Rapunzel

Die Ursprünge in der antiken Mythologie

Rapunzel, eine Reinkarnation der Demeter/Persephone.

Rapunzel, das Gebärkraut der Ishtar.

Die Symbole

Rapunzel, Frau Gothel, Mutter und Tochter, Zwillinge, Zopf, Turm, Gefangenschaft, Blindheit, Wüste.

Die brisante Textstelle: Rapunzels Schwangerschaft

bis eines Tages das Rapunzel
anfing und zu ihr sagte: „Sag sie mir doch Frau Gotel,
meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.“

Verwandte Märchen bei Grimm

Dornröschen & Co.

Tiefenpsychologische Deutung: Will Liebe gelernt sein?

Was Eugen Drewermann dazu sagt und was wiederum dazu die Patriarchatsforschung.

Literatur

Die Ursprünge in der antiken Mythologie

Das Rapunzel-Motiv ist in ganz Europa verbreitet und geht auf antike Mythen zurück, die in die Volksüberlieferung einflossen. Verschiedene Elemente der Geschichte sind dem altgriechischen Mythos von Demeter und Kore entliehen: „Der klassische Mythos von Kore-Persephone und Demeter wurde in ein Märchen über die heilige Demetra umgewandelt. Die Tochter der (Heiligen) Kore wurde von einem ‚bösen türkischen Zauberer‘ (Hades) geraubt und in einen Turm gesperrt. Ein junger Held rettete sie, kam aber dabei auf grauenvolle Weise um. Der Bösewicht zerhackte ihn und ließ die Leichenteile an der Mauer des Turms ‚zwischen Himmel und Erde‘ herunterhängen. Daraufhin erschien die heilige Demetra, geleitet von einem Storch (in der Antike ihr Totemvogel, der die Geburt symbolisiert), setzte die Leichenteile des Retters wieder zusammen und gab ihm sein Leben zurück.“ (Walker 1995, S. 162 f).

Der altgriechische Mythos von Danaë, einer der Geliebten des Zeus, ist mit dem Märchen Rapunzel aufs Engste verwandt: Danaë wird von ihrem Vater in einen Turm gesperrt, weil ihm nach einem Orakelspruch prophezeit wurde, dass er keine Söhne haben wird und ein Enkel ihn einst tötet. Zeus gelangt jedoch als Goldregen durch das undichte Dach zu Danaë, die dann den Perseus gebiert. Siehe dazu speziell meinen Blog.

Um die Zeitwende entstand die Legende von Hero und Leander. Hero war als Priesterin der Aphrodite im Tempel von Sestos an der Meerenge Hellespont eingesperrt. Leander, ihr Geliebter, durchschwamm jeden Abend das Wasser, um zu ihr zu gelangen. Seezeichen war eine Lampe, die Hero ins Fenster stellte. Als die Lampe vom Sturm ausgelöscht wurde, fand Leander nicht ans Ufer und ertrank. Vor Gram stürzte sich Hero ins Meer. Der sog. Leanderturm in Istanbul erinnert daran.

Auf heute türkischem Boden haben sich Sagen von eingesperrten Töchtern erhalten, die auf die griechischen Mythen zurückgehen, so in Kizkalesi (Mädchenburg) an der Kilikischen Mittelmeerküste: Eine Wahrsagerin hat dem Burgherrn prophezeit, dass seine Tochter von einer giftigen Schlange gebissen würde. Um sie zu schützen, sperrt er sie in eine zweite Burg, die gegenüber im Wasser steht. Die Schlange aber versteckt sich in einem Obstkorb, der auf die Burg gebracht wird, und so nimmt das Schicksal doch noch seinen Lauf.
(Es handelt sich dabei um zwei reale Kreuzfahrerburgen, deren Entstehung mit der Sage erklärt wird.)

Nach der römischen Gründungslegende machte der Bruder des von ihm getöteten Königs von Alba Longa dessen Tochter Rhea Silvia zur Vestalin, weil er nicht wollte, das sie Nachkommen hätte, die Rache an ihm nehmen könnten. Vom Kriegsgott Mars verführt gebiert sie dann aber die Zwillinge Romulus und Remus.

Anklänge an das Motiv der eingesperrten Tochter finden sich auch bei dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot. Er berichtet von Mandane, der Tochter des medischen Königs Astyages, die er erst nach Persien verheiratete und dann von dort zurückholte, weil er zweimal davon träumte, dass sie dem Medischen Reich Unglück bringen würde.

Einige Elemente aus Rapunzel sind sogar mit dem altbabylonischen Etana-Mythos verwandt: Das Kraut mit der Macht über die Fruchtbarkeit und der Turm, der einem Baume gleich Himmel und Erde verbindet. Hoch oben wohnt die Göttin selbst.

Auch Maria Magdalena, die Apostelin der Apostel, wird in der Literatur manchmal als Urbild Rapunzels bezeichnet, jedoch ist ihre Überlieferung jünger als beispielsweise der Demeter-Mythos, der dem Inhalt nach aus der frühen Bronzezeit stammen muss. Der Tempel in Jerusalem war einst den dreifaltigen Göttinnen Mari, Anna und Ischtar geweiht und soll von drei Türmen gekrönt gewesen sein (Barbara Walker). Das althebräische Wort für Turm lautet Migdal und im altgriechischen Magdala. Der Name der Jüngerin bedeutet damit soviel wie Turm-Göttin. Der Kirchenvater Origines bezeichnet sie dann als Frauenhaarflechterin, was eine negative Konnotation besitzt und zwar der einer Prostituierten.

In der mittelalterlichen Legenda aurea (Ausgabe Köln 1479) erscheint das Turm-Motiv in Zusammenhang mit der Heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Bergleute. Sie wird von ihrem Vater in einem Turm eingesperrt, weil sie Christin werden will. Es gelingt ihr zunächst, in eine Felsspalte zu fliehen, wird jedoch von einem Hirten (!) verraten. Barbara wird in der Literatur manchmal mit Maria Magdalena gleichgesetzt.

Drei literarische Quellen waren Grundlage für die Grimmsche Fassung. Die verkürzte Bearbeitung Jacob Grimms einer Erzählung von Friedrich Schulz (1790) geht ihrerseits auf die Feengeschichte „Persinette“ zurück, die 1698 von der französischen Hofdame Charlotte-Rose de la Force verfasst wurde. Sie behauptete, die Geschichte erfunden zu haben. Aber die Märchensammlung des Giambattista Basile (1575-1632) „Das Pentameron“ (1634, posthum) enthält bereits die Geschichte, in der das Mädchen „Petrosinella“ heißt. Basile gibt dort an, dass es Chiarella Usciolo war, angeblich eine Großmutter seines Oheims, die das Märchen zu erzählen pflegte. Der Fachliteratur nach soll sie allerdings der Phantasie eines anderen Novellisten entsprungen sein. Felix Liebrecht, der das Pentameron 1846 ins Deutsche übersetzte, übertrug ihren Namen daher ins Deutsche mit „Klara Löchlein“, dies unter Zustimmung Jacob Grimms.

Die Symbole

Rapunzel

Das Mädchen Rapunzel wurde nach den „Rapunzeln“ im Garten der Frau Gothel benannt. Weil der Name für drei Pflanzen aus zwei verschiedenen Pflanzenfamilien verwendet wird, ist zunächst unklar, welche Rapunzeln gemeint sind. Ein kurzer Ausflug in die Botanik ist daher hilfreich, sich einer Antwort zu nähern.

Als Rapunzelsalat bekannt ist vor allem der kultivierte Feldsalat (bot. Valerianella locusta) aus der Familie der Baldriangewächse, der aus dem Mittelmeerraum stammt und erst im 17. Jahrhundert in Gärten angebaut wurde.

Die Rapunzel-Glockenblume (bot. Campanula rapunculus) aus der Familie der Glockenblumen wird schon im 16. Jahrhundert als Gartennutzpflanze nachgewiesen. Ihrer schönen, lila Blüten wegen fällt sie besonders ins Auge, nicht jedoch wegen besonders saftiger Blätter.

Die Gemeine Nachtkerze (bot. Oenothera biennis) wird auch Gelbe Rapunzel genannt. Bei uns zunächst als Zierpflanze im 17. Jahrhundert aus Nordamerika eingeführt, wurde später aus ihren Samen Öl zu Heilzwecken gewonnen. Schon die nordamerikanischen Ureinwohner verwendeten sie als Heilpflanze.

Aber auch Teufelskrallen (bot. Phyteuma) aus der Familie der Glockenblumen werden einfach Rapunzeln genannt wegen ihrer rübenförmigen Wurzeln (lat. rapunculus = Rübchen). Der griechische Name leitet sich von griech. phyteuein = zeugen ab oder bedeutet ganz einfach „Pflanze“ (phyteuo). Dieses Wildkraut ist keine Heilpflanze, der Name kann aber auf die Verwendung als Aphrodisiacum hindeuten. Teufelskrallen sind sehr wohlschmeckend und waren früher als Wildgemüse gebräuchlich. Ihr dämonisierter Name ist ein Hinweis darauf, dass die Pflanze etwas mit der vorchristlichen Religion zu tun hat. Dieses Indiz könnte also dafür sprechen, dass im Märchen die Teufelskralle gemeint ist.

In der Fassung von Friedrich Schulz erfahren wir: „Nicht weit von ihnen wohnte eine Fee, deren ganzes Herz an einem schönen Garten und an schönen Blumen, Stauden und Pflanzen hing. Sie pflanzte sich einen, und man sah wunderselt’ne Dinge darin, unter andern auch Rapunzeln, die damals noch sehr rar waren. Die Fee hatte sie über der See her kommen lassen, und im ganzen Lande waren außer ihrem Garten keine zu finden.“ Daher ist eindeutig, dass Schulz und auch Grimm tatsächlich den uns heute bekannten Rapunzelsalat bzw. Feldsalat meinen.
Jedoch gibt es für den Feldsalat in den unterschiedlichen deutschsprachigen Regionen über 20 verschiedene Namen, was nicht wundert, da es ja beim Import noch keinen deutschen Namen dafür gab. Nur in Sachsen, Thüringen und Mittelhessen heißt der Salat Rapunzel oder ähnlich (Rawunze in Mittelhessen und Rawinzchen im thür. Schlotheim). Nur hier wurde demnach der Name der Teufelskralle auf den Feldsalat übertragen.
Schulz stammte aus Wertheim, beruflich verschlug es ihn jedoch nach Göttingen und nach Gießen, wo wir ja „Rapunzel“ als Regionalnamen für den Feldsalat finden.

In den älteren Versionen heißt das Mädchen „Petersilchen“. Die Petersilie steht seit dem Altertum als einzige Pflanze für Tod, Unglück und gleichzeitig auch für die Liebe. Die „Petersilientunke der Liebe“ nach Basile meint den schon im Mittelalter aus diesem „Hexenkraut“ hergestellten und aphrodisisch wirkenden Extrakt der Pflanze. Zum angeblich wirkungsvollen Aphrodisiakum wird sie durch den anregenden Wirkstoff Apiol. Dieser ist allerdings auch „uteruserregend“, was eine Schwangerschaft zum Abbruch bringt. Der Rapunzel-Salat des Märchen jedoch hat eine belebende Wirkung auf die werdende Mutter. Und auch bei Basilie spricht nichts dafür, dass die Mutter ihr Kind abtreiben will, denn dort sie weigert sich schließlich, der „Orca“ (Hexe), ihr neugeborenes Kind auszuhändigen. Die Mutter braucht das Kraut, um schwanger zu bleiben. Damit ist es das magische Gebärkraut der babylonischen Göttin Ishtar, das König Etana der Göttin entreißen muss. Das Gebärkraut fördert und unterbricht eine Schwangerschaft. Es steht damit für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau, die seit Beginn des Patriarchats unterdrückt wird.

(Die Graphik zeigt Blauen Waldrapunzel, eine Art der Teufelskralle.)

Frau Gothel

Frau Gothel wird ihres Rapunzel-Salates beraubt. Ihre große Wut zeigt, wie wichtig er für sie ist: Hier liegt ihre wichtigste Macht verborgen. Um sich diese Macht, die Gebärmacht der Großen Göttin, zurückzuerobern, nimmt sie das kleine Mädchen mit.

„Gerade, dass sie niemals als Hexe, sondern immer nur die Zauberin oder ‚Die Alte‘ und von Rapunzel ‚Frau Gothel‘ benannt wird, was mundartlich Patin bedeutet, lässt uns an jene im Dämmer der Geschichte liegenden Zeiten denken, wo die Muttergottheit für die Menschen einen überragenden Einfluss hatte.“
(nach R.Geiger)
Im hessischen Dialekt ist die Goth eine Patin.

Die etymologische Verwandtschaft von „Gothel“ und „Gott“ erklärt Barbara Walker mit einem Wort aus dem Englischen: Gossip ist „ein uraltes, englisches Wort für Frauen, besonders für solche, die das mittlere Alter überschritten haben. Deutsche Übersetzungen wie Patin, Gevatterin oder auch Klatschweib, Waschweib treffen nur einzelne Aspekte des englischen Begriffs“ oder werten ihn sogar ab.
„Das ursprüngliche Wort lautete godsib, ‚Verwandte Gottes‘, womit eine godmother, engl. ‚Patin‘ (wörtlich Gott-Mutter) gemeint war. In vorchristlicher Zeit galten ältere Frauen als göttlich, weil sie nach ihrer Menopause ihr ‚weises Blut‘ bei sich behielten. In christlicher Zeit war gossip die allgemeine Bezeichnung für ‚Patin‘.“ (Walker, S. 322)
Die germanische Große Göttin Holda (= Frau Holle, Frau Herke, Frau Percht), die in Norddeutschland auch Frau Gode heißt, muss m.E. ebenfalls zur Erläuterung herangezogen werden. Ihr Name „Die Gode“ (über „Der Wode“) ist das Ergebnis der sog. Wodanisierung der Frau Herke (Vgl. Timm 2003). (Anmerk.: Wodan, der oberste Gott der Herrscherklasse weniger Stämme der Südgermanen, hat im Volksglauben tatsächlich nicht die Bedeutung erlangt, die ihm von Wissenschaftlern der herrschenden Lehre und sog. Neugermanen angedichtet wird, sondern wurde vor allem bei den Sachsen verehrt.)

Jedoch in der Petrosinella-Version von Giambattista Basile heißt Frau Gothel „Orca“, was „Hexe“ bedeutet. Bei Madame de la Force ist sie „La fée“, eine Fee, was Friedrich Schulz übernimmt. In Grimms KHM wird sie in der ersten Fassung ebenfalls als Fee, danach als „Zauberin“ bezeichnet. Rapunzel nennt sie in den KHM „Frau Gothel“, bezeichnet sie also als ihre Patin.

Mutter und Tochter

Diese Dualität findet sich in manchen antiken Mythen wie dem von Demeter und Kore. Sie geht auf die Große Doppelgöttin des Neolithikums zurück, die die matrilineare Erbfolge verkörperte.
In der Bronzezeit erst entwickelte sich die Trinität (Jungfrau, Mutter und Alte) als Vorläuferin der christlichen Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit.
Mutter und Tochter verkörpern in der Biologie die Kontinuität des Lebens. Sobald eine Frau mit einer Tochter schwanger ist, trägt sie mit ihr schon die Eizellen in sich, aus denen sich ihre Enkelin/nen entwickeln können. Dies war den Mythologen, die Vater und Sohn vergöttlichten, noch unbekannt. Sie bezogen sich aber auf die Trinität, bei der die Großmutter dazu gehört. Zum Beispiel als christliche „Anna Selbdritt“ ist sie vertreten. Dies ist jedoch einerseits ein Relikt der Religion der Kanaaniter, die eine dreifache Göttin verehrten, und andererseits ein mythologischer Regieeinfall, denn an die Stelle des unbekannten Vaters kann ein Vatergott treten. Gemäß unserer angeborenen Matrifokalität ist der Vater tatsächlich unbekannt. Die mütterliche Großmutter ist dabei die Garantin für den Reproduktionserfolg der Tochter (Großmutter-These) und ist nicht, wie im Patriarchat, ausgegrenzt.
Frau Gothel ist keine Großmutter, aber sie verhält sich wie eine böse Schwiegermutter. Im patriarchalen Endstadium wird auch die Mutter von ihrer Tochter isoliert, noch bevor diese erwachsen ist. Dies nimmt das Märchen Rapunzel vorweg.

Zwillinge

Zahllose Plastiken zeigen die Doppelgöttin des Neolithikums. Aus ihr ging neben der göttlichen Zweieinigkeit das mythische Zwillingsprinzip hervor. Dieses ist also mit dem Mutter-Tochter-Prinzip verwandt. Im Märchen gebiert Rapunzel jedoch eine Tochter und einen Sohn. Hierin drückt sich die beginnende Patriarchalisierung aus. Im weiteren Verlauf dieses Prozesses einer Mythenanpassung an bestehende politische Verhältnisse stehen zwei Brüder (z.B. Kain und Abel) und schließlich Vater und Sohn.
Soweit kommt es im Märchen von Rapunzel nicht. Im Vordergrund steht die menschliche Paarbildung, jedoch nicht die Monogamie, sondern schlicht die Verliebtheit, die bald zuende geht.

Zopf

Das Haar galt gewöhnlich als Träger oder Sitz zumindest eines Teils der Seele. Im Altertum besaßen Frauen ohne langes Haar keine Zauberkraft, weswegen Frauen mit abgeschnittenem Haar als ungefährlich galten. Das mittelalterliche Europa kannte eine Unzahl magischer Vorstellungen, die auf der heidnischen Bedeutung des Haares basierten. Kinderhaar blieb viele Jahre lang mit der Begründung ungeschnitten, dass sonst die Kraft des Kindes geschwächt würde. (nach Walker 1995)

Für Priesterinnen war ihre Frisur mehr als Mode, sie war eine religiöse Handlung, z.b. bei den > römischen Vestalinnen.
Der Zopf wird üblicherweise aus drei Strängen gewoben. Die webenden Göttinnen der Welt – bei den Germanen waren es die drei Nornen – waren Schicksalgöttinnen. Das Auf- und Ab, das Unten und Oben des Webvorgangs symbolisiert den typischen Lebensweg im Patriarchat, der sich in jedem Leben – am „Ende der Kette“ – wiederholt. Darin liegen stete Hoffnung aber auch stete Enttäuschung.
Beim Zopf sind Kette und Schuss eins, weshalb wir von „flechten“ sprechen. Abwechselnd der linke und rechte Strang wird jeweils zwischen die beiden anderen gelegt. Dieses Prinzip versinnbildlicht gegenseitige Fürsorge aber auch völlige Gleichberechtigung in der Muttersippe. Die drei Stränge stehen für die Tochter, die Mutter und die Großmutter. In seiner Abfolge bis zum unterem Ende steht der Zopf für die Unendlichkeit der Generationen von Müttern. Daher ist er im Märchen auch ungewöhnlich lang. Der Mann, der am Zopf empor steigt, steht für all die Männer, denen die Frauen im Laufe ihres Lebens begegnet sind und von denen sie Kinder haben.
Der Zopf läuft aus in einer Locke in Form einer Spirale, dem Symbol für Leben und Tod.
Die Botschaft im Märchen ist bitter: Rapunzel verliert mit ihren Haaren ihre Kraft. Es ist die Kraft der alten matrifokalen Lebensweise. Mit diesem Regieeinfall, dem brutalen Abschneiden des göttlichen Zopfes, sind die Mythografen sehr zufrieden: Rapunzel wird damit für die patriarchale Welt annehmbar.
Rapunzels Haare waren eine Himmelsleiter zur Großen Göttin. Dem Prinzen ist der Zugang zum Turm jetzt für immer verwehrt.

Magische Kraft wurde übrigens auch den weiblichen Körpersäften zugeschrieben, für die der Zopf stehen kann, wenn wir ihn im Zusammenhang mit dem Turm sehen…

Turm

Der Turm steht heute für den Versuch des Menschen, dem Himmel nahe zu kommen (Turmbau zu Babel), aber auch schlicht möglichst viele Menschen an einem Ort zu versammeln, soweit es technische Mittel zulassen. Er steht auch für Schutz (Wohntürme des Mittelalters, Bergfriede) und Unerreichbarkeit. Ein Turm verbindet das Unten mit dem Oben und damit ist er verwandt mit dem Heiligen Baum.
Im Tarot jedoch steht der Turm für Zerstörung und umwälzende Veränderung – eine erdbebengleiche Erleuchtung und das Ende falschen Bewusstseins. Strukturen brechen zusammen, doch am Ende steht nicht der Tod, sondern höchste Glückseligkeit der Unsterblichkeit der Seele und der göttlichen Natur des Körpers. (nach Noble 1986)

Der Turm hat, wie es der altgriechische Mythos von Danaë beweist, keine phallische Bedeutung, die ihm gerne zugeschrieben wird. Er ist im Gegenteil die Vagina der Göttin! (Zum Turm als vermeintliches Phallussymbol siehe auch meinen Blog.)
Er bedeutet auch den Ort und die Zeit der Göttin, die matrifokale Zeit: Rapunzel im Turm war für den Prinzen der Ort der Glückseligkeit, aus dem er nun vertrieben wurde. Doch diese Strafe allein reicht noch nicht…

Gefangenschaft

Rapunzels Gefangenschaft entspricht den realen Verhältnissen im Patriarchat, welches ein Entführungsverbrechen ist.
Diese wenig bekannte Tatsache erschließt sich aus der Entstehung des Patriarchats und dem Wissen darüber, wie es erhalten wird. Ich verweise dazu an die entsprechende Seite auf meiner Homepage. Das Symbol der Gefangenschaft und das Symbol des Turms gehören damit zusammen. Denn über ihre Gebärfähigkeit (Turm) ergibt sich der Grund für Rapunzels Gefangenschaft. Nur die Gefangennahme garantiert einerseits die Kontrolle über die Sexualität der jungen Frau und andererseits die Feststellung der Vaterschaft für den Fall einer Schwangerschaft.
Durch die Gefangenschaft im Turm weiß Frau Gothel, wer der Vater ihres Kindes ist. Frau Gothel kann ihn damit in die Ungewissheit/Blindheit gegenüber seiner Vaterschaft verbannen und damit die patriarchale Übernahme verhindern. Diese Übernahme ist im realen Leben die Patrilokalität, d.h. die Mutter wohnt beim Vater ihrer Kinder, und zwar nachdem die Macht über sie vom Vater an den Ehemann und Schwiegervater überragen wurde. Auch in den mythologischen Vorlagen wird die junge Frau niemals von einer Frau gefangen genommen, sondern immer von einer Vaterfigur ganz entsprechend den tatsächlichen Verhältnissen der Patrilokalität. Frau Gothel ist demnach auch eine propagandistische Projektion patriarchaler Unterdrückung, eine ungerechtfertigte Schuldzuweisung, der Urschuld der Eva vergleichbar. Geboren wird damit ein neuer Mythos, nämlich der vom Matriarchat, das noch schlimmer sei als das Patriarchat. Da es ein reales Matriarchat nie gegeben hat, also auch niemand wissen kann, wie ein Matriarchat ist, wird ein Scheinargument geschaffen, mit dem das Patriarchat in ein gutes Licht gestellt werden kann. Es kann nur geglaubt werden, sich aber nie bestätigen. An dieser Stelle offenbart sich, wie Religion mittels Mythos funktioniert.

Blindheit

Nachdem die Liebenden entdeckt sind, wird der Prinz nicht nur vertrieben, sondern mit Blindheit geschlagen. Das Vergehen scheint schwerer zu wiegen als ein Biss in den Apfel der Erkenntnis.
Seine Blindheit ist einerseits wörtlich gemeint, damit sie Mitleid erzeugt. Andererseits ist da die vielfältige Symbolik. So steht Blindheit für die Unmöglichkeit, die Geliebte zu „erkennen“, wie die Bibel den Geschlechtsverkehr umschreibt. Rapunzel kann sich nun ganz ihren Kindern widmen.
Die Blindheit kann für die Gerechtigkeit stehen, wie bei der Göttin Justizia, die nicht aus Sympathie oder Täuschung urteilen soll. Blindheit kann aber auch gegenteilig für die Unfähigkeit stehen, die Wahrheit zu erkennen. Und das trifft hier sicher zu. Als der Prinz Rapunzel und ihre Kinder in der Wüstenei findet, kann er seine Kinder nicht so einfach als die seinen erkennen. Rapunzel hat damit die Freiheit, ihn über seine Vaterschaft an diesen Kindern im Unklaren zu lassen. Sie gibt ihm ihr Augenlicht zurück, das zum Synonym für das Patriarchat wird, das er mit diesem Wissen nun ausüben kann.
Die Blindheit kann auch für unsere eigene Blindheit gegenüber der Unwahrheit stehen, die im Patriarchat allgegenwärtig ist, weil der Glaube gegen besseres Wissen ausgespielt wird.

Wüste

Die Wüste ist anarchisch wie die Urmutter allen Lebens. Hier gibt es keinen Herrscher, aber es herrschen die Naturgesetze. Es geht ums nackte Überleben und das ist nur durch eine extreme Anpassung möglich. Für die dort lebenden Menschen bedeutet das Gesetz der Wüste Patriarchat, weil sie sich in einem für sie widernatürlichen Lebensraum aufhalten und sie zu Hirtennomaden werden müssen. Diese Lebensweise hat das Patriachat erst hervorgebracht.
Die totbringende Wüste trägt dennoch das Potential allen Lebens in sich. Sobald es regnet, beginnt die Wüste zu blühen.

Rapunzel bricht aus der Welt der Göttin aus, dennoch hat sie für sich die angeborene female choice bewahrt, die in matrifokaler Zeit noch frei gelebt wurde, im Patriarchat aber unterdrückt wird: Sie hat für sich in Anspruch genommen, den Partner frei zu wählen und wird ohne Heirat schwanger. Nur dafür wird sie in die Wüste vertrieben. Dieser Wendepunkt im Erzählstrang und der Ort muten für ein europäisches Märchen seltsam fremd an. Und tatsächlich befinden wir uns nun im Kontext des biblischen Nahen Ostens: die Mythografen haben sich verraten.

Der Begriff Wüste kann patriarchale Propaganda sein, die sich auf für große Herden unbrauchbares Land bezieht, also Wälder und Feuchtgebiete. In der Offenbarung des Neuen Testaments lesen wir nämlich: „Und da der Drache sah, daß er verworfen war auf die Erde, verfolgte er das Weib, die das Knäblein geboren hatte. Und es wurden dem Weibe zwei Flügel gegeben wie eines Adlers, daß sie in die Wüste flöge an ihren Ort, da sie ernährt würde eine Zeit und zwei Zeiten und eine halbe Zeit vor dem Angesicht der Schlange.“ (Offenbarung 12.13-14)
Der Drache ist ein Mischwesen aus Adler und Schlange, den Symboltieren der Großen Göttin I¹tar, also eine dämonisierte I¹tar. I¹tar vollzieht in der mesopotamischen Mythologie einmal im Jahr mit ihrem Sohngeliebten, dem Stier, die Heilige Hochzeit und sorgt auf diese Weise für das Wiedererwachen der Natur. In sumerischer Zeit hieß sie noch Inanna und war die Fluss- und Muttergöttin der Ströme Euphrat und Tigris, die in einem sumpfigen Delta ins Meer münden.
In der Offenbarung lesen wir auch, dass die Wüste, welche in 1. Mose1.2. für den Anfang steht („Die Erde war wüst und leer“), in der vorbiblischen Zeit der Sitz der Großen Göttin war: „Und er brachte mich im Geist in die Wüste. Und ich sah ein Weib sitzen auf einem scharlachfarbenen Tier, das war voll Namen der Lästerung und hatte sieben Häupter und zehn Hörner.“ (Offenbarung 17.3)

Frau Gothel schneidet Rapunzel zur Strafe nicht nur den Zopf ab, sie schickt die Schwangere auch in die Wüste: „Und sie war so unbarmherzig, dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.“ Dass sie alleine dort überleben kann, ist nur möglich, weil die Wüste ursprünglich als Ort der Muttergöttin galt, wo die Frauen versorgt waren.

Auch die Redewendung „jemanden in die Wüste schicken“ stammt aus dem Alten Testament:
„Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen. Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen. Hat er den Bock in die Wüste geschickt, dann soll Aaron wieder in das Offenbarungszelt gehen, die Leinengewänder, die er beim Betreten des Heiligtums angelegt hat, ablegen und sie dort verwahren.
Er soll seinen Körper in Wasser an einem heiligen Ort baden, wieder seine Kleider anlegen und hinausgehen, um sein Brandopfer und das des Volkes darzubringen. Er soll sich und das Volk entsühnen und das Fett des Sündopfers auf dem Altar in Rauch aufgehen lassen. Der Mann, der den Bock für Asasel hinausgeführt hat, muss seine Kleider waschen, seinen Körper in Wasser baden und darf danach wieder in das Lager kommen.“ (3. Mose 16.21-26)

Ein Sündenbock lädt also im Land der Göttin alle Sünden ab. Sünde, das ist alles, was das Patriarchat stört, die freie Frau und freies Denken und Handeln.

Auch der Prinz wird wie der Sündenbock in die Wüste geschickt, aber Rapunzel ist längst schon da und hat gesunde Zwillinge geboren.

Das Symbol der Wüste offenbart uns, dass Rapunzel und Frau Gothel ein und dieselbe sind. Die vermeintliche Wüste ist offenbar ein Paradies, wo die erste Frau auch ohne Vater gebären darf. Dieses uralte Motiv wird von den politischen Theologen, den Kirchenvätern, in Vater und „Wüstensohn“ verdreht, die ebenfalls eins sind. Am Ende des Märchens siegt die „Wahrheit“ der Kirche.

Die brisante Textstelle: Rapunzels Schwangerschaft

So lebten sie lustig und in Freuden geraume Zeit,
und die Fee kam nicht dahinter, bis eines Tages
das Rapunzel anfing und zu ihr sagte:
‚Sag sie mir doch Frau Gotel, meine Kleiderchen werden mir so eng und wollen nicht mehr passen.‘

Wilhelm Grimm hat diese erste Version aus den „Kinder- und Hausmärchen“ in späteren Auflagen vielfach stilistisch ausgeschmückt und nach einem öffentlichen Tadel bereits 1819 den Hinweis auf Rapunzels Schwangerschaft getilgt. Schon Friedrich Rühs stöhnte: „Welche rechtschaffene Mutter oder Aufseherin würde ohne Erröten das Märchen von der Rapunzel einer schuldlosen Tochter erzählen können?“

Sein Vorbild Friedrich Schulz bezog die Szene auch deutlich auf den beteiligten Prinzen: „Der Prinz war seelenvergnügt. Rapunzel gewöhnte sich auch daran, ihn lieb zu haben, und sie sahen sich alle Tage. Aber es dauerte nicht lange, so passte ihr kein Kleid mehr. Der Prinz merkte, daß nichts Gutes herauskommen würde, wollte ihr aber nichts sagen, damit sie sich nicht grämte. Aber als die Fee wieder kam, und Rapunzel ihr klagte, dass ihr alle Kleider zu enge würden, gingen dieser die Augen auf …“

Charlotte-Rose de la Force hingegen beschreibt den natürlichsten aller Vorgänge nüchtern und Rapunzel bleibt trotz ihrer sexuellen Erfahrungen „unschuldig“:

„Der Prinz war glücklich, und Persinette gewann ihn immer lieber; sie trafen sich jeden Tag, und bald fand sie heraus, dass sie schwanger war. Dieser ungewohnte Zustand beunruhigte sie sehr, der Prinz wusste davon und wollte ihr nicht erklären, was passiert war, aus Angst, er mache sie unglücklich.“ (Maria Tatar)

Giambattista Basiles „ungehemmte, erotische Erzählung unterscheidet sich scharf von Wilhelm Grimms ernsthafter Behandlung der Episode. Sie hielten leckere „Mahlzeit mit der Petersilientunke der Liebe“. Eine alte Klatschbase (vgl. auch unten) aus der Umgebung warnt die Hexe schon bald, auf der Hut zu sein, denn Petrosinella habe sich mit einem Jüngling eingelassen. Sie argwöhnt, sie wollten schon bald gemeinsam das Haus räumen.“ (Maria Tatar)

Verwandte Märchen bei Grimm

Besonders eng ist unser Zaubermärchen „Dornröschen“ mit „Rapunzel“ verwandt. Es erscheint die gleiche Symbolik, ein vergleichbarer Handlungsstrang und ebenfalls die Frau als Mädchen, Mutter und Alte. Der Zopf ist hier aber durch die Spindel ersetzt.
Weitere Märchen, in denen drei Frauen, bzw. die Muttergöttin in ihren drei Aspekten, eine Rolle spielen, sind z.B. „Die drei Spinnerinnen“ oder „Die drei Schwestern“ und „Frau Holle“, wo der Turm durch den Brunnen, der ja ein eingegrabener Turm ist, ersetzt ist. Letzteres gilt auch für das Märchen „Der Froschkönig“ (Siehe dazu auch meinen Blog).
In „Jorinde und Joringel“ ist die Gefangenschaft bei einer alten Hexe zentrales Thema, ebenso wie bei „Hänsel und Gretel“. Es handelt sich jedoch jedesmal um ein Geschwisterpärchen und bei letzterem ist der Junge in größerer Not.

In den Märchen wiederholen sich Motive häufig. Das wird einerseits gerne als Beweis eines „kollektiven Unbewussten“ (nach C. G. Jung) angesehen, andererseits zeigt es, dass Motive schlicht wiederverwertet wurden, wie es die Ursprünge in der antiken Mythologie auch beweisen. Dabei kam es aber oft zu einer Dämonisierung oder gegenteilig zu einer Überhöhung von Symbolen oder Figuren und sogar zu Geschlechtsumwandlungen. Derart manipuliert waren die Stories eine perfekte und oft auch perfide Propaganda.

Tiefenpsychologische Deutung

Tiefenpsychologische Deutung nach Eugen Drewermann

Drewermann nennt das Märchen von Rapunzel einen Familienroman (nach Freud). Es sei die tragische Geschichte einer Frau, die, weil sie nicht fähig ist, (einen) ihren Mann zu lieben, sich ganz und gar auf ihre Tochter fixiert. Die negative Mutter-Kind-Beziehung, in der die Mutter das Schicksal des Kindes unbewusst programmiert, führe zu tiefen Lebenskonflikten.

Die Mutter Rapunzels und Frau Gothel seien ein und dieselbe Person, die ihr ganzes Dasein von ihrer Tochter abhängig mache. Der Mann sei seiner Frau gegenüber völlig machtlos. Er habe keinen Platz im Leben der beiden Frauen. Die Tochter, gefangen im ‚Turm der Verbote‘ ihrer Mutter, werde aus den Fängen ihrer Mutter nur befreit werden können, wenn sich emanzipiere. Der Prinz, ein liebender, einfühlsamer Mann, der beharrlich an seine Geliebte glaubt, schaffe es zunächst, die Verbote der Mutter zu unterwandern: Rapunzel wird schwanger. Doch auch nach der Trennung von der Mutter wirke die negative Erziehung weiter und führe schließlich zur Trennung der Liebenden. Lange Jahre des völlig selbstständigen Lebens mit ihren Kindern versetzten Rapunzel in die Lage, die Liebe zu ihrem Mann zu/anzu- erkennen. Sie fänden wieder zueinander, weil auch der Prinz nie aufgehört habe sie zu lieben.

Er zieht aus der Geschichte dieses Fazit:

„Immer wieder, vor allem im Raum der katholischen Kirche, hört man die Meinung vertreten, das Eheversprechen zweier Brautleute etwas für alle Zeiten unwiderruflich Gültiges; ohne weiteres setzt man dabei voraus, dass ein solches Versprechen der Liebe und der Treue ‚frei und ungezwungen‘ zustande komme, und man vergisst dabei anscheinend vollkommen, dass es ganze Teile der eigenen Psyche gibt, die dem Bewusstsein weitgehend entzogen sind. Gerade die Wege der Liebe sind in jungen Jahren niemals frei von unbewussten Übertragungen, die, je nachdem, eine ebenso starke Bindungsenergie wie Zerstörungskraft zwischen zwei Menschen entfalten können. Die Bibel jedenfalls hat vollkommen recht, wenn sie an entscheidender Stelle meint, die Liebe bestehe wesentlich darin, ‚Vater und Mutter‘ zu ‚verlassen‘ und der Person des anderen ‚anzuhangen‘ (Gen 2,24) – ein Wechsel also von Abhängigkeit zu Anhänglichkeit, von Gebundenheit zu Verbundenheit, von Bewahrung zu Bewährung, der die vollständige Reifung eines Menschen zu sich selbst voraussetzt. Ehe ein solcher Wandel der gesamten Lebenseinstellung zugunsten einer reifen Entscheidungsfähigkeit und Freiheit nicht vollzogen ist, bleibt die Liebe, so sehr sie auch von zwei Menschen einander gelobt werden mag, vorerst nur mehr ein Versuch; sie bedeutet ein Versprechen, eine Verheißung, ist aber nicht schon selbst gelebte Wirklichkeit.“

Was die Patriarchatsforschung dazu sagt

Unter patriarchalen Bedingungen wird die Monogamie kirchlich eingefordert und abgesegnet. Der Sinn ist die Sicherstellung der Patrilinearität des Mannes und seine Kontrolle über seine leiblichen Kinder. Die Frau wechselt in die Familie des Mannes und muss dort mit ihm zusammenbleiben, auch wenn die Liebe erloschen ist. Die Verliebtheit erlischt aufgrund der evolutionären Regel der > female choice ohnehin schon nach 3 Monaten. So gefangen muss sie auch mit seinen Verwandten – ihr fremden Menschen – auskommen.
Eine patriarchalisierte Frau muss also ihre Eltern verlassen, ganz ohne Gänsefüßchen, das nennt man Patrilokalität. Auch wechselt sie nicht von Abhängigkeit zu Anhänglichkeit, sondern von einer Abhängigkeit in die andere. „Liebe lernen“ bedeutet hier nicht mehr und nicht weniger als die Anpassung an einen unnatürlichen Zustand. Drewermann bezeichnet genau das als ‚Reifung‘. Reifung ist damit nichts weiter als Resignation und ein sich Fügen in Unabänderliches.

Unter der natürlichen Matrifokalität leben die Menschen dagegen in Sippen zusammen mit allen Verwandten der mütterlichen Linie. Die Töchter bleiben bei der Mutter, auf deren Hilfe sie vertrauen können, wenn sie selber Mütter werden. Unter diesen Bedingungen dauert die Beziehung zu einem Mann meist nur solange wie die Verliebheit Bestand hat, und kein Mann wird seine Kinder identifizieren können. Das schließt nicht aus, dass das Paar nach der Verliebtheit eine tiefe Freundschaft zueinander entwickelt, die wir heute als Liebe bezeichnen. Diese Liebe muss nicht gelernt werden, weil die Frau und Mutter keinem Mann „anhänglich sein muss“. Auch aus der Freundschaft leitet sich kein Anspruch des Mannes auf seine Kinder ab.
In der Natur ist der Mensch > bestens angepasst an das Leben in der Sippe und aufgrund der female choice auch an die Umweltbedingungen. Einziger Zwang ist das sich Fügen in die Unabänderlichkeit des Todes, der mit der urmütterlichen Spiritualität vertrauensvoll angenommen wird.

Literatur und Quellen

Weiterführende Literatur zu Rapunzel

Eugen Drewermann. Rapunzel, Rapunzel lass dein Haar herunter. Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet. München 1992

Michael Kaul. Das Etana-Epos – Ein Mythos von der Himmelfahrt des Königs von Ki¹. Göttinger Arbeitshefte zur altorientalischen Literatur. Goettingen 2000

Wilhelm Laiblin. (Hrsg.) Märchenforschung und Tiefenpsychologie. Darmstadt 1995

Vicki Noble. Mythen, Musen und Tarot. München 1986

Heinz Rölleke. (Hrsg.) Die wahren Märchen der Brüder Grimm. Frankfurt/M. 1989

Samensurium – Mitgliederzeitschrift des Vereins zur Erhaltung der Nutzpflanzenvielfalt e.V. Nr.10/99

Maria Tatar. Von Blaubärten und Rotkäppchen. Grimms grimmige Märchen psychoanalytisch gedeutet. München 1995

Erika Timm. Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet. Stuttgart 2003

Barbara Walker. Das geheime Wissen der Frauen. Ein Lexikon, München 1995 (am. Originalausg. 1983)

Urtexte, Quellen

Brüder Grimm „Kinder und Hausmärchen“: Bei Wikisource

Friedrich Schulz „Kleine Romane, Band 5: Leopoldine, Theil 4. Sophie. Rapunzel. Antönchen und Trudchen.“ Bei Uni Köln

Charlotte-Rose de la Force „Les Fées. Contes des Contes.“ (in frz.): Bei Google-Books

Giambastita Basile „Das Pentamerone“ (deutsche Übers. von Felix Liebrecht): Bei Google-Books

Sowie die auf der gesamten Homepage verwendete Literatur.