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Vom Matrifokal zum Matridurat – Der Unterschied zwischen freiem Leben und dem Überleben im Patriarchat. [Auszüge aus dem gleichnamigen Buchprojekt]

By 30. Mai 2024Juni 6th, 2024No Comments


Bild: Die Prinzessinnengruppe links Luise, rechts Friederike. Gipsausführung von 1795 in der Friedrichswerderschen Kirche, Berlin. Von Johann Gottfried Schadow

Das Matrifokal

Es fehlte lange für das „vorpatriarchale“ Habitat der Menschheit, das die Altsteinzeit und die frühe Jungsteinzeit einschließt, ein Begriff, der ohne diese ausschließende Nennung des Patriarchats auskommt. Auch für matrifokale Gemeinschaften aus der Zeit nach der Patriarchalisierung stand nur der unbrauchbare Begriff „Matriarchat“ zur Verfügung. Daher hat die Patriarchatsforscherin Stephanie Gogolin für die „matrifokale Gemeinschaft“ den Begriff MATRIFOKAL definiert:

„Als Das Matrifokal bezeichne ich ein real vorhandenes, naturgemäßes, dynamisches Habitat, das von Beginn des Menschseins als existenzsichernde Schutzsphäre für die Mütter und ihren Nachwuchs fungierte. In der Regel bestehend aus konsanguinen Angehörigen beiderlei Geschlechts innerhalb der frühen matrilinear und matrilokal sowie generationsübergreifend lebenden Menschengruppen. Was bedeutet: durch Geburt verwandte Menschen interagierten in ihrem Alltag in überschaubaren mutterbasierten und geschwisterbezogenen Fürsorge-Gruppen, in denen in der Regel jedes Individuum von der Geburt bis zum Tod, integriert und geborgen lebte.“1Vgl. Gogolin 2021 und Gogolin 2022

Das Matrifokal ist keine Gesellschaft, kein Herrschaftsgebilde, also kein Matriarchat, sondern eine zeitgleich mit der Entwicklung der Gattung Homo natürlich gewachsene Sozialordnung, die maximale Sicherheit bei maximal möglicher Freiheit gewährleistet. Alle Frauen des Matrifokals leben ihre Female Choice frei und haben damit auch die Wahl, kinderlos zu bleiben. Das Sexualleben der Frau spielt sich innerhalb der Schutzsphäre des Matrifokals ab, in welcher vertrauenswürdige, fremde Männer aus dem Jagdkollektiv stets vorübergehend zu Gast sind. Die natürliche Exogamie2Der soziologische Begriff der „Exogamie“ wird gemeinhin als „Heiratsregel“ verstanden, bezieht sich also auf den patriarchalen Menschen. In der Biologie wurde er unkritisch übernommen, um natürliches Sexualverhalten zu beschreiben. Es gibt keinen anderen unkontaminierten Begriff dafür. Durch Berücksichtigung der Female Choice und ihrer chemotaktischen Inzestschranke lässt sich das Problem umgehen. Siehe dazu Bott 2009, S. 57 ff. wird also matrilokal ausgeübt, was nicht nur Inzucht verhindert, sondern vor Übergriffen schützt. Das männliche Werbeverhalten zielt auf die Female Choice ab, die primär vom Körper des Mannes, seinem Charme und seiner guten sozialen Einbindung abhängt. Die Frauen gehen deshalb auch aktiv auf die Männer zu. Die Kinder kennen ihren genetischen Vater nicht und das gesamte Matrifokal steht ihnen als Bezugspersonen zur Verfügung, aus denen sie sich ihre „Lieblingsmenschen“, die natürlich konsanguin verwandt sind, selbst aussuchen. Wesentlich ist, dass die Männer im Matrifokal keinen Anspruch auf ihre genetischen Kinder erheben können, da diese anderswo in anderen Matrifokalen aufwachsen.
Die Schwestern leben und arbeiten zusammen; kinderlose Schwestern und die Brüder gehören selbstverständlich zum Netzwerk der helfenden Hände. Meist sind die Männer und männlichen Jugendlichen unter sich und sie verlassen häufig für mehrere Tage das Lager, wobei sie nicht nur jagen, sondern auch sammeln und kochen, was sie von ihren Müttern gelernt haben. Auch temporär kinderlose Frauen tun sich zusammen, um zu jagen. Die Mitverantwortung und Betreuung der jüngeren Brüder und größeren Neffen sowie die Beschaffung von Wildbret obliegen jedoch überwiegend den männlichen Mitgliedern des Matrifokals. Kunst, Musik und Spaßmacherei, Zelt- oder Hausbau machen Männer zu egalitären Mitgliedern des Matrifokals. Sie können aus ihren Tätigkeiten keinen Machtanspruch ableiten, weil auch die Frauen diese Fähigkeiten besitzen und ausüben. Schwere Arbeit wird eher von den älteren Frauen nach der Menopause übernommen. Gefährliche Arbeit erledigen eher die Männer, wobei ihre Körperkraft und Kooperation sie schützt. Es gibt keine Festlegung in Bezug auf ein sog. soziales Geschlecht, wie es das Patriarchat kennt. Die überlebenswichtige intensive Bindung und Unterstützung zwischen den Generationen, insbesondere der Frauen, dazu auch Feste, bei denen Frauen und Männer zusammenkommen und bei denen gemeinsam gekocht und erzählt wird, sowie gegenseitiges Beschenken hält die Gemeinschaft zwanglos zusammen. Im Matrifokal gibt es kein Erbrecht, mit dem der Besitz in der nächsten Generation auf eine bestimmte Person vererbt oder in eine bestimmte Richtung abgeführt werden kann. Weil es kein klar abgegrenztes Generationen-Denken gibt, geht der Besitz kontinuierlich an alle über. Die Widerstandskraft der Gemeinschaft gegen Gefahren aller Art ergibt sich aus ihrem Zusammenhalt und ihrer bedingungslosen Zusammenarbeit. Es ist nicht notwendig, dass einzelne Männer einzelne Frauen beschützen. Die verschiedenen Matrifokale sind über das Schenken, eine Tauschökonomie und das freie Sexualverhalten verbunden, so dass kein Boden für Feindschaften bereitet wird.

Die Matrifokalität in uns

Unsere Matrifokalität ist ein Effekt des Naturgesetzes Female Choice sowie der langen Kindheit. Es ist daher nicht möglich, sie wegzuzüchten. Was angeboren ist, wird auch immer da sein! Unser angeborenes Sozialverhalten hat nie aufgehört zu existieren und steuert unbewusst gegen die Herrschaft der Väter, das Patriarchat. In jeder Familie, jeder Gesellschaft gibt es daher unauflösbare soziale Konflikte, die in ihrer penetranten Wiederholung höchst rätselhaft erscheinen: der Schwiegermutterkonflikt, der übrigens auch ein Schwiegerkinderkonflikt ist, ein Kontaktabbruch, der Egoismus der Älteren, der Nachbarschaftsstreit und besonders die häusliche Gewalt; dazu traurige Unausweichlichkeiten wie der Umzüge, Auszug von Zuhause, der Wechsel der Schule/Schulfreunde, das Empty nest syndrome, die Einsamkeit im Alter. Besonders die Enttäuschungen zeigen, wie groß das Bedürfnis ist, anders zu leben: die Mutter, die allein zuhause mit dem Baby sitzt, Eifersucht, Verrat und Trennungen. Wenn es sich trotzdem plötzlich einmal sehr stimmig anfühlt, ist es meist nicht von langer Dauer. Im Patriarchat befinden sich Matrifokale stets knapp vor ihrer Wiederentstehung: Alleinerziehende Mütter, Großmütter, die ihre Töchter nach deren Niederkunft unterstützen, und Schwestern, die fest zusammenhalten.

Die moderne Gesetzgebung unterbindet Matrifokalität immer noch ganz offen, erzeugt aber durch den Glauben an die Rechtmäßigkeit des hierarchischen Systems den Eindruck, von Gerechtigkeit im Sinne von Gleichheit geleitet zu sein. Das Patriarchat usurpiert so zu großen Teilen die natürliche Bindung der Geschwister durch Geburt und wertet die mütterliche Beziehung zum Kindsvater auf, die allein auf der genetischen Zusammensetzung des Kindes basiert, denn Gefühle können täuschen und sind keine Garantie.

Unsere Matrifokalität bricht sich immer wieder Bahn, aber in unserer Gesellschaft existiert dieses Wissen nicht. Sie lässt sich dennoch instrumentalisieren und damit gegen uns verwenden. Die zentrale Rolle spielt hier der Neid, der im Sprachgebrauch auch mit Eifersucht gleichgesetzt und ambivalent behandelt wird. Der Neid ist die Folge von Ungleichheit, die von unserem matrifokalen Erbe zu tiefst abgelehnt wird, denn sie bedroht die Existenz der Gemeinschaft. Die Wirtschaft jedoch lebt vom Neid, er ist erwünscht als Triebfeder, noch mehr zu konsumieren und wird von der Werbung absichtsvoll geschürt. Dennoch ist er gesellschaftlich nicht anerkannt, weil Neid sich auch und vor allem gegen Besitzende richtet. Männlicher Gebärneid dagegen ist nicht verpönt, ja nicht einmal bewusst, weil er kaum erkennbar in den Religionen kultiviert ist, dabei ist er das eigentliche Grundproblem: Er ist als göttliche Schöpferkraft verkleidet, auch wenn noch nie ein Mann geboren hat.3Vgl. Uhlmann 2015 Es muss geglaubt werden und der Glaube ist zu respektieren, er macht uns angeblich zu besseren Menschen. Desinformation nach dem Haltet-den-Dieb-Prinzip ist für das Patriarchat überlebenswichtig. Dazu gehört heute, im modernen Patriarchat, dass Frauen, die die Geburt als ihre Urkompetenz beschreiben, bzw. sich als deren natürliche Besitzende betonen, als unemanzipiert hingestellt werden. Diese Bestrafung der unbotmäßigen Richtigstellung der biologischen Tatsache trifft hart, wenn Frauen sich nicht bewusst sind, was da mit ihnen gemacht wird: Wo Männer sich lange mit dem Schöpfer – also dem vaterrechtmäßigen Besitzer der Zeugung, der Geburt und des Kindes – identifizierten, können sie sich heute zusätzlich auf das Gleichheitsgebot berufen. Die Aussage „Männer können gebären“ gilt heute als politisch korrekt, als „woke“ (engl. für „aufgewacht“), obwohl es das genaue Gegenteil ist, eine neue Form der Religion. Die dem Gleichheitsgrundsatz folgende Aussage „das Kind braucht den Vater genauso wie die Mutter“ wird regelmäßig von Vaterrechtlern kolportiert. Beides dient der Aufrechterhaltung der Vaterschaft als Institution, ist also das genaue Gegenteil von Emanzipation. Artgemäß wäre die Aussage, dass alle Kinder auch den Kontakt mit männlichen Bezugspersonen brauchen, diese sind aber nur dann kein Risiko, wenn sie konsanguin, also über die Mutter verwandt sind, und diese Matrilinearität auch konsequent leben. Die evolvierte Matrifokalität gewährleistet Menschenkindern maximalen Schutz.

Die Vater-Religion dient der Weismachung, Mütter und Frauen generell seien mit ihrem Freiheitsdrang im Unrecht. Im laizistischen Staat wird diese Maxime beibehalten, indem die Gewalt des Gesetzes Mütter nötigt. Mütter sind erpressbar, sobald sie eine tiefe Bindung zu ihren Kindern haben und den Vater (resp. den Staat) über seine Vaterschaft informieren (müssen), was fast immer der Fall ist. Die wirtschaftliche Schlechterstellung der Mutter macht sie vom Vater abhängig, ob verheiratet oder nicht. Deshalb keine tiefe Bindung zu den Kindern aufzubauen, ist genauso wenig emanzipiert, ja sogar eine Vergewaltigung des Selbst, die zu Lasten der Kinder geht und ein permanent schlechtes Gewissen erzeugt, ein Ruf unserer Matrifokalität.
Wenn Paare heute heiraten, heiraten sie meist mit „Rückenwind“, d.h. dass sich die Frauen bis zur ersten Schwangerschaft die Option offenhalten, sich wieder zu trennen. Sie ordnen den Partner unbewusst als Fremden ein und behalten sich ebenso unbewusst ihre Female Choice bis zur Ehe vor. Schwangerschaften treten häufig auch im Moment der Trennung auf, wenn die Beziehung eigentlich schon zu Ende ist. Mit Beginn der Schwangerschaft wird die patriarchalisierte Mutter aber nicht das Weite suchen, um in Ruhe ihr Kind zu bekommen und aufzuziehen, sondern ist mit dem Kindsvater loyal, und lässt zu, dass er zu „seinem Kind“ eine Beziehung aufbaut. Die Forderung, Väter noch stärker in die Erziehung einzubeziehen, klingt feministisch, ist aber eine Falle, die oft erst erkannt wird, wenn die Trennung ansteht, manchmal schon früher, nämlich wenn der Vater nur noch Augen für seine kleine Prinzessin hat statt für seine Ehefrau. Dann beginnt die Mutter, ihn wieder als das zu sehen, was er immer war, ein Fremder, dem sie einmal begegnet ist. Das Kind aber gerät in einen schweren Loyalitätskonflikt. Loyalität ist immer eine moralische Forderung, die im Großklima des Patriarchats einen Menschen einem anderen verpflichtet, sie nimmt in Geiselhaft. Dabei kann sich der Vater dieser Loyalität leicht entziehen, hat er doch die Loyalität des Gesetzes auf seiner Seite. Anders ausgedrückt: Da die Mutter ist, der Vater sich jedoch macht und über die Mutter und das Kind dominiert, ist die Loyalität einseitig auf ihn gerichtet. Der Loyalitätskonflikt des Kindes beruht darin, dass es sich der Mutter zugehörig fühlt, aber den Vater nicht enttäuschen will. Mit Liebe hat das nur wenig zu tun.

Radikaler Feminismus – der lauteste Ruf unserer Matrifokalität

Ist der Leidensdruck groß genug, beginnen selbst Mütter, die den väterlichen Führungsanspruch bisher nicht infrage gestellt haben, ihre erlernten Grundsätze aufzugeben. Während und unmittelbar nach Kriegen, in Verelendung, bei Untreue und häuslicher Gewalt wird Frauen und Müttern ihre Lage bewusst. Trotz drohender Gewalt versuchen sie dann, aus ihren Käfigen auszubrechen. Das ist noch kein Feminismus, keine mentale Befreiung, nicht die Absicht das Problem für alle Frauen grundsätzlich abzustellen. Dass das Private das Politische ist, können Frauen nur begreifen, wenn sie das Tabu, darüber offen zu sprechen, brechen und ihre Lage nicht mehr als persönliches Versagen begreifen, sondern als Ergebnis des Vater-Dogmas.4Vgl. Uhlmann 2018 Feministische Ziele müssen Stück für Stück gemeinschaftlich erkämpft werden. In der westlichen Welt erleben Frauen aber auch immer wieder ihre Entrechtung, den unvermeidlichen Backlash des Patriarchats, während sie in den extremen Patriarchaten nur selten aufstehen. Unsere matrifokalen Grundhaltungen der Mütterlichkeit, der Fürsorge für andere Menschen und der Liebe zum Frieden werden dabei immer wieder in erpresserischer Weise gegen die Frauen verwendet, und sie liefern sich dem aus, wenn sie aufgrund mangelnder Aufklärung nicht erkennen, wie sehr sie sich damit selbst schaden, wenn ihre vermeintlich feministische Fürsorge den Männern resp. Vätern gilt. Dagegen steht: „Die Medien und die Meute sind sich nie zu schade, um ihren Frauenhass mit irgendeiner guten Begründung öffentlich zu machen“5Kontext siehe Stämpfli 2023, Min 25:29, wie Regula Stämpfli es formuliert.

Es ist in der weltweiten patriarchalen Geschichte aber mehrmals passiert, dass nicht nur einzelne Verbesserungen oder Anpassungen durchgesetzt wurden, sondern echte reale und mentale Befreiung geschah und Matrifokale neu entstanden sind. Es war wiederholt Frauen oder gar Schwestern die Flucht aus ihrer traumatisierenden Lage gelungen und sie hatten es fortan unterlassen, bei ihren sexuellen Kontakten wieder den Vater mitzudenken. Diese Entscheidungen führten unabdinglich zu heute noch lebenden matrifokalen Großgemeinschaften, in denen die dort hineingeborenen Jungen die Freiheit der Mütter und ihrer Schwestern als natürlich erleben dürfen und auch als Erwachsene nichts anderes von den Frauen erwarten. Bekanntere Beispiele sind die Tuareg der Sahara, ein Berbervolk, das als Besonderheit hirtennomadisch und trotzdem matrifokal lebt, sowie die Mosuo in Südchina, die von Ackerbau und Tierhaltung leben.

Jungsteinzeitliche Resilienz, jungsteinzeitliche Entmenschlichung

Ein ursprüngliches Matrifokal kann dagegen aus der noch matrifokalen Jungsteinzeit herübergerettet und längst vom Patriarchat umgeben sein. Solche Matrifokale befinden sich mit hoher Sicherheit noch unter den unkontaktierten, isolierten Völkern.
Ein neu entdecktes prähistorisches Beispiel liefert Erkenntnisse über die Besiedlung der überaus wild-, fisch- und pflanzenreichen Westsibirischen Taiga. Sie zeigen, dass sich die dort lebenden Wildbeuter-Gemeinschaften während der Misox-Schwankung6Klimakatastrophe vor 8200 Jahren, die die zu diesem Zeitpunkt bereits 3200 Jahre alte fatale Abhängigkeit von Landwirtschaft offenbar werden ließ. Vgl. Uhlmann 2019 mit Befestigungen, die übrigens zu den ältesten Festungen der Welt zählen, gegen die Angriffe schützen mussten und genötigt waren, hinter ihren Mauern sesshaft zu werden, so in den jüngst untersuchten Siedlungen Amnya und Imnegan.7Vgl. Schreiber et al. 2022 
Diese neuen Funde unterscheiden sich wiederum erheblich von denen aus der Jungsteinzeit Südost- und Mitteleuropas. Die sich hier aus Südosteuropa ausbreitende Bandkeramische Kultur war nicht indigen, sondern sie wurde von ehemalig indigenen anatolischen Klimaflüchtlingen getragen, die noch matrifokal lebten, sich an verschiedenen Stellen entlang ihrer Migrationsroute niederließen und mehrere neue Kulturen entwickelten. Mit den BandkeramikerInnen hielt um 5.500 v.u.Z. in Mittel-, Süd- und Westeuropa das Neolithikum Einzug, die Jungsteinzeit mit Ackerbau und Tierhaltung, ohne dass die indigenen Wildbeuter-Matrifokale sich gegen die Neuankömmlinge schützen mussten, sie bauten keine Verteidigungsanlagen. In Mitteleuropa lebten sie über einen Zeitraum von 2000 Jahren in friedlicher Koexistenz, wobei es zu ersten Kontakten kam. Auf der iberischen Halbinsel kam es noch deutlich früher zu einer friedlichen Vermischung der beiden Gruppen.8Vgl. MPG 2023 Die BandkeramikerInnen begannen vereinzelt, ihre Toten in denselben Höhlen wie die WildbeuterInnen zu bestatten. Das baldige Ende der Bandkeramischen Kultur zeichnete nur 500 Jahre nach ihrer Ankunft ab, als infolge einer weiteren Klimakatastrophe und Hungersnot einzelne überlebende Männer Nutztiere aus den Siedlungen stahlen und in den Mittelgebirgen mit deren Zucht begannen. Dies löste eine erste Welle der Selbstpatriarchalisierung aus, bei der Frauen geraubt und deren Brüder getötet wurden, und zwar sowohl unter den BandkeramikerInnen als auch WildbeuterInnen. Unter den Toten des Massakers von Talheim aus der Untergangszeit der Bandkeramischen Kultur fehlten fast alle Frauen im gebärfähigen Alter, die auf einem regulären Friedhof statistisch zu erwarten gewesen wären, während sich unter den toten Männern zwei fanden, die archaische Züge trugen, also von ein oder zwei WildbeuterInnen abstammten. Ihre Anwesenheit belegt, dass sie sich mit den BandkeramikerInnen bestens verstanden hatten und sie diesen wohl auch ihr Wissen vermittelten, wie man sich aus der Natur Mitteleuropas ernährt, was in Zeiten der Not äußerst angesehen und willkommen gewesen sein muss.
Mit immer mehr Massakern verschwanden nicht nur die Bandkeramik, sondern auch die Nachfolgekulturen bis 4.500 v.u.Z., nämlich Hinkelstein, Groß Gartacher und Rössener Kultur. Die neolithische Bevölkerung schrumpfte in der Kaltphase zwischen 4.500 und 4.400 v.u.Z. nochmals erheblich, während die nicht sesshaften WildbeuterInnen keine Ernährungsengpässe erlitten, weil sie in günstigere Lagen ausweichen konnten. Insbesondere vielen Wildbeuterinnen, die mit ihrem Heil- und Pflanzenwissen sehr willkommen waren, gelang nun verstärkt der Eintritt in die prekären jungsteinzeitlichen Siedlungen, wo sie die geraubten Frauen ersetzten und auch die Landwirtschaft erlernten.
Eine neue genetische Studie9Vgl. Rivollat et al. 2022 zeigt, dass sich im Pariser Becken vor 7000 Jahren ein ähnlicher Vorgang wie in Mitteleuropa abgespielt hatte. Das Gräberfeld von Gurgy ‚Les Noisats‘ zeigt eine bereits patrilineare Bevölkerung, die offenbar auf einen einzelnen „Gründervater“, richtiger: Verbrecher, zurückgeht, der kultisch verehrt wurde. Die dort gefundene vermeintliche Monogamie der Frauen UND der Männer aus sieben Generationen zeigt, dass die Söhne von Nebenfrauen nicht mitbestattet waren, sondern entweder in den Krieg gezogen waren und nicht zurückkehrten oder ermordet und nicht mitbestattet wurden. Alle Töchter wurden dagegen in die Fremde verheiratet.
Es ist möglich, dass es dieser Stamm war, der die Fluchtbewegung auslöste, die nach einer Phase von 100-150 Jahren nach Untergang der Rössener Kultur im südlichen Mitteleuropa zur Herausbildung der Michelsberger Kultur führte. Diese neolithische Kultur nutzte verlassene Siedlungen nach, wie es an vielen Fundhorizonten ablesbar ist. Die Tierhaltung wurde hier zunehmend im großen Stil betrieben, erkennbar an den Ansammlungen von Kreisgrabenanlagen. Diese Kultur fällt durch die offensichtliche Egalität auf, ablesbar an Gräbern und Behausungen. Die Häuser wurden mit Reliefs aus Brüsten und die typische Keramik mit Knubben, die Brüste symbolisieren, verziert. Auch WildbeuterInnen wurden erneut integriert, aber nach knapp 1000 Jahren um 3500 v.u.Z. endete auch diese Kultur, nicht ohne wieder von den letzten WildbeuterInnen überlebt zu werden.
In den südlicheren Nachfolgekulturen der nächsten 500 Jahre – auf heute west- bis mitteldeutschem Gebiet die Wartberg-Kultur, die durch Verteidigungsanlagen auffällt, und im Süden die Horgener und Chamer Kulturen – gingen die letzten Matrifokale der WildbeuterInnen auf. Im nördlichen Mitteleuropa bildete sich um schon 4200 v.u.Z. die Trichterbecher Kultur aus, die von der später eingewanderten Kugelamphoren-Kultur teilüberlagert wurde, welche ebenfalls noch das matrifokale Leben kannte. Sie assimilierte die Ertebølle-Kultur bereits keramischer WildbeuterInnen. Um ca. 3.000 v.u.Z. lebten in Mitteleuropa keine WildbeuterInnen mehr, ihre Nachfahren waren nun BäuerInnen. Um 2800 v.u.Z. gingen alle matrifokalen Kulturen nördlich der Alpen durch die patriarchale Schnurkeramische Kultur unter, die sich von Osten her ausbreitete und die Indoeuropäisierung einleitete.10Vgl. Uhlmann 2019 und Universität Mainz 2013 Die Matrifokale West- und Südeuropas gingen im Zuge der Indoeuropäisierung unter. Ob und wie lange es in Eurasien noch Matrifokale in Insellage gab, ist noch nicht geklärt.

Übergangspatriarchate

Patrilinearität muss über Patrilokalität hergestellt werden, daher finden sich heute weltweit keine patrilinearen Völker, die in regelmäßig Matrilokalität leben. Trotzdem gibt es noch Völker, die nicht vollständig patriarchalisiert sind. Bei vielen Ethnien, in denen die Mutter mit dem Vater ihrer Kinder zusammenwohnt, liegt Uxorilokalität vor, d.h. das Paar lebt vorübergehend bei den Eltern der Ehefrau, hier geht es um die Verlässlichkeit der Versorgung. Diese Gemeinschaften bezeichne ich als Übergangspatriarchat. Ein Übergangspatriarchat ist eine Gesellschaft11Zum Begriff der Gesellschaft siehe Gogolin/Uhlmann 2020, die noch deutlich matrifokale Züge trägt. Hier können wir sozusagen dem Prozess der Patriarchalisierung bei der Arbeit zusehen, der einsetzt, wenn kein Frauenraub im Spiel ist. In vielen dieser ehemaligen Matrifokale haben Missionare dafür gesorgt, dass die genetischen Väter mit „ihren Kindern“ zusammenleben. Die Kinder sollen lernen, einen Vater zu haben. Die Väter wirken in der Gemeinschaft wie plötzlich entartete Zellen, die sich langsam ausbreiten. Bei den !Kung San in der Kalahari hat sich daher auch eine komplexe Streitkultur entwickelt, wo vorher kaum gestritten wurde. Bei den Yequana in Venezuela „sind Frauen und Kinder besonders bemüht, ihr Bestes zu geben“12Liedloff 1991, S. 130, wenn der Vater anwesend ist und die Mädchen werden dazu ermuntert, den Vater zu bedienen. Der Mann als Vater macht Probleme, sobald er auftaucht.

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte haben wir es mit ursprünglichen, migrierten und auch vom Patriarchat umstellten oder sich in Insellage befindlichen matrifokalen Gemeinschaften zu tun. Sie alle können den Namen „Matrifokal“ tragen. Es ist aber für solche, die noch nach Beginn der Patriarchalisierung existierten oder existieren, nicht ohne Weiteres ersichtlich, ob es sich um ursprüngliche oder sogar neu entstandene Matrifokale handelt. Matrifokale der vorpatriarchalen Zeit waren Jahrhunderttausende nicht der unmittelbaren Bedrohung ausgesetzt und mussten keine Strategie zu ihrem Schutz vorhalten. Davon unterscheiden sich alle späteren Matrifokale erheblich, denn sie müssen sich gegen den Patriarchalisierungsdruck schützen. Von diesem Umstand ist abhängig, wieviel Freiheit ihnen noch blieb oder bleibt. Daher erscheint es mir nicht angemessen, sie undifferenziert als „Matrifokal“ zu bezeichnen. Wie also nennen wir solche Gemeinschaften, wenn nicht – denn dieser Begriff ist ja zu vermeiden – „Matriarchat“? Dazu noch eine Vorüberlegung.
Um ungestört in Matrilokalität und Matrilinearität zu überleben, müssen sich Matrifokale den verschiedenen, patriarchalen Herausforderungen stellen. Beim Avunkulat (lat. avunculus, der Mutterbruder) ist der genetische Vater noch bedeutungslos und die Mutter wohnt bei ihrem Bruder, der die „Vaterrolle“ für seine Neffen und Nichten innehat, d.h. als männliche Bezugsperson fungiert. Hier steht die Vererbung des Besitzes im Vordergrund, d.h., dass die Brüder begonnen haben, den Besitz zu privatisieren und ihre Schwestern werden quasi darauf trainiert, mit einem Mann in einer Ehe zu leben, die freilich noch eine Pseudoehe ist. Die Matrilokalität ist hier bereits durch eine „Fraternilokalität“ (lat. frater, der Bruder; der Begriff ist nicht etabliert) ersetzt und die Matrilinearität nimmt sozusagen einen Umweg über den Bruder. Diese Lebensweise ist bereits eine Anpassung an das umliegende oder erobernde Patriarchat, das das ursprüngliche Matrifokal mit der Idee der männlichen Dominanz und des Besitzes angesteckt hat, also eine Spielart des Patriarchates und ebenso kein Matriarchat. Jüngst wurde das Avunkulat für die Keltenfürsten der Hallstattzeit (800 bis 450 v. Chr.) genetisch nachgewiesen, bei denen die sog. Fürstinnen als „King-Mums“ und gleichzeitig als „King-Sisters“ identifiziert wurden.13Vgl. MPG 2024 Warum nicht nur die patriarchalische biologistisch-dynastische Erklärung, also die Sicherung der väterlichen Gene, dafür herangezogen werden darf, sondern vor allem die uralte Matrifokalität Berücksichtigung finden muss, hatte Gerhard Bott bereits am Beispiel der pharaonischen Bilinearität erläutert.14Vgl. Bott 2009, S. 97 ff u. 419 ff

Überdauernde Matrifokale – das Matridurat und das Neo-Matridurat

Heutige reine Matrifokale leben oft in Reservaten, die sich nicht friedlich ausdehnen lassen, ohne die patriarchalen Menschen an den Grenzen von der Matrifokalität zu überzeugen. Ein schon verheiratetes Paar kann dabei nicht auf Aufnahme und Unterstützung ins Matrifokal hoffen, denn das führt unweigerlich zu Konflikten. Allem voran sind es aber die jungen Frauen, auf die bestimmte Maßnahmen abzielen müssen, wenn sich eine matrifokale Gemeinschaft nicht aufgeben will, denn sie alle sind Garantinnen der Zukunft. Das Patriarchat wirkt anziehend, sei es durch die materiellen Verlockungen, sei es durch einen attraktiven Mann, die größte Gefahr. Es muss also das Verbot ausgesprochen werden, dass junge Frauen keine Kontakte ins Patriarchat pflegen dürfen. Dies aber ist in Bezug auf die unter Matrifokalität gelebte Female Choice bereits widersinnig, eine Beschränkung, die wiederum kontraproduktiv wirken muss, denn jede Reglementierung dieser Art erzeugt insbesondere bei Jugendlichen Widerstand.
Zur Lösung des Problems der Differenzierung solcher im Patriarchat überlebenden Matrifokale von den ursprünglichen Matrifokalen, habe ich den Begriff MATRIDURAT (lat. durare, andauern) entwickelt: Ein Matridurat ist ein Matrifokal, das vom Patriarchat umgeben und bedroht ist und sich erfolgreich, bewusst und resilient mit Regeln und/oder mittels Verteidigung gegen die patriarchale Einverleibung schützt. Im Gespräch mit Stephanie Gogolin wurde mir zudem klar, dass auch Matridurate, die von ehemals patriarchalen Frauen neu gegründet wurden, gesondert gekennzeichnet werden müssen, ich nenne sie daher NEO-MATRIDURAT.
Die Mosuo sind meines Wissens das einzige Matridurat, das durch Überlieferung als neugegründet abgesichert ist, sie sind ein Neo-Matridurat. Wie ich es an anderer Stelle15Vgl. Uhlmann 2020 ausgeführt habe, sind sie Nachkommen von Frauen, die aus der nomadischen Viehzüchtergesellschaft der Mongolischen Steppe stammten. Es ist ihnen während eines Eroberungsfeldzuges ihrer Männer gelungen, zu entkommen und in dem abgelegenen Gebiet um den Lugosee, ein Gebirgssee auf dem Yunnan-Guizhou-Plateau, neu anzufangen, ohne den alten Fehler der Patrilinearität zu wiederholen. Ob sie damals aus Erfahrung wussten, was genau das Problem ist, nämlich die gewaltsam aufrechterhaltene Vaterschaft, oder ob es eine psychologische Vermeidungsstrategie war, ist unbekannt. Da Matrifokalität angeborenen ist, hat jedenfalls das Heraushalten fremder Männer zu einem neuen Matrifokal geführt. Für die Tuareg in der Sahara existiert keine vergleichbare Überlieferung, jedoch wurden sie gegen ihren Willen islamisiert und mussten sich den arabischen Handelsstrukturen anpassen, so dass ihr Wirtschaftssystem heute nach außen patriarchalisch ist, während ihr Sozialsystem matrifokal geblieben ist. Ob es sich bei der jungsteinzeitlichen Michelsberger Kultur um ein Matridurat oder ein Neo-Matridurat handelte, ist noch zu klären.

Aussicht

Die Neo-Matridurate zeigen, dass die Menschheit dem Patriarchat nicht so ausgeliefert ist, wie weithin angenommen, sie machen Hoffnung auf mehr. Daher ist ihre differenzierte Benennung so wichtig. Deutlich ist auch, dass wir sie als Übergangsform verstehen müssen, solange die Female Choice nicht weltweit gesichert ist. Es kann aber nicht Ziel sein, sie nur unter Denkmalschutz zu stellen, dann werden es erfahrungsgemäß trotzdem immer weniger. Patriarchat ist theoretisch umkehrbar, aber in der Realität aufgrund der Überbevölkerung und der vollständigen Besiedelung noch des letzten Winkels nur schwer auf humane bzw. friedliche Art zurückzudrängen und umzuwandeln. Ohne die Stärkung der Female Choice, ohne weltweite Aufklärung über sie und auch ohne die Durchsetzung der freien Empfängnisverhütung und Abtreibung kommt das Ziel nicht in Reichweite. Es sind die Frauen, die sich mental und körperlich befreien müssen, aber es sind die Männer, die das Unterfangen der Frauen anerkennen und schützen müssen, in der Einsicht, dass es sich nicht nur um unser kulturelles Welterbe handelt, matrifokal zu leben, sondern um unser aller Menschenrecht, unser eigentliches Sein. Nur solche Männer können auch mit Recht das Prädikat „Feminist“ für sich beanspruchen.
Wenn wir von dem abweichen, was uns angeboren ist, fügen wir uns Schaden zu. Kultur ist nicht in der Lage, dies vollständig zu kompensieren, chronifiziert die Komplexe sogar noch. Matridurate beweisen, dass ein Wechsel zurück zu unserem angeborenen Sozialverhalten möglich ist. Es bedarf dazu keiner Anpassungsleistung, wie sie uns das Patriarchat abverlangt, es raubt uns daher keine Energien, sondern erfordert lediglich wissenschaftliche und soziale Anerkennung.

Danke, Stephanie, für Deine wertvollen Hinweise und Bemerkungen!
Braunschweig, 30.05.2024

[Update am 04.06.2024! An dieser Stelle ein globales Danke an apl. Prof. Dr. Dirk Krausse!]

 

Literatur

 

 

  • 1
    Vgl. Gogolin 2021 und Gogolin 2022
  • 2
    Der soziologische Begriff der „Exogamie“ wird gemeinhin als „Heiratsregel“ verstanden, bezieht sich also auf den patriarchalen Menschen. In der Biologie wurde er unkritisch übernommen, um natürliches Sexualverhalten zu beschreiben. Es gibt keinen anderen unkontaminierten Begriff dafür. Durch Berücksichtigung der Female Choice und ihrer chemotaktischen Inzestschranke lässt sich das Problem umgehen. Siehe dazu Bott 2009, S. 57 ff.
  • 3
    Vgl. Uhlmann 2015
  • 4
    Vgl. Uhlmann 2018
  • 5
    Kontext siehe Stämpfli 2023, Min 25:29
  • 6
    Klimakatastrophe vor 8200 Jahren, die die zu diesem Zeitpunkt bereits 3200 Jahre alte fatale Abhängigkeit von Landwirtschaft offenbar werden ließ. Vgl. Uhlmann 2019
  • 7
    Vgl. Schreiber et al. 2022
  • 8
    Vgl. MPG 2023
  • 9
    Vgl. Rivollat et al. 2022
  • 10
    Vgl. Uhlmann 2019 und Universität Mainz 2013
  • 11
    Zum Begriff der Gesellschaft siehe Gogolin/Uhlmann 2020
  • 12
    Liedloff 1991, S. 130
  • 13
    Vgl. MPG 2024
  • 14
    Vgl. Bott 2009, S. 97 ff u. 419 ff
  • 15
    Vgl. Uhlmann 2020