berufstätigkeit von Frauen, insbesondere von Schwangeren und Müttern in hohem Ausmaß zu besserer Gesundheit, höherer Lebenszufriedenheit und deutlich gesünderer Bewältigung von Lebensanforderungen führt.&#8220; (Quelle: Borchert, Cotlatz 1992)</p></blockquote>
<p>Es macht sich demnach im Umkehrschluss eine Frau nicht nur an der Gesundheit ihres Mannes schuldig, sondern auch an ihrer eigenen, wenn sie nur Hausfrau ist. Die Vertauschung von Ursache und Wirkung, die Ingrid Waldron schon entlarvt hatte, wird uns hier geschickt untergejubelt. Etwas anderes dringt auch nicht mehr an die Öffentlichkeit. Die Botschaften solch unseriöser Forschung werden schon seit langem über Frauenzeitschriften lanciert, wie in diesem Beispiel, als es in der BRIGITTE um den Themenkreis Endometriose ging:</p>
<blockquote><p><em>&#8222;(&#8230;) Wer am Arbeitsplatz häufig wegen Regelschmerzen fehlt, stößt auf kaum Verständnis. So streben Frauen mit schweren Verläufen sogar die Frühverrentung an. ‚Dabei geht es berufstätigen Endometriose-Patientinnen nachweislich besser.’, sagt Iris Brandes. ‚Das Problem ist nicht ihr Job, sondern die Therapie: Mit der richtigen Behandlung können Frauen arbeiten.’ Doch die finden viele erst am Ende eines langen Leidensweges: auf der Reha-Station einer der wenigen auf Endometriose spezialisierten Kliniken. Dort kann die Suche nach einer individuell passenden Schmerz- und Hormonbehandlung mit Ratschlägen zur Ernährung, Bewegungs- und Körpertherapie kombiniert werden. (&#8230;)</em>&#8220;<br />
(Baumgart in: Brigitte 9/2009)</p></blockquote>
<p>Die Botschaft lautet: „Frauen, reißt Euch zusammen, geht zur Arbeit und alles wird gut.“ Oder noch schöner „es geht Euch schlecht, WEIL ihr nicht arbeitet.“ Tabletten schlucken das ganze Arbeitsleben hindurch und Operationen sollen es ermöglichen. Dass Chemie kein normales Wohlbefinden herstellen kann, ist ja jeder Frau bewusst. Schlimmer ist, dass wir uns damit neue Probleme einhandeln. Schon durchschnittliche <a href="https://generation-pille.com/byebyepille/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Pillen-Nutzerinnen</a> wissen das.<br />
<a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/maira-gallardo-330697.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/maira-gallardo-330697.jpg?resize=300%2C200&#038;ssl=1" alt="" width="300" height="200" /></a><br />
<span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/ix645sk3r3g?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Maira Gallardo</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
Auch die im Artikel zitierte Medizinökonomin Iris Brandes vertauschte unzulässigerweise Ursache und Wirkung. Denn Frauen, die eine leichte Endometriose haben, gehen auch häufiger in den Beruf, dies aber auch nicht ohne Schmerztabletten. Ihre Behauptung, dass die Endometriose zufriedenstellend behandelbar sei, ist schlicht weg nicht wahr. Tatsächlich geht es vielen Endometriose-Patientinnen bis heute auch mit Therapie so schlecht, dass Selbsthilfegruppen und Internet-Foren regen Zulauf haben, und sie nicht berufstätig sein können. Auf der Homepage der amerikanischen „Endometriosis Association“ können wir daher immer noch lesen:</p>
<blockquote><p>&#8222;<em>Je stärker der hormonelle Eingriff um so ausgeprägter die Nebenwirkungen. Daher wird der Einsatz von GnRH -Agonisten heute kritisch gesehen. Alternativmedizinische Konzepte wie die TCM (traditionelle chinesische Medizin/ u.a. Akupunktur) können vielen Frauen eine nebenwirkungsfreie Behandlung anbieten. (&#8230;) Bei Fällen von schwerer Endometriose kann es aber sogar nach Radikaloperationen oder den Wechseljahren zum Wiederauftreten der Erkrankung im Zusammenhang mit einer Hormonersatztherapie oder noch vorhandener körpereigener Hormonproduktion kommen. Daher empfehlen manche Sachverständige, während einer kurzen Zeit nach der Entfernung der Eierstöcke auf eine Hormonersatztherapie zu verzichten. </em>(&#8230;) <em>Vielleicht werden wir eines Tages dieses komplexe Krankheitsbild verstehen und eine Lösung für alle Unklarheiten, Schmerzen und Frustrationen, die dieses Leiden mit sich bringt, finden.&#8220; (Endometriosis Association 1999)</em></p></blockquote>
<p>Früher konnte sich eine Frau mit Bauchschmerzen ins Bett legen, heute soll sie sich zur Arbeit quälen. Es ist wirklich kein Wunder: Viele Frauen mit Endometriose sind Hausfrauen oder arbeiten Teilzeit; sie sind auf die Versorgung durch ihren Partner angewiesen. Aber: Das Teuflische an der Endometriose ist, dass betroffene Frauen oft Schmerzen beim Sex haben. Anders als bei den meisten anderen Krankheiten haben sie damit genau bei der Sache Schwierigkeiten, wofür die Ehe einst erfunden wurde! Die Ehe dient ja der Kontrolle der Sexualität der Frau und der Verfügbarkeit ihres Körpers, bzw. der Unterdrückung ihrer <em>female choice</em>, und ist die Basis der Herrschaft des Vaters, kurz des Patriarchats. Daher muss sie ihrem Manne exklusiv und jederzeit zur Verfügung zu stehen und soll auch noch Freude zur Schau stellen. Heute ist die Vergewaltigung in der Ehe zwar verboten. Eine Frau, die ihrem Manne aber nicht &#8222;dienlich&#8220; sein kann und will, ist ständig von Scheidung bedroht, was ihr Verhalten wiederum beeinflusst. Und so kommt es, dass Frauen auch heute Dinge tun, die sie nicht wollen, und die sie noch kränker machen. Im Übrigen gilt das auch für Frauen, die beim Sex immer eine Blasenentzündung bekommen. Es gibt hierbei einen deutlichen Zusammenhang mit der missachteten <em>female choice</em> (vgl. Uhlmann 2015). Gleiches gilt auch für das gerade erst öffentlich gewordene Krankheitsbild der <a href="http://wienerin.at/home/lieben/psyche/5103156/Postkoitale-Dysphorie_Depressiv-nach-dem-Sex-Das-koennte-der-Grund" target="_blank" rel="noopener noreferrer">postkoitalen Dysphorie</a>, deren Ursachen nur wenig verstanden werden, weil die <em>female choice</em> in der Schulmedizin bisher nicht vorkommt. Betroffenen Frauen bleibt oft nur die Berufstätigkeit ohne männlichen Lebenspartner oder ein sehr einsichtiger Partner, den frau lange suchen muss.</p>
<p>Abgesehen von diesen, das Sexualleben einer Partnerschaft störenden Krankheiten, schützt die Partnerschaft kranke Frauen offenbar recht gut vor krankheitsbedingtem sozialem Abstieg. Ingrid Waldron legte Ende der Neunziger Jahre drei weitere Studien auf, mit denen sie die Zusammenhänge von Krankheit und Ehe untersuchte, ausgehend von der Beobachtung, dass verheiratete Erwachsene im Allgemeinen gesünder sind als unverheiratete Erwachsene. Alle drei Studien untersuchten dieselbe Gruppe von 3.331 Frauen, eine große nationale Stichprobe aus den USA, die in die „National Longitudinal Surveys of Young Women“ (nationale Langzeituntersuchung an jungen Frauen) einfloss. Die Frauen waren zu Beginn zweier aufeinanderfolgender fünfjähriger Nachbeobachtungsintervalle (<em>Follow-up</em> 1978-1983 und <em>Follow-up</em> 1983-1988) 24-34 Jahre alt.<br />
<a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8816016" target="_blank" rel="noopener noreferrer" id="die-erste-studie">Die erste Studie</a> überprüfte, ob „die Ehe mit guter Gesundheit verbunden ist, weil sie gesundheitsfördernde Wirkungen hat (Heiratsschutzeffekte) und / oder weil gesündere Personen eher heiraten und verheiratet bleiben (Heiratsselektionseffekte).“ Sie kam zu folgendem Ergebnis:</p>
<blockquote><p>&#8222;Die Auswertungen der (&#8230;) Daten deuten darauf hin, dass es signifikante Heiratsschutzwirkungen gab, jedoch nur bei Frauen, die nicht angestellt waren. <strong>Insbesondere bei Frauen, die nicht berufstätig waren, hatten verheiratete (&#8230;) bessere Gesundheitstrends als unverheiratete.</strong> Es scheint, dass die Ehe als alternative Quelle finanzieller und sozialer Unterstützung gesundheitsfördernde Wirkungen für Frauen hatte, die nicht berufstätig waren. <strong>(&#8230;) Insbesondere Frauen, die eine bessere Gesundheit hatten, waren anfänglich eher verheiratet und erlebten weniger wahrscheinlich eine Scheidung, was aber nur für Frauen gilt, die nicht in Vollzeit und nur während des ersten Follow-up-Intervalls beschäftigt waren.</strong> Es ist augenscheinlich, dass bei Frauen, die nicht berufstätig waren, Heiratsschutzeffekte und Heiratsselektionseffekte zum Unterschied (&#8230;) im Familienstand beitrugen. <strong>Im Gegensatz dazu wurden bei Frauen, die Vollzeit beschäftigt waren, weder Heiratsschutz- noch Heiratsselektionseffekte beobachtet.</strong> Wie erwartet, zeigen die Daten, dass die Unterschiede in der Gesundheit je nach Familienstand sehr groß waren, und für Frauen, die nicht erwerbstätig waren, hoch signifikant waren, wohingegen sie für erwerbstätige Frauen viel kleiner und oft nicht signifikant waren. <strong>Frauen, die weder verheiratet noch berufstätig waren, hatten eine besonders schlechte Gesundheit.</strong> Zusätzliche Beobachtungen deuten darauf hin, dass <strong>Frauen, die weder verheiratet noch berufstätig waren, unter mehreren wechselseitigen Benachteiligungen litten, darunter schlechte Gesundheit, niedrige Einkommen und soziodemographische Merkmale, die Schwierigkeiten bei der Arbeitssuche nach sich zogen.&#8220;</strong> (Waldron <em>et al.</em> 1996, meine paraphrasierte Übersetzung, Verkürzungen dienen der Verständlichkeit, meine Hervorhebungen)</p></blockquote>
<p>Die Ausgangsannahme der gesundheitsfördernden Wirkung der Ehe wurde damit nur für wenig oder nicht berufstätige Frauen bestätigt. Während leicht kranke Hausfrauen in der Ehe sogar gesünder werden, haben schwer kranke Frauen auf dem Heiratsmarkt wenig Chancen. Vollzeit berufstätig profitiert keine Frau von der Ehe.<br />
Es ist ja ganz klar, dass Frauen, die aufgrund ihrer Verfassung in die Ehe gezwungen sind, um abgesichert zu sein, auch nicht besonders glücklich sind, aber doch immerhin glücklicher als ohne jede Sicherheit, was sich natürlich positiv auswirken muss. Gleichzeitig hatten es kranke Ehefrauen viel schwerer, überhaupt einen Partner zu finden, so dass sie wahrscheinlich einfach nur froh und dankbar sind, und sich das Gefühl von Sicherheit positiv auswirkt.</p>
<p><a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9351156" target="_blank" rel="noopener noreferrer" id="die-zweite-studie">Die zweite Studie</a> überprüfte, ob „sich der Familienstand auf die Gesundheit zwischen nie verheirateten Frauen und geschiedenen und getrennten Frauen unterschiedlich auswirkt“. Sie kam zu folgendem Ergebnis:</p>
<blockquote><p>&#8222;(&#8230;) Wegen körperlicher Beeinträchtigungen und allgemeiner Gesundheitsprobleme tendierten im ersten Follow-up-Intervall nie verheiratete Frauen zu schlechterer Gesundheit als geschiedene und getrennte Frauen. <strong>Für psychosomatische Symptome gab es jedoch keine tendenziellen Unterschiede zwischen nie verheirateten Frauen und geschiedenen und getrennten Frauen des Follow-up-Intervalls auch nicht für irgendeine andere gesundheitliche Messgröße im zweiten Follow-up-Intervall.</strong> Unsere Analysen der Daten zeigten nur wenige signifikante Unterschiede im Gesundheitszustand zwischen nie verheirateten Frauen und geschiedenen und getrennten Frauen. <strong>Zusammengenommen weisen die Ergebnisse unserer Studie und früherer Studien darauf hin, dass Unterschiede zwischen nie verheirateten Frauen und geschiedenen und getrennten Frauen je nach Alter und/oder Kohorte variieren können.</strong> Die augenscheinlichen Befunde für die 1970er und 1980er Jahre legen nahe, dass bei älteren Frauen geschiedene und getrennte Frauen möglicherweise schädlichere gesundheitliche Auswirkungen davon trugen als nie verheiratete Frauen; bei jüngeren Frauen war dieser Unterschied jedoch möglicherweise nicht vorhanden oder möglicherweise aufgehoben worden.&#8220; (Vgl. Waldron <em>et al.</em> 1997, meine paraphrasierte Übersetzung, Verkürzungen dienen der Verständlichkeit, meine Hervorhebungen)</p></blockquote>
<p>Anders gesagt bedeutet das: Dass nie verheiratete Frauen häufiger körperlich krank sind, bestätigt noch einmal die Ergebnisse der ersten Studie, nach der sie schwerer einen Partner finden. Was die psychosomatischen Symptome angeht, vergleicht Waldron Getrennte und nie Verheiratete und stellt fest, dass sie ähnlich gesund oder krank sind. Dieser Befund entspricht im Grunde der Munsch-Studie, aber nur wenn wir voraussetzen, dass diese nie Verheirateten gesunde, berufsorientierte Frauen waren. Auf körperliche und psychosomatische Beschwerden gemeinsam bezogen, verwischte jeder Unterschied zwischen nie verheirateten Frauen und geschiedenen und getrennten. Wird das Alter der Frauen mitberücksichtigt, differenziert sich das Bild noch einmal. Je früher sich eine Frau trennte, desto weniger litt offenbar ihre Gesundheit darunter.</p>
<p><a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9785695" target="_blank" rel="noopener noreferrer" id="die-dritte-studie">Die dritte Studie</a> überprüfte insgesamt vier Hypothesen „über die Auswirkungen von Beschäftigung, Heirat und Mutterschaft auf die allgemeine körperliche Gesundheit von Frauen (&#8230;) Diese Hypothesen sagen voraus, wie der Gesundheitseffekt jeder Rolle variiert, abhängig von den spezifischen Rollenmerkmalen und den anderen Rollen, die eine Frau innehat.“ (Waldron <em>et al. </em>1998)</p>
<p>Die 1. Hypothese ging davon aus, „dass Beschäftigung und Ehe ähnliche Ressourcen zur Verfügung stellen (z. B. Einkommen und soziale Unterstützung), und infolgedessen können Beschäftigung und Ehe sich in ihren vorteilhaften Wirkungen auf die Gesundheit gegenseitig ersetzen.“ Die Untersuchung führte zu folgendem Ergebnis:</p>
<blockquote><p>„Wie vorhergesagt, stellten wir fest, dass die Beschäftigung bei unverheirateten Frauen positive Auswirkungen auf die Gesundheit hatte, bei verheirateten Frauen jedoch nur geringe oder gar keine Auswirkungen. In ähnlicher Weise hatte die Ehe nur für Frauen, die nicht erwerbstätig waren, gesundheitsfördernde Wirkungen.&#8220; (Waldron <em>et al. </em>1998, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Die 2. Hypothese ging davon aus, dass erwerbstätige Mütter eine Doppelbelastung erfahren, was zu schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit führt. Dazu kam es zu folgendem Ergebnis:</p>
<blockquote><p>&#8222;Wir fanden jedoch nur <strong>sehr wenige Beweise dafür, dass die Kombination von Beschäftigung und Mutterschaft zu schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit führte.</strong>&#8220; (Waldron <em>et al. </em>1998, meine Übersetzung, meine Hervorhebung)<strong><br />
</strong></p></blockquote>
<p>Im Gegensatz zu den Vorhersagen der 3. Hypothese, der &#8222;Rollenüberforderungshypothese&#8220;,</p>
<blockquote><p>&#8222;<strong>scheint es, dass weder längere Arbeitszeiten noch mehr Kinder schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben.</strong>&#8220; (Waldron <em>et al.</em> 1998, meine Übersetzung, meine Hervorhebung)</p></blockquote>
<p>Wie durch die 4. Hypothese vorhergesagt,</p>
<blockquote><p>&#8222;schien <strong>das jüngere Alter bei der ersten Geburt</strong>, insbesondere eine Geburt im Teenageralter, zu schädlicheren Gesundheitsfolgen zu führen.&#8220; (Waldron <em>et al.</em> 1998, meine paraphrasierte Übersetzung, meine Hervorhebung)</p></blockquote>
<p>Anders gesagt bedeutet das: Diese Ergebnisse bestätigen die erste und zweite Studie. Sie liefern nicht den Nachweis, dass die Berufstätigkeit verheiratete Frauen gesünder mache, aber auch nicht kränker. Wie wir ja inzwischen wissen, sind die Frauen, die in den Beruf gehen, überwiegend von vorne herein gesund. Die Studie liefert auffälligerweise kaum Beweise, dass eine Doppelbelastung krank macht. Darüber hat sich auch Ingrid Waldron gewundert. Das steht auch im Kontrast zu Caterina Trevisans Behauptung, dass mehr Mithilfe des Mannes im Haushalt vor Krankheit schützt. Aber Waldron ahnt sehr wohl  &#8211; wie wir alle eigentlich &#8211; dass viele berufstätige Mütter insbesondere kleiner Kinder am Rande der Erschöpfung sind (vgl. Repetti <em>et al.</em> 1989, S. 1394 u. 1399). Aber selbst die Kinderzahl hat der Studie zufolge keinerlei Auswirkungen auf die Gesundheit. &#8222;Nur sehr wenige Beweise&#8220; bedeutet zwar nicht &#8222;keine Beweise&#8220;, wenn wir aber bedenken, dass diese meisten Frauen 1. als Berufstätige eher von vorne herein gesund sind, 2. die Zahl ihrer Kinder selbst bestimmen können, 3. aufgrund ihrer Berufstätigkeit Zugang zu Hilfsangeboten haben, 4. sie Hausarbeit delegieren können, 5. sie das Geld haben, teure Gesundheitsangebote wahrzunehmen und 6. oft die Option haben, auch in Teilzeit zu gehen, ist das nicht verwunderlich.<br />
Ein sehr junges Alter bei der ersten Geburt ist dagegen meist eine unfreiwillige Situation. Dass hier gesundheitliche Schwierigkeiten auftreten, kann unterschiedliche Gründe haben, die aber vor allem im Umfeld der Mutter zu suchen sind, jedenfalls ist sie in Anbetracht der prekären Situation, in die sie meist gerät, zwangsläufig überfordert.</p>
<h3 id="die-patriarchale-realitaet-macht-frauen-krank">Die patriarchale Realität macht Frauen krank</h3>
<p><a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/scott-webb-386701.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" title="Mehrparteienhaus" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/scott-webb-386701.jpg?resize=300%2C445&#038;ssl=1" alt="Mehrparteienhaus" width="300" height="445" /></a></p>
<p><span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/sgMdt0sTi0s?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Scott Webb</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
<br />
Wir wissen, dass vieles, was Frauen krank macht, direkt mit der Partnerschaft zu tun hat: die Konflikte mit dem Ehemann, der indirekt aufrechterhaltene Zwang zum Geschlechtsverkehr bzw. die sexuelle Unfreiheit, ein schnarchender Ehemann, herrschsüchtige Schwiegereltern, häusliche Gewalt u. v. m.. Letzteres wurde jüngst vom BKA untersucht, mit dem Ergebnis, dass die Familie der gefährlichste Ort für Frauen und Kinder ist. Krankmachend ist auch die für das Patriarchat typische Wohnsituation. Nachbarschaftsstreit und Isolation in engen Wohnungen oder im Golden Käfig, trägt das seine dazu bei. Es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass Berufstätigkeit Frauen krank macht, und zwar vor dem Hintergrund der durch und durch patriarchalen Philosophie der Berufswelt, einer Welt, die von Männern für Männer gemacht wurde und in die Frauen sich nun integrieren (sollen).</p>
<p>Krank machende Faktoren der Arbeit selbst sind bekanntermaßen &#8211; das gilt für beide Geschlechter &#8211; lange Arbeitszeit, Schichtarbeit, schwere körperliche Arbeit oder überwiegend sitzende Tätigkeiten, Kontakt mit Giftstoffen oder Krankheitserregern, das Arbeitsklima unter den Kollegen, die Führungsqualitäten des Chefs/der Chefin, unverschämte Kunden, mangelnde Lohngerechtigkeit und die Einstellung zur Arbeit. In einer Studie der Ohio State University aus dem Jahre 2016 wurde nun festgestellt, dass zuviel Arbeit vor allem Frauen krank macht. Sie untersuchten eine Gruppe von 7492 Personen aus der „National Longitudinal Survey of Youth“, die 32 Jahre Berufserfahrung hatten (1978 bis 2009)</p>
<blockquote><p>&#8222;Diese Studie zielt darauf ab, das chronische Krankheitsrisiko im Zusammenhang mit längerer Arbeit in Stundenplänen für acht schwerwiegende chronische Krankheiten zu bewerten: Herzerkrankungen, Nicht-Hautkrebs, Arthritis, Diabetes, chronische Lungenerkrankungen, Asthma, chronische Depression und Bluthochdruck. (&#8230;) Die regelmäßige Arbeit über 32 Jahre hinweg war signifikant mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen, Hautkrebs, Arthritis und Diabetes assoziiert. Das beobachtete Risiko war bei Frauen viel größer als bei Männern. (&#8230;) Langfristige Arbeitszeitpläne über viele Jahre erhöhen das Risiko für bestimmte chronische Krankheiten, insbesondere für Frauen.&#8220; (Dembe <em>et al.</em> 2016)</p></blockquote>
<p>Frauen sind auch häufiger krankgeschrieben als Männer, obwohl sie bekanntermaßen mehr auf ihre Gesundheit achten und sich besser ernähren:</p>
<blockquote><p>„Der Krankenstand der weiblichen Versicherten ist mit durchschnittlich 4,2 Prozent – wie auch in den Vorjahren – höher als der der männlichen Versicherten (3,7 Prozent). Wie der Altersverlauf zeigt, liegt der Krankenstand der Frauen praktisch in allen Altersgruppen über dem der Männer. Der höhere Krankenstand von Frauen ist im Wesentlichen auf eine höhere Fallhäufigkeit (121,3 Fälle bei Frauen gegenüber 104,0 Fällen bei Männern je 100 Versichertenjahre) zurückzuführen.“ (Storm 2017, S. 14)</p></blockquote>
<p>Frauen leben auch länger als Männer, halten also trotz aller Schwierigkeiten länger durch. Sie sind als Berufstätige möglicherweise auch deshalb gesünder, <strong>weil</strong> sie sich häufiger krankschreiben lassen und sich so vor krankmachender Arbeit besser schützen. Sie scheuen sich weniger, sich krankschreiben zu lassen, denn sie haben meist feine Antennen dafür, was sie sich zumuten können, und oft sind sie nicht Alleinverdienerinnen, die um ihren Job fürchten müssten. Aber Frauen lassen sich noch viel zu wenig krankschreiben. Viele werden erst richtig krank, <em>weil</em> sie es sich nicht leisten können, weil sie <em>nicht krank</em> werden dürfen. Im Übrigen auch nicht ihre Kinder! Sehr kleine Kinder sind besonders anfällig und leiden besonders darunter, aber ausgerechnet sie werden in der Kita dauerhaft vielen Erregern ausgesetzt, die sie obendrein an ihre Eltern und Erzieherinnen weitergeben. Eine vergleichbare Ansteckungsgefahr hat es in der Evolution nie gegeben, und die <a href="http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/58634/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Medizin fängt jetzt erst an zu verstehen, was das anrichten kann</a>. Wenn das Kind krank wird oder wenn die Kita schließen muss, bleibt der Mutter oft nur noch, sich selbst krank zu melden, weil ihre Urlaubstage und vertraglich geregelten kindbedingten Fehlzeiten, die viel zu knapp bemessen sind, schon verbraucht sind. Manchen mag das wie eine die Gesellschaft ausbeutende Trickserei vorkommen, aber sie sollten dran denken, dass Mütter die Berufstätigen von morgen großziehen, die eines Tages auch die Rente erarbeiten.</p>
<h3 id="Schon-die-Maedchen-werden-krank-gemacht">Schon die Mädchen werden krank gemacht – Kinderarbeit und Drill</h3>
<p>Wir Frauen werden schon früh trainiert, uns anzupassen. Die Schule nimmt auf die Beschwerden von Mädchen keine Rücksicht. In der aktuellen <a href="https://www.kiggs-studie.de/deutsch/home.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts</a> lesen wir:</p>
<blockquote><p>&#8222;In der Altersgruppe der 14- bis 17-Jährigen schätzten Mädchen ihre Lebensqualität signifikant niedriger ein als gleichaltrige Jungen. In den beiden jüngeren Altersgruppen war kein Geschlechterunterschied in der Lebensqualitätseinschätzung zu beobachten.&#8220; (Ellert et al. 2014, S. 801)</p></blockquote>
<p>Alle Jugendlichen leiden unter chronischem, von der Schule aufgezwungenem Schlafmangel und Stress, dies ausgerechnet in einer Zeit, wo sich das Gehirn noch entwickeln muss. Aber Mädchen sind besonders leidgeprüft. Es ist tatsächlich kein Geheimnis, dass Mädchen in den ersten Tagen der Menstruation oft starke Schmerzen haben und häufig dem Unterricht fernbleiben oder nicht den Anforderungen folgen können. Das Horrorszenario überhaupt ist ein Blutfleck auf der Kleidung, das es um jeden Preis zu vermeiden gilt, aber der <a href="https://www.mynfp.de/unregelmaessiger-zyklus" target="_blank" rel="noopener noreferrer">Zyklus</a> ist unberechenbar, und schon greifen Mädchen zur Pille.<br />
Ständig unter Konkurrenz versuchen sie ihre sexuelle Attraktivität auch durch aufwändiges Herausputzen zu steigern, evolutionär gesehen, um baldigst schwanger zu werden. So betrachtet ist es kein Wunder, dass &#8222;Germany&#8217;s Next Topmodel&#8220; so erfolgreich ist. Die KiGGS-Studie zeigt nun, dass rund jedes fünfte Kind einzelne Symptome einer Essstörung aufweist. Obendrein empfand sich fast jedes zweite Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren als zu dick (vgl. Burger 2017). Das Schönheitsideal hat nichts mit den evolutionären Erfordernissen zu tun. Aber nicht Heidi Klum ist daran Schuld, sondern das patriarchale System, in dem junge Frauen verzweifelt nach einem guten Leben suchen müssen. Doch alle gemeinsam arbeiten daran, das zu verhindern. Die zunehmenden Fälle von Magersucht zeigen, dass Mädchen dem Druck nicht mehr gewachsen sind. Trotz aller Schwierigkeiten „ihren Mann zu stehen“ und gleichzeitig eine attraktive Frau zu sein, schaffen die Allerwenigsten. Dass Mädchen keinen Hass auf ihren Körper entwickeln, ist schon die Ausnahme.</p>
<p><span style="font-size: 8px;"><a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/henrique-felix-113544.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" class="alignnone size-full wp-image-1267" title="ein dünnes Süppchen" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/henrique-felix-113544.jpg?resize=600%2C400&#038;ssl=1" alt="ein dünnes Süppchen" width="600" height="400" srcset="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/henrique-felix-113544.jpg?w=600&amp;ssl=1 600w, https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/henrique-felix-113544.jpg?resize=300%2C200&amp;ssl=1 300w" sizes="(max-width: 600px) 100vw, 600px" /></a><br />
Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/JVkGUwTYQag?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Henrique Félix</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
Die amerikanische Anthropologin Sarah Blaffer Hrdy klärt uns darüber auf, dass natürlicherweise die Mädchen am wenigsten arbeiten, die alten Frauen dagegen am meisten:</p>
<blockquote><p>„Bei einigen Jäger-Sammler-Gruppen wie den Pumé in Venezuela beispielsweise beginnt die Durchschnittsfrau erst mit Mitte zwanzig, ihre Nahrung für sich selbst zu sammeln. (&#8230;) Selbst wenn sie harte Arbeit leisten, etwa Knollen ausgraben, buddeln Frauen im Alter von 18 bis 24 Jahren weniger Knollen in einer Stunde aus als ältere Frauen, die schon über 40 sind. Wenn die Nahrung ins Lager zurückgetragen wird, sind es am Ende aus irgendeinem Grunde immer die starken jungen Frauen, die die leichtesten Lasten tragen. (&#8230;) Teenager sind (&#8230;) unter Umständen nicht mit ganzem Herzen bei der Sache, selbst dann nicht, wenn es sich um eine leichte Aufgabe handelt. (&#8230;) Es ist so, als schonen Teenager sich für etwas Besseres – was unter dem Gesichtspunkt der Fortpflanzung auch tatsächlich so ist. (&#8230;) Moderne Mütter machen grimmige Witze über den Narzissmus der jungen Frauen, ihre Ich-Bezogenheit, Unruhe und ihre Fixiertheit auf das andere Geschlecht. Doch von ihrem Standpunkt aus gesehen arbeiten die Mädchen um die Zeit der Menarche auf ihre Weise hart: sie programmieren nämlich ihren Hypothalamus und ihre Eierstöcke neu (&#8230;) Heranwachsende haben mitunter Erwartungen und setzen Prioritäten, die sich stark von denen der Eltern unterscheiden. Auch wenn sie den Grund dafür nicht kennen, werden sie, wenn es hart auf Hart kommt, ihr eigenes Fortpflanzungspotenzial nicht zu Gunsten eines fremden Babys aufs Spiel setzen. „Kinderarbeit, das soll wohl ein Witz sein“, lamentiert eine Mutter (&#8230;) ermüdet vom Widerstand ihrer Tochter gegen jede Hausarbeit.“ (Blaffer Hrdy 2010a, S. 316 f)</p></blockquote>
<p><img data-recalc-dims="1" decoding="async" title="Mädchen auf dem Jahrmarkt" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/annie-gray-401017.jpg?resize=600%2C400&#038;ssl=1" alt="Mädchen auf dem Jahrmarkt" width="600" height="400" /><br />
<span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/_O6xCs0P-NI?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Annie Gray</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
Mädchen interessieren sich jedoch bei weitem nicht nur für Jungen, sondern sind schon lange bevor sie Mutter werden damit beschäftigt, <a href="http://www.spektrum.de/news/kinder-koennen-auch-ohne-vater-gluecklich-aufwachsen/1479737" target="_blank" rel="noopener noreferrer">ein helfendes Netzwerk zu schaffen</a>. Sarah Blaffer Hrdy schreibt dazu:</p>
<blockquote><p>„Beginnend im Mädchenalter, werden Frauen mit zunehmendem Alter immer geschickter darin, Freundschaften zu schließen. Diese Neigungen wurzeln anders als bei Männern nicht in dem Bestreben, Jagdgefährten oder Waffenbrüder zu finden. Ob bewusst oder nicht, suchen Frauen nach ‚Schwestern’, die ihnen bei der Versorgung ihrer Kinder zur Seite stehen. Selbst der starke Drang, sich beliebt zu machen und ‚dazuzugehören’, der bei Mädchen im Teenageralter so unverkennbar ist und der zur Folge hat, dass sie äußerst empfindlich darauf regieren, was andere von ihnen denken, aber auch, dass sie sehr konkurrenzorientiert sind und andere rücksichtslos ausschließen, hat möglicherweise viel mit dem Aufbau von Bindungen zutun, die in den Umwelten unserer Vorfahren für die erfolgreiche Aufzucht von Kindern von entscheidender Bedeutung gewesen sein dürften.“ (Blaffer Hrdy 2010b, S. 372 f)</p></blockquote>
<p>Das Netzwerken ist für Frauen evolutionär gesehen eine brandneue und daher sehr anstrengende Arbeit, weil sie ursprünglich in ein bestehendes, funktionierendes Netzwerk, nämlich die matrilineare Sippe, hineingeboren wurden. Männer sind dagegen seit Urzeiten daran gewöhnt, mit fremden Männern Kontakt aufzunehmen und bildeten einst Jagdkollektive. Mittlerweile ist klar, dass das Überleben der Gruppe nicht vom Jagderfolg abhing, sondern vom Sammeltalent der Frauen. Es wurde nur selten ein großes Tier erbeutet. Männer gingen zur Jagd, um mit dem Gejagten angeben zu können. Ein erfolgreicher Mann hatte mitunter häufiger Liebhaberinnen. (vgl. Blaffer Hrdy 2010a, S. 312 u. 332)</p>
<p>Ich sehe das steinzeitliche Netzwerk der Männer als ein Werkzeug der <em>female choice</em> an. Das Netzwerk der untereinander nicht verwandten Männer war die Eintrittskarte jedes Einzelnen in die Sippe des Anderen. Nur wer zum Netzwerk gehörte, war vertrauenswürdig genug, sich den Frauen nähern zu dürfen. Das Netzwerk lieferte nicht nur neue Männer, es schützte auch vor Übergriffen.</p>
<p>Im Patriarchat, wo es keine matrilineare Sippe mehr gibt, ist es für Mädchen überlebensnotwendig geworden, ein Netzwerk aus eigentlich fremden, konkurrierenden Frauen aufzubauen. Evolutionär darauf nicht vorbereitet, läuft das nicht ohne Schwierigkeiten ab und die Netzwerke sind äußerst instabil. Zickenkrieg, Stutenbissigkeit und auch die männlichen Freunde, die überall dabei sind und obendrein eine Herausforderung für die <em>female choice</em> sind, erschweren die Herstellung von Frauenfreundschaften. Was früher von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ablief, wird durch das Internet offensichtlich. Cybermobbing ist unter Mädchen weit verbreitet und macht viele Mädchen krank.<br />
<a href="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/jacob-townsend-440823.jpg?ssl=1"><img data-recalc-dims="1" decoding="async" title="Junge Frauen in Trennung" src="https://i0.wp.com/blog.gabriele-uhlmann.de/wp-content/uploads/2017/11/jacob-townsend-440823.jpg?resize=600%2C421&#038;ssl=1" alt="Junge Frauen in Trennung" width="600" height="421" /></a><br />
<span style="font-size: 8px;">Photo by <a href="https://unsplash.com/photos/sOK08OmFu04?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Jacob Townsend</a> on <a href="https://unsplash.com/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText">Unsplash</a></span><br />
Das von Mädchen mühsam und unter Einsatz ihrer Gesundheit aufgebaute Netzwerk wird mit dem Ende der Schulzeit zerstört, nämlich indem sie ihre Ausbildung nach Möglichkeit weit entfernt absolvieren sollen. Später müssen sie oft in einer anderen Stadt berufstätig sein, was dann bedeutet, dass auch die während der Ausbildung neu geknüpften Netzwerke zerstört werden. Was bedeutet es für das Gefühl der Selbstwirksamkeit einer jungen Frau, wenn das, was ihr am wichtigsten ist, immer wieder zerstört wird? Vielleicht ist die Kompensation dieses Effekts der wahre Grund, warum Mädchen zunächst bessere Noten erzielen als Jungen, im Berufsleben aber wieder in der zweiten Reihe stehen. Das Patriarchat verhindert den Aufbau dauerhafter weiblicher Netzwerke und sorgt für eine weitgehende Isolation. Im Laufe ihres Lebens zerbricht so Manche, die einst so hoffnungsvoll begann.</p>
<p>Die Gebärfähigkeit oder die Größe des sozialen Netzwerkes waren bei den Studien über arbeitende Frauen kein Kriterium für Gesundheit, obwohl das aus medizinischer und verhaltensbiologischer Sicht so ist. Es wurde aber angenommen, dass berufstätige Frauen größere Netzwerke hätten, und deshalb gesünder seien. Dem ist jedoch nicht so, und je mehr Hilfe sie brauchen, desto weniger haben sie:</p>
<blockquote><p>„Die Netzwerkarbeit ist (&#8230;) für viele Frauen nicht so einfach und so lohnend wie für Männer. NetzwerkforscherInnen konnten nachweisen, das berufstätige Frauen mit kleinen Kindern Zeit- und Energierestriktionen unterliegen, die einen negativen Einfluss auf die Größe und das Kontaktvolumen ihrer persönlichen Netzwerke haben (&#8230;).“ (Tonn 2015, S. 180)</p></blockquote>
<p>Das Vorhandensein von Netzwerken oder die Möglichkeit solche zu bilden dürfte also auch entscheidend für die gesundheitlichen Auswirkungen der Berufstätigkeit von Frauen sein.</p>
<p>Wie wir oben erfahren haben, arbeiten bei den Naturvölkern die älteren Frauen am meisten, also auch nicht die Frauen, die gerade kleine Kinder haben. Aber heute wird genau das von jungen Müttern verlangt, nachdem man ihnen alle Netzwerke zerstört hat. Das Potential, das ältere Frauen natürlicherweise noch haben, wurde im Patriarchat vorzeitig verbraucht und kann daher kaum erkannt werden. Sie sind erschöpft, und insbesondere die, die berufstätig waren, unternehmen lieber Kreuzfahrten, als ihren Töchtern zu helfen. Jetzt, sagen sie, seien sie auch mal dran. Sie waren es also während ihres ganzen Berufsleben nicht! Die, die sich einen Egotrip nicht leisten können, verbringen ein Alter im Abseits, wenn die Töchter weit entfernt wohnen. Das Patriarchat hat alles auf den Kopf gestellt. Ein gutes Leben ist damit für Mütter unmöglich gemacht. Wir meinen trotzdem häufig, alles zu haben, nennen uns zufrieden, aber wir wissen nicht, was uns entgangen ist!</p>
<p>Wie es sich schon bei Mädchen abzeichnet, haben Frauen evolutionär bedingt andere Prioritäten als Männer. Die Gesundheit einer Frau im Arbeitsleben hängt in ganz entscheidendem Maße davon ab, ob sie ihre Arbeit als sinnstiftend empfindet und freiwillig macht. Frauen sind von Natur aus viel wählerischer als Männer. Sie müssen so sein, weil sie in höherem Maße Verantwortung tragen. Die <em>female choice</em> und die richtigen Entscheidungen im Alltag, z.B. Wohnort oder Ernährung, all dies ist für Frauen extrem wichtig, weil sie für die nächste Generation mitentscheiden müssen. Warum sollte es bei der Arbeit anders sein und vor allem: warum sollte sich eine Frau festlegen müssen? Wird das alles übergangen, werden Frauen krank, das bestätigen auch die Studien:</p>
<blockquote><p>&#8222;Eine Analyse (&#8230;) spricht dafür, dass Erwerbsbeteiligung nur für verheiratete Frauen mit einer positiven Einstellung zur Erwerbstätigkeit einen positiven Einfluss auf die selbstverordnete allgemeine Gesundheit hat. Verschiedene Querschnittsstudien haben auch gefunden, dass die Verbindung von Berufstätigkeit und guter Gesundheit für diejenigen Frauen stärker ist, die eine positive Einstellung zur Berufstätigkeit haben oder für Frauen, die eine solche dem Hausfrauendasein vorziehen. (&#8230;) Zusammengefasst deuten diese Befunde daraufhin, dass Berufstätigkeit positive Auswirkungen auf die Gesundheit hat, wenn es eine Übereinstimmung zwischen der Einstellung der Frauen zu oder dem Wunsch nach Berufstätigkeit und ihrem tatsächlichen Rollenstatus gibt.&#8220; (Repetti <em>et al.</em> 1989, S. 1397, meine Übersetzung)</p></blockquote>
<p>Wer eine überzeugte Hausfrau dazu zwingt, berufstätig zu werden, fügt ihr Schaden zu. Es ist nicht anderes, als wolle man eine Soziologin dazu zwingen, Ingenieurin zu sein. Gleiches gilt, wenn man eine berufsorientierte Frau dazu zwingt, Hausfrau zu sein. Es verbietet sich demnach jede Einmischung in die Lebensgestaltung von Frauen. Stattdessen muss dem Patriarchat auf den tiefsten Grund gegangen werden. Damit meine ich die Philosophie, die die Matrifokalität, das natürliche Schutz- und Netzwerk der Frau, vollverschleiert und sogar abtötet, und Vaterschaft und Familie zu einer Sache der Gerechtigkeit erklärt. Auf dem gleichen Altar der Gerechtigkeit fordert der Feminismus Gleichberechtigung. Es ist aber so, dass Gleichberechtigung nicht identisch ist mit Egalität, und sie verhindert Egalität sogar. Rechte werden vergeben &#8211; und zwar nicht ohne den Segen der Männer &#8211; und können von ihnen wieder genommen werden, solange sie die Gewalt und Macht des Vaters besitzen.</p>
<p>Die Mädchen bzw. Frauen werden schon früh gedrillt, trotz ihrer Beschwerden und Bedürfnisse zu funktionieren, in einer Weise, wie es Jungen bzw. Männern unbekannt ist. Ihre spezifischen Bedürfnisse, auch die von Kindern, werden mit Füßen getreten. Die Leistungsgesellschaft bietet nicht die Sicherheit, die junge Frauen bewusst oder unbewusst suchen und tatsächlich auch brauchen, wenn sie tatsächlich Mutter werden. Junge Frauen spüren überall, wie ihnen der schwankende Boden unter den Füßen ganz weggerissen wird.<br />
Der Feminismus hat erreicht, dass Frauen sich jetzt selbst erforschen dürfen und unendlich viele Tatsachenverdrehungen richtig stellen können. Wünschenswert wäre, dass sie es auch schonungslos tun! Wir wissen jetzt immerhin, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, nicht selbst Schuld sind. Was aber Bedürfnisse angeht, klafft weiterhin eine riesige Lücke zwischen soziologischen Wunschträumen und medizinischer und soziologischer Realität. Daher wird noch mehr Zwang aufgebaut, statt ihn zu hinterfragen. Es ist, wie wir gesehen haben, ganz einfach, die Gruppe der Hausfrauen mit Statistik in Misskredit zu bringen und Druck auf sie auszuüben. Sie sind mittlerweile das Feindbild Nummer eins. Um Geld zu sparen, singen PolitikerInnen &#8211; unterstützt durch eine Clique bezahlter SoziologInnen &#8211; das alte Lied von der Eigenverantwortlichkeit. Das System baut darauf, dass alle gesund sind und es auch bleiben, und es gilt, das nicht sein kann, was nicht sein darf. Chronisch Schwerkranke erhalten zwar gewisse Hilfen, vegetieren aber am Existenzminimum herum und haben so keine Möglichkeit, ihre schlechte Lebensqualität durch Freizeitgestaltung zu verbessern. Besonders kranke Frauen werden diskriminiert. Frauen, die aufgrund von typischen Frauenbeschwerden im Grunde erwerbsunfähig sind, werden sogar als faul oder eingebildet krank abgestempelt. Ihr gesellschaftlicher Beitrag als Hausfrau und Mutter wird nicht honoriert. Ihnen hilft nicht einmal eine Berufsunfähigkeitsversicherung, weil sie theoretisch ja noch arbeiten könnten.</p>
<p>Das Ehegattensplitting, das heute übrigens auch gleichgeschlechtlichen Ehen zugutekommt, ist im Grunde eine Anerkennung dafür, dass eine wirtschaftlich besser gestellte Person eine andere absichert. Aber Politikerinnen und Forscherinnen legen leider viel zu oft ihren eigenen Maßstab an alle anderen Frauen an. Zwar sehen sie völlig zu Recht ein Problem darin, dass viele Frauen in und von der Partnerschaft abhängig sind, interessanterweise aber nicht, wenn Männer sich entscheiden, Hausmann zu werden. Es offenbart sich darin das uralte Ziel des Patriarchats, die Mutter abzuschaffen (vgl. Uhlmann 2015a). Statt die weibliche Care-Arbeit zu vergüten, wird Druck ausgeübt, den sie angeblich problemlos auf noch Schwächere abwälzen können: die Kinder. Erste Alarmsignale, dass Kinder immer häufiger und immer früher krank werden, gibt es schon heute.<br />
Einen Ausweg aus der Situation unter den Bedingungen des Patriarchats bzw. der Väter gibt es nicht. Matrifokales Leben ist dagegen zielführend, arbeitet nicht gegen die Natur und hat nichts mit <a href="https://wahrscheinkontrolle.wordpress.com/2017/03/20/nazikeule-mutterkult-wie-mit-halbwissen-muetter-mundtot-gemacht-werden-und-was-dagegen-hilft/">Mutterkult</a> zu tun.</p>
<h3 id="literatur">Literatur</h3>
<p>Baumgart, Julia: Im Job bleiben aber wie? Rubrik Gesundheit: Endometriose. Das vernachlässigte Leiden. In: Brigitte 9/2008</p>
<p>Blaffer Hrdy, Sarah: Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution. Berlin 2010 (engl. Originalausgabe 1999) (2010a)</p>
<p>Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. Berlin 2010 (engl. Originalausgabe 2009) (2010b)</p>
<p>Borchert, Henning; Cotlatz, Jürgen: Empirische Analysen zu weiblichen Lebenssituationen und Gesundheit. In: Leokadia Brüderl, Bettina Paetzold (Hrsg.) Frauenleben zwischen Beruf und Familie. Psychosoziale Konsequenzen für Persönlichkeit und Gesundheit. Weinheim München 1992</p>
<p>Bundesrepublik Deutschland: Flyer der Bundesregierung. Gender Mainstreaming. Was ist das? Berlin 2006.</p>
<p>Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Mädchen und Jungen in Deutschland. Lebenssituationen, Unterschiede, Gemeinsamkeiten. Berlin 2008</p>
<p>Burger, Kathrin Magersucht: Warum nehmen Essstörungen zu? In: Spektrum der Wissenschaft online vom 24.02.2017<br />
<a href="http://www.spektrum.de/news/essstoerungen-wie-magersucht-nehmen-zu/1439050" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.spektrum.de/news/essstoerungen-wie-magersucht-nehmen-zu/1439050</a></p>
<p>Dembe, Allard E.; Yao, Xiaoxi: Chronic Disease Risks From Exposure to Long-Hour Work Schedules Over a 32-Year Period. In: Journal of Occupational &amp; Environmental Medicine: September 2016 &#8211; Volume 58 &#8211; Issue 9 &#8211; p 861–867.<br />
Doi: 10.1097/JOM.0000000000000810<br />
<a href="http://journals.lww.com/joem/Citation/2016/09000/Chronic_Disease_Risks_From_Exposure_to_Long_Hour.2.aspx" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://journals.lww.com/joem/Citation/2016/09000/Chronic_Disease_Risks_From_Exposure_to_Long_Hour.2.aspx</a></p>
<p>Donner, Susanne: Wenn harmlose Erreger psychisch krank machen. Aus: Bild der Wissenschaft online. 09.05.2007<br />
<a href="http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/58634/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.wissenschaft.de/home/-/journal_content/56/12054/58634/</a></p>
<p>Ellert, U., Brettschneider A.-K.; Ravens-Sieberer, U.; KiGGS Study Group: Gesundheitsbezogene Lebensqualität bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse der KiGGS-Studie – Erste Folgebefragung (KiGGS Welle 1) Bundesgesundheitsblatt 2014 · 57:798–806<br />
DOI 10.1007/s00103- 014 -1978- 4<br />
<a href="http://edoc.rki.de/oa/articles/rewpcO0jJpaCw/PDF/20mHufW2LSvbQ.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://edoc.rki.de/oa/articles/rewpcO0jJpaCw/PDF/20mHufW2LSvbQ.pdf</a></p>
<p>Endometriosis Association, Inc: Aufklärung Unterstützung Forschung. Flyer Issued 1980, Revised Milwaukee 1999<br />
<a href="http://www.endometriosisassn.org/brochures/german.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.endometriosisassn.org/brochures/german.pdf</a></p>
<p>Franke, Mirijam: Kampf der Geschlechter: Macht Arbeit nur Frauen krank? Auf:<br />
<a href="https://arbeits-abc.de/viel-arbeit-macht-frauen-krank/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://arbeits-abc.de/viel-arbeit-macht-frauen-krank/</a> abgerufen am 15.11.2017</p>
<p>Gavranidou, Maria: Wohlbefinden und Erwerbstätigkeit im Familienverlauf. In: Bernhard Nauck (Hrsg.) Lebensgestaltung von Frauen. Eine Regionalanalyse zur Integration von Familien- und Erwerbstätigkeit im Lebensverlauf. Weinheim; München 1993</p>
<p>Gelitz, Christiane: <span class="article-heading">Kinder können auch ohne Vater glücklich aufwachsen. Aus: Spektrum der Wissenschaft online vom 05.07.2017<br />
<a href="http://www.spektrum.de/news/kinder-koennen-auch-ohne-vater-gluecklich-aufwachsen/1479737" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.spektrum.de/news/kinder-koennen-auch-ohne-vater-gluecklich-aufwachsen/1479737</a><br />
</span></p>
<p>Hensel, Jana: Lachen als Geste der Demütigung. In: Zeit online vom 14.11.2017<br />
<a href="http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-11/sexismus-buero-arbeit-maenner-frauen-beziehung" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-11/sexismus-buero-arbeit-maenner-frauen-beziehung</a></p>
<p>Nuber, Ursula: Wer bin ich ohne dich?: Warum Frauen depressiv werden &#8211; und wie sie zu sich selbst finden. Frankfurt 2012</p>
<p>Kieselbach, Janne: Warum Männer tatsächlich leichter krank werden. Aus: Sciene ORF online. 13.11.2017<br />
<a href="http://science.orf.at/stories/2877788">http://science.orf.at/stories/2877788</a></p>
<p>Kontio, Carina: Depression. Machen Männer Frauen krank? Aus: Handelsblatt online vom 27.09.2012<br />
<a href="http://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/depression-machen-maenner-frauen-krank/7176326.html" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.handelsblatt.com/unternehmen/beruf-und-buero/buero-special/depression-machen-maenner-frauen-krank/7176326.html</a></p>
<p>Koopmann, Anna-Lena: Jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt: Männer machen Frauen psychisch krank! ELLE online vom 09. November 2017<br />
<a href="http://www.elle.de/maenner-machen-frauen-krank" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.elle.de/maenner-machen-frauen-krank</a></p>
<p>Maletzke, Elsemarie: Das Leben der Brontës. Frankfurt a.M. Leipzig 2008</p>
<p>ASA. American Sociological Association online: Being the Primary Breadwinner is Bad for Men’s Psychological Well-Being and Health. 9.8.2016:<br />
<a href="http://www.asanet.org/press-center/press-releases/being-primary-breadwinner-bad-mens-psychological-well-being-and-health" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.asanet.org/press-center/press-releases/being-primary-breadwinner-bad-mens-psychological-well-being-and-health</a></p>
<p>Repetti; Rena L.; Matthews, Karen A.; Waldron, Ingrid: Employment and Women’s Health. Effects of Paid Employment on Women’s Mental and Physical Health. In: American Psychologist Nov. 1989 Vol. 44, No. 11, 1394-1401</p>
<p>Robert Koch-Institut: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KIGGS). Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey. Mai 2007.</p>
<p>Ruhdorfer, Karoline: Elterliche Sorge. Den Vätern die Rechte, den Müttern die Pflichten. Aus: Deutschlandfunk Kultur online vom 18.05.2015<br />
<a href="http://www.deutschlandfunkkultur.de/elterliche-sorge-den-vaetern-die-rechte-den-muettern-die.1005.de.html?dram:article_id=320034" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.deutschlandfunkkultur.de/elterliche-sorge-den-vaetern-die-rechte-den-muettern-die.1005.de.html?dram:article_id=320034</a></p>
<p>Storm, Andreas (Hrsg.): DAK Gesundheitsreport 2017. Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung (Band16). Hamburg 2017<br />
<a href="https://www.dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.dak.de/dak/download/gesundheitsreport-2017-1885298.pdf</a></p>
<p>Trevisan, Caterina <em>et al.</em>: Marital Status and Frailty in Older People: Gender Differences in the Progetto Veneto Anziani Longitudinal Study. In: Journal of Women’s Health. Volume 25, Number 6, 2016<br />
DOI: 10.1089/jwh.2015.5592<br />
<a href="http://online.liebertpub.com/doi/pdf/10.1089/jwh.2015.5592" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://online.liebertpub.com/doi/pdf/10.1089/jwh.2015.5592</a></p>
<p>Tonn, Julia Jane: Frauen in Führungspositionen: Ursachen der Unterrepräsentanz weiblicher Führungskräfte in Unternehmen. Heidelberg 2015</p>
<p>Uhlmann, Gabriele: Der Gott im 9. Monat – Vom Ende der mütterlichen Gebärfähigkeit und dem Aufstieg der männlichen Gebärmacht in den Religionen der Welt. Norderstedt 2015. (2015a)</p>
<p>Uhlmann, Gabriele: Female choice – unser Menschenrecht. Online seit 2015. (2015b)<br />
<a href="http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://www.gabriele-uhlmann.de/femalechoice.htm</a></p>
<p>Waldron, Ingrid; Herold, Joan; Dunn, Dennis: How valid are self-report measures for evalutating relationships between women’s Health and labor force participation? In: Women &amp; Health Vol.7(2) Summer 1982.<br />
DOI:<a href="https://doi.org/10.1300/J013v07n02_06" target="_blank" rel="noopener noreferrer">10.1300/J013v07n02_06</a></p>
<p>Waldron, Ingrid; Hughes, Mary Elizabeth; Brooks, Tracy L.: Marriage protection and marriage selection&#8211;prospective evidence for reciprocal effects of marital status and health. In: Social Science and Medicine 1996 Jul; 43(1):113-23.<br />
<a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8816016" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/8816016</a></p>
<p>Waldron, Ingrid; Weiss, Christopher C.; Hughes, Mary Elizabeth: Marital status effects on health: are there differences between never married women and divorced and separated women? Social Science and Medicine 1997 Nov;45(9):1387-97.<br />
<a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9351156" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9351156</a></p>
<p>Waldron, Ingrid; Weiss, Christopher C.; Hughes, Mary Elizabeth: Interacting effects of multiple roles on women&#8217;s health. Journal of health and social behavior.1998 Sep;39(3):216-36.<br />
<a href="https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9785695" target="_blank" rel="noopener noreferrer">https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9785695</a></p>
<p>Wrusch, Paul: Petition der Woche. Bluten für Deutschland. Aus: TAZ online. 11.11.2017<br />
<a href="http://taz.de/Petition-der-Woche/!5459147/" target="_blank" rel="noopener noreferrer">http://taz.de/Petition-der-Woche/!5459147/</a></p>
<p><strong>Auch zu empfehlen:</strong></p>
<ul id="liste2">
<li>Hering, Sabine; Maierhof, Gudrun. Die unpässliche Frau: Sozialgeschichte der Menstruation und Hygiene von 1860 bis 1985. Pfaffenweiler 1991.</li>
<li>Kolip, Petra (Hrsg.) Weiblichkeit ist keine Krankheit. Die Medikalisierung körperlicher Umbruchphasen im Leben von Frauen. Weinheim München 2000</li>
<li>Kühn-Mengel, Helga: &#8222;Die mündige „Patientin&#8220;? Vortrag der PatientInnenbeauftragten Berlin auf der 11. AKF-Jahrestagung, 13./14. November 2004, Berlin</li>
<li>Schindele, Eva: Pfusch an der Frau: Krankmachende Normen-Überflüssige Operationen-Lukrative Geschäfte. Frankfurt am Main 1996.</li>
<li>Schumann, Claudia: „Weiblichkeit ist keine Krankheit &#8211; was ist für Frauen gesund?“. Vortrag beim 26. Bremener Schafferinnenmahl 9.11.2000.</li>
<li>Sigel, Mira: &#8222;Wahnsinnsfrauen&#8220; – Psychische Krankheit als Mittel zur Diskriminierung von Frauen, die sich der gesellschaftlich vorgesehenen Rolle verwehren. Online-Ressource auf <a href="https://web.archive.org/web/20211027205948/https://diestoerenfriedas.de/wahnsinnsfrauen/" rel="noopener" target="_blank">https://web.archive.org/web/20211027205948/https://diestoerenfriedas.de/wahnsinnsfrauen/</a> vom 01.03.2016 abgerufen am 20.11.2017</li>
<li>Steinle-Paul, Elisabeth: &#8222;Weiblichkeit ist keine Krankheit &#8211; Über die Gesundheit in den Lebensphasen&#8220;. Vortrag anlässlich der Eröffnung des Frauentages der VHS Karlsruhe von, Stuttgart 2002</li>
</ul>
<p>Der Beitrag <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de/machen-maenner-frauen-krank-die-wahren-zusammenhaenge-von-gesundheit-familienstand-und-arbeit">Machen Männer Frauen krank? – Die wahren Zusammenhänge von Gesundheit, Familienstand und Arbeit</a> erschien zuerst auf <a href="https://blog.gabriele-uhlmann.de">Gabriele Uhlmann</a>.</p>
]]></content:encoded>
					
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